Eine leere Hülle nur

Das letzte Mal, als ich dich sah, hast du auf dem Sofa gesessen, im Wohnzimmer. Dabei war das nicht dein Platz. Hier lag die Oma beim Fernsehen, oder lackierte sich am Tisch die Nägel, wenn das sonntägliche Frühstück beendet war. Sie feilte, entfernte den Nagellack, trug neuen auf, weiße Tischdecke an Beethoven und Bartholdy. Kultur gehörte dazu, auch wenn es niemanden gab, der das zu würdigen schien.

Du hast auf dem Sofa gesessen, Kissen um dich herum, über deinen Beinen lag eine Decke. Es war ein Sitzen ganz ohne Spannung, ohne Haltung, die hattest du verloren, oder sie hatten sie dir genommen, im Krankenhaus, aus dem du gerade zurückgebracht, sie hatten dich geöffnet – erzählte irgendwer – und nichts mehr gemacht, gleich wieder zugeklappt, als seist du ein Schrank, in dem die Tassen gezählt und für vollzählig befunden, nur stand jetzt eine mehr herum und die hieß: Krebs.

Neben dir ein schmaler weißer Kasten, du hattest Schläuche, die von den Ohren bis zur Nase, bis in die Nase reichten. Sauerstoff, erklärte jemand. Wir redeten nicht. Wir hatten vorher nicht geredet, warum sollten wir es jetzt tun, so kurz vor dem Ende oder was es auch immer sein würde. Zu allen Besuchen wurde geschwiegen, erst in der Tür, auf der Schwelle quasi, fing das Reden an und zog sich – zum Ärger desjenigen, der es eiliger hatte und deswegen ungeduldig zappelte – manchmal lange.

Kann das, was ein Leben lang versäumt wurde, in ein paar Minuten gesagt werden?

Du hast auf dem Sofa gesessen, du hast gegrinst, so wie immer. Für mich sah das aus wie: Es passiert nichts, es ist alles in Ordnung, so wie immer. Ich blieb nicht lange, und wir sprachen nicht miteinander, außer: guten Tag und noch ein Tschüss oder ein Aufwiedersehen.

Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde, doch wenn ich es gewusst und in seiner Tragweite erkannt hätte, hätte es denn etwas geändert?

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Komtur: Bronzeskulptur von Anna Chromy auf dem Friedhof von St. Severin, Sylt

Das ist mein Beitrag zum Black and White im November bei Czoczo. Klick auf das Logo – dort ist der Link zu den anderen Beiträgen:

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4 Gedanken zu „Eine leere Hülle nur

  1. Wunderschöne Beitrag … und eine Nachdenkliche geschichte .
    Die Oma ( die Großeltern ) tragen mit sich Lebensweisheiten die man als Junge Mennschen leider zu wenig schätzt .
    Erst wen die Großeltern nicht da sind. Erst dan versucht man sich zu Einnärn … erst dan wird jedem bewust das man viel zu wenig mit den Grosseltern zusamen war . Viel zu wenig hat man auf Ihre rat gehört .
    Jetzt wo die Großeltern nicht da sind , ist es zu spät um das ganze nachzuholen … zu spät …

    zu deine Frage …
    Ich bearbeite meine Bilder mit Lightroom ( RAW Entwicklung) und dan seit gewisse Zeit mit ON1 ( siehe Beitrag / Links ) ein Toole Werkzeug der viel umfangreich ist als LR selbst
    Auch die Nik Collection Bittet sehr Gute B/W Lössung

    • Ja, sie haben Dinge erlebt und gesehen, von denen wir oft nichts mehr wissen wollen. Aber auch umgekehrt kommt es vor: Dass gefragt wird – und keine Antwort gegeben. Warum auch immer.
      Die Programme, die Du nennst, muss ich mal ausprobieren. Ursprünglich gab es ja Filter für S/W, die sehr praktisch waren und einfach aufs Objektiv geschraubt wurden. Heute muss man alles hinterher machen – das macht es nicht immer leichter. Rund um die Figur habe ich das Grün aufgehellt (wie mit einem Rotfilter), weil die Figur sonst kaum zu sehen ist.

    • Hm. Dann gehe ich mal auf die Suche nach einem entsprechenden Plug-In, ob es was gibt, womit sich der Blog abonnieren lässt. Ich dachte immer, das sei kein Problem… aber ich muss ihn ja auch nicht abonnieren 😉
      Liebe Grüße

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