Tagebuch am 5. November

Auf Sylt war der Tag sehr strukturiert, begann mit Aufstehen, Duschen und Frühstück im Speisesaal. Anschließend war noch Zeit, ich ging zum Watt. Vor einer halben Stunde war Hochwasser, alles war nass, ich lief links am Ufer entlang, immer weiter, bis vorne zur kleinen Landspitze. Da steckte tatsächlich eine Rose im Sand. Seltsam.

Ich kam etwas zu spät zum Schreiben und verpasste die kleine Gymnastik, was für ein Glück. Diese gefällt mir etwa so, wie Lyrik, also eher nicht.

Als Impuls gab es einen ersten Satz, den ich ein klein wenig veränderte:

„S. blickte auf. G.’s Finger tanzten über die Tasten, er stierte wild auf das Manuskript.“

Doch das war nur ein Traum. In Wirklichkeit hatte G. nie über das geredet, was er erlebt hatte, er hatte nur immer gelächelt. Wagte eines der Kinder zu fragen, verfinsterte sich seine Miene und sie verzogen sich, lernten, nie mehr zu fragen, nie nachzufragen, lernten, dass es Dinge gab, die beschwiegen wurden, die verschwiegen wurden und dass es Geheimnisse gab, die nicht am Heiligen Abend gelüftet wurden.

Nicht sprechen, nicht denken, nicht daran-denken. Die Kinder lernten gut und sie lernten so gut, dass sie auch in ihrem eigenen Leben Dinge fanden, über die sie nicht sprechen würden, die sie nicht wissen wollten, sie selbst nicht und andere schon gar nicht. Ein Sohn in der Psychiatrie? Ihm geht es gut, versicherte die Mutter, als sie von ihrer Schwester nach seinem Befinden gefragt wurde, weniger aus Mitleid, denn mit der Genugtuung, dass ihre eigenen Kinder besser und tüchtiger geworden.

Im Nichtsprechen waren alle großartig, die Zeit des Schweigens ist bis heute nicht vorbei. Als die Tanten vernahmen, dass die Nichte ihre Finger und Augen in die verborgenen Geheimnisse des Vaters steckte, gar dessen Briefe las, rüffelten sie diese in selten trauter Einigkeit, als sei sie ein unartiges Kind, das unerlaubt den Schrank geöffnet, in dem die Weihnachtsgeschenke versteckt.

Nach dem Text gab es erst einmal Pause und eine kleine Theorie über unterschiedliche Erzählperspektiven, es galt, noch einmal zu schreiben, bis endlich Mittagszeit war.

Mittagessen gemeinsam im Speisesaal, anschließend wollte ich mit einer Begleiterin nach Westerland fahren. Der Bus war gerade fort, doch eine Autofahrerin sah unser Winken, sie hielt und brachte uns zum Ziel. Dort wanderten wir zur Strandpromenade, an dieser entlang, bis Wenningstedt, wollten dort mit dem Bus zurück, sahen ein Schild „Friesenkirche“ und mussten bis dorthin noch ganz schön weit laufen. Die Begleiterin wurde schneller und schneller, als würde die Kirche plötzlich verschwinden, wenn wir nicht rechtzeitig wären. Doch sie war da, sogar offen, sehr nett (nein, es gibt keine Bilder, ich bin froh, dass das Internet überhaupt funktioniert).

Mit dem Bus kamen wir pünktlich zum Abendessen zurück nach Puan Klent, der Text von vor dem Mittag wurde besprochen, noch eine kleine Übung zum Abschluss, dann war der Tag geschafft. Und ich auch.

Die anderen Tagebucheinträge gibt es wie immer bei Frau Brüllen.

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