Nachmittags, kurz vor drei: FĂŒr die #Rostparade

Erinnert sich noch jemand daran? Es gab mal eine Zeit, die scheint schon lange vorbei, da schlossen die TĂŒren der LĂ€den um eins – und standen ab drei wieder offen. In der Zwischenzeit war Mittagszeit und, vor allen Dingen, Mittagsruhe. Jetzt ist November, da ist es um diese Zeit wirklich – in den meisten FĂ€llen – ruhig. Schließlich muss weder der Rasen gemĂ€ht, noch das Laub geblasen oder das Holz gesĂ€gt werden. Alles schon passiert. Das ist ĂŒbrigens einer der GrĂŒnde, warum ich dieses trĂŒbe Matschwetter so gerne hab: Da treibt sich nĂ€mlich niemand mehr in Hof und Garten herum und macht Krach.

12 148

Schloss in Hemhofen, kurz vor drei Uhr

12 147

Schloss in Hemhofen, kurz vor drei Uhr

Die rostige Schlossuhr zeigt tatsĂ€chlich die korrekte Zeit an. Das hat mich im Sommer kurz irritiert, als wir im Schlosshof saßen, Kaffee tranken und ich zur Uhr sah und erst dachte, oh, welch ein Zufall, die Uhr zeigt gerade die gleiche Zeit an, wie wir sie auch haben. Zehn Minuten spĂ€ter immer noch. Da war es wirklich kurz vor drei  und ich wunderte mich, dass diese Uhr, die so aussah, als wĂŒrde sie nicht mehr gehen, doch sie ging. TatsĂ€chlich. Korrekt. Da wurde meine Erwartung gewissermaßen eines Besseren belehrt.

Das ist mein Beitrag zur Frau Tonaris Rostparade und wer noch mehr rostige Dinge sehen will, klickt einfach auf den Link.

Was uns wichtig ist…

schrieb Wolfgang Huber in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ein Satz von ihm in diesem Text rollte ein paar Tage lang durch meinen Kopf: „Dass in einer kompetitiven Gesellschaft die Empathie Not leidet, ist einer der GrĂŒnde, derentwegen wir nur selbstkritisch darauf schauen können, wie der Westen mit den Werten umgeht, die er fĂŒr die seinigen hĂ€lt“.

Abgesehen davon, dass ich erst mal nachgucken musste, was eine kompetitive Gesellschaft ist (eine, die sich dem Leistungs- und Wettbewerbsgedanken verschrieben hat), soll es – nach Huber – in dieser kein MitgefĂŒhl mehr geben. Oder so Ă€hnlich. Ich habe zwar keine Studien, mit denen ich meine Gedanken hieb- und stichfest mit Zahlen und Fakten unterlegen kann, sondern nur meine eigenen, subjektiven Beobachtungen, trotzdem muss ich dieser obigen Aussage zustimmen. Leider.

Ob im Sommer aus Spanien oder kĂŒrzlich aus Prag: Kam ich zurĂŒck nach Deutschland, fielen mir als erstes die Gesichter der Menschen um mich herum auf. Am Flughafen ebenso, wie einige Zeit spĂ€ter auf einem Markt: Die mĂŒrrischen Mienen sprachen BĂ€nde. Wie graue Zombies in AnzĂŒgen eilten MĂ€nner durch den Frankfurter Flughafen, hetzten zu ihrem Anschlussflug, sahen keinen Menschen an, nur ihr kleines GerĂ€t, das sie in der Hand trugen. In schwarze, dunkelblaue, dunkelbraune oder dunkelgraue Jacken und MĂ€ntel gekleidete MĂ€nner und Frauen schoben sich an den MarktstĂ€nden vorbei, schauten nichts und niemanden an, oder wenn, dann nur so aus den Augenwinkeln heraus, damit niemand das Interesse sieht, sie gar ansprechen kann. LĂ€cheln? Och nö. Lieber nicht. Ziehen die Menschen deswegen so gerne diese dick wattierten Jacken an, in denen sie wie Michelin-MĂ€nnchen aussehen, weil sie sich in ihnen vor jeder BerĂŒhrung, vor jeder Zumutung derart gepolstert besser geschĂŒtzt fĂŒhlen?

gössw, 392

Auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Manchmal möchte ich sie schĂŒtteln, so lange, bis ihre erstarrten Mienen auftauen, ihnen zeigen, wie leicht es sich ohne den schweren Panzer tanzen lĂ€sst, mit dem sie sich gĂŒrten, aus Angst vor der Welt. Es kostet niemanden etwas, wenn er lĂ€chelt. Es kostet mich auch nichts, wenn ich freundlich bin. Warum ist das so schwer?

Alles wird gemessen, fĂŒr alles werden Algorithmen entwickelt, doch das Wesen der Dinge lĂ€sst sich damit nicht erfassen. Es bleibt nur eine leere HĂŒlle, ohne Inhalt. Suche ich bei a..zon nach einem Buch, eines, das ich nicht kenne, eines, von dem ich noch nicht einmal weiß, ob es das gibt, so wie in einer Buchhandlung, in der ich absichtslos an den Regalen entlanggehen kann, dann werden mir – aufgrund meiner Suche und vieler Suchen an anderen, vorherigen Tagen – viele BĂŒcher vorgeschlagen. So weit, so berechenbar. Doch sĂ€mtliche VorschlĂ€ge bringen nichts Überraschendes, nichts Neues, sie können nur das in ihre Berechnungen einbeziehen, was ich schon einmal gesucht, gefunden und gekauft habe. Als wĂŒrde ich einen Weg suchen, der aus meiner Höhle aka Wohnung nach draußen fĂŒhrt, in die Weite, und bekĂ€me vom Navi aka Empfehlungssystem a..zon nur immer neue RĂ€ume im Haus gezeigt.

WÀren Romeo und Julia auf solch tragische Weise gestorben, wenn sie gegenseitig ihr Profil auf Tinder gesehen und sich verabredet hÀtten?

Alles wird gezĂ€hlt, gemessen, verhandelt. Der homo oeconomicus in uns fragt: Was bringt mir das? Was kostet es? Wenn sich Menschen nur noch dann mit anderen Menschen treffen, weil es ihnen etwas bringt, einen Mehrwert gewissermaßen, der den Einsatz der kostbaren Zeit rechtfertigt, finde ich das seltsam: Wenn jemand nur deswegen seine Zeit mit mir verbringt, weil er etwas von mir haben möchte, fĂŒhle ich mich irgendwie betrogen und ausgenutzt. Der- oder diejenige trifft sich nicht deshalb mit mir, weil ich ein netter Mensch bin, den man mag – manchmal vielleicht – sondern ertrĂ€gt mich, damit er oder sie etwas von mir kriegen will.

Mehrwert. Das ist das, laut Marx, was der Arbeitnehmer produziert, der Wert, den der Unternehmer kassiert, wenn er alle Kosten abgezogen hat. NĂ€ht jemand in einer Fabrik ein KleidungsstĂŒck, bekommt er dafĂŒr einen Lohn. Der Preis fĂŒr die Hose, das T-Shirt oder die Jacke setzt sich aber nicht nur aus dem Lohn der NĂ€herin und dem Preis fĂŒr den Stoff zusammen, sondern ist wesentlich höher. Das ist der Mehrwert, den sich der Unternehmer einsteckt.

Das Marketing will mir auch einreden, dass ein Produkt einen Mehrwert habe, der ĂŒber den reinen Gebrauchswert hinausgeht. Eine Hose ist nach deren Logik nicht nur eine simple Hose, sondern braucht noch einen AufnĂ€her, ein Logo, ein irgendwas, das dafĂŒr sorgen soll, dass nicht nur meine Beine warm, sondern mein Ego stolz darauf ist, dass ich dem Unternehmer so viel Mehrwert dafĂŒr gezahlt habe, dass ich seine Hose trage. Ähm.

In einer Welt, in der Computer dafĂŒr sorgen, dass alle Prozesse und alle Werte berechenbar sind, in der nur dann etwas existiert, wenn es berechenbar ist, ist alles endlich, ist alles nur in begrenzter Menge vorhanden. Doch was ist mit Liebe, mit Ehre, mit Freude und Scham, mit Barmherzigkeit und Stolz, mit Demut, Dankbarkeit, Gnade, Achtung, WĂŒrde, Wahrheit, Hoffnung und Freundschaft?

Worum ging es gleich noch? Achja, Empathie. Das, was verloren geht, wenn es nur noch um Wettbewerb und Leistung geht. Ja. Was nicht zÀhlbar ist, was nicht berechenbar ist, das scheint nicht zu existieren, kann also vernachlÀssigt werden. Da lohnt sich das LÀcheln nicht, da lohnt sich auch die Freundlichkeit nicht. Wahrscheinlich kostet das sogar etwas, so etwas wie Aufmerksamkeit, eine WÀhrung, in der keiner bezahlen mag.

Wenn Menschen ihre eigene Einsamkeit und ihren Schmerz nicht wahrnehmen können und wollen, wieso sollten sie das bei anderen sehen? Da ist es einfacher, wenn sich jeder im Cafe ĂŒber sein kleines Display beugt, dort scrollt und tippt und wischt, als dem anderen einfach in die Augen zu sehen und sich mit ihm zu unterhalten. WorĂŒber auch immer. Ach, das ist langweilig? Da gibt es nichts Neues? Keine Explosionen, keine Toten, keine lustigen Katzen? Tja. Dann kann ich dir jetzt auch nicht helfen.

Ich möchte meinen Apfel essen können, einfach hineinbeißen, den Saft am Kinn herunterrinnen lassen, weil er mir schmeckt, weil ich Lust auf ihn habe – und nicht, weil mir jemand vorrechnet, wie gesund er sein soll. Dann vergeht mir die Lust, dann ist der Genuss perdu. Ich möchte gemeinsam mit lieben Menschen einen Wein trinken, so lange philosophieren und die Welt retten, bis ich am anderen Tage nichts mehr davon weiß – und keinen Vortrag ĂŒber die SchĂ€dlichkeit des Alkoholkonsums. Manchmal komme ich mir vor, als wĂ€re ich noch das Kind von frĂŒher, dem die Mama stĂ€ndig hinterherruft: Zieh dir eine Jacke an, setz eine MĂŒtze auf, es ist kalt! Ich habe nicht vergessen, wie es sich anfĂŒhlt, wenn ich mit eiskalten Zehen vom Rodeln in die warme KĂŒche kam, und ich die FĂŒĂŸe in das Backfach von Omas KĂŒchenherd stecken durfte, nachdem Oma sie zwischen ihren HĂ€nden gerubbelt hat, damit sie wieder warm werden.

Übrigens: Wer gerne kocht, kennt das vielleicht: Zu einem gelungenen Rezept gehört mehr, als nur das, was im Kochbuch geschrieben steht. Wer jemals versucht hat, „etwas wie frĂŒher“ nachzukochen, wird wissen, was ich meine. Manchmal sind viele Versuche notwendig, um die Essenz der Dinge herauszufinden.

BĂŒcher und Schmalzschnittchen im „dacapo“

Es ging ganz ohne Fettflecken ab, als wir: Ich, der BuchhĂ€ndler und der Mitbewohner – in der Forchheimer Buchhandlung dacapo einen ganzen Stapel BĂŒcher vorgestellt und angelesen haben, auch wenn es Mozzarella/Tomatenschnittchen und Schmalzschnittchen mit geschmorten Zwiebelchen, sauren GĂŒrkchen und warmen, gewĂŒrzten Apfelsaft gab. Immerhin ist ja jetzt die Jahreszeit, die draußen mit Regen, KĂ€lte, Schnee und Nebel dafĂŒr sorgt, dass es im Haus wesentlich gemĂŒtlicher ist, da kann der Stapel BĂŒcher neben dem Sofa oder auf dem Nachttisch gar nicht hoch genug sein.

Meine Empfehlungen waren:

Daniel Goleman: „Konzentriert Euch!“. Goleman zeigt, wie sehr moderne Technik die Menschen ablenkt, so dass es ihnen immer schwerer fĂ€llt, sich fĂŒr eine lĂ€ngere Zeit auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Er preist die Kunst der Aufmerksamkeit, von denen er drei Arten nennt: Die Aufmerksamkeit jedes Menschen fĂŒr sich selbst, fĂŒr die anderen und fĂŒr große Systeme.

Das Buch von Goleman habe ich – ebenso wie „Schwarzblende“ von ZoĂ« Beck und „Vineta“ von Ilse Helbich bereits hier vorgestellt (Klick auf „hier“ öffnet den Link)

Janne Teller: „Krieg“. In diesem kleinen Buch, in dem der Protagonist, ein 14-JĂ€hriger, aus der eher ungewöhnlichen Du-Perspektive erzĂ€hlt, stellt Teller die Wirklichkeit auf den Kopf: In Europa herrscht Krieg und die Menschen fliehen, bitten die Ägypter um Asyl, wo sie widerwillig Aufnahme finden. Nur 62 Seiten – die es in sich haben.

Asfa-Wossen Asserate: „Deutsche Tugenden“. Was ist eigentlich typisch deutsch? Asserate wagt in diesem Buch einen kritischen Blick, doch weil er bereits seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, ist dieser Blick lĂ€ngst ein Blick, der weder richtig von außen, noch von innen kommt. Asserate plaudert ĂŒber GemĂŒtlichkeit und PĂŒnktlichkeit und die schwĂ€bische Kehrwoche. So gelesen, so wirklich gut. Überraschend fand ich, dass er Tugenden wie Anmut erwĂ€hnt. Reizend.

Jane Gardam: „Ein untadeliger Mann“. Ein wunderbares Buch, nicht nur, weil ich die Übersetzerin vor einiger Zeit in WolfenbĂŒttel kennengelernt habe. Hier habe ich es schon verbloggt. Es lohnt sich, das Buch. Wirklich.

Der Mitbewohner stellte vor:

„Zehn Jahre Leben“, ein Buch, in dem nichts steht, weil es erst hineingeschrieben wird: Hier. 

Janne Teller: „Nichts“. Hier geht es um die existentielle Frage, ob das Leben einen Sinn hat und: Welchen Sinn sollte es denn haben. Ein mutiges Buch. Als ich es anfing zu lesen, habe ich erst aufgehört, als es gelesen war.

Navid Kermani: „UnglĂ€ubiges Staunen“. Kermani schaut sich Bilder alter Meister an, in denen er auch die Fragen unserer heutigen Zeit erkennt.

Auch der BuchhĂ€ndler hatte einen Stapel BĂŒcher herausgesucht:

Dörte Hansen: „Altes Land“. Das habe ich selbst schon mal hier beschrieben.

Karl-Heinz Ott: „Die Auferstehung“. Vier Geschwister wollen nach dem Tod des Vaters verhindern, dass die HaushĂ€lterin alles erbt.

Joachim Meyerhoff: „Ach, diese LĂŒcke“. Das ist der dritte Teil einer Trilogie, in der Meyerhoff erzĂ€hlt, wie er als Schauspielstudent auszieht und bei den Großeltern einzieht.

Alina Bronsky: „Baba Dunjas letzte Liebe“. Die alte Baba Dunja kehrt in ihr von Tschernobyl verstrahltes Dorf zurĂŒck. Hier verwies der BuchhĂ€ndler noch auf Swetlana Alexijewisch „Tschernobyl“, Protokolle von GesprĂ€chen mit Menschen, die dort lebten, arbeiteten und aufrĂ€umen mussten.

 

Bov Bjerg: „Auerhaus“. Über eine SchĂŒler-WG auf dem Dorf, die meisten kurz vor dem Abitur.
Joseph Roth: „Radetzkymarsch“. Eine Familiengeschichte ĂŒber drei Generationen.
ft 1162

 

kleine FundstĂŒcke

ft 1120

kleine FundstĂŒcke aus der Nordsee

Ein leerer Krabbenpanzer, SchneckenhĂ€user, an denen Wasser und Sand so lange herumfeilten, bis fast nichts mehr ĂŒbrig war. FundstĂŒcke aus der Nordsee.

Wenn er nicht genau gewusst hĂ€tte, was passieren wĂŒrde, wĂ€re er einfach wieder aus dem Zug gestiegen, der ihn zurĂŒck in den Osten brachte, dorthin, wo er nicht sein wollte, aber sein musste. Sein kleines, privates GlĂŒck zĂ€hlte nicht, auch seine kleinen, banalen WĂŒnsche spielten keine Rolle bei allem, was FĂŒhrer, Volk und Vaterland von ihm erwarteten.

Wie groß und endlos Entfernungen zwischen Orten sind, kann nur der messen, der sie durchquert. Einen großer Teil des langersehnten Urlaubs reisten die Soldaten in ZĂŒgen, fuhren vom Dnjepr nach Berlin, Erfurt, Gotha oder MĂŒhlhausen, je nachdem, wo ihre Familien wohnten und wieder zurĂŒck zu ihrer Einheit. Zwei Welten, zwischen denen nicht nur die endlosen Kilometer, die graubraune Steppe und der tief hĂ€ngende Himmel lagen, sondern auch die Sehnsucht und gleichzeitig die Lust auf Abenteuer und Herrenmenschendasein.

Das ist mein kleiner Beitrag zum kleinen Monat bei cubus regio. Klick auf den Link fĂŒhrt zu den anderen Teilnehmern.

Von einem, der auszog.

Geboren werden, ĂŒberleben, immer wieder geboren werden, um immer wieder zu ĂŒberleben, jeden einzelnen Tag. Wer kann die Angst eine Kindes ermessen, das sich unter dem Tisch verkriecht, weil sich die Erwachsenen verkleiden, poltern und mit der Rute drohen? Unter dem Tisch ist Sicherheit, oben GelĂ€chter, ĂŒber die Dummheit des Kindes – und die GlĂ€ser klirrten: Prost!

Wer kann die Angst eines Mannes ermessen, der, in eine Uniform gesteckt lernt, auf Ziele zu schießen, wenn er den ersten Menschen sieht, der tödlich getroffen fĂ€llt – um nie wieder aufzustehen? Über diesen Schrecken half noch nicht einmal der Alkohol hinweg, kostete doch eine Flasche Bier in den russischen Weiten weit mehr, als der Sold vertrug.

Betrug ist das Anagramm von Geburt und so wurden sie um ihr Leben betrogen, lernten nur, wie sie ĂŒberleben konnten – und das oft auf Kosten von anderen. Der Preis war hoch, es war der Preis des Nicht-Sehens, des Nicht-SpĂŒrens, des Nicht-lieben-könnens, nie mehr. Konnten die Soldaten bei ihrer RĂŒckkehr noch ein liebendes GegenĂŒber sehen? Konnten sie ihre Frauen, ihre Kinder wahrlich lieben? Sicherlich nicht. Sonst wĂ€re vieles anders geworden. Sicher.

Alles fĂŒr die Katz #22

bebra 064

Katzen im Schaufenster

Es gibt so Tage… Freitag war ich zum Faschingsauftakt in Röttenbach – und habe gleich Samstag frĂŒh am Computer gesessen und geschrieben. Da ich keinen Fernseher habe, sah ich erst zu diesem Zeitpunkt, was am Abend vorher passiert war. Tja. Ich hab mir einiges angeguckt, einiges dazu gelesen, und alles wieder ausgeschaltet. Heute waren wir dann auf den Spuren der heiligen Walburga unterwegs, haben in EichstĂ€tt ihr Grab besucht, waren in Heidenheim, wo ihr ehemaliges Kloster steht und sind auf dem RĂŒckweg noch in Wolframs Eschenbach, dem Geburtsort von Wolfram von Eschenbach, vorbeigefahren. Deswegen kommt „Alles fĂŒr die Katz“ erst jetzt.

Die Stoffkatzen hatte ich vor einiger Zeit bereits in einem Schaufenster gesehen, und sie fotografiert, eigentlich mit dem Gedanken, ich könnte sie ja selbst nachnĂ€hen. Aber wie das mit manchen Dingen ist, sie werden schlussendlich nicht verwirklicht. Ich finde sie allerdings immer noch hinreißend, weiß aber andererseits genau, dass ich gar nicht wĂŒsste, wohin ich mit solcher Deko in der Wohnung sollte.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles fĂŒr die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. und 15. des Monats machen. Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans ĂŒber schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles fĂŒr die Katz” dabei ist.

12 Bilder vom 12. November

Heut ist und bleibt das Wetter trĂŒb, so ein richtig grauer Novembertag eben. Das ist aber ganz passend, da muss ich nicht weit in die Welt schauen, sondern gucke mal, was direkt vor meiner Nase liegt und somit gerne ĂŒbersehen wird. Nach einem geruhsamen Vormittag am Schreibtisch gibt es Pizza, die mit dem (fast) neuen Backstein richtig knusprig wird. Anschließend Kaffee – irgendwie muss ich ja munter werden. Schließlich will ich noch jemanden besuchen. Kommt ihr mit?

12vom12 002

Walberla

Vom Parkplatz aus geht es links am Walberla entlang, einem Tafelberg unweit von Forchheim, auf dem bereits die Kelten zu Hause waren.

12vom12 011

Kreuz am Walberla.

Das Kreuz steht auf halber Höhe und ist von weitem gut zu sehen.

12vom12 012

Luftballon am Walberla

Dem Luftballon ging wohl die Luft aus. Jetzt liegt er im Gras.

12vom12 014

Walburga am Walberla.

12vom12 015

Walburga

Oben auf dem Berg ist eine kleine Kapelle, die leider fast immer geschlossen ist. Vor der Kapelle steht die heilige Walburga. Sie kam aus SĂŒdengland nach Franken, um den Menschen hier den christlichen Glauben zu bringen. Als das Schiff, mit dem sie reiste, den Ärmelkanal ĂŒberquerte, stĂŒrmte es. Die Legende erzĂ€hlt, dass Walburga auf dem Deck des Schiffes kniete und betete, so lange, bis es sicher im Antwerpener Hafen einlief. Sie ist deswegen die Schutzheilige gegen Sturm und Patronin der Seeleute.

Ich wollte von ihr wissen, wie es damals war, als sie einfach England verließ und ihren BrĂŒdern folgte, die bereits hier in Franken wirkten. Was wohl die Menschen zu ihr sagten, die hier lebten und denen sie von Gott erzĂ€hlte.

12vom12 019

Blick vom Walberla.

Von hier oben lĂ€sst sich trefflich schauen – und sehen, wie dicht die Ebene bebaut ist. Wenn die Sicht gut ist, kann ich die HochhĂ€user von Erlangen, den Fernsehturm von NĂŒrnberg oder die Altenburg von Bamberg sehen.

12vom12 020

Oben auf dem Walberla.

Ein Gedenkstein aus dem Jahr 1911 erinnert daran, dass in Forchheim vor 1000 Jahren einst Konrad I. zum König gewÀhlt wurde.

12vom12 023

Teebeutel am Walberla.

Im Gras lag ein Teebeutel, leider war nirgends eine Tasse oder ein Wasserkocher in Sicht.

12vom12 022

Walburga auf dem Walberla.

Das Plaudern mit Walburga war sehr nett, doch irgendwann ist immer Zeit, zu gehen. Ich nehme einfach den Weg, der auf der anderen Seite wieder hinunter zum Parkplatz fĂŒhrt.

12vom12 008

Am Walberla.

Jetzt ist kein Laub mehr an den BĂ€umen, dafĂŒr diese puscheligen, ja, was eigentlich?

12vom12 028

Am Walberla.

Mit solchen Stein- und BretterwÀllen haben die Kelten die ZugÀnge gesichert. Sie hatten hier oben eine ganze Stadt errichtet, obwohl es keine einzige Quelle auf dem Berg gibt.

12vom12 024

Am Walberla.

Bemooste Zweige…

12vom12 031

Blick vom Walberla.

Und ein Sonnenuntergang in der Ferne. Jetzt wird es dunkel – es ist Zeit, wieder heimzukehren. Bis zum nĂ€chsten Mal.

Die anderen Bilder vom 12. gibt es hier, bei Draußen nur KĂ€nnchen.

Eine leere HĂŒlle nur

Das letzte Mal, als ich dich sah, hast du auf dem Sofa gesessen, im Wohnzimmer. Dabei war das nicht dein Platz. Hier lag die Oma beim Fernsehen, oder lackierte sich am Tisch die NĂ€gel, wenn das sonntĂ€gliche FrĂŒhstĂŒck beendet war. Sie feilte, entfernte den Nagellack, trug neuen auf, weiße Tischdecke an Beethoven und Bartholdy. Kultur gehörte dazu, auch wenn es niemanden gab, der das zu wĂŒrdigen schien.

Du hast auf dem Sofa gesessen, Kissen um dich herum, ĂŒber deinen Beinen lag eine Decke. Es war ein Sitzen ganz ohne Spannung, ohne Haltung, die hattest du verloren, oder sie hatten sie dir genommen, im Krankenhaus, aus dem du gerade zurĂŒckgebracht, sie hatten dich geöffnet – erzĂ€hlte irgendwer – und nichts mehr gemacht, gleich wieder zugeklappt, als seist du ein Schrank, in dem die Tassen gezĂ€hlt und fĂŒr vollzĂ€hlig befunden, nur stand jetzt eine mehr herum und die hieß: Krebs.

Neben dir ein schmaler weißer Kasten, du hattest SchlĂ€uche, die von den Ohren bis zur Nase, bis in die Nase reichten. Sauerstoff, erklĂ€rte jemand. Wir redeten nicht. Wir hatten vorher nicht geredet, warum sollten wir es jetzt tun, so kurz vor dem Ende oder was es auch immer sein wĂŒrde. Zu allen Besuchen wurde geschwiegen, erst in der TĂŒr, auf der Schwelle quasi, fing das Reden an und zog sich – zum Ärger desjenigen, der es eiliger hatte und deswegen ungeduldig zappelte – manchmal lange.

Kann das, was ein Leben lang versÀumt wurde, in ein paar Minuten gesagt werden?

Du hast auf dem Sofa gesessen, du hast gegrinst, so wie immer. FĂŒr mich sah das aus wie: Es passiert nichts, es ist alles in Ordnung, so wie immer. Ich blieb nicht lange, und wir sprachen nicht miteinander, außer: guten Tag und noch ein TschĂŒss oder ein Aufwiedersehen.

Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein wĂŒrde, doch wenn ich es gewusst und in seiner Tragweite erkannt hĂ€tte, hĂ€tte es denn etwas geĂ€ndert?

sylt 2801

Komtur: Bronzeskulptur von Anna Chromy auf dem Friedhof von St. Severin, Sylt

Das ist mein Beitrag zum Black and White im November bei Czoczo. Klick auf das Logo – dort ist der Link zu den anderen BeitrĂ€gen:

BW2015L-550

Interview mit einer Gans

Guten Tag, Frau Gans! Wie geht es Ihnen? Wie fĂŒhlen Sie sich, wenn Sie an den morgigen Martinstag denken?

Gans:  Bis jetzt geht es mir ganz gut, danke der Nachfrage. Aber Martinstag ist fĂŒr uns GĂ€nse wirklich ein Graus: Uns wird der Hals umgedreht, wir werden ausgezogen und nackt und bloß mit lauter GewĂŒrzkram in die Bratröhre gestopft. Normalerweise werden wir GĂ€nse ja zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, wenn man uns vorher eben nicht den Hals umdreht.

Aber ist das denn keine Ehre fĂŒr Sie, wenn Sie als Festtagsbraten auf dem Tisch liegen?

Gans:  Ach wissen Sie, wir GĂ€nse haben doch schon so viel fĂŒr euch Menschen getan: Es ist ja historisch verbĂŒrgt, dass die GĂ€nse im Tempel der Juno in Rom vor dem Überfall der Gallier warnten. Nur gedankt wurde es uns schon damals nicht. Und ĂŒberhaupt, wenn ich an die Gallier und ihre barbarische Sitte der GĂ€nseleberpastete denke, wird mir schon ganz blĂŒmerant.

Was bedeuten denn wir Menschen fĂŒr euch GĂ€nse?

Gans: Einige Menschen haben uns und unsere Taten ja fĂŒr die Nachwelt festgehalten: Wilhelm Busch zeichnete beispielsweise, wie zwei von uns einen Schneider aus dem Wasser retteten und an Land flogen. Und das, obwohl wir eigentlich nur ein Gewicht tragen können, welches unserem eigenen entspricht, also etwa zehn bis zwanzig Kilogramm. Aber vielleicht war es ja ein leichter und fast verhungerter  Schneider, der höchstens vierzig Kilo wog.

Warum kommen eigentlich so viele Ihrer Verwandten hierher?

Gans:  Die WildgĂ€nse kommen vorsorglich in großen Scharen aus dem Norden, sie ĂŒberwintern hier. Ihr Menschen friert, fĂŒr uns ist es kuschelig warm.

Haben Sie denn keine Angst?

Gans: Angst? Ich? Ach wo. Ich bin da voller Zuversicht. Immerhin haben mir die Kinder im Sommer den Namen Auguste verpasst und mir die Geschichte von einer Weihnachtsgans  vorgelesen, die auch so hieß und glĂŒcklich und zufrieden mit ihrer Familie lebte. Die bekam sogar zu Weihnachten einen hĂŒbschen Pullover gestrickt. So etwas könnte mir auch gefallen. Entschuldige bitte, dass ich es jetzt eilig habe, aber es wird inzwischen immer so schnell dunkel – und ich habe noch Hunger. Bis spĂ€ter!

aischgrund 243

Zeit zu gehen

Es regnete, als wolle die Insel mich mit ihrem Wasser von sich spĂŒlen…

Am Samstag war ich – gemeinsam mit weiteren vier Mitschreiberinnen – mit dem Bus in Keitum, kurz bevor dieser hielt, begann es zu regnen und regnete in einem fort, bis jetzt und wahrscheinlich noch, bis wir morgen endlich wieder abreisen. Des Regens wegen waren wir in einer Töpferei, ich meine, wir hĂ€tten alles genommen, was auf dem Weg lag und ein dichtes Dach bot, warum also nicht die Töpferei – doch ich fand zwei schöne Tassen, passend groß fĂŒr Tee. Die werde ich ordentlich polstern und im Koffer verstauen, auf dass sie heil mit mir nach Hause kommen. Tee ist gut, Tee ist immer gut, vor allen Dingen bei einem solch nassen Wetter.

In einem kleinen TeehĂ€uschen in Keitum war fĂŒr fĂŒnf Weibsen kein Platz mehr frei, also fuhren wir zurĂŒck mit dem Bus nach Westerland, suchten das Cafe Wien, von dem andere bereits geschwĂ€rmt, fanden es, sogar einen Platz, wĂ€hlten Kuchen und Kaffee.

Irgendwann ging es zurĂŒck zum letzten Teil der Schreibkurses, einem Abschiedsabend, von dem ich mich schnell verabschiedete, einer letzten Nacht im Bett von Puan Klent, einem strahlenden Sonnenaufgang, einem letzten FrĂŒhstĂŒck, zusammenrĂ€umen, Koffer schnappen, ins Taxi packen und auf nach Westerland, in den Zug zurĂŒck nach Hamburg.

sylt 292

Sonnenaufgang auf Sylt

Und weil das Internet hier zu Hause wieder geht, gibt es wenigstens das Bild vom Sonnenaufgang.