Von Kindergeburtstagstaxifahrten zu „Ein untadeliger Mann“

Gestern war die Lieblingshausziege zu einem Geburtstag eingeladen, da ich sowieso einkaufen wollte, fuhr ich sie hin. So wusste ich wenigstens schon, wo ich sie später wieder abholen durfte.

Meldeten sich Bekannte längere Zeit nicht, musste das bisher nie etwas heißen. Jeder war schließlich gut mit sich beschäftigt, das ging mir ja nicht anders: Arbeiten, Kinder großziehen, what ever. Inzwischen hat sich das irgendwie geändert, scheint mir. Plötzlich ist das Leben nicht mehr ganz so zuverlässig, wie es bisher war. Jemand ist in der Tagesklinik, ein anderer hat kaputtes Knie, und auch langjährige Ehen werden plötzlich fragil.

Achja. Verlässlichkeit. Die brauchen Kinder ja auch. Da kam mir das Buch „Ein untadeliger Mann“ gerade richtig in die Finger. Edward sagt am Ende einfach: „Mein ganzes Leben lang, seit ich ein kleines Kind war, wurde ich verlassen oder im Stich gelassen oder durch den Tod von Menschen getrennt, die ich geliebt habe oder denen ich wichtig war.“ Das stimmt. Das hat mich das ganze Buch hindurch atemlos lesen lassen, weil ich wissen wollte, wie er durch dieses ganze Schlamassel kam: Als seine Mutter gleich nach der Geburt starb, wurde er von einer Amme und deren Tochter in Malaysia aufgezogen. Diese Zeit schien seine glücklichste gewesen zu sein. Oder? Mit vier Jahren kam Edward nach England, zu einer Pflegemutter, die die ihr anvertrauten Kinder quälte. Immer wieder erlebte er Umbrüche, Abbrüche, kam hierhin und dorthin, er musste sich neu orientieren und verlor alles wieder. Was wird aus einem solchen Kind, das quasi haltlos durch die Welt geschickt wird? Nichts Gutes, würde man nach heutigem Wissen über das, was Kinder zu einem glücklichen Leben brauchen, sagen. Trotz aller widrigen Umstände wurde jedoch aus Edward keine gescheiterte Existenz, sondern ein erfolgreicher Anwalt, ein Kronanwalt, ein ganz besonders geehrter Mensch, reich und unabhängig, mit Frau und ohne Kinder, sicher und von vielen bewundert.

Erst als seine Frau stirbt, scheint etwas aufzubrechen und Edward bricht auf, zieht los und erkundete die Relikte seines früheren Lebens, das, was von diesem noch übrig geblieben war. Ganz unspektakulär und ruhig erzählt Jane Gardam die Geschichte des untadeligen Mannes, so ruhig, wie sich das gehört in dieser Untadeligkeit, die keine großen Emotionen, keine Ausbrüche und keinen Eklat gelten lässt. Die Fassung gilt es zu bewahren, bei allem, was das Leben an Schrecknissen bereithält. So, wie sich die Perlenkette von Betty kurz vor ihrem Tod auflöste und die einzelnen Perlen vom Faden glitten, so sammelt Edward auf seiner Reise die Perlen seines früheren Lebens zusammen, seines Lebens, bevor er Kronanwalt in Hongkong wurde, das in dieser Zeit noch ein Teil des britischen Imperiums war.

Ich las das Buch in der Zeit, die von Tucholsky als die fünfte Jahreszeit beschrieben wurde und die er als „optimistische Todesahnung, fröhliche Erkenntnis des Endes“ bezeichnete. Zur Stimmung dieser Tage passte die feine, ruhige Sprache mit ihrem ganz eigenen Witz, nicht der Witz, bei dem ich schallend herauslache, sondern fein schmunzelne. Sehr schön geschrieben, sehr schön übersetzt, mein Dank geht dafür an die Übersetzerin Isabel Bogdan: Link zur Webseite.

Klick auf das Cover führt zum Hanser-Verlag. Ich hatte nur eine einzige, klitzekleine Mäkelei, aber glücklicherweise lag noch ein Lesebändchen herum, das ich selbst eingeklebt habe.

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