Webmasterfriday: Die drei wichtigsten Bücher in meinem Leben

„Was sind die drei bewegendsten Bücher in Deinem Leben“ fragt der Webmasterfriday.
Wolfgang Ullrich: „Haben wollen“
Haynes: „Scheidung ohne Verlierer“
Viktor Klemperer: „LTI“
Nun, so wie sich das Leben wandelt, so wandeln sich auch die Vorlieben für bestimmte Bücher. Es ändern sich nicht nur die Ansichten, sondern auch die Interessen: Mit 18 las ich alles, was mir zwischen die Finger und vor die Nase kam – und vergaß manchmal vor lauter Lesen alles um mich herum. Denn es gab so unglaublich viele interessante Bücher, dass ich befürchtete, ich würde es bis zu meinem Lebensende nicht schaffen, alle zu lesen.
Irgendwann erkannte ich, dass ich doch nicht jedes Buch lesen muss, erst recht nicht, wenn ich es langweilig finde. Mag sein, dass mir dabei einige Bücher entgehen, die sogar zur Weltliteratur zählen, doch das ist mir inzwischen egal. Es gibt immer noch genug, was sich zu lesen lohnt.
Haben wollen“ von Wolfgang Ullrich ist so ein Buch. Erschienen ist das Buch 2006, es ist noch keine zehn Jahre alt.
Es ist bewegend, es ist intensiv und es hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich hatte zwar schon immer den Verdacht, dass alle Werbung mich nur dazu verführen will, dass ich mir Dinge kaufe, die ich eigentlich und bei Licht betrachtet überhaupt nicht brauche, doch über die subtilen Mechanismen war ich mir nicht ganz klar.
Ullrich sucht den Grund für den Konsumwahn, warum wir bereit sind, Geld für Dinge auszugeben, die keinerlei Substanz besitzen. Dinge, die einfach nur unsere Stimmung ansprechen, gekauft werden und im Prinzip fast sofort wieder vergessen sind.
K…auft
O…hne
N…achzudenken
S…chnell
U…nseren
M…ist
So haben wir als Jugendliche Konsum definiert, ganz so, wie eben Mazda als: Mein Auto zerstört deutsche Arbeitsplätze, oder Opel: Ohne Power ewig Letzter.
Ullrich nähert sich in vier Schritten einem Phänomen, welches für moderne Menschen bestimmend ist, die sich nicht über Kultur oder Bildung definieren, sondern über ihren Konsum. Die Entwicklung der Konsumkultur erfolgte schrittweise, bis aus dem Menschen, der sich ein Ding kauft, weil er es einfach braucht, ein Mensch wurde, der sich ein Ding kauft, damit er sich besser fühlt. So gestalten die Firmen das Design ihrer Produkte immer mehr als Projektionsfläche. Schön fand ich das Beispiel mit den Hausgeräten wie Staubsauger und Mixer, die im Lauf der Zeit immer rundlichere Formen bekamen, bis sie immer mehr einem niedlichen, doch muskelbepackten Haustier ähneln. Inzwischen könnte man wahrscheinlich aufgrund der Produktwahl jedem Menschen an der Kasse auf dem Bon neben dem zu zahlenden Preis und der Mehrwertsteuer ein Psychogramm drucken, welches seine Vorlieben und geheimen Wünsche enthält, die er mit eben diesem Produkt befriedigt.
Der Text ist verständlich geschrieben, so dass ihn jeder lesen kann, auch wenn er sonst keine Ahnung von Werbung und Marketing hat. Für mich war es ein Buch, das mich bis heute darüber nachdenken lässt, ob ich etwas wirklich brauche – oder ob das, was ich gerade dringend haben möchte, nur ein Ersatz ist, ein Ersatz für etwas, das ich sowieso nie kaufen kann.
Scheidung ohne Verlierer“ von Haynes und anderen Autoren ist ein weiteres Buch, das mich bewegt hat und welches ich unglaublich wichtig finde. Während bereits die Kommunikation zwischen Männern und Frauen ein weites Minenfeld sein kann, kann es im Fall einer Scheidung zu einer zerstörerischen Angelegenheit werden, welche in ihren psychischen Auswirkungen mit einer Atombombe vergleichen lässt: Hinterher ist nichts mehr heil. Doch es geht anders. Weniger zerstörerisch für sich selbst, damit auch weniger zerstörerisch für den ehemaligen Partner. Das Zauberwort ist Mediation. Ich habe das Buch im Rahmen meiner eigenen Ausbildung zur Mediatorin kennen gelernt, und war von Anfang an begeistert. Denn die Konflikte bei einer Trennung oder einer Scheidung lassen sich besser und für alle Seiten verträglicher und selbstverständlich auch kostengünstiger regeln, als das bei einem Kampf der Anwälte vor Gericht der Fall ist. Weil das (ehemalige) Paar mit Hilfe der Mediation selbst nach einer Lösung sucht, die fair für beide Seiten ist. Und fair für die Kinder.
LTI“ von Viktor Klemperer. LTI heißt einfach: Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches. In seinem Tagebuch notierte Klemperer, der dank des Berufsverbotes der Nazis viel Zeit hatte, sprachkritische Notizen. In seinen Tagebüchern, die ebenfalls in meinem Bücherregal stehen, notierte der Romanist: „Auch die Studie über die Sprache des Dritten Reiches bewegt mich immer mehr. Literarisch auszubauen, etwa ,Mein Kampf‘ lesen, wo dann die (teilweise) Herkunft aus der Kriegssprache deutlich werden muss.“ Sieben Jahre später, am 8. Juli 1941, schrieb er dazu: „Die Sprache des Dritten Reiches ist immer um mich und lässt mich keinen Augenblick los. Bei der Zeitungslektüre beim Essen, auf der Tram, mit ihr lebe ich, für sie sammle und registriere ich absichtslos.“ Denn die gesprochene Sprache verrät den Sprecher, sie macht neben den Vorurteilen auch den sorgsam versteckten Hass und die Gedankenlosigkeit offenbar. Und die Sprache des dritten Reiches, die Sprache der nationalsozialistischen Ideologie, wirkte und wirkt immer noch. Sie hat sich so tief in die deutsche Sprache eingeätzt, dass sie dauerhaft geworden ist. Beispiele dafür gibt es viele: „Hundertprozentig“ ist eines dieser Worte, „organisieren“ ein anderes. Wer sich mit Sprache und deren tiefen Bedeutungen auseinandersetzt, kommt eigentlich um den Klemperer nicht herum. Es ist ein spannendes Buch, und es hat mich auf die Wirkung, die gesprochene Worte haben, aufmerksam gemacht. Gelesen habe ich „LTI“, da war ich vielleicht 18 Jahre alt. Doch ich blättere immer wieder gerne darin herum.

4 Gedanken zu „Webmasterfriday: Die drei wichtigsten Bücher in meinem Leben

  1. Huhu,
    über den Webmaster Friday bin ich auch auf Deinen Beitrag zu den Büchern gestoßen, und zwei der drei genannten habe ich mir gleich notiert (das erste und das letzte). Klingen beide sehr interessant. Danke für diesen Hinweis/Tipp.

    Viele Grüße,
    ~pygospa~

    • Das freut mich sehr. Ich habe auch eine Weile darüber nachgedacht, welche Bücher ich vorstelle. Und welche mir so wichtig sind, dass ich sie mir wieder kaufen würde, wenn ich sie ausborgen und nicht mehr wiederbekommen würde.
      viele Grüße zurück,
      Jaelle Katz

    • LTI ist nicht nur interessant, sondern auch relativ wenig Text. Mit anderen Worten: Es liest sich schnell. Du kannst Dich ja mal melden, wenn Du es gelesen hast – und sagen, wie Du es findest. 🙂
      Viele Grüße
      Jaelle Katz

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