Vom kleinen Glück

„Wenn die Sonnenblumen blühen, ist der Sommer vorbei.“ Otto sah sich noch einmal um. „Die Menschen hier wohnen schon in seltsamen kleinen Häusern“, meinte er.
„Aber die Gärten sind einfach eine Wucht!“ Kamen sie im Morgengrauen von einer Erkundungsfahrt zurück, wurde es gerade hell genug, dass sich die ersten Farben aus dem Schwarz-grau der Nacht lösten: Rote Zinnien wetteiferten mit tiefvioletten Bechermalven und über allen hielten die Sonnenblumen ihre ruhige Wacht.
„Bei uns ernten sie jetzt den Weizen“, murmelte Otto und strich mit einer Hand über die Ähren. „Allerdings steht er bei uns dichter.“
Er drehte sich zu Frieder um: „Was meinst du, ob ich hier später ein Stück Land kriegen kann? Dann, wenn alles vorbei ist? Er hat es versprochen.“


Frieder rauchte, an den Spähpanzer gelehnt. Die Spitze der glühenden Zigarette hielt er tief in der Hand verborgen. Da seine Eltern zu Hause kein Land, sondern nur einen Garten bewirtschafteten, aus dem die Mutter Kartoffeln, Weißkraut und Möhren mit nach Hause brachte, war ihm Ottos Schwärmerei fremd. Für ihn war es ein Abenteuer, an dem er unfreiwillig teilnehmen musste und hoffte, dass es nicht mehr lange dauern würde.
Seit einer Woche lagerten sie jetzt hier, so kurz vor der Desna. Jede Nacht waren sie mit ihren Spähpanzern unterwegs, aber Feinde fanden sie nicht. Hinten am Horizont flackerte es gelegentlich hell, doch es war nicht sicher, ob Kanonendonner dröhnte oder es nur ein schlichtes Wetterleuchten war.
Die Vögel sammelten sich in Schwärmen, flogen über die Felder, setzten sich in die säumenden Birken, bis deren Kronen vogelschwer sich zum Boden neigte und flogen wieder auf, immer auf der Suche. Woher wussten sie eigentlich, in welche Richtung der Schwarm fliegen würde? Und wer sagte ihnen, wann es Zeit war, Zeit aufzubrechen, südwärts zu fliegen und rechtzeitig vor dem Winter das Weite zu suchen? Frieder sah den Staren hinterher und wünschte sich, er könnte auch so frei durch das Land ziehen.
In ein paar Monaten würde hier Väterchen Frost herrschen, streng herrschen, doch davon wussten Otto und Frieder noch nichts, sie wussten davon ebenso wenig wie von den Menschen, die seit Jahrhunderten hier lebten, die hier den Boden beackerten, die Kühe molken und sie auf die Weide trieben, das Gras mähten und, wenn es reif war, das Getreide.
„Wenn ich hier einen Hof kriege, dann habe ich mehr als mein Bruder“, fing Otto noch einmal an. Er bückte sich und grub mit den Fingern eine Handvoll Erde aus: „Guck dir die Schwärze an!“
Frieder winkte ab: „Wir müssen zurück“.
Er warf die Zigarette weg, trat sie aus – und bückte sich. Ein vierblättriges Kleeblatt? Er ging in die Knie, pflückte das Blatt und barg es vorsichtig zwischen den Briefen, die er in der Brusttasche trug. Es knackte stumpf.
Als sei jemand auf einen sehr trockenen Ast getreten.
Frieder richtete sich auf. „Otto?“
Otto lag auf dem Rücken, sah mit offenen Augen in den Himmel. Aus einem kleinen Loch an der Schläfe rann Blut.
Frieder zerrte seinen Kameraden hoch, bugsierte ihn ins Fahrzeug und raste los. Fuhr über Feldwege, holperte über Wurzeln: „Wir sind gleich da“, rief er Otto zu: „Ich bring dich heim“.
Zurück im Gefechtsstand halfen ihm die anderen, legten Otto auf den Boden, griffen zum Spaten und gruben. Anderthalb Meter tief. „Das reicht“, befand der Spies und der Bataillonspfarrer hielt eine kurze Andacht.
An diesem Abend klebte Frieder das Kleeblatt auf den Brief, den er nach Hause schrieb: „Es sollte mir Glück bringen. Eigentlich.“

Verbunden mit: Projekt txt. Das achte Wort lautete: Glück.

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