Gelesen: Altes Land von Dörte Hansen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich ein Buch so atem- und pausenlos gelesen habe, wie „Altes Land“ von Dörte Hansen. Gestern nachmittag gekauft, heute fertig gelesen. Beim Kaffee trinken, zum Mittag essen – ich hab alleine gegessen, weil alle anderen unterwegs waren, da darf ich das – und immer wieder zwischendrin, quasi in jeder freien Minute wollte ich wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Eines vorneweg: Es ist weder ein Krimi noch ein Thriller. Es mutet erst einmal an wie ein kuscheliges Buch über die Geschichte menschlicher Liebe mit all ihren Irrtümern. Die Liebe kommt auch nicht zu kurz, aber es ist immer eine Geschichte des gerade-noch-eben. Gerade noch eben schien die Welt in Ordnung, die Sonne hell, doch weit hinten am Horizont hängen bereits die Gewitterwolken, das nächste Unheil lässt nicht lange auf sich warten.

Die Geschichte beginnt kurz nach dem Krieg, als Vera an der Hand ihrer Mutter im Alten Land ankommt. Sie sind nicht willkommen in diesem Haus, die Flüchtlinge aus Ostpreußen, sie werden Polacken genannt und ihnen wird das Leben so schwer gemacht, wie es nur geht. Doch sie bleiben, beißen sich durch, nehmen sich das, was für sie übrig ist. Und wenn es der Sohn der Hausbesitzerin ist, der zwar aus dem Krieg heimkehrte, jedoch nur noch als Schatten seiner selbst – und von Veras Mutter geheiratet wird.

Veras Mutter entschwindet denn später auch mit einem anderen Mann, bekommt noch eine Tochter. Deren Tochter kommt später mit ihrem Kind zu Vera, auch als Gestrandete. Während jedoch in den weich gezeichneten Filmen, die von dieser schon so lange vergangenen Zeit erzählen, weiße Wäsche an der frischen Luft trocknet, wachsen hier aus dem Reetdach des alten Hauses grüne Moosbrocken und die Fensterläden werden langsam bröselig.

Wie viele Kompromisse muss ein Mensch in seinem Leben eingehen und ertragen, ohne dass er hinterher sein Leben als gescheitert bezeichnet? Der Krieg ist zwar lange vorbei, doch seine Folgen bleiben in den Menschen haften, nicht nur bei Karl, der jede Nacht schreit und sich erst dann beruhigt, wenn er von Vera Groschenromane vorgelesen bekommt.

Das Buch zeigt, dass ein Leben auf dem Land mehr ist, als es die Hochglanzfotos in den Magazinen zeigen: Idyllisch sieht vieles nur aus, wenn man es aus der Ferne betrachtet. Als ich endlich die letzte Seite gelesen hatte, hätte ich mir gewünscht, es gäbe eine Fortsetzung. Oder? Nein, eigentlich nicht. Die Figuren gehen ihren – und zwar wirklich ihren – Weg. Die anderen, die sich nach dem Mainstream und Zeitgeist richten, die sind nicht wirklich wichtig. Es ist ein wunderbares Buch für alle diejenigen, die wissen wollen, warum Menschen manchmal so unverständlich handeln, wie sie es nun einmal tun.

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