Steine statt Brot

Krähe

Krähe

Es ist Zeit, dachte der Vogel. Es ist Zeit, dass jetzt die Brut endlich auf eigenen Beinen steht: Auf eigenen Flügeln fliegt sie ja längst, fliegt mir immer hinterher, setzt sich hin, reißt den Schnabel weit auf und wartet, bis ich fette Brocken in den Schlund stopfe. Immer nimmersatt schlingen, haben wollen, Hunger krächzen.

Er hatte den Schnabel voll, so gestrichen voll wie nur irgendwas. Das war jetzt in seinem Leben die 28. Brut, und jedes Mal wurde die Bagage zum Schluss so fordernd, dass ihm nur die Flucht blieb, so stark wie die Jungen dann wurden, gefüttert und großgezogen von ihm, verjagten sie ihn aus dem Nest, das sie als Sieger übernahmen.

Als er über die Steine flog, zwischen denen nicht ein einziger Grashalm wuchs, nur weiße Steine lagen dicht an dicht, weiß wie die Brotstückchen, die er manchmal fand, landete er auf ihnen, suchte. Suchte sorgfältig, drehte einen Stein um, nahm in in den Schnabel, verwarf ihn wieder. Er war kritisch. Schließlich sollte die Brut den Betrug nicht auf den ersten Blick enttarnen, sondern sich zanken, ganz so, wie sie sich um jeden Brotkrumen zankten. Nur dann hätte er Zeit genug, Zeit, um die Schwingen auszubreiten und zu fliegen. Ganz weit weg.

Das ist mein Beitrag für Schwarz/ Weiß im Juli, bei Czoczo. Klick auf das Logo führt zu allen anderen Teilnehmern:

BW2015L-550

4 Gedanken zu „Steine statt Brot

  1. Hallo Jaelle,
    was für eine fein ausgedachte Geschichte zu einem wunderschönen B&W-Foto!

    Ich wünsche Dir einen angenehmen Sonntag und schicke
    liebe Grüße
    moni

    • Ich glaube, das war das Geländer ;-), was allerdings den schimmernden Effekt oben ausgelöst hat, das weiß ich nicht mehr. Aber sollte ich noch einmal in Dresden sein, kann ich ja wieder in der Kantine des Landtags essen – und auf der Terrasse sitzen. Dort ist das Bild entstanden.

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