Kein Wunsch mehr ├╝brig

Er hatte ├╝berlebt – und dabei alle seine W├╝nsche aufgebraucht. Ein Mensch braucht nur wenig, eine Hose, eine Jacke, einen Stift und ein Blatt Briefpapier, gelegentlich ein St├╝ck Brot und eine Decke. Alles andere war Gl├╝ck, mit dem sich die kleinen Widrigkeiten des Lebens leicht stemmen lie├čen. Was war schon ein zerbrochener Teller gegen einen Lungensteckschuss, ein stumpfer Rasenm├Ąher gegen blanke Finger beim Funken, w├Ąhrend 25 Grad tiefer Frost biss, der selbst den Diesel der Panzer erstarren lie├č. Nur Verschwendung lie├č er nie wieder zu, brauste auf, wenn Brotkr├╝mel fielen, Kartoffeln nicht hauchd├╝nn gesch├Ąlt oder Fr├╝hst├╝cksbrot nicht gegessen wurde.

Tagebuch am 5. November

Auf Sylt war der Tag sehr strukturiert, begann mit Aufstehen, Duschen und Fr├╝hst├╝ck im Speisesaal. Anschlie├čend war noch Zeit, ich ging zum Watt. Vor einer halben Stunde war Hochwasser, alles war nass, ich lief links am Ufer entlang, immer weiter, bis vorne zur kleinen Landspitze. Da steckte tats├Ąchlich eine Rose im Sand. Seltsam.

Ich kam etwas zu sp├Ąt zum Schreiben und verpasste die kleine Gymnastik, was f├╝r ein Gl├╝ck. Diese gef├Ąllt mir etwa so, wie Lyrik, also eher nicht.

Als Impuls gab es einen ersten Satz, den ich ein klein wenig ver├Ąnderte:

„S. blickte auf. G.’s Finger tanzten ├╝ber die Tasten, er stierte wild auf das Manuskript.“

Doch das war nur ein Traum. In Wirklichkeit hatte G. nie ├╝ber das geredet, was er erlebt hatte, er hatte nur immer gel├Ąchelt. Wagte eines der Kinder zu fragen, verfinsterte sich seine Miene und sie verzogen sich, lernten, nie mehr zu fragen, nie nachzufragen, lernten, dass es Dinge gab, die beschwiegen wurden, die verschwiegen wurden und dass es Geheimnisse gab, die nicht am Heiligen Abend gel├╝ftet wurden.

Nicht sprechen, nicht denken, nicht daran-denken. Die Kinder lernten gut und sie lernten so gut, dass sie auch in ihrem eigenen Leben Dinge fanden, ├╝ber die sie nicht sprechen w├╝rden, die sie nicht wissen wollten, sie selbst nicht und andere schon gar nicht. Ein Sohn in der Psychiatrie? Ihm geht es gut, versicherte die Mutter, als sie von ihrer Schwester nach seinem Befinden gefragt wurde, weniger aus Mitleid, denn mit der Genugtuung, dass ihre eigenen Kinder besser und t├╝chtiger geworden.

Im Nichtsprechen waren alle gro├čartig, die Zeit des Schweigens ist bis heute nicht vorbei. Als die Tanten vernahmen, dass die Nichte ihre Finger und Augen in die verborgenen Geheimnisse des Vaters steckte, gar dessen Briefe las, r├╝ffelten sie diese in selten trauter Einigkeit, als sei sie ein unartiges Kind, das unerlaubt den Schrank ge├Âffnet, in dem die Weihnachtsgeschenke versteckt.

Nach dem Text gab es erst einmal Pause und eine kleine Theorie ├╝ber unterschiedliche Erz├Ąhlperspektiven, es galt, noch einmal zu schreiben, bis endlich Mittagszeit war.

Mittagessen gemeinsam im Speisesaal, anschlie├čend wollte ich mit einer Begleiterin nach Westerland fahren. Der Bus war gerade fort, doch eine Autofahrerin sah unser Winken, sie hielt und brachte uns zum Ziel. Dort wanderten wir zur Strandpromenade, an dieser entlang, bis Wenningstedt, wollten dort mit dem Bus zur├╝ck, sahen ein Schild „Friesenkirche“ und mussten bis dorthin noch ganz sch├Ân weit laufen. Die Begleiterin wurde schneller und schneller, als w├╝rde die Kirche pl├Âtzlich verschwinden, wenn wir nicht rechtzeitig w├Ąren. Doch sie war da, sogar offen, sehr nett (nein, es gibt keine Bilder, ich bin froh, dass das Internet ├╝berhaupt funktioniert).

Mit dem Bus kamen wir p├╝nktlich zum Abendessen zur├╝ck nach Puan Klent, der Text von vor dem Mittag wurde besprochen, noch eine kleine ├ťbung zum Abschluss, dann war der Tag geschafft. Und ich auch.

Die anderen Tagebucheintr├Ąge gibt es wie immer bei Frau Br├╝llen.

Knotenpunkte #1

Befehle sind zu befolgen, waren einst zu befolgen. Wer sie nicht beachtete, sich ihnen widersetzte oder gar mi├čachtete, wurde bestraft, oft mit dem Tod. Ganz ohne ein: das-hab-ich-nicht-gewollt, oder ein das-hab-ich-nicht-gewusst, auch ein das-hab-ich-nicht-so-gemeint. Gesagt war gesagt, getan war getan, wer vorher nicht ├╝berlegte, dem blieb anschlie├čend nur selten Gelegenheit dazu.

Der Ring, der einst Gehorsam hie├č, war bindender als jedes andere Versprechen. Den jungen Menschen, die als Soldaten ziehen mussten, blieben nur die Sehnsucht nach dem Weihnachtsbaum, die Erinnerung an warmen Kerzenschein, an den Kartoffelsalat und die Brat├Ąpfel, die wenigen Geschenke, wie warme Socken und selbstgestrickte Handschuhe. „Ich denke an dich“ stand millionenfach in Feldpostbriefen, sie w├╝nschten sich nichts lieber, als Weihnachten daheim zu sein.

Doch es lagen mehr als 1000 Kilometer zwischen ihnen, den Soldaten und denen, die zu Haus geblieben, es gab kein Entrinnen. Weder aus der russischen K├Ąlte – es sei denn in die W├Ąrme einer Bauernkate und um den Preis, dort gemeinsam mit Schweinen und anderen Tieren unter einem Dach zu hausen. Die Alternative war der Tod, allgegenw├Ąrtig und hinter jeder Ecke, jeder Schneewehe lauernd.

Keiner wusste, was kommen w├╝rde, sie wurden getrieben von den Befehlen, von dem, was anscheinend getan werden musste, und berauscht von allem, was bisher geschah.

Die Schweine, die mit in der Stube hausten, landeten bald im Kochtopf, f├╝r diese war das kurze Leben vorbei. Die Menschen, die hier ihre Heimat hatten und ├╝berlebten, wurden nur drei Jahre sp├Ąter verurteilt. Kollaboration mit dem Feind lautete der Vorwurf, Deportation war die Folge.

Zum Meer gehen

Immer war schon jemand vor mir da, deswegen gehe ich weiter den Strand entlang, immer noch ein St├╝ck weiter und noch ein St├╝ck, aber die Spuren, die ich sehe f├╝hren noch weiter und h├Âren ├╝berhaupt nicht auf, obwohl hier der Sp├╝lsaum ist, von dem sie doch regelm├Ą├čig entfernt werden, ausgel├Âscht, so wie meine Spuren sp├Ąter auch, sp├Ątestens um kurz vor f├╝nf.

Das Meer hat mir noch nie gefehlt, obwohl ich als Kind die Geschichten las, aus dem alten Buch, das vom Gro├čvater war, glaube ich, von Ekke Nekkepen und Inge von Rantum, ich wusste nur Nordsee und das war sagenhaftes M├Ąrchenland, schien unerreichbar, wie so vieles andere auch.

Jetzt bin ich hier, in Wirklichkeit, in der Wirklichkeit, die anders aussieht, als ich sie mir seinerzeit, damals als Kind also, so ausgemalt. Hier ist kein wei├čer Strand, hier ist gar kein Strand, hier ist ein halb-und-halb, ein irgendwie, ein nicht-mehr-Land und noch-nicht-Meer, ein nicht fassbarer ├ťbergang.

In der Dunkelheit ragen die D├╝nen wie graue Ascheh├╝gel auf, abgekippte Reste, achtlos zusammengeschoben, wie die alten M├╝llkippen von fr├╝her, auf denen die Reste schwelten und brannten.

Der Strand, der Rand der Erde, hier, jetzt und heute ist kahl, wollig, struppig, der Teer faltig wie alte Haut oder alter Pudding, kalt mit Faltenkr├Ąuselhaut, z├Ąh wie Gummi.

Am Horizont h├Ąngt Nebel, verh├╝llt die Sicht, verhindert Weite in jeder Richtung, hier sitze ich fest, nein, hier stehe ich und kann nicht weiter, komme nicht weg.

Das Gras unter den F├╝├čen federt, der Strand ist so tr├╝gerisch wie meine Erinnerungen, alles rutscht und gleitet, auch die Schuhsohlen ├╝ber den Asphalt, dort, wo der Seetang liegt ist kein Halt, es ist nass und rutschig und als ich nicht achtgebe, rutsche ich aus, falle auf die Knie, stehe auf, rutsche noch einmal weg. Der Boden tr├Ągt nicht, tr├Ągt mich nicht sicher und aus den Muscheln, die geschlossen reiche Sch├Ątze versprechen, rieselt nur ein wenig Sand, auch die Krabbenpanzer liegen leer.

Ich bin auf der Suche, auf der Suche nach Schalen mit und ohne Inhalt, hier am Ufer von Sylt, das keines ist, sondern ein Wechselbad, ein Wechselbalg, eine schwankende Angelegenheit, der ich nicht trauen und auf der ich nicht gr├╝nden kann. So wie Erinnerungen nicht zu trauen ist. Das Gras liegt wie zerrupfte Wolle vor mir, ich ziehe, halte einen Faden in der Hand, knote ihn an den n├Ąchsten, weil neues Einf├Ądeln schwerer ist und webe ein neues Kleid, mit dem Duft nach fauligem Fisch und Schlick.

Ich vergleiche das, was ich hier sehe, mit dem Bild, das ich von den Sylter Nordsee-Sagen habe – und wei├č nicht, ob der Gro├čvater je hier gewesen, er h├Ątte ja gekonnt, irgendwann so sehr viel fr├╝her.

Dass er dagegen an der Ostsee war, ist sicher, das geh├Ârt zum Erz├Ąhlbaren, zu den Erinnerungen, von denen es Beweise gibt, Fotos.

Alles f├╝r die Katz #21

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Katzen in Variationen

Ich finde, Katzen kann es nie genug geben – und deswegen mag ich es auch, wenn ich sie irgendwo als Illustrationen finde, wie hier auf diesem Plakat in einem Fenster in Malaga.

Leider hat die Fensterscheibe immer noch so sehr gespiegelt, dass das Foto leider nicht deutlicher geworden ist.

Allein das Wortspiel „Vacationes“ gef├Ąllt mir sehr, obwohl ich nun wirklich kein Spanisch kann.

 

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Wer sich gerne am Projekt ÔÇťAlles f├╝r die KatzÔÇŁ beteiligen m├Âchte, kann das an jedem 1. und 15. des Monats machen. Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans ├╝ber sch├Âne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei ÔÇťAlles f├╝r die KatzÔÇŁ dabei ist.

Heute wird es allerdings etwas dauern, bis ich auf Eure Verlinkungen antworten kann. Ich bin mit dem Zug nach Sylt unterwegs. Sobald ich angekommen bin und ein wenig verschnauft habe, melde ich mich. Versprochen.

P.S. Jetzt hab ich was versprochen, das ich doch nicht einhalten kann. Hier z├Ąhlt das Internet wirklich jedes einzelne Bit nach, damit auch keines verloren geht. Deswegen kann ich mir weder Eure Bilder angucken, noch hier Bilder hochladen. Vielleicht geht es irgendwann einmal, im Moment jedenfalls nicht. Texte kann ich schreiben, das war es aber auch. Also m├╝sst Ihr Euch gedulden, bis ich am 9. November zur├╝ck bin. Aber das geht schon, da bin ich mir ganz sicher. ­čÖé