Gelesen: Vor dem Fest

Ich hab mir einen Abend, eine Nacht vor einem Fest immer anders vorgestellt, wenn so ein Dorf feiert. Da wird gekocht und gebacken, der Braten schmort in der Röhre und alle haben ordentlich gewienert und geputzt, bis alles blitzeblank ist.
Nicht so bei Saša  Stanišić in seinem Buch „Vor dem Fest“. Endlos scheint sich die Zeit zu ziehen, bis irgendwann der Morgen graut und das Fest beginnt. Aber das täuscht. Es ist genau so, wie auch im richtigen Leben. Da dauert es auch immer, bis etwas passiert. Und so treiben die Menschen im Buch durch die Zeit und sind selbst ein bisschen aus der Zeit gefallen, sie sind noch analog statt digital. Zum Charme dieser Region, dieses Ortes zwischen zwei Seen gehört eine gewisse Resistenz, gegen den Zeitgeist und überhaupt gegen vieles. Da wird die Geschichte in Aktenordner sortiert, so ist sie sicher aufbewahrt und was sich nachlesen lässt, gibt Sicherheit.
In die kleinen Anekdoten streut der Autor immer wieder Begebenheiten ein, die lange zurück liegen. Zuerst hat mich das etwas irritiert, dann fand ich es großartig. Der Ort hat eine Geschichte, hat Wurzeln, die auch bei den dort noch zurückgebliebenen Menschen zu spüren sind. Deswegen sind sie noch dort, aber es scheint, als hätten sie keine Zukunft mehr. Das Beste an einer Kleinstadt, sang einst Lou Reed, ist das todsichere Gefühl, dass du so schnell wie möglich weg willst. Doch aus Fürstenfelde scheint keiner weg zu wollen. Anna? Anna vielleicht, Anna ganz sicher, aber Frau Kranz nicht und auch nicht Frau Schwermuth.
Manchmal schien es mir, als lebten in Fürstenfelde nicht nur die Personen, sondern auch die Dinge, als hielten sie ihre Bewohner fest, wie in einer Zeitschleife, auf dass sie nicht aufwachen und in der kalten Moderne landen, in der möglicherweise eine Gewerbeaufsicht oder das Finanzamt etwas gegen eine Quasikneipe in der Garage haben könnten. Es ist keine Erzählung, die fortgeschrieben wird, sondern wie ein Chor einzelner Stimmen, die auftauchen, von denen etwas wichtig ist, so einen Moment lang und dann wieder verstummen. Es gab Wendungen, die fand ich witzig und ja, dass Herr Schramm jemand mit Haltung und mit Haltungsschaden ist, das habe ich kapiert, da hätte es die Wiederholung nicht so gebraucht. Trotzdem. Das Buch zog mich in seinen Bann, ich fand es vergnüglich zu lesen, manche Sätze mehrmals, weil sich nur so die ganzen Feinheiten ihrer darunter versammelten Bedeutungen erschließen.
Fürstenfelde. Ein nicht ganz imaginärer Ort zwischen zwei Seen: In den Chroniken, die im Haus der Heimat in den Leitzordnern ordentlich aufbewahrt werden, verrät  Stanišić den Mythos: „Nicht der Mensch hat das Gewässer bei Fürstenfelde so geteilt, dass wir heute zwei Seen haben, ein Riese hat das vollbracht. Vor langer, langer Zeit hat er von den dalmatinischen Dinariden eine Bergkuppe abgebrochen und so weggeschleudert, dass sie hier landete und das Gewässer auf ewig entzweiriss. Ob der Riese die Bergspitze gezielt geworfen hatte, ist nicht überliefert. Auf den Dinariden erzählt man sich die Geschichte ebenfalls. Eine Bergkuppe habe einem Riesen die Sicht auf die Adria verstellt, also habe er sie beseitigt. Dass das Gestein bis in die Uckermark gelangt ist, bleibt unerwähnt.“
Zwischen diesen Seen leben die Menschen: Frau Kranz, die immer noch alles malt, aber nur das, was sie kennt, weswegen sie in dieser Nacht unterwegs ist, damit sie für das Dorf ein Nachtbild malen kann. Herr Schramm, ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster und jetzt Rentner ist ein bisschen lebensmüde. Ich kann es verstehen, da kommt nicht mehr viel. Oder doch? Frau Schwermuth, die ihre Schwermut im Namen trägt und die Geschichte des Ortes detailgenau kennt. Ich habe sie alle nach ein paar Seiten ins Herz geschlossen, so eine tiefe Zuneigung hegt Stanišić gegenüber seinen Figuren, dass ich gar nicht anders kann.
Klare Empfehlung: Lesen!
Saša Stanišić: Vor dem Fest. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 320 Seiten, 19,99 Euro.

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