In Bayreuth unterwegs

Es gibt Sommerorte und Winterorte. Nachdem ich ein einziges Mal in Bayreuth war, während des Winters, zog mich dort einfach nichts hin. Ich fand die Stadt kalt, grau, steinern, abweisend.

Der Markgraf auf dem Markgrafenbrunnen in Bayreuth.

Gestern war ich noch einmal dort, hatte am späten Nachmittag einen Termin und noch gut zwei Stunden Zeit. Tatsächlich wirkte die Stadt auf mich ganz anders. Es gibt wohl Orte, die unter der Sonne richtig aufblühen. Sie räumen das Mobiliar auf die Straßen, lassen eine leise Brise vorüberziehen, Musik perlt durch offene Fenster, die Vögel singen ihre Melodie dazu, ein leichter Duft nach geröstetem Kaffee liegt in der Luft und lässt mich am Tisch Platz nehmen. Ja, ein Milchkaffee bitte.

Leises Gemurmel an den Nachbartischen, von irgendwo schwebte ein Hauch nach Zigarre. Am Nebentisch zeichneten zwei junge Frauen die steinernen Fassaden auf Papier, erst ganz hingegeben, bis eine von ihnen den Stift auf den Block warf: Bin voll unzufrieden, das wird nichts, sie fährt sich mit den Fingern durch die halblangen Haare und genießt den Widerspruch ihres Gegenübers.

Vor den Geschäften werden die Sonderangebote gelüftet, doch bei Sonnenschein mag niemand in halbdunkle Läden tauchen.

Am anderen Nebentisch berichtet eine, wie ihre Mum übelst ausgerastet ist. Dabei hat sie doch nur vergessen, sich um einen Termin zu kümmern. Aber ich hasse es, wenn jemand so an die Decke geht, erklärt sie ihrer Begleiterin. Man kann das doch auch normal sagen. Jetzt fahre ich die nächsten vier Wochen bestimmt nicht nach Hause, dort geht mir ohnehin alles auf den Keks. Komplett-Eskalation nannte sie es.

Das alles funktioniert aber nur, wenn es draußen warm genug für kurze Ärmel ist. Pfeift dagegen ein eisiger Wind durch die Gassen, regnet es gar oder wird winterlich kalt, werden die Statuen eingehaust und in Bretter gehüllt. Die Menschen dagegen ziehen sich dicke Jacken an und bleiben doch lieber in ihren Stuben hocken. Dann werden auch die Fassaden wieder grau, sandsteingrau, betongrau und die Straßen asphaltgrau, granitgrau und basaltgrau.

Vielleicht komme ich ja jetzt öfter her.

12 Bilder vom 12. Juni

Kaum war Weihnachten, ist schon wieder die Hälfte des nächsten Jahres vorbei. Es ist kaum zu glauben. Doch wie an jedem 12. des Monats will die Blognachbarin mit „Draußen nur Kännchen“ in zwölf Bildern unseren Tag sehen. Nun denn.

Heute morgen guckte ich nach draußen, weil ich wissen wollte, ob die Lieblingshausziege noch in der Nacht heimgekommen war. Da kein Auto im Hof stand, hatte sie wohl bei der Freundin übernachtet. Nun, dann müssen die gestern gebackenen Gemüsetörtchen halt etwas länger warten, bis sie gegessen werden.

Eigentlich hat die Ampel doch auch unten einen solchen weißen Rand, oder?

Dafür war ich nach Kaffee, Zeitungslektüre und Müslifrühstück Richtung Fürth unterwegs. Aber was war mit der Ampel? Der fehlte ja ein Stück? Huch, gleich wird es grün… also schnell los.

Bei Susanne haben wir Pläne geschmiedet und uns für die kommende Woche eine Wanderung vorgenommen.

Knabberkram, Tee, Rosen: So lässt es sich gut planen…

Dann fuhr ich wieder nach Hause, schließlich wollte der Text über die gestrige Gemeinderatssitzung noch geschrieben werden. Im Ofen lungerten die bereits erwähnten Gemüsetörtchen und grinsten mich an, als ich in der Küche nach etwas Essbarem gesucht habe. Was soll ich sagen? Sie haben auch kalt geschmeckt. Selbstverständlich habe ich noch genügend von ihnen übrig gelassen…

Gemüsetörtchen nach Ottolenghi.

Vor dem Pfingstwochenende waren wir auf Holunderblütenfang. Der Sirup wartete bereits darauf, dass er von Holunderblüten und Zitronen befreit in Flaschen gesperrt werden konnte.

Holunderblüten und Zitronenscheiben bleiben im Sieb.

Der Vorrat steht parat und will in den Keller.

Das ging gewissermaßen fast nebenbei. Heute morgen war der Mitbewohner allerdings unterwegs und hat unsere in Israel gekauften Bilder fertig gerahmt abgeholt.
Das Bild „Soldiers at the Wall“ stammt von israelischen Künstler Merioz Udi und ist der meistverkaufte handsignierte Druck.

Die Kombination der Uniformen mit dem Gebetsschal zeigt, dass die Soldaten nicht allein um des Kampfes Willen ihre Uniform tragen, sondern auch für ihren Glauben eintreten:
„Not by might nor by power, but by My Spirit, says the Lord Almighty“
„Nicht durch Macht oder Kraft, sondern den Geist“ (Sacharja 4.6)

Die Zutaten für Hummus.

Da die Bilder die Erinnerungen an die Reise nach Israel weckten, war es nur logisch, dass wir Appetit auf Hummus bekamen. Den hat der Mitbewohner denn auch gleich gebastelt.

Alles wird klein geschreddert.

Essen ist fertig.

Wer mag, findet das Rezept bei den „fränkischen Tapas“.

Und weil im Juni die Rosen im Vorgarten gerade so schön blühen, gibt es noch Rosenbilder. Nutzt nix, da müsst ihr jetzt durch.

Von der Rose hatte ich ja einen kleinen Zweig mit nach Fürth entführt. Steht neben der Teetasse.


Die Rose heißt Alberich und blüht in winzig kleinen Röschen. Weil sie so winzig sind, blühen ganz viele von ihnen zusammen.

Das ist eine Duftrose, die wir vor gut einem Jahr im Rosarium in Sangerhausen als Erinnerung gekauft haben.

Tagebuchbloggen am 5. Juni

Jeden Monatsfünften fragt die nette Blognachbarin, was ich den ganzen Tag lang so mache, oder kurz: WMDEDGT.

Heute war die Nacht seltsam: Gegen zwei war ich wach. Es war heiß, es wurde heftig geschnarcht, eine Katze kuschelte sich an mich. Also siedelte ich aufs Sofa um und las solange im Internet, bis ich wieder müde genug zum Einschlafen war.

Als ich das nächste Mal aufwachte, war es Zeit für Kaffee, Müsli und Zeitungslektüre. Die Lieblingshausziege saß mir gegenüber, las die Überschrift und entschied, dass ich die Zeitung auch später lesen könne. Jetzt sei sie dran.

Ein kurzer WhatsApp-Austausch, dann war ich verabredet und fuhr nach Fürth. Dort gab es Tee, viel wurde beredet und einiges erledigt, bevor ich zügig zurückfuhr. Glücklicherweise hatte mich Susanne daran erinnert, dass wir heute noch einen weiteren Termin vor uns hatten.

Zu Hause gab es etwas zu essen und alles duftete nach Holunderblüten. Der Mitbewohner war schließlich am Vormittag zu unserer Laufstrecke gefahren und hatte dort die voll erblühten Holunderdolden gesammelt. Zwischendrin chattete ich mit der Lieblingshausziege: Da ein Abendkleid leihweise benötigt wurde, fragte ich nach, ob sie eines für kurze Zeit entbehren könne. Sie stimmte zu und ich ging auf die Suche.

Einen Text später hatte ich eine Tasche voller Kleider, zog mich um, fuhr nach Zirndorf, traf mich mit Susanne und ging mit ihr zum Bahnhof. Dort stiegen wir in einen kurzen Zug, in dem bereits andere Menschen waren und zur Begrüßung gab es ein Getränk als Erfrischung. Schließlich war es heiß. Der Zug fuhr nach Cadolzburg. Vom Bahnhof bis zur Burg ist es nur ein kurzes Stück zu Fuß:

Der VGN, der Verkehrsverbund im Großraum Nürnberg, stellte auf der Cadolzburg sein Programm für den diesjährigen Bahnsommer vor, es gab eine kurze Führung durch die Burg und anschließend einen Imbiss nach mittelalterlichen Rezepten.

Wenn etwas an der Decke des Saales erklärt wird, gucken selbstverständlich alle nach oben.

Die Abendsonne lässt einen Giebel der Cadolzburg noch einmal aufleuchten.

Schließlich ging es vollgefuttert und den Kopf und Block mit vielen Informationen gefüllt mit dem Zug wieder zurück nach Zirndorf und für mich mit dem Auto bis nach Hause.

Alles demokratisch, oder was?

Es ist die Mehrheit, die regiert. Nicht die Vernunft. Will diese etwas schützen, etwas begrenzen, grätscht das europäische Gericht im Namen des Marktes dazwischen. Dieser soll alles richten und gerecht verteilen.

Wir bekommen nicht immer das, was wir wollen – aber ziemlich genau das, was wir wählen: so Toni Hofreiter bei seiner Buchvorstellung: „Fleischfabrik Deutschland“.

Was Familien wert sind, zeigt sich in dem, was Staat und Gesellschaft ihnen abnehmen: An Mieten für kinderfreundliche Wohnungen und Gebühren für Kindertagesstätten, Betreuungen und – hoffen wir, dass das Kind nicht krank wird, oder nicht zu lange, schließlich müssen die zehn freien Arbeitstage jährlich dafür reichen.

Das Parlament ist demokratisch. Es wurde von allen gewählt, doch es scheint nur der Industrie verpflichtet. Der Markt soll alles richten, was nicht geregelt ist. Die Verbraucher sind schließlich mündig. Wer sich jedoch zwischen Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt aufreibt, dessen Balance ist schon kräftezehrend genug. Da bleiben kaum Möglichkeiten, sich umfassend über alles zu informieren und vor allen Dingen die Sachinformationen vom Marketingsprech zu unterscheiden.

„Uns haben doch die Bürger gewählt, damit wir entscheiden, was für sie das Beste ist.“, beschwert sich ein Gemeinderat darüber, dass ebenjene Bürger den Bau des x-ten Supermarktes in ihrer recht nahen Umgebung – nur jetzt auf hoheitlichem Gemeindegebiet – schlichtweg ablehnen.

Das Parlament bringt Dinge auf Vordermann, macht sie zukunftsfähig – damit sie hinterher nicht mehr funktionieren. Das gilt für öffentlichen Personennahverkehr, für Fahrradwege und alles, was mir jetzt nicht einfällt, sondern nur dann, wenn ich gerade davon betroffen bin.

Werden Hilfe- oder Arbeitssuchende zu Klienten qua Neudefinition der Ämter, die längst nicht mehr so genannt werden, was soll ihnen dort eigentlich verkauft werden?

Bemisst sich der Wert eines Menschen am Geld, das er bekommt, werden diejenigen, die sich um Menschen kümmern, am geringsten bezahlt. Sie schaffen schließlich keine Werte, sondern Mitmenschlichkeit. Diese schlägt sich jedoch nicht in den Renditen der Fondseigner und Investoren als bares Geld nieder. Warum müssen Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen Gewinne erwirtschaften, die von allen (dank der Beiträge zur Kranken- und anderen Sozialversicherungen) bezahlt, aber von nur wenigen abgeschöpft werden?

Der Wert eines Menschen bemisst sich am Lohn für die Arbeit. Immer mehr Maschinen übernehmen Routinen und schwere Arbeiten, doch damit es der Mensch nicht zu leicht habe, wird der Takt stetig verdichtet. Pflegen, waschen, füttern, kämmen im Akkord: Hauptsache, satt und sauber. Obwohl: Satt stimmt auch nicht immer. Das Geld für Mahlzeiten ist knapp bemessen… Das Drehen übernimmt die Dekubitus-Matratze, das Streicheln ein Plüschtier und Gespräche werden ohnehin überbewertet. Bei der Visite im Krankenhaus trifft der Blick des Arztes nicht den Patienten, sondern den Monitor.

Vor den Wahlen wecken viele Parteien Begehrlichkeiten und Wünsche, machen Versprechen. Das war vor rund dreißig Jahren nicht anders: Während die Bürger der DDR Reisefreiheit und Bananen wählten, bekamen sie Treuhand, Arbeitslosigkeit und Wessis, die ihnen auf einmal sagen wollten, wo der Hase läuft. Ihnen ging es wie dem Kind, das zu seinem Besten nur Salat und Gemüse statt gewünschten Nutellabrot aufgetischt bekam.

Trotzdem würde ich mit keiner der Alternativen zur Demokratie tauschen wollen.

Verbunden mit: Blogparade: Was bedeutet mir die Demokratie 

Zeitunglesen hilft. Meistens jedenfalls.

Waukawysk

Endlich ist ein Rätsel gelöst: In den Briefen meines Großvaters ist von einer Stadt die Rede, er nennt sie allerdings nicht mit ihrem vollen Namen, sondern kürzt sie mit „W“ ab. Die Ortsangabe beim Datum vom Juni 1941 lautet „Osten“, sie sind mit dem Zug zwei Tage lang nach Osten gefahren, ausgestiegen und quartieren irgendwo in einem Wald, es ist sandig, es ist heiß und weil sie von Mücken geplagt werden, ist nicht an ein Sonnenbad zu denken.

Er nutzte im Juni zweimal die Gelegenheit, nach W. zu fahren und berichtet davon, erzählt von einem kaputten Bahnhof, einem Ghetto und einer Straßenbahn. Viel mehr verrät er nicht. Aber diese kleinen Hinweise haben ausgereicht, dass die Stadt identifiziert werden konnte. Danke, Micha. Allerdings gehören viele Ortschaften, die damals polnisch waren, seit langem zu Weißrussland. Und genau hier liegt Waukawysk, das damals noch Wolkowisk hieß, nur rund 40 Kilometer von der heutigen polnischen Grenze entfernt.

Im Jahr darauf, 1942, mussten die Wiener Juden auf dem Bahnhof in Wolkowisk aus den Personenzügen aus- und in Viehwaggons einsteigen. Dann ging die Fahrt weiter, nach Maly Trostinec, einem Vernichtungslager bei Minsk.

Zu dieser Zeit war der Großvater aber längst anderswo unterwegs.

Link: Hier liegt Waukawysk.

Vielleicht eine Friedenstaube, aber ganz sicher in Moskau.

Happy World Bee Day!

Mein Großvater hatte Bienen im Garten und für diese extra ein Bienenhäuschen. An zwei Seiten waren die Bienenbeuten, der Gang hinter ihnen ging gewissermaßen ums Eck. In der gegenüberliegenden Ecke war eine kleine Kammer: Dort stand neben Honigschleuder ein altes Sofa, ein Tisch und ein Stuhl. Die Fenster ließen sich mit Holzläden verschließen. Wollte ich trotzdem nach außen gucken, gab es darin kleine runde Löcher, mit einer Klappe verschlossen. Schob ich sie zur Seite, war der Blick auf Waldrand und Vogeltränke frei.

Ein Imker bei der Arbeit.

Weil hier leere Bienenkästen herumstehen und sie bisher niemand für sich beansprucht, spitze ich dem örtlichen Imker ein wenig über die Schulter. Heute waren wir zur Schwarmkontrolle unterwegs. An jedem Kasten wurde der Deckel gelüftet und jedes einzelne Rähmchen herausgeholt. Der prüfende Blick galt den Weiselzellen, also den großen Zellen, in denen Bienen ihre Königin heranfüttern. Um der Varroa-Milbe Herr zu werden, wurde auch ein Teil der Drohnenbrut entfernt, da diese von der Milbe häufiger besiedelt werden. Mit der Störung waren die Damen nicht ganz einverstanden, zumal heute – dank des feuchten Wetters – die Sammlerinnen ebenfalls innen saßen. Sie krabbelten drei Bienen hoch übereinander, summten manchmal recht laut und stachen gelegentlich zu. Auch wenn der Imker die meisten Bienenstiche klaglos in Kauf nahm, zwei davon bekam ich auch. Wir haben noch ein wenig über eine Bienenstich-Therapie gewitzelt, vielleicht ist das irgendwann der nächste Hype und wir sind sozusagen als Trendsetter unterwegs.

Der 20. Mai wurde übrigens von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum World Bee Day, zum Weltbienentag erklärt.

fünfzig Ave Maria sind ein Rosenkranz

Ich weiß doch gar nicht, was Hunger heißt. Dabei haben ihn noch die Großeltern gespürt, selbst bei den Eltern war gelegentlich Schmalhans Küchenmeister, wie man damals so sagte. Es gab Zeiten, in denen altes und hartes Brot nicht weggeworfen, sondern kleingeschnitten in den Kaffee gebrockt wurde.

Ich weiß nicht, was es heißt, zu frieren.

Danken heißt, Abhängigkeiten einzugestehen. Ich bin nicht alleine. Ich kann nicht alles alleine. Auch wenn es heutzutage einfacher ist, alles zu kaufen, niemanden zu brauchen oder zu bitten.

Während ich heute am Vor- und Nachmittag einiges geschrieben habe, war später Zeit für ein ausgiebiges Telefonat. Glücklicherweise hat mich der Mitbewohner daran erinnert, dass Rosenkranzandacht für die Mutter seines Freundes angesetzt war. Wir kamen so rechtzeitig, dass wir den Zettel an der Kirchentür fanden, auf dem der korrekte Ort vermerkt war und waren trotzdem pünktlich anwesend.

In Nazareth hängen Marienbilder aus aller Welt.

In dieser Zeit zwischen Tod und Begräbnis ist die Rosenkranzandacht eine gute Möglichkeit, gemeinsam zu sitzen, zu beten und an die Verstorbenen zu denken. Eine Frau fing mit dem Beten an, die anderen fielen ein und murmelten mit.

Es ist schon seltsam: Meditationen sind schick. Besonders dann, wenn während dieser Zeit irgendwelche Mantras oder für uns unverständlichen Formeln gemurmelt werden. Dabei ist der Rosenkranz nichts anderes. Es ist eine Meditation: Eine betet vor, ich brauche nicht nachzudenken, sondern kann einfach mitmurmeln und in diese vertraute Gemeinschaft eintauchen, auch wenn ich kaum jemanden von denen kenne, die in der Kirche sitzen.

 

12 Bilder vom 12. Mai

Ich habe zwar lange keine Bilder vom 12. des Monats gezeigt, das heißt jedoch nicht, dass das so bleiben muss. Auch wenn heute nicht nur Sonntag, sondern auch Muttertag war, musste ich arbeiten.

Die hiesige Pfarrkirche blieb heute geschlossen.

Zum ersten Termin brauchte ich nur ein paar Schritte zu gehen: Die Frauen aus der örtlichen Kirchengemeinde streikten. Der drohend dunklen Wolken wegen hielten die Frauen ihren Gottesdienst nicht unter freiem Himmel, sondern unter dem dichten Dach des katholischen Gemeindehauses ab. Von der Aktion der Frauen aus Münster, die vom 11. bis zum 18. Mai andauern soll, hatten sie aus den sozialen Medien erfahren. Den Frauen ging es allerdings nicht nur um die weibliche Teilhabe, sie wollen alle Menschen gleichberechtigt einladen. Aus allen Richtungen strömten nicht nur Frauen, sondern auch Männer ins Gemeindehaus, so dass die Initiatorinnen weitere Stühle aufstellen mussten.

Das alte Schulgebäude von außen.

Bevor jedoch der eigentliche Gottesdienst begann, musste ich entschwinden und zu einem weiteren Termin fahren: Zum Tag der Städtebauförderung wurde die offizielle Übergabe eines Dorftreffs gefeiert. Ursprünglich sollte das fast 150 Jahre alte ehemalige Schulgebäude einem Neubau weichen. Da genügend Einwohner protestierten, blieb das Haus stehen und wurde saniert. Ob sich der Einsatz von anderthalb Millionen Euro gelohnt hat, wird die Zeit zeigen. Heute war jedenfalls eine Menge los.

Pichelsteiner Topf

Zurückgekehrt wartete ein netter Eintopf auf mich. Danach musste ich erst einmal Texte schreiben, schließlich soll morgen etwas in der Zeitung stehen.

Die Sonne lässt sich ab und zu sehen.

Die fleißige Arbeit wurde belohnt: Jetzt war der Himmel halbwegs blau und die Sonne grinste gelegentlich. Auf der Terrasse streckt der vor einem Jahr in Weimar gekaufte Gingko seine Blättchen:

Der Gingko hat den Winter gut überstanden

Nebenan blüht die Iris. Das freut mich, schließlich habe ich sie im letzten Jahr extra verpflanzt, damit es ihr wieder besser geht. Ansonsten habe ich zu diesen Blumen ein, nunja, nicht ganz einfaches Verhältnis: Sie standen im Innenhof unseres Gymnasiums. Blühten sie, begann in jedem Jahr aufs Neue die Prüfungszeit. Lange waren davon immer die anderen, die älteren Schüler, betroffen. Nur im letzten Jahr nicht, da durfte ich dann selbst meine Prüfungen ablegen.

Lila Irisblüte.

Zeit für Kuchen und Tee.

frischer Rhabarberkuchen. Saftig und sauer.

Roter Tee. Ja, im Beutel.

In der Teetasse spiegelt sich die kleine Sonne, die im Küchenfenster hängt.

Die Spülmaschine ist ausgeräumt. Leider wartet das nächste Geschirr schon…

Katze, echt ey. Musst du immer auf der frischen Wäsche lümmeln?

Ein wenig stricken: Der zweite Ärmel ist fast fertig, dann kommt noch der Rumpf dran.

Zum Abend gibt es einfach Brotzeit.

Verbunden mit: Draußen nur Kännchen und damit vielen anderen, die ihren Tag in zwölf Bildern zeigen.

Katzenauge, kurios, balancieren #abc.etüden

Draußen waren die anderen, draußen war die Hölle. Juli war jedes Mal froh, wenn sie die Haustür hinter sich zuzog und den Riegel vorlegte. Mochten die Menschen noch so freundlich scheinen – Juli ließ sich nicht täuschen. Jeder Blick saß. Jeder Blick schätzte ab. Jeder Blick wollte von ihr wissen, wie es ihr geht, wie sie ohne ihn leben konnte, wann sie zusammenbrechen würde. Sie spürte, wie die Leute warteten, abwarteten, sie hatten Zeit, sie waren hier.
Juli strich über ihren Arm. Auf der Gartenmauer hatte die Nachbarskatze gelauert, sie hatte noch nicht einmal die Katzenaugen geöffnet, doch in dem Moment, als Juli an ihr vorbeiging,hatte sie mit ausgefahrenen Krallen nach ihr getatzt. Sie ging ins Bad, suchte ein Desinfektionsmittel und ließ – da sie keines fand – wenigstens Wasser über den Kratzer laufen. Sie fand das nicht kurios, sie fand überhaupt nichts kurios, vielleicht hätte sie früher darüber gelacht, vielleicht hätte sie die Katze bemerkt, hätte sie beachtet und gestreichelt. Nein. Sie schüttelte den Kopf. Zu dicht, zu fellig, zu warm, zu nah.Der Gedanke an flusige Katzenhaare reichte aus: Juli begann zu niesen.
Sie ging nach oben, in ihr Zimmer, ließ die Tür offen und legte sich auf ihr Bett. Draußen hupte ein Auto. Juli lauschte. Es war still. Sie sah durch ihre offene Tür auf seine Tür, die wie immer geschlossen war. Gegen jedes bessere Wissen hatte Juli plötzlich das Gefühl, er wäre in seinem Zimmer, so wie er immer darin gewesen war. Sie spitzte die Ohren, meinte, das Summen des Lüfters zu hören, das Klappern der Tasten und sein Schnaufen, wenn der Gegner im Computer stärker war als er erwartet hatte. In solchen Momenten spürte Juli, wie sie auf dem Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit balancierte und hatte oft Lust, die Grenze zu überschreiten.

Verbunden mit: Irgendwas ist immer und den abc.etüden. Drei Begriffe sind in maximal 300 Wörtern unterzubringen. In dieser Woche stammen sie von Katharina und lauten: Katzenauge, kurios und balancieren.

Teresa von Avila

Gestern war Premiere: Wir haben unseren Vortrag über Teresa von Avila zum ersten Mal gehalten. Angemeldet waren acht Teilnehmer, gekommen sind dreizehn.

Teresa war Nonne, Heilige, Mystikerin, lebte im Spanien des 16. Jahrhunderts.

Nicht für alle Menschen war sie bequem: „Diese Teresa von Avila ist ein unruhiges, ungehorsames und verstocktes Weibsbild, das unter dem Vorschein der Frömmigkeit verkehrte Lehren erfand und andere wie eine Lehrmeisterin belehrt – obwohl der Heilige Paulus anordnete, dass Frauen nicht lehren sollen“, urteilte der päpstliche Nuntius.

Glücklicherweise hatte sie mit König Philipp II. von Spanien einen mächtigen Beschützer. Für sie ist Selbsterkenntnis wesentlich – und so können wir heute noch etwas von Teresa lernen:

  • Geh deinen eigenen Weg.
  • Bilde dich stets weiter.
  • Lass dich von niemandem beeindrucken.
  • Erkenne dich immer mehr und besser.
  • Genieße das Leben.

Weil nicht alle Wahrheiten leicht verdaulich sind, hatten wir spanische Tapas vorbereitet und sie nach dem Vortrag gereicht. Wir saßen gemeinsam an einer Tafel und haben uns beim Essen gut unterhalten.

Der Palacio des Portico, einer der ältesten in der Alhambra.

Wer bedauerlicherweise an diesem Termin nicht dabei sein konnte, hat am 30. Juni Gelegenheit: Wir halten den Vortrag in der Benediktinerinnenabtei Kirchschletten noch einmal, selbstverständlich auch mit Tapas.