12 Bilder vom 12. April

Ostersonntag. Ohne Kirche, ohne Kinder, ohne Eiersuchen. Und ohne Schokolade. Ostern erinnert ja immer daran, dass jeder irgendwie auf der Suche ist: Die Katze guckt nach dem gef├╝llten Napf, oder schaut, welches Mauseloch im Gras nun bewohnt ist. Daf├╝r suche ich mit der Kaffeetasse in der Hand danach, was aus dem Tag eigentlich werden soll und der Mitbewohner sucht noch eine M├╝tze voll Schlaf.

Wie lange suchen wir? Wann haben wir uns – oder was immer wir daf├╝r halten – gefunden? Wenn ich mir sicher bin, wer oder was ich im Moment bin, ist dieser vorbei und mein Ich Gesch- ich- te.

Es ist gen├╝gend Zeit, einen Hefeteig anzusetzen, er l├Ąsst sich den Pelz von der Sonne bescheinen, geht auf und wird zu einem Osterzopf. Auch wenn der erste Kaffee l├Ąngst getrunken ist, schmeckt der Kuchen. Wir k├Ânnen essen, wann und was wir wollen, was schert uns die Zeit, wenn ohnehin niemand kommen kann.

Der Mitbewohner ist in der K├╝che besch├Ąftigt, b├Ąckt Chatschapuri, ein mit Ei gef├╝lltes Hefeteilchen. Wer mag, kann dem Link folgen und findet dort die hier fehlenden Bilder. Aber Vorsicht, das Ganze macht Appetit und ich kann sagen, es schmeckt wirklich gut.

Die Tage scheinen endlos, die Stunden dehnen sich und lassen sich mit Tee f├╝llen. Jedem Tag folgt der n├Ąchste, geht in den Abend ├╝ber und die Nacht, bis in den Traum, auf Wegen, die ich nicht kenne und weil ich nur einmal auf ihnen unterwegs bin, werden sie auf keiner Karte eingezeichnet. Sie sind fl├╝chtig, tauchen kurz vor mir auf, haben jedoch ebenso wenig ein Ziel, wie viele der G├Ąnge jetzt. Einfach gehen, durch den Ort, wer macht das sonst noch? Wer hat das ├╝berhaupt vorher mal probiert? Selbst f├╝r den kurzen Weg zum Briefkasten war das Auto grad gut genug.


Wir gehen los, zun├Ąchst ├╝ber den Friedhof, die Blumen begie├čen und mit dem geb├╝hrenden Abstand plaudern. Echte Neuigkeiten stehen schlie├člich nicht als Meldung in der Zeitung, sie werden immer noch von Mund zu Ohr weitergegeben und – wie die Ostereier – zuvor entsprechend eingef├Ąrbt, je nach Stimmung.

Wir gehen weiter, der Tag ist noch hell und lang, zum Ortsrand und dar├╝ber hinaus, in den Wald, zu einem Ort, an dem einst Maria den Kindern erschienen sein soll, im wei├čen Gewand, sagten sie, vielleicht eilte nur jemand im Nachthemd ├╝ber den Hof, wer wei├č. Im vergangenen Jahr st├╝rzte eine Fichte, riss die ├ťberdachung ein, jetzt ist stehen die B├Ąnke unter freiem Himmel und niemand sitzt oder kniet, nur zwei Fahrradfahrer eilen l├Ąngs.


Weit oben ein Flieger und hinter uns das H├╝ttchen, jetzt mit blankgeputzten Scheiben, statt verschlossenen L├Ąden. Hier lebte viele Jahre eine Frau, wachte ├╝ber den Ort.

Die vorj├Ąhrigen Buchenbl├Ątter rieseln leise im Wind, Hummelgebrumm, Vogelzwitschern, der Specht gibt den Takt vor. N├Ąhert sich jemand, knirscht der Kies, anschleichen ist nicht.

Die Kastanie hebt ihr Pf├Âtchen, vieles wirkt verschoben, langsamer, ver-r├╝ckter, wie nach einer langen Rekonvaleszenz, wir k├Ânnen nicht mehr aus der Flut der Unm├Âglichkeiten sch├Âpfen, w├Ąhlen Wege, die – weil sie immer erreichbar – so banal schienen bisher. Ich muss mich nur zwischen links oder rechts entscheiden, gehe ich geradeaus oder biege ich auf den engen Waldpfad ab.

Ich muss mich entscheiden, sage ich zum einen Ja, hei├čt das f├╝r den anderen Nein, beides auf einmal geht nur in der scheinbar aufgehobenen metaphysischen Distanz der Computer und Smartphones, die Illusion, ich sei immer und ├╝berall dabei. Der helle Buchenwald l├Ąsst das Licht bis zum Waldboden, nebenan unter den Tannen ist es dunkel genug f├╝r den Eingang zur Nacht.

Nicht verreisen, nicht weit fahren und wandern, wir haben gen├╝gend Raum um uns, der sonst ungenutzt, was will ich schlie├člich im Anderswo wenn ich das Hiersein noch nicht kenne.

Die Eiche h├Ąlt das Bild, bekr├Ânt es, wird es bald wieder beschatten, verschatten.

Wegducken, zu Hause bleiben, keine Treffen, kein Kaffee unterwegs, kein was-wei├č-ich. Je l├Ąnger diese Zeit dauert, um so weniger fehlen mir viele Dinge.

Daher lasse ich es jetzt gut sein, mir reichen die Bilder f├╝r heute. Wer mehr angucken m├Âchte, bitte sehr: Bei der freundlichen Frau mit den K├Ąnnchen gibt es viele, nicht unz├Ąhlige, aber ungez├Ąhlte.

 

 

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