„Meine glückliche Familie“

Die entscheidende Frage stellt Manana, Lehrerin für georgische Literatur, erst ganz am Ende des Films, als sie ihren Mann fragt: „Wer bist du eigentlich?“

– und das nach vielen Ehejahren, die sie mit ihren inzwischen erwachsenen Kindern in der Wohnung mit ihren Eltern gemeinsam lebten.

Auch wer so dicht aufeinander wohnt, lernt sich nicht kennen, sieht nur die Hülle, das Äußere, auch manchmal nur das, was man sehen will, weiß nichts über die Wünsche, Sehnsüchte und Träume des Anderen, des Menschen neben sich, der doch ständig in Tuch- und Hautfühlung im Kontakt steht, der isst, sich wäscht, aufs Klo geht, hustet, niest. Doch selten gehen die Gespräche über das Alltägliche hinaus, es geht darum, wer das Hühnchen vom Markt mitbringt und wer die Gewürze, warum nimmst du den Fenchel und nicht den Dill?

Erst die energische Sicherheit einer jungen Frau, die – noch Schülerin und erst 17 Jahre jung – nach vier Wochen Abwesenheit zur Schule zurückkehrt und ihrer Lehrerin, ebenjener Manana, auf die Frage: „Warum?“erklärt, sie habe Probleme gehabt, jetzt sei sie geschieden. Wenn man so etwas ankündigt, muss man das durchziehen, setzt sich die junge Frau entschlossen von denen ab, die zwar große Töne spuckten, doch nicht den Mut aufbringen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist der Vorabend ihres 52. Geburtstages, Manana sucht sich eine Wohnung. Die Vermieterin redet die Räume schön, der Blick fällt auf staubige Fensterscheiben, doch Manana reißt die Fenster weit auf, hört auf das fröhliche Zwitschern der Vögel und den Wind, übt Gitarre und singt georgische Lieder.

Die Familie kann es kaum glauben, als sie einfach mitteilt, dass sie nicht mehr mit ihnen leben möchte, der drangvollen Enge entflieht, sich von der eigenen dominanten Mutter trennt. Sie entzieht sich dem Gefüge der Familie, ihrer dort festgelegten Rolle, die ihr zwar Sicherheit bietet, in der sie jedoch nicht als sie selbst wahrgenommen wird.

Aus der sicheren Distanz nimmt sie weiterhin Anteil, emanzipiert sich, setzt sich zur Wehr – und behauptet sich gegen die häuslichen Tyrannen, für die das Leben immer so weiter gehen soll.

Es ist ein ruhiger Film, ein nachdenklicher Film, Manana wird mit ihrer wunderbaren Stärke ganz hervorragend und genau gespielt. Immer, wenn sie zurückkommt, hat sich das Leben in der alten Wohnung kein Stück weit verändert: Der Großvater denkt über den Tod nach, die Großmutter kümmert sich um das Essen, die bereits großen Kinder warten darauf, dass das Leben beginnt, der Ehemann raucht und die Tür am Kleiderschrank quietscht.

Immer, wenn Manana zurückkommt, sieht sie, dass ihre Entscheidung richtig war, richtig für sie – nicht für die anderen. Die Familie feiert ihre Verbundenheit und Wärme – Manana spürt den Druck und die Enge, die von ihnen ausgehen. Ebenso wie die Übergriffigkeiten, wenn die anderen – vermeintlich – besser wissen, was gut für sie wäre und die in allen so gut gemeinten Gesten steckt.

Klare Empfehlung: Sehr lohnenswert.

Link: Zum ZDF-Kinotrailer. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.