Die Wanderung der Nachbarn – eine Fortsetzung

Wir haben uns fĂŒr die Sache mit dem Zettel entschieden. Wer jetzt nicht weiß, worum es nochmal ging, kann hier die Vorgeschichte dazu nachlesen.
In eine regenfeste Klarsichtfolie eingetĂŒtet – sicher ist sicher – wurde der Zettel abends direkt unter dem Hinweis: „Privatweg – kein Hundeklo“ mit Reißzwecken ordentlich und sturmsicher befestigt. Am Morgen darauf entdeckte ihn der Sohn, als er hinĂŒber zum Elternhaus ging. Kurz danach tagte der Familienrat vor dem Schild. Was besprochen wurde? Keine Ahnung. DafĂŒr standen alle leider zu weit weg. Aber immerhin war direkt nach dem Meeting kein Pfahl mehr im Boden und somit hing weder Schild, noch Zettel.
Geht es um den Ruf der Familie, dann sind meistens die Frauen diejenigen, welche ihn vehement verteidigen, gegen jede Art von auch nur vermutetem Angriff und völlig unabhĂ€ngig ob der Tatsache, dass vielleicht auch ein Gegner einmal Recht haben könnte. Das war schon bei meiner Oma so und ĂŒberhaupt ist dieses Verhalten wohl universell.
So ist es: Wenn es gegen die Familie geht, werfen sich die Frauen in die Brust, wappnen sich gegen jegliche Unbill und ziehen mit einer Vehemenz in den Kampf, dass es graust. So auch hier. Die zornbebende Brust wogte wild, die TrĂ€gerin schnappte hörbar nach Luft. Wer in höherem Alter und zudem untrainiert ist, sollte grĂ¶ĂŸeren Anstrengungen schon deswegen aus dem Weg gehen, weil man bei ihnen so gnadenlos unvorteilhaft aussieht: „Der Schorsch, also der Schorsch hat gesagt, dass ich da langgehen darf!“ (Kurzer Einschub: Schorsch ist Familiensenior und einstiger Besitzer sĂ€mtlicher GrundstĂŒcke rund um Haus und Garten). Und ĂŒberhaupt stĂŒnde ja ein Auto von uns auch immerzu auf einem fremden GrundstĂŒck, welches uns nicht gehöre. Das nenne ich trickreich abgelenkt. Nicht das eigene Verhalten zur Debatte bringen, irgendetwas dazu sagen, wie Tschulligung oder so, statt dessen in einer Art VorwĂ€rtsverteidigung die Vergehen der anderen aufzĂ€hlen. Als ob sich damit eigenes Unrecht aufwiegen ließe. Es dauerte ĂŒbrigens nicht lange, bis sich die Nachbarin wieder in ihr schĂŒtzendes Haus zurĂŒckzog, der frĂŒhsommerlichen Hitze sei dank.
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Der Kirschbaum stand im FrĂŒhjahr in voller BlĂŒte

Der Sommer hat ohnehin seine VorzĂŒge, es ist warm und es lĂ€sst sich entspannt bei offenem Fenster arbeiten, wĂ€hrend ein laues LĂŒftchen durchs Zimmer streicht. Die Hitze des Sommers verleitete nun den Sohn der linken Nachbarn, welcher ja rechts neu gebaut hatte, ebenso wie seine Frau, mit luftigen Latschen auf dem altbekannten Weg zu wandern: Flappflapp. Flappflapp.
Nicht, dass ich an meinem Schreibtisch gesessen hĂ€tte und ab diesem Zeitpunkt eine Strichliste gefĂŒhrt hĂ€tte, auf der ich genau die Anzahl der Personen und der begangenen Wege notiert hĂ€tte. Mitnichten. Aber das regelmĂ€ĂŸige Flappflapp, Flappflapp machte es doch schwer, nicht darauf zu achten. Es schien, als habe der Zettel dort nie gehangen. Hallo? Hier ist weder Privatweg, noch Wegerecht.
Ehe der Ärger allerdings ĂŒberhand nimmt, kommt kĂŒhle Überlegung dazu: Wird der Zettel, also Plan A ignoriert, dann kommt Plan B zum Zuge: Wir gehen hin und bekakeln das Ganze persönlich. Möglichst in Ruhe. Punkt. Gesagt, getan.
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Wenn es Ärger mit Nachbarn gibt, mutieren manche Menschen schnell zu Drachen.

Die jungen Nachbarn öffnen, und bitten ins Haus. Wir sitzen am Tisch, fangen an zu reden. Und es stellt sich heraus: Es ist ganz einfach. Sie haben selbst das Schild hingehĂ€ngt, das mit dem Hundeklo, damit das kleine Kind nicht stĂ€ndig in derartige Überraschungen tritt. DarĂŒber, was das Wort „Privatweg“ aber ausgelöst hat, darĂŒber hatten sie sich keine Gedanken weiter gemacht. Wir schwĂ€tzen ein Weilchen, versichern, dass sie auch weiterhin, wenn es eilig ist, so gelegentlich mal zwischen Haus und Garten laufen dĂŒrfen und gehen wieder.
Zwar kam noch irgendwann der Familiensenior, stiefelte als alter Platzhirsch noch einmal zum Kirschbaum im Garten und pflĂŒckte sich einige davon, doch dabei blieb es. Jetzt nehmen die Nachbarn ihr Auto, weil auf der Straße der Weg zwischen den beiden HĂ€usern so viel lĂ€nger ist.

Wenn Zucker zum Makel wird

Routiniert öffnet Vivian Bauer die Dose mit den MessstĂ€bchen. Sie desinfiziert ihren kleinen Finger, piekst, tupft das Tröpfchen Blut auf den Messstreifen und steckt diesen in das MessgerĂ€t fĂŒr den Blutzucker. Vor zwei Jahren wurde bei dem zierlichen MĂ€dchen Typ-1-Diabetes diagnostiziert. Eher zufĂ€llig, wie ihre Mutter Simone Bauer erzĂ€hlt: „Sie war wie eine Verdurstende in der WĂŒste“, erinnerte sie sich. Vivian wollte stĂ€ndig etwas zu trinken. 
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In der Klinik lernten Mutter und Kind schnell, wie Insulin gespritzt und Kohlenhydrate berechnet werden mĂŒssen. Doch es dauerte eine Weile, bis sie diese Diagnose psychisch verarbeiten konnten. Denn es ist klar, dass die FĂŒnfjĂ€hrige ein Leben lang Insulin spritzen muss.

starke Schwankungen

Bei kleinen Kindern ist es oft typisch, dass der Blutzucker schwankt und sich somit  nur schwer einstellen lÀsst. Er wird beeinflusst von Infekten, Stress, vom Toben und selbst von AlbtrÀumen.

Vivian kam in den Kindergarten in Forchheim, den schon ihre Mutter und auch ihre große Schwester bereits besucht hatten. Die Erzieherinnen im Kindergarten wurden extra geschult, wie sie den Blutzucker messen und die Insulinpumpe bedienen können: „Das hat Vivians Erzieherin wirklich super gemacht“, bestĂ€tigt die Mutter. Um so unverstĂ€ndlicher findet sie, dass Vivian unlĂ€ngst der Kindergartenplatz gekĂŒndigt worden ist. Auf Nachfrage verneinte die Leiterin des Kindergartens ebenso wie eine Mitarbeiterin des Forchheimer Jugendamtes, dass die KĂŒndigung wegen des Diabetes erfolgt sei. Sie seien allerdings der Meinung, dass Vivian in einem integrativen Kindergarten besser aufgehoben wĂ€re. Auf eine nĂ€here BegrĂŒndung wollten sich beide Einrichtungen nicht einlassen. Aus „datenschutzrechtlichen GrĂŒnden“, wie sie sagen.

Leiden unter der Ablehnung

FrĂŒher im Jahr war es zu einem GesprĂ€ch mit allen Beteiligten gekommen: der behandelnde Arzt, das Jugendamt, die Kindergartenleitung, die Caritas, der TrĂ€ger und auch die Eltern von Vivian. „Jetzt dachte ich, es sei alles in Ordnung“, erinnert sich Simone Bauer.

Doch schon kurze Zeit spĂ€ter sollte Vivian nicht mehr kommen. Die Mutter verstand die Welt nicht mehr, als ihr die KindergĂ€rtnerinnen dies eröffneten. Egal, was die junge Mutter, die zudem selbst durch ihr Rheuma eingeschrĂ€nkt ist, auch vorschlug, um den Erzieherinnen die Arbeit zu erleichtern – es wurde abgelehnt. frĂ€nkischer tag 285

Dass Kinder mit Diabetes Ablehnung erfahren, kann Petra Finger aus NĂŒrnberg bestĂ€tigen. Die Mutter einer 13-jĂ€hrigen Tochter, die ebenfalls an Typ-1-Diabetes leidet, berichtet davon, dass Teenies keine Lehrstelle fĂ€nden, dass viele Vereine sie ablehnten, dass sie seltener zu MitschĂŒlern eingeladen werden.

Vieles, was sich diese Kinder anhören mĂŒssten, wĂŒrde aus Unwissenheit gesagt. Trotzdem wenden sich viele ab.

Diese Kinder empfinden sehr deutlich, dass sie nicht normal, so wie andere Kinder seien und können spÀter depressiv werden, erklÀrt Petra Finger.

Aus diesem Grund grĂŒndete Finger im sozialen Netzwerk Facebook eine Gruppe, auf der sich alle ĂŒber die Geschichten dieser Kinder informieren können. Hier ist der link.

Vivian wird statt dessen einen integrativen Kindergarten in Forchheim besuchen. In einem solchen Kindergarten kĂŒmmern sich mehr Erzieherinnen um weniger Kinder. Simone Bauer hat dieses Mal ein gutes GefĂŒhl, nachdem die Kindergartenleiterin einen kooperativen Eindruck bei ihr hinterlassen hat.

Das alles Àndert gleichwohl nichts daran, dass Simone Bauer den alten Kindergarten vermisst. Vor allem, weil sie dort, vor allem unter den Eltern ein Netzwerk aufgebaut hatte, dass ihr und Vivian unter die Arme griff.

Diabetes Typ 1: Ursachen, Unterschiede und die Folgen fĂŒr das Leben

HĂ€ufigkeit: Immer mehr Kinder erkranken in Deutschland an Typ-1-Diabetes, und die Ursachen sind bisher noch nicht geklĂ€rt. Sicher ist nur: SĂŒĂŸigkeiten spielen dabei ĂŒberhaupt keine Rolle. Der Diabetes-Typ-1 ist die hĂ€ufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern, an der etwa 30 000 Kinder leiden.

Verlauf: Bei Diabetes produzieren die Zellen in der BauchspeicheldrĂŒse kein Insulin mehr, deswegen muss stĂ€ndig der Blutzuckergehalt gemessen und das Insulin gespritzt werden, damit der Zucker im Blut abgebaut werden kann.

Kinder: Die jĂŒngsten Patienten sind noch Kleinkinder, doch auch bei Ă€lteren Kindern ist der Blutzucker hĂ€ufig instabil: Der Diabetes wird von Infektionen und Wachstum ebenso beeinflusst, wie von Spiel und Bewegung.

Zukunft: WĂ€hrend sich der Diabetes vom Typ 2, der auch als Altersdiabetes bekannt ist, gut durch Bewegung und Gewichtsreduzierung behandeln lĂ€sst, gibt es fĂŒr die Kinder, die an Typ-1-Diabetes erkranken, keine Heilung. Das bedeutet, dass sie ein Leben lang in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden Insulin spritzen mĂŒssen. Denn die Zellen in der BauchspeicheldrĂŒse, die das Insulin produzieren, sind irreversibel zerstört.

(Der Text erschien als Artikel im FrÀnkischen Tag)

Die Wanderung der Nachbarn

Hinter dem Haus liegt der Garten, mit den Erdbeeren und den Gurken, dem Salat und den bald roten Kirschen. Der Garten ist so ganz ohne Zaun drumherum. Das hat einen Grund: Die Nachbarn von links nebenan gehen nĂ€mlich ĂŒber das GrundstĂŒck, zwischen Garten und Haus entlang, wenn sie zu ihrem Kartoffelacker wollen, der dahinter eingeklemmt liegt. Sie könnten diesen zwar auch ĂŒber die Straße erreichen, aber wozu der Umweg? Da gebe es ein eingetragenes Wegerecht fĂŒr ebenjene – und nur fĂŒr jene – Nachbarn, wurde mir gesagt, seit gefĂŒhlten Ewigkeiten schon.

Aus dem einen Teil des Kartoffelackers, dem hinteren Teil, oder, wenn man es andersherum betrachtet, dem Teil, der direkt an die Straße grenzt, wurde inzwischen ein BaugrundstĂŒck fĂŒr das Haus fĂŒr Sohnemann vom Nachbarn, nebst Frau und Kind. Schon wĂ€hrend der gesamten Bauzeit nahm der FußgĂ€ngerverkehr zwischen Haus und Garten spĂŒrbar zu, aber, so ein Bau muss schließlich beaufsichtigt werden, also lassen wir sie mal, das wird schon wieder.

Kaum aber ist das Haus fertig, grillt der Junior alle zwei Tage auf seiner kĂŒnftigen Terrasse, die zwar noch nicht gefliest, aber mit einem grĂŒnen Kunststoffrasen bedeckt. Dieser hebt sich grell und farbig vom braunen Erduntergrund ab und verhindert auch, dass Dreck ins neu gebaute Wohnzimmer getragen wird. So weit, so schön.

Ab jetzt nimmt der Wanderverkehr so richtig Fahrt auf. Es gibt Zeiten, da ziehen ganze Gruppen vor dem KĂŒchenfenster entlang, so scheint es. Neben den bereits bekannten Familienmitgliedern befinden sich jetzt allerdings auch etliche Unbekannte unter den eifrigen Wanderern. Damit alles hĂŒbsch ordentlich bleibt und niemand auf dumme Gedanken kommt, pflanzen ebenjene linken Nachbarn an das eine Ende dieses Trampelpfades, der nahe ihrem Haus liegt, einen Pfahl und befestigen an diesem ein Schild. Auf diesem steht deutlich und klar geschrieben, dass hier ein Privatweg sei, kein Hundeklo. Aha. Das Schild als solches geht uns ĂŒberhaupt nichts an, wir haben schließlich keinen Hund.Wunschzettel 071

Aber es macht durchaus neugierig. Kann aus einem lediglich gestatteten Wegerecht, selbst wenn das irgendwo eingetragen ist, ein richtiger Privatweg der linken Nachbarn auf einem GrundstĂŒck werden, der ihnen aber gar nicht gehört?

Ein Anruf beim Katasteramt wird weiterhelfen. Die mĂŒssen ja sowas wissen, schon von Amts wegen. Außerdem können die nachgucken, was wirklich im Grundbuch steht.

Die Überraschung ist perfekt: Es gibt ĂŒberhaupt keinen Grundbucheintrag, somit auch kein Wegerecht.

Oh.

Also gibt es auch keinen Grund, ĂŒber das GrundstĂŒck zwischen Haus und Garten entlang zu stiefeln. Schließlich gibt es zu diesem Zweck bereits eine öffentliche Straße, die den Weg wirklich nur unwesentlich verlĂ€ngert, sagen wir mal, um fĂŒnfzig Meter, aber allerhöchstens.

Und jetzt?

Wie sagen wir das jetzt den Nachbarn, die dafĂŒr bekannt sind, dass sie niemandem etwas Gutes wĂŒnschen, dass die Wanderung zwischen Haus und Garten jetzt nicht mehr geduldet wird?

Sollen wir einfach hingehen, klingeln und mit ihnen reden, oder sollen wir ĂŒber das Schild mit dem Privatweg ein neues Schild hĂ€ngen: Jetzt ist aber Schluss damit?