Distanzen sind mehr als Entfernungen

Wie weit die Entfernung zwischen zwei Orten ist, kann nur der ermessen, der sie durchfährt. Der Zug mit den Soldaten, mit den Spähpanzern, den Gewehren, der Munition, der Feldküche, dem Lazarett und allem, was zu einem Krieg gehört, fuhr eines Tages mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern los. Er passierte Leipzig, Dresden, und es ging weiter, immer weiter in östlicher Richtung, durchfuhr Breslau, Litzmannstadt und die Räder rollten weiter, immer weiter, bis der Zug zwei Tage später im polnischen Niemandsland so laut quietschend hielt, dass sich alle, die in ihm saßen, die Ohren zuhielten: Endstation,  alles aussteigen, dieser Zug endet hier.

Die Türen wurden geöffnet, die Soldaten sprangen heraus, schauten sich um, zündeten sich eine Zigarette an und standen erst eine Weile herum, bevor sie sämtliche Holzkisten, Blechkästen, Säcke, Tornister und was sonst im Zug war, abluden, die Spähpanzer und anderen Fahrzeuge fuhren über die Rampe vom Zug. Weil nicht alles am Bahnhof in der polnischen Provinz einfach warten konnte, bis alle dort versammelt waren, wo sie aufmarschieren sollten, ging es weiter, in die Tiefe der polnischen Wälder, dorthin, wo fast nichts mehr war, außer Sonnenglut und Hitze und Mücken. So viele Mücken, dass an Sonnenbaden nicht zu denken war, obwohl es Anfang Juni war.

Irgendwo in Berlin oder auf dem Obersalzberg hatte ein Führer befohlen, Generäle Pläne ausgearbeitet und diese in einzelnen Befehlen immer weiter nach unten gereicht. Drei Millionen deutsche Soldaten, dazu 600.000 Verbündete mussten losziehen, mit ihnen 600.000 Motorfahrzeuge und 3.600 Panzer, wurden an den sowjetischen Grenzen verteilt, bis am 22. Juni die ersten Soldaten ohne eine Kriegserklärung die Grenzen überschritten. Sie fuhren auf den Straßen immer weiter, ostwärts. Lastwagen, Motorräder, Feldküchen, Tankwagen. Die Räder all dieser Fahrzeuge waren auf Straßen angewiesen, doch die russischen Straßen waren selten mit Asphalt belegt oder gar gepflastert, sondern einfache Pisten: Staubig, wenn es trocken war. Bodenlos schlammig, wenn es regnete.

Briefe hielten die Verbindung: Zwischen Söhnen und Eltern, zwischen Männern und ihren Frauen, zwischen den Liebsten. Doch sie überklebten nur die Sehnsucht nach etwas, was nie wieder so sein würde, wie es vorher war; zu viel gab es, was nicht mitgeteilt werden konnte, was nicht miteinander geteilt werden konnte, was denen, die es erlebten, noch lange den Schlaf rauben und ihre Träume bestimmen würde. Bis zum Schluss. Bis zum Tod.

Das ist ein Beitrag für das Projekt auf Neon/ Wilderness, zum sechzehnten Wort: „Distanz“. Die anderen Beiträge findet ihr, wenn ihr auf den Link klickt.

 

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