Kain und Abel – zwei BrĂŒder

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: „Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.“

Doch eigentlich hat sie ja noch gar keinen Mann, sondern einen hilflosen SÀugling, der weint und schlÀft, der lacht und gluckst, mit den HÀndchen patscht und gestillt werden will.

Kain wĂ€chst und bekommt von Eva Möhrenbrei und Fencheltee, fĂŒhlt sich riesig, wenn er von ihr getragen wird – so kann er genauso weit gucken, wie sie. Und Kain ist ein aufgewecktes und neugieriges Kind, so wie eigentlich alle Kinder sind.

Eva putzt und kĂŒmmert sich

Eva putzt, rĂ€umt und kocht, kĂŒmmert sich um Kind und WĂ€sche, Haus und Garten. Nebenher hat sie ihren Sohn, den erstgeborenen Kain. Von Adam ist an dieser Stelle in der Bibel nicht die Rede. Was macht Adam den ganzen Tag lang? Zieht er mit den Herden umher, damit die Schafe immer frisches Gras fressen können, geht er auf die Jagd, damit Eva dann den Braten mit Knoblauch spicken kann und bestellt er die Felder, damit Getreide fĂŒr Brei und Brot im Haus?

Adam ist abwesend. Vielleicht kommt er abends völlig fertig nach Hause – und wenn Eva ihm Kain reichen will, wehrt er ab: „Lass mal, ich kann mit so kleinen Kindern nichts anfangen“, isst seinen Abendbrei und legt sich erschöpft schlafen.

Sie gebar ein zweites Mal, nÀmlich Abel, seinen Bruder.

Ich nehme einmal an, dass Kain vielleicht noch nicht ganz drei Jahre alt gewesen sein könnte: Ein Alter, in dem die Kinder schon „Ich“ und „Nein“ sagen können, und doch noch in den meisten FĂ€llen die vertrauensvolle NĂ€he zur Mutter brauchen. Denn sie brauchen diese Liebe und den liebevollen Blick, der sie ins Leben zieht genauso, wie die Milch, genĂŒgend Schlaf und ab und an eine frische Windel.

Auch der Vater spielt gerade fĂŒr das mĂ€nnliche Kind eine sehr wichtige Rolle, nicht nur, weil er mit ihm tobt und rangelt, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt.

Denn irgendwann merkt der kleine Junge, dass er nicht so werden wird wie die Mama, dass er gar nicht so werden kann, auch wenn ihm die Mama das Liebste auf der Welt ist – und weswegen er den Vater auch schon mal zur Seite schieben will: Was der große Kerl da bloß will, das ist seine Mama, seine allerliebste Frau auf Erden, die er heiraten will, gleich dann, wenn er groß ist.

Nur so, wie die Mama ist, kann er nicht werden. Er wird, wenn er groß ist, keine Frau, die Kinder bekommen kann, sondern ein Mann. Und hier ist jetzt der Vater immens wichtig, der den Kleinen an die große Hand nimmt und ihm zeigt, wie er – statt zu Hause Kartoffeln zu schĂ€len und WĂ€sche zu waschen – mutig die Schafe vor dem Wolf beschĂŒtzt und die schwere Arbeit auf dem Feld verrichtet, damit die Familie etwas zu essen hat und die Mama stolz auf ihn sein kann.

Ich denke, Adam hat das irgendwie verpasst, warum auch immer. Vielleicht musste er mit den Schafen so weit ziehen, bis sie grĂŒnes Gras zu fressen hatten oder vielleicht war das Feld so weit weg im nĂ€chsten Tal, was weiß ich denn. Es steht davon ja nichts in der Bibel. Stattdessen steht geschrieben, dass Eva noch einen zweiten Sohn bekam, Abel.

Jetzt war Kain nicht mehr wichtig, so schien es ihm. Und so geht es vielen Erstgeborenen, wenn das nÀchste Kind kommt. Ein wenig ist es vom Alter abhÀngig und der Entwicklungsstufe, in der sie stehen, ob ihnen der Verlust der Einzigartigkeit schwerer oder leichter fÀllt.

StĂ€ndig trug jetzt die Mama den anderen, den Bruder, den Widersacher, schaukelte ihn, schmuste mit ihm – und Kain musste zugucken, wie Abel an der Brust trank. Kain dagegen wurde von der Mutter weg geschoben, wenn er auch von der sĂŒĂŸen Milch trinken wollte: „Du bist doch jetzt groß“, tröstete ihn Eva. Doch fĂŒr Kain war das kein Trost. Der Papa war nicht da und die Mama hatte jemand anderes im Arm.

Wilhelm Busch hat ĂŒber die Dramatik dieser Situation ein passendes Gedicht geschrieben:

„Die Tante winkt, die Tante lacht:
He Fritz, komm mal herein!

Sieh welch ein hĂŒbsches BrĂŒderlein

der gute Storch in letzter Nacht

ganz heimlich der Mama gebracht.

Ei ja, das wird dich freun! –

Der Fritz, der sagt ganz kurz und grob:

Ich hol’n dicken Stein und schmeiß ihn

an den Kopp!“

FĂŒr Kinder kann die Ankunft eines neuen Geschwisterchens tiefgreifend grausam sein. Etwa so, als wenn der geliebte Partner einem frohen Gesichtes eines schönen Abends erklĂ€rt, dass demnĂ€chst noch jemand einziehen und mit ihnen leben wird: „Und dann könnt ihr Euch die Anziehsachen im Schrank, die Schuhe und das Schminkzeug schön teilen – ich habe euch alle beide dann genauso lieb“. Na, wer das glaubt und mit einer Nebenfrau nicht eifersĂŒchtig werden wĂŒrde, der lĂŒgt, denke ich.

Kain ist eifersĂŒchtig auf seinen Bruder und neidisch. WĂ€re jetzt Adam da und nĂ€hme ihn an der Hand und wĂŒrde sagen: „Komm mit, lass die beiden da zu Hause hocken – wir gehen jetzt hinaus in die große weite Welt, denn du bist doch mein großer Sohn“, vielleicht hĂ€tte Kain dann etwas gefunden, auf das er stolz gewesen wĂ€re. Und niemand hĂ€tte ihm diesen Stolz auf seine Leistung nehmen können.

Aber davon erzÀhlt die Bibel leider nichts.

Kain ist neidisch. Und weil er neidisch ist, denkt er, dass es Abel einfach besser hat, dass Abel alles besser kann und dass Gott Abel auch noch viel lieber hat.

Und vielleicht wĂ€re die biblische Geschichte anders ausgegangen, wenn Eva ihren Kain nicht immer weggeschubst hĂ€tte, weil er sie beim Stillen von Abel störte. Großen Kindern hilft es, wenn man sich Zeit nimmt, sich ganz allein mit ihnen beschĂ€ftigt, mit ihnen ein Bilderbuch ansieht oder einfach nur schmust und singt, mit ihm einen großen Turm baut oder Ă€hnliches. Kain hĂ€tte die Gewissheit so sehr gebraucht, dass die Mama trotzdem noch fĂŒr ihn da ist.

Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.

Jeder hat etwas, wo er arbeitet und schafft und sich ĂŒber das Geschaffene und Geleistete freuen kann. Doch Kain ist immer noch neidisch, auch wenn sich Abel einen Bereich gewĂ€hlt hat, in dem sich die beiden BrĂŒder ĂŒberhaupt nicht direkt vergleichen können: Denn man kann nicht einfach einen Sack mit Gerste neben ein Schaf legen und sagen, das sei das Gleiche.

Neid ist ein Affekt, ein GefĂŒhl, eine Leidenschaft, eine heftige Bewegung, eine Erregung des psychophysischen Organismus, der meistens zu einer Handlung drĂ€ngt. Der Mensch ist unfrei, seinem Neid, wie auch Wut, Zorn, Hass, Eifersucht, Angst, Trauer, Geiz und Misstrauen ausgeliefert. Der neidische Mensch fĂŒhlt sich ohnmĂ€chtig, will sich mit seinem Neid in der Krisenlage selbst behaupten.

Eine MerkwĂŒrdigkeit dieser Affekte ist dass sie in der Regel „Ersatz fĂŒr ein nicht vollzogenes oder geleistetes GefĂŒhl ist“. Im GefĂŒhl sind wir Menschen mit der Welt verbunden, alle sind gewissermaßen Spielarten der Liebe: Ob Freude, Mitleid und GĂŒte, Mut und Höflichkeit.

Im Neid dagegen wird die Bewunderung und Liebe fĂŒr die VorzĂŒge des anderen versĂ€umt. Kain liebt seinen Bruder nicht, hat ihn, der ihn von Evas Seite quasi schubste, nie geliebt. Abel war fĂŒr Kain immer der Rivale, den es zu besiegen galt.

Als Älterer musste er einfach besser sein, als der Kleine. Doch Abel ist auch groß geworden. Und vielleicht wurde er deswegen Schafhirt, weil Kain schon Ackerbauer war. So mied er den direkten Vergleich – vielleicht in der Hoffnung, dass der Ältere ihn dann wenigstens anerkennen wĂŒrde.

Doch Neid ist hartnĂ€ckig. Kains Neid ist ein Charakterzug, etwas, was sich nicht wie ein zu klein gewordenes Hemd einfach ablegen lĂ€sst. Alfred Adler beschreibt den Neid in seinem Buch „Menschenkenntnis“ 1926 als einen Charakterzug aggressiver Natur und bringt ihn mit Eitelkeit, Ehrgeiz, Geiz und Hass in Verbindung: Neidische Menschen sind aggressive und feindselige Menschen. FĂŒr Adler ist der Neider ein Opfer seiner eigenen starken MinderwertigkeitsgefĂŒhle, die er durch fortwĂ€hrendes Messen mit anderen zu kompensieren versucht. Er fĂŒhlt sich immer benachteiligt, was in seinem Immer-mehr-und-alles-haben-wollen zum Ausdruck kommt.

Der Neider unternimmt wenig aktive Anstrengung, um seine Lage zu verbessern. Er ist neidisch – und das reicht ihm. WĂŒrde er sich dagegen selbst entfalten und entwickeln, dann wĂŒrde er selbst bei offensichtlicher Benachteiligung nicht neidisch, sondern zufrieden mit seiner Leistung sein.

Kain ist nicht zufrieden mit sich und seiner Leistung. Und weil er nicht mit sich eins ist, sondern neidisch auf seinen in seinen Augen von allen bevorzugten Bruder schaut, dann nehmen die Dinge einfach ihren Lauf, wie sie in der Bibel beschrieben stehen:

Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den FrĂŒchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da ĂŒberlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum ĂŒberlĂ€uft es dich heiß, und warum senkt sich dein Blick?

Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der TĂŒr die SĂŒnde als DĂ€mon.

Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr ĂŒber ihn!

Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

Nicht immer vertragen sich Geschwister so gut wir die Schweinchen auf dem Bild

Regensonntag

So ist das mit den VorsĂ€tzen: kaum wollte ich öfter schreiben, kommt mir ein Schnupfen in die Quere. Deswegen habe ich das Wochenende wunderbar ruhig verbracht, das Sofa hat mich klaglos ertragen und der Stapel ungelesener BĂŒcher ist ohnehin viel zu hoch. Da kam die Ruhe ganz recht.

Die Lieblingshausziege ist aushÀusig unterwegs, besucht erst Oma und Opa, dann wollte sie noch  ihre neue Nichte bestaunen, das Christkindchen.

Donnerstags kommt die Abokiste. Oft steckt so viel GemĂŒse drin, dass ich einen Teil davon zu Brotaufstrich verbastele. Ich versuche dabei, so weit es geht ohne Dickungsmittel auszukommen, meistens klappt es, manchmal wird es eher ein Dip, in den das Brot eben getunkt wird. Leider fĂŒhrt abwechselndes Kochen und Schreiben zu einer klebrigen Tastatur, weil jedoch die SpĂŒlmaschine keine Option ist, muss ich statt dessen Lappen und Q-Tipps bemĂŒhen. Da der Mitbewohner tagsĂŒber in der KĂŒche schnippelt, kocht und mit dem Tageslicht um die Wette eifert, damit es noch zum Fotografieren reicht, muss ich mit den Zeiten in der KĂŒche vorlieb nehmen, die ĂŒbrig bleiben.

Neulich gehörte Meinung: Ach, ich bin viel zu unwichtig, fĂŒr mich interessiert sich kein Hacker. Dann hoffe ich mal, dass du recht hast.

Eine kleine Buchhandlung gesehen, die offen war, ich gehe rein und schaue mich um. Schön sortiert, viel Unbekanntes, das gefÀllt mir. An der Kasse steht die BuchhÀndlerin und unterhÀlt sich mit zwei Kunden, die sich gleichzeitig auch miteinander unterhalten: Ja, die Kinder von heute, die können noch nicht einmal eine einfache Aufgabenstellung lesen und begreifen. Beide nicken sich wissend zu und erklÀren der BuchhÀndlerin, dass einer von ihnen Mathe- und die andere Deutschlehrerin ist.

Katzmatz hat sich vermutlich geprĂŒgelt, sie ist an der Flanke verwundet. Wir wollten uns die Sache genauer anschauen, das fand sie aber nicht witzig. Inzwischen ist alles trocken, ich kann mit der Hand ĂŒber die Stelle streicheln und sie bleibt ruhig. Heilt.

https://www.instagram.com/p/BslTaOvFmEg/?utm_source=ig_web_button_share_sheet

Angeblich liken auf Instagram ja keine Bots. Poste ich jedoch ein schlichtes Brot, bestrichen mit GĂ€nsefett, habe ich plötzlich Likes vom Karstadt Restaurant und einer Bar aus DĂŒsseldorf. Seltsam.

Mit den Eltern waren wir im Herbst im Höllental wandern, jetzt whatsappte der Vater, dass am Sonntag im SWR eine Sendung ĂŒber ebenjenes, doch ein kurzes Nachgucken zeigte, dass die Sendung nicht ĂŒber das Tal an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, sondern ĂŒber das Höllental in der Eifel informiert. Gucken kann ich trotzdem, vielleicht komme ich ja mal wieder in die Gegend. (Der Mitbewohner grinst, dort war er wĂ€hrend seiner Bundeswehrzeit stationiert. Vermutlich gibt es dann heute – parallel zur Sendung – die Kommentare aus dem Sessel)

Bevor ich gleich wieder das Sofa hĂŒte, koche ich mir noch eine große Kanne Ingwertee. Hilft gegen Wetter, Hals und maulende Katzen gleichermaßen.

Gute VorsÀtze

Wenn ich mir einen Satz ausdenke und vor diesem noch einen weiteren Satz: Habe ich dann einen Vorsatz?

Beginnt ein neues Jahr, sind VorsĂ€tze nicht weit. Immerhin lassen sie sich piepeinfach fassen: Ich denke mir etwas aus, ich wĂŒnsche mir etwas, ich stelle mir vor, wie ich gerne wĂ€re, was ich gerne wĂ€re – wenn ich nicht ganz so bequem und ĂŒberhaupt mehr Zeit haben wĂŒrde. Weil der innere Schweinehund ganz schön fett und feist ist und sich nicht bewegen will, ist das mit dem Vorsatz auch so schwierig. Der Schweinehund liegt vor mir, den Kopf auf die Pfoten gelegt. Will ich ihn hochjagen, zieht er eine Augenbraue hoch und weiß ganz genau: So schnell passiert nichts.

 

Gewohnheiten sind stark, sind stĂ€rker, sind gewöhnlich, ich wohne in ihnen und mit ihnen. Sie sind wohnlich, gemĂŒtlich und ĂŒberhaupt ganz angenehm: Sonst wĂ€ren sie ja keine Gewohnheiten geworden. Ich will dagegen aus den Gewohnheiten heraustreten, wie aus bequemen und ausgelatschten Schuhen und mit bloßen Sohlen durch das Gras hĂŒpfen. Nur nicht heute, wo doch der Schnee ĂŒberall liegt, morgen aber ganz bestimmt, wenn es warm genug ist. Ich will auf pieksigen Steinen laufen, bis die FĂŒĂŸe untendrunter eine Schwiele gebildet haben und gelegentlich in neue Schuhe schlĂŒpfen, die hier noch reiben und dort noch drĂŒcken. Ich will so lange durchhalten, bis diese bequem und eingelaufen sind, gewissermaßen neue Gewohnheiten werden – das erfordert Geduld und Muße.

Manchmal fehlt sowohl die Muße als auch die Geduld. Trotzdem schleichen sich manche neue Gewohnheiten einfach ein, gleichgĂŒltig, ob nun gerade Jahresanfang war oder nicht..

Und manchmal gelingen diese sogar.

Denn: Ich kaufe immer noch fast nichts, was ich nicht unbedingt brauche. Ich freue mich an den Dingen, die in Schaufenstern stehen und wundere mich, was es alles so gibt. WofĂŒr Menschen ihr Geld ausgeben. Und auf das GlĂŒck hoffen, das sie so kaufen. Oder auch nicht. (Meistens wollen diese Dinge ja bedient werden und ich mag nicht mehr der Diener meiner Dinge sein).

Darum mache ich das alles

Auf die Frage:
“WofĂŒr steht Ihr? In was fĂŒr einer Welt wollt Ihr leben –  und was tut ihr dafĂŒr? Woran sollen sich die Nachfolgenden erinnern, wenn sie von Euch reden?”
antworte ich mit ein paar kleinen Geschichten:
Als ich studierte, mit Kind und wenig Geld, traf ich eine Kommilitonin beim Einkauf. Wir quasselten ĂŒber dies und das, plötzlich fiel ihr ein: „Och, ich muss mir noch frisches Brot kaufen, ich hab nur noch welches von gestern“.
Wie? Brot von gestern?
„Und was machst Du mit dem alten Brot?“, fragte ich zurĂŒck.
„Das werfe ich weg“, war die Antwort.
Ich war sprachlos. Auch wenn ich mir bis dahin wenig Gedanken ĂŒber Lebensmittel gemacht habe, und die Sparsamkeit meiner Urgroßmutter etwas lĂ€stig fand, wenn sie mich ermahnte, die Kartoffeln bitte nur ganz dĂŒnn zu schĂ€len. Brot wegzuwerfen, nur weil es einen Tag alt war, das ging mir irgendwie zu weit.
.

Manchmal kommt es auf die richtige Richtung an.

Es muss in der zweiten Klasse gewesen sein, so etwa. Wir sollten zu Hause einen Aufsatz schreiben. Das eigentliche Thema habe ich lĂ€ngst vergessen, ich weiß nur noch: Ich habe glĂŒcklich im Brockhaus-Lexikon gestöbert, gelesen und dann meine frisch gewonnenen Kenntnisse ĂŒber die griechische Göttin Hygieia im Aufsatz niedergeschrieben. Am nĂ€chsten Tag sammelte die Lehrerin die Hefte ein. Einige Tage spĂ€ter begegnete ich ihr auf dem morgendlichen Weg zur Schule. Sie stellte Fragen zu dem von mir gewĂ€hlten Aufsatzthema. Auch wenn ich erst acht Jahre alt war, nahm ich die Absicht wahr und war verstimmt: Die Lehrerin glaubte mir irgendwie nicht, dass ich etwas davon wusste, worĂŒber ich geschrieben hatte. Ich war einigermaßen sauer und betrachtete die bis dahin hochverehrte Lehrerin mit Argwohn, ob sie das, was sie sagte, auch wirklich so meinte.

RĂŒckten mein Geburtstag oder Weihnachten nĂ€her, wurde ich als Kind unruhig. War ich allein zu Hause, habe ich nachgekramt, was die Eltern so alles versteckt hatten. Ich war neugierig. Sehr sogar. Die Neugier hatte einen ganz konkreten Grund: Ich wollte wissen, was ich geschenkt kriegen wĂŒrde. Nicht alles, was ich bekam, gefiel mir. An SchlafanzĂŒgen, Pullovern, MĂŒtzen oder Handschuhen hatte ich so gar kein Interesse. Damit meine EnttĂ€uschung an dem Tag, an dem die ganze Pracht unter dem Weihnachtsbaum oder auf dem Geburtstagstisch lag, nicht zu groß sein wĂŒrde, habe ich lieber vorher nachgeguckt, was es so geben wĂŒrde.
Als ich anfing zu studieren, konnte ich mir nicht vorstellen, nach dem Ende des Studiums bis zur Rentenzeit an ein und derselben Stelle ein und dieselbe Arbeit zu machen und dabei an ein und demselben Ort zu leben. FĂŒr mich wirkte das wie ein Graus. Dass es anders kommen wĂŒrde, konnte ich damals noch nicht ahnen…
.
Was treibt mich also an?
.
Meine Neugierde. Die Lust darauf, meine Nase in Dinge zu stecken, die mich vielleicht nicht immer etwas angehen, die ich aber trotzdem interessant finde. Dazu gehört, dass mich interessiert, was andere Menschen antreibt, warum sie Dinge tun und andere lassen. Warum sie auf eine bestimmte Art und Weise reden und handeln. In der Grundschule dachte ich noch, dass die großen SchĂŒler es einfacher haben, es schien, als kĂ€men sie ohne Zankerei und andere fiese Gemeinheiten miteinander aus. Doch das war ein Irrtum. Selbst erwachsene Menschen sind zickig, zĂ€nkisch und manipulieren andere Menschen emotional.
.
Die Lust, zu schreiben. Ich war noch in der Grundschule, als ich mein erstes Buch, ein Sachbuch ĂŒber den Wald, zu schreiben begann: Zwar habe ich bisher immer noch kein Buch fertig, aber dafĂŒr viele andere Texte, fĂŒr Zeitungen, in meinem Blog und anderswo. Am liebsten schreibe ich ĂŒbrigens die JubilĂ€umstexte fĂŒr die Zeitung, diese kleinen Miniaturen ĂŒber Ehepaare, die seit 50, 60 oder 65 Jahren miteinander verheiratet ist. Es ist so spannend zu erleben, wie unterschiedlich und vielfĂ€ltig solche Leben miteinander gelingen können.
.
Das Wissen darĂŒber, dass Kaufen und Haben-Wollen nicht alles ist. Geschenke können enttĂ€uschen und sind, wie die anderen gekauften Sachen auch, nur Dinge. Viel wichtiger war fĂŒr mich immer, dass ich Zeit dazu habe, Zeit zu verlieren. Diese Zeit verbringe ich im Wald und beim Wandern, mit anderen Menschen, wohne zwischen Buchdeckeln oder gucke der Hummel zu, wie sie zwischen hohen Grashalmen laviert und punktgenau in ihrem Erdloch verschwindet.
.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen ein echtes Interesse aneinander haben.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen achtsam sind – mit sich und den anderen.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen Zeit dafĂŒr haben, um glĂŒcklich zu sein.
„Es gibt einen Mangel an Zeit, der ist schon ein Mangel an Menschlichkeit.“
Heinz Kahlau.

Drei BĂŒcher, kurz vorgestellt

Justamente zu dem Zeitpunkt, zu dem ich ein Buch ĂŒber die Geschichte der Menschheit lese, fallen mir drei weitere BĂŒcher ein, die ich bereits gelesen habe, die mir wichtig sind und thematisch irgendwie auch dazu gehören:
Wolfgang Ullrich: „Haben wollen“
Haynes: „Scheidung ohne Verlierer“
Viktor Klemperer: „LTI“
Wie sich das Leben wandelt, so Ă€ndern sich die Vorlieben fĂŒr BĂŒcher. Im Alter von 18 Jahren las ich alles, was mir zwischen die Finger und vor die Nase kam und war gewissermaßen stĂ€ndig zwischen zwei Buchdeckeln zu Hause. Ich vergaß manchmal vor lauter Lesen alles um mich herum, schließlich gab so unglaublich viele interessante BĂŒcher, dass ich befĂŒrchtete, ich wĂŒrde bis zu meinem Lebensende nicht alle lesen können.
Irgendwann erkannte ich, dass ich doch nicht jedes Buch lesen muss, erst recht nicht, wenn ich es langweilig finde. Mag sein, dass mir dabei einige BĂŒcher entgehen, die sogar zur Weltliteratur zĂ€hlen, doch das ist mir inzwischen egal. Es gibt immer noch genug, was sich zu lesen lohnt.

Die versunkene Leserin sitzt irgendwo in Sevilla herum…

Haben wollen“ von Wolfgang Ullrich ist so ein Buch. Erschienen ist das Buch 2006, es ist noch keine zehn Jahre alt.
Es ist bewegend, es ist intensiv und es hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich hatte zwar schon immer den Verdacht, dass alle Werbung mich nur dazu verfĂŒhren will, dass ich mir Dinge kaufe, die ich eigentlich und bei Licht betrachtet ĂŒberhaupt nicht brauche, doch ĂŒber die subtilen Mechanismen war ich mir nicht ganz klar.
Ullrich sucht den Grund fĂŒr den Konsumwahn, warum wir bereit sind, Geld fĂŒr Dinge auszugeben, die keinerlei Substanz besitzen. Dinge, die einfach nur unsere Stimmung ansprechen, gekauft werden und im Prinzip fast sofort wieder vergessen sind.
K…auft
O…hne
N…achzudenken
S…chnell
U…nseren
M…ist
So haben wir als Jugendliche Konsum definiert, ganz so, wie eben Mazda als: Mein Auto zerstört deutsche ArbeitsplÀtze, oder Opel: Ohne Power ewig Letzter.
Ullrich nĂ€hert sich in vier Schritten einem PhĂ€nomen, welches fĂŒr moderne Menschen bestimmend ist, die sich nicht ĂŒber Kultur oder Bildung definieren, sondern ĂŒber ihren Konsum. Die Entwicklung der Konsumkultur erfolgte schrittweise, bis aus dem Menschen, der sich ein Ding kauft, weil er es einfach braucht, ein Mensch wurde, der sich ein Ding kauft, damit er sich besser fĂŒhlt. So gestalten die Firmen das Design ihrer Produkte immer mehr als ProjektionsflĂ€che. Schön fand ich das Beispiel mit den HausgerĂ€ten wie Staubsauger und Mixer, die im Lauf der Zeit immer rundlichere Formen bekamen, bis sie immer mehr einem niedlichen, doch muskelbepackten Haustier Ă€hneln. Inzwischen könnte man wahrscheinlich aufgrund der Produktwahl jedem Menschen an der Kasse auf dem Bon neben dem zu zahlenden Preis und der Mehrwertsteuer ein Psychogramm drucken, welches seine Vorlieben und geheimen WĂŒnsche enthĂ€lt, die er mit eben diesem Produkt befriedigt.
Der Text ist verstĂ€ndlich geschrieben, so dass ihn jeder lesen kann, auch wenn er sonst keine Ahnung von Werbung und Marketing hat. FĂŒr mich war es ein Buch, das mich bis heute darĂŒber nachdenken lĂ€sst, ob ich etwas wirklich brauche – oder ob das, was ich gerade dringend haben möchte, nur ein Ersatz ist, ein Ersatz fĂŒr etwas, das ich sowieso nie kaufen kann.
Scheidung ohne Verlierer“ von Haynes und anderen Autoren ist ein weiteres Buch, das mich bewegt hat und welches ich unglaublich wichtig finde. WĂ€hrend bereits die Kommunikation zwischen MĂ€nnern und Frauen ein weites Minenfeld sein kann, wird sie im Fall einer Scheidung oft zu einer zerstörerischen Angelegenheit, die sich in ihren psychischen Auswirkungen mit einer Atombombe vergleichen lĂ€sst: Hinterher ist nichts mehr heil. Doch es geht auch anders. Weniger zerstörerisch fĂŒr sich selbst, damit auch weniger zerstörerisch fĂŒr den ehemaligen Partner. Das Zauberwort ist Mediation. Ich habe das Buch im Rahmen meiner eigenen Ausbildung zur Mediatorin kennen gelernt, und war von Anfang an begeistert. Konflikte bei einer Trennung oder einer Scheidung lassen sich besser und fĂŒr alle Seiten vertrĂ€glicher und selbstverstĂ€ndlich auch kostengĂŒnstiger regeln, als das bei einem Kampf der AnwĂ€lte vor Gericht der Fall ist. Mit Hilfe der Mediation such das (ehemalige) Paar selbst nach einer Lösung, einer Lösung, die gleichermaßen fair fĂŒr beide Seiten ist. Und fair fĂŒr die Kinder.
LTI“ von Viktor Klemperer. LTI heißt einfach: Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches. In seinem Tagebuch notierte Klemperer, der dank des Berufsverbotes der Nazis viel Zeit hatte, sprachkritische Notizen. In seinen TagebĂŒchern, die ebenfalls in meinem BĂŒcherregal stehen, notierte der Romanist: „Auch die Studie ĂŒber die Sprache des Dritten Reiches bewegt mich immer mehr. Literarisch auszubauen, etwa ,Mein Kampf‘ lesen, wo dann die (teilweise) Herkunft aus der Kriegssprache deutlich werden muss.“ Sieben Jahre spĂ€ter, am 8. Juli 1941, schrieb er dazu: „Die Sprache des Dritten Reiches ist immer um mich und lĂ€sst mich keinen Augenblick los. Bei der ZeitungslektĂŒre beim Essen, auf der Tram, mit ihr lebe ich, fĂŒr sie sammle und registriere ich absichtslos.“ Denn die gesprochene Sprache verrĂ€t den Sprecher, sie macht neben den Vorurteilen auch den sorgsam versteckten Hass und die Gedankenlosigkeit offenbar. Und die Sprache des dritten Reiches, die Sprache der nationalsozialistischen Ideologie, wirkte und wirkt immer noch. Sie hat sich so tief in die deutsche Sprache eingeĂ€tzt, dass sie dauerhaft geworden ist. Beispiele dafĂŒr gibt es viele: „Hundertprozentig“ ist eines dieser Worte, „organisieren“ ein anderes. Wer sich mit Sprache und deren tiefen Bedeutungen auseinandersetzt, kommt eigentlich um den Klemperer nicht herum. Es ist ein spannendes Buch, und es hat mich auf die Wirkung, die gesprochene Worte haben, aufmerksam gemacht. Gelesen habe ich „LTI“, da war ich vielleicht 18 Jahre alt. Doch ich lese immer wieder gerne darin.

Tagebuchbloggen am 5. Januar

Aufgewacht, als es gerade dĂ€mmerte. Zwar hatte der gestrige Wetterbericht was von Schnee und so weiter erzĂ€hlt, aber im warmem Zimmer auf dem Sofa schien das alles noch weit weg. Doch heute morgen war die Welt weiß gepudert und der Winter auch bei uns angekommen. Kaffeewasser aufsetzen, Kaffeepulver in die Tassen löffeln, kochendes Wasser aufgießen – und schon war es Zeit, den Mitbewohner aus dem Bett zu pelzen.

Dann war ein bisschen kramen angesagt, WĂ€sche abnehmen, aufhĂ€ngen, SpĂŒlmaschine aus- und einrĂ€umen, Katzen fĂŒttern und so weiter.

Kurz nach zehn zog ich mich an, kramte das Auto unter dem Schnee vor und fuhr nach Erlangen. Dort hatte ich fĂŒr elf Uhr eine Verabredung, wir schwĂ€tzten im Teehaus bei Kaffee und Tee gut vier Stunden ĂŒber Gott, die Welt und variable Schubladen, bevor ich wieder zum geparkten Auto wollte, doch nicht am Buchladen vorbeikam. Auf Twitter hatte ich eine Buchempfehlung gelesen:

und tatsÀchlich stand das Buch im Buchladen, zappelte schon und wollte mit.

(Wie es ist? Ich bin jetzt auf Seite 110 und kann die obige Aussage nur bestĂ€tigen) Daher: Viel ist nicht mehr passiert. Der Mitbewohner hat was zu essen gemacht und sich beschwert, dass ich nebenher las, kaum war der Teller leer, habe ich mich zum Sofa begeben und dort weitergelesen. Und genau das werde ich jetzt auch tun…

Ja, das bin nicht ich, das ist die Katz, aber das soll ja auch nur ein Symbolbild fĂŒrs Sofa sein.

Was alle anderen Tagebuchblogger machen, ist bei (klick) Frau BrĂŒllen nachzulesen. Die freundliche Nachbarin lĂ€dt schließlich an jedem fĂŒnften des Monats zum Tagebuchbloggen ein und fragt: Was machst du eigentlich den ganzen Tag, oder kurz: WmdedgT?

Alltag in der KĂŒche

FrĂŒher war alles besser?

Nein, nicht ganz. Der Umzug vor sechs Jahren nach Franken hat gezeigt: Ich habe noch zu viel Zeug.

Die KĂŒche ist immer noch sehr schön und die Schubladen darin auch. Suche ich etwas, brauche ich nicht mehr vor den SchrĂ€nken zu knien, auch dann nicht, wenn sich das Gesuchte weit nach hinten verzogen hat. Trotzdem ist relativ wenig Platz, daher ist dort nichts verstaut, was ich nicht wirklich brauche. Das macht mein Leben bedeutend einfacher. In den Kisten und im Keller ist das geblieben, was ich noch nicht verschenkt oder anderswie weiter gegeben habe, an Menschen, die es brauchen können oder haben wollen. Ich will nicht mehr.

Ich erinnere mich daran, dass meine Oma einen KĂŒchenschrank hatte. So einen von frĂŒher: Das Brotfach war in der Mitte, dort stand der Brotkasten drin. Oben drĂŒber gab es zwei SchranktĂŒren, in denen standen Tassen und Teller.  Rechts und links vom Brotkasten waren Glasschuber, fĂŒr Mehl, Zucker und Salz. Unter der schmalen ArbeitsflĂ€che waren Schubladen fĂŒr Besteck, Brettchen, Siebe und Kleinkram weiter unten noch weitere SchranktĂŒren, hinter denen Töpfe und Teller zu finden waren. Mehr Schrank war nicht, jedenfalls nicht in der KĂŒche und darin war irgendwie alles untergebracht: Tassen, GlĂ€ser, Teller, Töpfe und Besteck. Die VorrĂ€te waren in Speisekammer und Keller untergebracht.

So alte KĂŒchen gibt es in vielen Freilichtmuseen zu sehen, aber ganz so war dann die KĂŒche von Oma doch nicht.

Oma hat auf dem Herd gekocht und dafĂŒr Holzscheite in das kleine Feuerloch gestopft, bis Topf, Pfanne oder Waffeleisen heiß wurden. Im geöffneten Backofen ließen sich vom Schlittenfahren völlig durchgefrorene FĂŒĂŸe wunderbar auftauen. Kuchen stand in der Speisekammer, dort hing auch die Wurst an Stangen von der Decke. Im Keller warteten die EinweckglĂ€ser, gefĂŒllt mit matschigen Erdbeeren, sĂŒĂŸ-sauren Einlegegurken oder Knochen vom Schwein und warteten darauf, dass jemand sie brauchte. Die Einweckringe, die dafĂŒr sorgten, dass das Glas verschlossen blieb, hatten eine Gummilasche. Zogen wir an dieser, zischte es leise. Dann war das Glas auf und die Leckereien frei zugĂ€nglich.

Ein Loblied auf die Einfachheit. Ganz so einfach, wie ich es von der Oma in Erinnerung habe, kann ich das noch nicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie sich diese Einfachheit frei gewĂ€hlt hat. Vielleicht wĂ€re mit einem mehr an Möglichkeiten, sprich: Platz im Schrank und Geld fĂŒr Dinge im Laden, auch in ihrer KĂŒche mehr Zeug gewesen. Kann schon sein. Ich habe mich jedenfalls gegen eine Kaffeemaschine entschieden. Wir haben sie verschenkt, weil sie sich auf der KĂŒchenarbeitsplatte einfach zu breit machen wollte. Kommen GĂ€ste, nutzen wir eine Kaffeekanne, in der sich das Pulver nach dem Aufgießen einfach nach unten drĂŒcken lĂ€sst. Sind wir alleine, sozusagen unter uns, löffele ich das Kaffeepulver einfach in eine große Tasse, gieße das kochende Wasser drauf, warte kurz, rĂŒhre alles um. Die KaffeekrĂŒmel sinken auf den Tassenboden, fertig. Das geht. Den letzte Schluck lasse ich dabei allerdings in der Tasse, durchbeißen will ich mich nicht.

Neulich war sie da, die Lust auf QuarkbĂ€llchen. Die hab ich frĂŒher einfach in einer Friteuse gebacken. Einfach ist gut, einfach ist dann doch anders, nĂ€mlich ohne Friteuse: Oma hat ja auch KrĂ€ppel gebacken, im Fett, im Topf. Also: Öl in den Topf, Topf auf den Herd und QuarkbĂ€llchen rein. Klappte wunderbar. Die Lieblingshausziege war begeistert, weil die kleinen Teilchen auch noch besser schmeckten, als jemals zuvor. Könnte das daran liegen, dass ich jetzt Sonnenblumenöl genommen, statt diesen ĂŒblichen Block mit Friteusenfett? Hinterher ließ sich das kalte Öl einfach durch ein feines Sieb in ein Schraubglas gießen. FĂŒr die nĂ€chsten QuarkbĂ€llchen.

Was in den ProfikĂŒchen zur StandardausrĂŒstung gehört, muss auch in die PrivatkĂŒche? Nein. Jedenfalls nicht in meine. Ich brauche nicht zweihundert GĂ€ste mittags schnell zu verpflegen, oder so. Im Allgemeinen sind wir zu zweit, zu dritt oder viert, das war es schon. Kommen GĂ€ste, koche ich auch mehr. Doch dafĂŒr brauche ich keinen Herd, den ich erst programmieren muss und der dann noch mit mir redet. Es nervt schon genug, wenn alles piept und quiekt, nur weil die SpĂŒlmaschine fertig ist, oder ein Topf falsch auf dem Sensorfeld des Ceranfeldes steht, und so weiter. Zu meinem GlĂŒck brauche ich diesen zeitgemĂ€ĂŸen Maschinenpark nicht. Hauptsache, das Messer ist scharf, mit dem ich die Zwiebeln schneiden will.

Zu meinem GlĂŒcks- Rezept gehört beispielsweise ein großer Topf mit Cassoulet, einem französischen Bohneneintopf. Aber das Wesentliche sind dabei die GĂ€ste: Ohne GĂ€ste kann es kein Festessen geben. FĂŒr ein solches Festessen ist es nicht so wichtig, wie die SalatblĂ€tter auf dem Teller liegen, da ist es wichtig, dass wir lachen und schwĂ€tzen und uns gut verstehen. Das ist heute so, und das war frĂŒher nicht anders. Denke ich mal. Ganz einfach.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Alltag.

Aus und vorbei – keine Juden mehr in Adelsdorf

Manchmal reichen kleine Gesten aus, die zeigen, ob man dazugehört oder eben nicht: Als am Kirmesmontag im Oktober 1938 die Kirmesburschen stumm am Haus von Salomo David in Adelsdorf vorbeizogen und hier kein StÀndchen mehr spielten, fand Sohn Ludwig seinen Vater weinend in der Garage. Beide hatte verstanden, dass Juden ab jetzt nicht mehr zur Gesellschaft gehörten.
Bis zu dieser Zeit war die Familie im Dorf beliebt und hatte als Mehl- und GetreidehĂ€ndler ein gutes Auskommen. Die Kinder bekamen beim Einkauf ein Bonbon geschenkt. Hatten die Erwachsenen nicht genug Geld, durften sie anschreiben lassen. Salomo David war MitgrĂŒnder des Adelsdorfer Sportvereins und hatte die Trikots gesponsert. Trotzdem durfte er ab 1933 kein Mitglied im Verein mehr sein.

Auch wenn anstelle des ursprĂŒnglichen Wohnhauses von Familie David jetzt ein anderes Haus errichtet wurde, existiert das einstige Lagerhaus dahinter noch. In ihm  befindet sich heute das Adelsdorfer Heimatmuseum.

GĂ€stefĂŒhrerin Christiane Kolbet fĂŒhrte am Jahrestag der Kristallnacht, wie die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 genannt wurde, durch das frĂ€nkische Dorf im Aischgrund. Sie erklĂ€rte, warum sich die Juden gerade in den frĂ€nkischen Dörfern niederlassen konnten, und zeigte, wie sie mitten im Dorf lebten, TĂŒr an TĂŒr mit den Christen und gelegentlich sogar unter einem Dach mit ihnen.


Dort, wo im Herbst 1938 noch die Synagoge gestanden hatte, in der damals das letzte Jom Kippur Fest gefeiert wurde, erklang dank moderner Technik noch einmal leise das „Kol nidre“, die gesungene Auftaktmelodie zum höchsten jĂŒdischen Fest.
Nur wenige Tage danach zĂŒndeten die SA-Leute aus dem nahen Forchheim ein Feuer, ließen in der Ortsmitte Flammen hoch lodern. Es brannte alles, was die SA-Leute aus der Synagoge gerafft und auf einen Haufen geworfen hatten: BĂŒcher, Schriftrollen, GebetsmĂ€ntel, VorhĂ€nge und BĂ€nke. Sie hatten sich noch UnterstĂŒtzung von Arbeitsdienstlern geholt, die in Weppersdorf an der Begradigung der Aisch arbeiteten. Adelsdorfer selbst waren bei der Aktion kaum dabei, lebten sie doch seit vielen Jahren friedlich mit den Menschen zusammen.


Der kurze Rundgang durch Adelsdorf zeigt: Die Juden wohnten mitten im Dorf, Christiane Kolbet zeigt Fotos von frĂŒher, von den Menschen, die hier lebten. Manche hatten GlĂŒck. Sie konnten nach PalĂ€stina oder in andere sichere Gebiete fliehen und dadurch ĂŒberleben. Die meisten Adelsdorfer Juden wurden jedoch deportiert, nach Riga, nach Lublin und damit nach Belzec, Majdanek, Sobibor oder Theresienstadt.
Heute gibt es keine jĂŒdischen MitbĂŒrger mehr im Ort und ein im Jahr 2000 errichtetes Denkmal nennt alle 29 Namen der einst von den Nationalsozialisten verschleppten und schließlich ermordeten Menschen.

Verbunden mit „Das war’s“ von Cubus Regio.
(erschienen im FrÀnkischen Tag, geschrieben und fotografiert von mir)

Zum Jahresanfang

Die Kerzen reichen fĂŒr alle…

2018 war schon ein ziemlich verrĂŒcktes Jahr. Ich durfte mit einer Geschichte im Irrhain um den Goldenen Blumentopf lesen, diese hielt dann Einzug in die ĂŒberhaupt erste Literaturzeitschrift des Pegnesichen Blumenordens. Andere Geschichten las ich bei den Rooftop-Stories in FĂŒrth, auf der KellerbĂŒhne Erlangen, den Poetikum in Erlangen und im Jungen Theater Forchheim hatte ich meinen ersten Auftritt beim Poetry Slam. Tja. Schön ist es, wenn Texte nicht nur auf der Festplatte herumlungern, sondern auf diese Weise einfach unters Volk kommen. Damit werde ich in diesem Jahr wohl weitermachen.

Im Juni erreichten uns ziemlich zeitgleich zwei Nachrichten, wie sie gegensĂ€tzlicher nicht sein können: Der Mitbewohner bekam etwas vom Anwalt mitgeteilt, und verabschiedete sich anschließend auf seine Weise:(klick) Letzte Erdbeeren fĂŒr Nikolai. Tja, und an Heiligabend kam dann das Weihnachtskindchen zur Welt.

Also: In diesem Jahr werde ich hier wieder etwas regelmĂ€ĂŸiger schreiben. Das habe ich mir jedenfalls vorgenommen. Manchmal wird es kurze StĂŒcke zu den abc.etĂŒden geben, manchmal andere Texte, manchmal einfach etwas, was mir durch den Kopf geht.

Das Bild oben stammt aus einer kleinen Kapelle. In ihr brennen stĂ€ndig Kerzen, so dass im Lauf der Zeit die ganzen WĂ€nde schwarz gerußt wurden. Wir haben ebenfalls eine Kerze genommen, sie entzĂŒndet und alle unsere WĂŒnsche, Hoffnungen und liebevollen Gedanken an die Menschen, die nicht mehr bei uns sind, von ihr gen Himmel tragen lassen.

Verbunden mit: Czoczo

Alles fĂŒr die Katz #89

Jetzt liegt die Katzmatz wieder ganz entspannt auf dem Parkett vor dem Ofen. Den gestrigen Abend haben beide auch ganz lange ruhig verbracht, auch wenn die Katz immer wieder an der BalkontĂŒr gestanden und nicht verstanden hat, dass sie in dieser Nacht nicht nach draußen darf. Als gegen Mitternacht die Böller krachten, verschwand sie jedoch flugs unter dem Bett und kam erst wieder heraus, als es ruhiger wurde.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles fĂŒr die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles fĂŒr die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans ĂŒber schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles fĂŒr die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen ĂŒber den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.