Kain und Abel – zwei Brüder

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: „Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.“

Doch eigentlich hat sie ja noch gar keinen Mann, sondern einen hilflosen Säugling, der weint und schläft, der lacht und gluckst, mit den Händchen patscht und gestillt werden will.

Kain wächst und bekommt von Eva Möhrenbrei und Fencheltee, fühlt sich riesig, wenn er von ihr getragen wird – so kann er genauso weit gucken, wie sie. Und Kain ist ein aufgewecktes und neugieriges Kind, so wie eigentlich alle Kinder sind.

Eva putzt und kümmert sich

Eva putzt, räumt und kocht, kümmert sich um Kind und Wäsche, Haus und Garten. Nebenher hat sie ihren Sohn, den erstgeborenen Kain. Von Adam ist an dieser Stelle in der Bibel nicht die Rede. Was macht Adam den ganzen Tag lang? Zieht er mit den Herden umher, damit die Schafe immer frisches Gras fressen können, geht er auf die Jagd, damit Eva dann den Braten mit Knoblauch spicken kann und bestellt er die Felder, damit Getreide für Brei und Brot im Haus?

Adam ist abwesend. Vielleicht kommt er abends völlig fertig nach Hause – und wenn Eva ihm Kain reichen will, wehrt er ab: „Lass mal, ich kann mit so kleinen Kindern nichts anfangen“, isst seinen Abendbrei und legt sich erschöpft schlafen.

Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder.

Ich nehme einmal an, dass Kain vielleicht noch nicht ganz drei Jahre alt gewesen sein könnte: Ein Alter, in dem die Kinder schon „Ich“ und „Nein“ sagen können, und doch noch in den meisten Fällen die vertrauensvolle Nähe zur Mutter brauchen. Denn sie brauchen diese Liebe und den liebevollen Blick, der sie ins Leben zieht genauso, wie die Milch, genügend Schlaf und ab und an eine frische Windel.

Auch der Vater spielt gerade für das männliche Kind eine sehr wichtige Rolle, nicht nur, weil er mit ihm tobt und rangelt, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt.

Denn irgendwann merkt der kleine Junge, dass er nicht so werden wird wie die Mama, dass er gar nicht so werden kann, auch wenn ihm die Mama das Liebste auf der Welt ist – und weswegen er den Vater auch schon mal zur Seite schieben will: Was der große Kerl da bloß will, das ist seine Mama, seine allerliebste Frau auf Erden, die er heiraten will, gleich dann, wenn er groß ist.

Nur so, wie die Mama ist, kann er nicht werden. Er wird, wenn er groß ist, keine Frau, die Kinder bekommen kann, sondern ein Mann. Und hier ist jetzt der Vater immens wichtig, der den Kleinen an die große Hand nimmt und ihm zeigt, wie er – statt zu Hause Kartoffeln zu schälen und Wäsche zu waschen – mutig die Schafe vor dem Wolf beschützt und die schwere Arbeit auf dem Feld verrichtet, damit die Familie etwas zu essen hat und die Mama stolz auf ihn sein kann.

Ich denke, Adam hat das irgendwie verpasst, warum auch immer. Vielleicht musste er mit den Schafen so weit ziehen, bis sie grünes Gras zu fressen hatten oder vielleicht war das Feld so weit weg im nächsten Tal, was weiß ich denn. Es steht davon ja nichts in der Bibel. Stattdessen steht geschrieben, dass Eva noch einen zweiten Sohn bekam, Abel.

Jetzt war Kain nicht mehr wichtig, so schien es ihm. Und so geht es vielen Erstgeborenen, wenn das nächste Kind kommt. Ein wenig ist es vom Alter abhängig und der Entwicklungsstufe, in der sie stehen, ob ihnen der Verlust der Einzigartigkeit schwerer oder leichter fällt.

Ständig trug jetzt die Mama den anderen, den Bruder, den Widersacher, schaukelte ihn, schmuste mit ihm – und Kain musste zugucken, wie Abel an der Brust trank. Kain dagegen wurde von der Mutter weg geschoben, wenn er auch von der süßen Milch trinken wollte: „Du bist doch jetzt groß“, tröstete ihn Eva. Doch für Kain war das kein Trost. Der Papa war nicht da und die Mama hatte jemand anderes im Arm.

Wilhelm Busch hat über die Dramatik dieser Situation ein passendes Gedicht geschrieben:

„Die Tante winkt, die Tante lacht:
He Fritz, komm mal herein!

Sieh welch ein hübsches Brüderlein

der gute Storch in letzter Nacht

ganz heimlich der Mama gebracht.

Ei ja, das wird dich freun! –

Der Fritz, der sagt ganz kurz und grob:

Ich hol’n dicken Stein und schmeiß ihn

an den Kopp!“

Für Kinder kann die Ankunft eines neuen Geschwisterchens tiefgreifend grausam sein. Etwa so, als wenn der geliebte Partner einem frohen Gesichtes eines schönen Abends erklärt, dass demnächst noch jemand einziehen und mit ihnen leben wird: „Und dann könnt ihr Euch die Anziehsachen im Schrank, die Schuhe und das Schminkzeug schön teilen – ich habe euch alle beide dann genauso lieb“. Na, wer das glaubt und mit einer Nebenfrau nicht eifersüchtig werden würde, der lügt, denke ich.

Kain ist eifersüchtig auf seinen Bruder und neidisch. Wäre jetzt Adam da und nähme ihn an der Hand und würde sagen: „Komm mit, lass die beiden da zu Hause hocken – wir gehen jetzt hinaus in die große weite Welt, denn du bist doch mein großer Sohn“, vielleicht hätte Kain dann etwas gefunden, auf das er stolz gewesen wäre. Und niemand hätte ihm diesen Stolz auf seine Leistung nehmen können.

Aber davon erzählt die Bibel leider nichts.

Kain ist neidisch. Und weil er neidisch ist, denkt er, dass es Abel einfach besser hat, dass Abel alles besser kann und dass Gott Abel auch noch viel lieber hat.

Und vielleicht wäre die biblische Geschichte anders ausgegangen, wenn Eva ihren Kain nicht immer weggeschubst hätte, weil er sie beim Stillen von Abel störte. Großen Kindern hilft es, wenn man sich Zeit nimmt, sich ganz allein mit ihnen beschäftigt, mit ihnen ein Bilderbuch ansieht oder einfach nur schmust und singt, mit ihm einen großen Turm baut oder ähnliches. Kain hätte die Gewissheit so sehr gebraucht, dass die Mama trotzdem noch für ihn da ist.

Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.

Jeder hat etwas, wo er arbeitet und schafft und sich über das Geschaffene und Geleistete freuen kann. Doch Kain ist immer noch neidisch, auch wenn sich Abel einen Bereich gewählt hat, in dem sich die beiden Brüder überhaupt nicht direkt vergleichen können: Denn man kann nicht einfach einen Sack mit Gerste neben ein Schaf legen und sagen, das sei das Gleiche.

Neid ist ein Affekt, ein Gefühl, eine Leidenschaft, eine heftige Bewegung, eine Erregung des psychophysischen Organismus, der meistens zu einer Handlung drängt. Der Mensch ist unfrei, seinem Neid, wie auch Wut, Zorn, Hass, Eifersucht, Angst, Trauer, Geiz und Misstrauen ausgeliefert. Der neidische Mensch fühlt sich ohnmächtig, will sich mit seinem Neid in der Krisenlage selbst behaupten.

Eine Merkwürdigkeit dieser Affekte ist dass sie in der Regel „Ersatz für ein nicht vollzogenes oder geleistetes Gefühl ist“. Im Gefühl sind wir Menschen mit der Welt verbunden, alle sind gewissermaßen Spielarten der Liebe: Ob Freude, Mitleid und Güte, Mut und Höflichkeit.

Im Neid dagegen wird die Bewunderung und Liebe für die Vorzüge des anderen versäumt. Kain liebt seinen Bruder nicht, hat ihn, der ihn von Evas Seite quasi schubste, nie geliebt. Abel war für Kain immer der Rivale, den es zu besiegen galt.

Als Älterer musste er einfach besser sein, als der Kleine. Doch Abel ist auch groß geworden. Und vielleicht wurde er deswegen Schafhirt, weil Kain schon Ackerbauer war. So mied er den direkten Vergleich – vielleicht in der Hoffnung, dass der Ältere ihn dann wenigstens anerkennen würde.

Doch Neid ist hartnäckig. Kains Neid ist ein Charakterzug, etwas, was sich nicht wie ein zu klein gewordenes Hemd einfach ablegen lässt. Alfred Adler beschreibt den Neid in seinem Buch „Menschenkenntnis“ 1926 als einen Charakterzug aggressiver Natur und bringt ihn mit Eitelkeit, Ehrgeiz, Geiz und Hass in Verbindung: Neidische Menschen sind aggressive und feindselige Menschen. Für Adler ist der Neider ein Opfer seiner eigenen starken Minderwertigkeitsgefühle, die er durch fortwährendes Messen mit anderen zu kompensieren versucht. Er fühlt sich immer benachteiligt, was in seinem Immer-mehr-und-alles-haben-wollen zum Ausdruck kommt.

Der Neider unternimmt wenig aktive Anstrengung, um seine Lage zu verbessern. Er ist neidisch – und das reicht ihm. Würde er sich dagegen selbst entfalten und entwickeln, dann würde er selbst bei offensichtlicher Benachteiligung nicht neidisch, sondern zufrieden mit seiner Leistung sein.

Kain ist nicht zufrieden mit sich und seiner Leistung. Und weil er nicht mit sich eins ist, sondern neidisch auf seinen in seinen Augen von allen bevorzugten Bruder schaut, dann nehmen die Dinge einfach ihren Lauf, wie sie in der Bibel beschrieben stehen:

Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß, und warum senkt sich dein Blick?

Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon.

Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!

Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

Nicht immer vertragen sich Geschwister so gut wir die Schweinchen auf dem Bild

Regensonntag

So ist das mit den Vorsätzen: kaum wollte ich öfter schreiben, kommt mir ein Schnupfen in die Quere. Deswegen habe ich das Wochenende wunderbar ruhig verbracht, das Sofa hat mich klaglos ertragen und der Stapel ungelesener Bücher ist ohnehin viel zu hoch. Da kam die Ruhe ganz recht.

Die Lieblingshausziege ist aushäusig unterwegs, besucht erst Oma und Opa, dann wollte sie noch  ihre neue Nichte bestaunen, das Christkindchen.

Donnerstags kommt die Abokiste. Oft steckt so viel Gemüse drin, dass ich einen Teil davon zu Brotaufstrich verbastele. Ich versuche dabei, so weit es geht ohne Dickungsmittel auszukommen, meistens klappt es, manchmal wird es eher ein Dip, in den das Brot eben getunkt wird. Leider führt abwechselndes Kochen und Schreiben zu einer klebrigen Tastatur, weil jedoch die Spülmaschine keine Option ist, muss ich statt dessen Lappen und Q-Tipps bemühen. Da der Mitbewohner tagsüber in der Küche schnippelt, kocht und mit dem Tageslicht um die Wette eifert, damit es noch zum Fotografieren reicht, muss ich mit den Zeiten in der Küche vorlieb nehmen, die übrig bleiben.

Neulich gehörte Meinung: Ach, ich bin viel zu unwichtig, für mich interessiert sich kein Hacker. Dann hoffe ich mal, dass du recht hast.

Eine kleine Buchhandlung gesehen, die offen war, ich gehe rein und schaue mich um. Schön sortiert, viel Unbekanntes, das gefällt mir. An der Kasse steht die Buchhändlerin und unterhält sich mit zwei Kunden, die sich gleichzeitig auch miteinander unterhalten: Ja, die Kinder von heute, die können noch nicht einmal eine einfache Aufgabenstellung lesen und begreifen. Beide nicken sich wissend zu und erklären der Buchhändlerin, dass einer von ihnen Mathe- und die andere Deutschlehrerin ist.

Katzmatz hat sich vermutlich geprügelt, sie ist an der Flanke verwundet. Wir wollten uns die Sache genauer anschauen, das fand sie aber nicht witzig. Inzwischen ist alles trocken, ich kann mit der Hand über die Stelle streicheln und sie bleibt ruhig. Heilt.

https://www.instagram.com/p/BslTaOvFmEg/?utm_source=ig_web_button_share_sheet

Angeblich liken auf Instagram ja keine Bots. Poste ich jedoch ein schlichtes Brot, bestrichen mit Gänsefett, habe ich plötzlich Likes vom Karstadt Restaurant und einer Bar aus Düsseldorf. Seltsam.

Mit den Eltern waren wir im Herbst im Höllental wandern, jetzt whatsappte der Vater, dass am Sonntag im SWR eine Sendung über ebenjenes, doch ein kurzes Nachgucken zeigte, dass die Sendung nicht über das Tal an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, sondern über das Höllental in der Eifel informiert. Gucken kann ich trotzdem, vielleicht komme ich ja mal wieder in die Gegend. (Der Mitbewohner grinst, dort war er während seiner Bundeswehrzeit stationiert. Vermutlich gibt es dann heute – parallel zur Sendung – die Kommentare aus dem Sessel)

Bevor ich gleich wieder das Sofa hüte, koche ich mir noch eine große Kanne Ingwertee. Hilft gegen Wetter, Hals und maulende Katzen gleichermaßen.

Gute Vorsätze

Wenn ich mir einen Satz ausdenke und vor diesem noch einen weiteren Satz: Habe ich dann einen Vorsatz?

Beginnt ein neues Jahr, sind Vorsätze nicht weit. Immerhin lassen sie sich piepeinfach fassen: Ich denke mir etwas aus, ich wünsche mir etwas, ich stelle mir vor, wie ich gerne wäre, was ich gerne wäre – wenn ich nicht ganz so bequem und überhaupt mehr Zeit haben würde. Weil der innere Schweinehund ganz schön fett und feist ist und sich nicht bewegen will, ist das mit dem Vorsatz auch so schwierig. Der Schweinehund liegt vor mir, den Kopf auf die Pfoten gelegt. Will ich ihn hochjagen, zieht er eine Augenbraue hoch und weiß ganz genau: So schnell passiert nichts.

 

Gewohnheiten sind stark, sind stärker, sind gewöhnlich, ich wohne in ihnen und mit ihnen. Sie sind wohnlich, gemütlich und überhaupt ganz angenehm: Sonst wären sie ja keine Gewohnheiten geworden. Ich will dagegen aus den Gewohnheiten heraustreten, wie aus bequemen und ausgelatschten Schuhen und mit bloßen Sohlen durch das Gras hüpfen. Nur nicht heute, wo doch der Schnee überall liegt, morgen aber ganz bestimmt, wenn es warm genug ist. Ich will auf pieksigen Steinen laufen, bis die Füße untendrunter eine Schwiele gebildet haben und gelegentlich in neue Schuhe schlüpfen, die hier noch reiben und dort noch drücken. Ich will so lange durchhalten, bis diese bequem und eingelaufen sind, gewissermaßen neue Gewohnheiten werden – das erfordert Geduld und Muße.

Manchmal fehlt sowohl die Muße als auch die Geduld. Trotzdem schleichen sich manche neue Gewohnheiten einfach ein, gleichgültig, ob nun gerade Jahresanfang war oder nicht..

Und manchmal gelingen diese sogar.

Denn: Ich kaufe immer noch fast nichts, was ich nicht unbedingt brauche. Ich freue mich an den Dingen, die in Schaufenstern stehen und wundere mich, was es alles so gibt. Wofür Menschen ihr Geld ausgeben. Und auf das Glück hoffen, das sie so kaufen. Oder auch nicht. (Meistens wollen diese Dinge ja bedient werden und ich mag nicht mehr der Diener meiner Dinge sein).

Darum mache ich das alles

Auf die Frage:
“Wofür steht Ihr? In was für einer Welt wollt Ihr leben –  und was tut ihr dafür? Woran sollen sich die Nachfolgenden erinnern, wenn sie von Euch reden?”
antworte ich mit ein paar kleinen Geschichten:
Als ich studierte, mit Kind und wenig Geld, traf ich eine Kommilitonin beim Einkauf. Wir quasselten über dies und das, plötzlich fiel ihr ein: „Och, ich muss mir noch frisches Brot kaufen, ich hab nur noch welches von gestern“.
Wie? Brot von gestern?
„Und was machst Du mit dem alten Brot?“, fragte ich zurück.
„Das werfe ich weg“, war die Antwort.
Ich war sprachlos. Auch wenn ich mir bis dahin wenig Gedanken über Lebensmittel gemacht habe, und die Sparsamkeit meiner Urgroßmutter etwas lästig fand, wenn sie mich ermahnte, die Kartoffeln bitte nur ganz dünn zu schälen. Brot wegzuwerfen, nur weil es einen Tag alt war, das ging mir irgendwie zu weit.
.

Manchmal kommt es auf die richtige Richtung an.

Es muss in der zweiten Klasse gewesen sein, so etwa. Wir sollten zu Hause einen Aufsatz schreiben. Das eigentliche Thema habe ich längst vergessen, ich weiß nur noch: Ich habe glücklich im Brockhaus-Lexikon gestöbert, gelesen und dann meine frisch gewonnenen Kenntnisse über die griechische Göttin Hygieia im Aufsatz niedergeschrieben. Am nächsten Tag sammelte die Lehrerin die Hefte ein. Einige Tage später begegnete ich ihr auf dem morgendlichen Weg zur Schule. Sie stellte Fragen zu dem von mir gewählten Aufsatzthema. Auch wenn ich erst acht Jahre alt war, nahm ich die Absicht wahr und war verstimmt: Die Lehrerin glaubte mir irgendwie nicht, dass ich etwas davon wusste, worüber ich geschrieben hatte. Ich war einigermaßen sauer und betrachtete die bis dahin hochverehrte Lehrerin mit Argwohn, ob sie das, was sie sagte, auch wirklich so meinte.

Rückten mein Geburtstag oder Weihnachten näher, wurde ich als Kind unruhig. War ich allein zu Hause, habe ich nachgekramt, was die Eltern so alles versteckt hatten. Ich war neugierig. Sehr sogar. Die Neugier hatte einen ganz konkreten Grund: Ich wollte wissen, was ich geschenkt kriegen würde. Nicht alles, was ich bekam, gefiel mir. An Schlafanzügen, Pullovern, Mützen oder Handschuhen hatte ich so gar kein Interesse. Damit meine Enttäuschung an dem Tag, an dem die ganze Pracht unter dem Weihnachtsbaum oder auf dem Geburtstagstisch lag, nicht zu groß sein würde, habe ich lieber vorher nachgeguckt, was es so geben würde.
Als ich anfing zu studieren, konnte ich mir nicht vorstellen, nach dem Ende des Studiums bis zur Rentenzeit an ein und derselben Stelle ein und dieselbe Arbeit zu machen und dabei an ein und demselben Ort zu leben. Für mich wirkte das wie ein Graus. Dass es anders kommen würde, konnte ich damals noch nicht ahnen…
.
Was treibt mich also an?
.
Meine Neugierde. Die Lust darauf, meine Nase in Dinge zu stecken, die mich vielleicht nicht immer etwas angehen, die ich aber trotzdem interessant finde. Dazu gehört, dass mich interessiert, was andere Menschen antreibt, warum sie Dinge tun und andere lassen. Warum sie auf eine bestimmte Art und Weise reden und handeln. In der Grundschule dachte ich noch, dass die großen Schüler es einfacher haben, es schien, als kämen sie ohne Zankerei und andere fiese Gemeinheiten miteinander aus. Doch das war ein Irrtum. Selbst erwachsene Menschen sind zickig, zänkisch und manipulieren andere Menschen emotional.
.
Die Lust, zu schreiben. Ich war noch in der Grundschule, als ich mein erstes Buch, ein Sachbuch über den Wald, zu schreiben begann: Zwar habe ich bisher immer noch kein Buch fertig, aber dafür viele andere Texte, für Zeitungen, in meinem Blog und anderswo. Am liebsten schreibe ich übrigens die Jubiläumstexte für die Zeitung, diese kleinen Miniaturen über Ehepaare, die seit 50, 60 oder 65 Jahren miteinander verheiratet ist. Es ist so spannend zu erleben, wie unterschiedlich und vielfältig solche Leben miteinander gelingen können.
.
Das Wissen darüber, dass Kaufen und Haben-Wollen nicht alles ist. Geschenke können enttäuschen und sind, wie die anderen gekauften Sachen auch, nur Dinge. Viel wichtiger war für mich immer, dass ich Zeit dazu habe, Zeit zu verlieren. Diese Zeit verbringe ich im Wald und beim Wandern, mit anderen Menschen, wohne zwischen Buchdeckeln oder gucke der Hummel zu, wie sie zwischen hohen Grashalmen laviert und punktgenau in ihrem Erdloch verschwindet.
.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen ein echtes Interesse aneinander haben.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen achtsam sind – mit sich und den anderen.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen Zeit dafür haben, um glücklich zu sein.
„Es gibt einen Mangel an Zeit, der ist schon ein Mangel an Menschlichkeit.“
Heinz Kahlau.

Drei Bücher, kurz vorgestellt

Justamente zu dem Zeitpunkt, zu dem ich ein Buch über die Geschichte der Menschheit lese, fallen mir drei weitere Bücher ein, die ich bereits gelesen habe, die mir wichtig sind und thematisch irgendwie auch dazu gehören:
Wolfgang Ullrich: „Haben wollen“
Haynes: „Scheidung ohne Verlierer“
Viktor Klemperer: „LTI“
Wie sich das Leben wandelt, so ändern sich die Vorlieben für Bücher. Im Alter von 18 Jahren las ich alles, was mir zwischen die Finger und vor die Nase kam und war gewissermaßen ständig zwischen zwei Buchdeckeln zu Hause. Ich vergaß manchmal vor lauter Lesen alles um mich herum, schließlich gab so unglaublich viele interessante Bücher, dass ich befürchtete, ich würde bis zu meinem Lebensende nicht alle lesen können.
Irgendwann erkannte ich, dass ich doch nicht jedes Buch lesen muss, erst recht nicht, wenn ich es langweilig finde. Mag sein, dass mir dabei einige Bücher entgehen, die sogar zur Weltliteratur zählen, doch das ist mir inzwischen egal. Es gibt immer noch genug, was sich zu lesen lohnt.

Die versunkene Leserin sitzt irgendwo in Sevilla herum…

Haben wollen“ von Wolfgang Ullrich ist so ein Buch. Erschienen ist das Buch 2006, es ist noch keine zehn Jahre alt.
Es ist bewegend, es ist intensiv und es hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich hatte zwar schon immer den Verdacht, dass alle Werbung mich nur dazu verführen will, dass ich mir Dinge kaufe, die ich eigentlich und bei Licht betrachtet überhaupt nicht brauche, doch über die subtilen Mechanismen war ich mir nicht ganz klar.
Ullrich sucht den Grund für den Konsumwahn, warum wir bereit sind, Geld für Dinge auszugeben, die keinerlei Substanz besitzen. Dinge, die einfach nur unsere Stimmung ansprechen, gekauft werden und im Prinzip fast sofort wieder vergessen sind.
K…auft
O…hne
N…achzudenken
S…chnell
U…nseren
M…ist
So haben wir als Jugendliche Konsum definiert, ganz so, wie eben Mazda als: Mein Auto zerstört deutsche Arbeitsplätze, oder Opel: Ohne Power ewig Letzter.
Ullrich nähert sich in vier Schritten einem Phänomen, welches für moderne Menschen bestimmend ist, die sich nicht über Kultur oder Bildung definieren, sondern über ihren Konsum. Die Entwicklung der Konsumkultur erfolgte schrittweise, bis aus dem Menschen, der sich ein Ding kauft, weil er es einfach braucht, ein Mensch wurde, der sich ein Ding kauft, damit er sich besser fühlt. So gestalten die Firmen das Design ihrer Produkte immer mehr als Projektionsfläche. Schön fand ich das Beispiel mit den Hausgeräten wie Staubsauger und Mixer, die im Lauf der Zeit immer rundlichere Formen bekamen, bis sie immer mehr einem niedlichen, doch muskelbepackten Haustier ähneln. Inzwischen könnte man wahrscheinlich aufgrund der Produktwahl jedem Menschen an der Kasse auf dem Bon neben dem zu zahlenden Preis und der Mehrwertsteuer ein Psychogramm drucken, welches seine Vorlieben und geheimen Wünsche enthält, die er mit eben diesem Produkt befriedigt.
Der Text ist verständlich geschrieben, so dass ihn jeder lesen kann, auch wenn er sonst keine Ahnung von Werbung und Marketing hat. Für mich war es ein Buch, das mich bis heute darüber nachdenken lässt, ob ich etwas wirklich brauche – oder ob das, was ich gerade dringend haben möchte, nur ein Ersatz ist, ein Ersatz für etwas, das ich sowieso nie kaufen kann.
Scheidung ohne Verlierer“ von Haynes und anderen Autoren ist ein weiteres Buch, das mich bewegt hat und welches ich unglaublich wichtig finde. Während bereits die Kommunikation zwischen Männern und Frauen ein weites Minenfeld sein kann, wird sie im Fall einer Scheidung oft zu einer zerstörerischen Angelegenheit, die sich in ihren psychischen Auswirkungen mit einer Atombombe vergleichen lässt: Hinterher ist nichts mehr heil. Doch es geht auch anders. Weniger zerstörerisch für sich selbst, damit auch weniger zerstörerisch für den ehemaligen Partner. Das Zauberwort ist Mediation. Ich habe das Buch im Rahmen meiner eigenen Ausbildung zur Mediatorin kennen gelernt, und war von Anfang an begeistert. Konflikte bei einer Trennung oder einer Scheidung lassen sich besser und für alle Seiten verträglicher und selbstverständlich auch kostengünstiger regeln, als das bei einem Kampf der Anwälte vor Gericht der Fall ist. Mit Hilfe der Mediation such das (ehemalige) Paar selbst nach einer Lösung, einer Lösung, die gleichermaßen fair für beide Seiten ist. Und fair für die Kinder.
LTI“ von Viktor Klemperer. LTI heißt einfach: Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches. In seinem Tagebuch notierte Klemperer, der dank des Berufsverbotes der Nazis viel Zeit hatte, sprachkritische Notizen. In seinen Tagebüchern, die ebenfalls in meinem Bücherregal stehen, notierte der Romanist: „Auch die Studie über die Sprache des Dritten Reiches bewegt mich immer mehr. Literarisch auszubauen, etwa ,Mein Kampf‘ lesen, wo dann die (teilweise) Herkunft aus der Kriegssprache deutlich werden muss.“ Sieben Jahre später, am 8. Juli 1941, schrieb er dazu: „Die Sprache des Dritten Reiches ist immer um mich und lässt mich keinen Augenblick los. Bei der Zeitungslektüre beim Essen, auf der Tram, mit ihr lebe ich, für sie sammle und registriere ich absichtslos.“ Denn die gesprochene Sprache verrät den Sprecher, sie macht neben den Vorurteilen auch den sorgsam versteckten Hass und die Gedankenlosigkeit offenbar. Und die Sprache des dritten Reiches, die Sprache der nationalsozialistischen Ideologie, wirkte und wirkt immer noch. Sie hat sich so tief in die deutsche Sprache eingeätzt, dass sie dauerhaft geworden ist. Beispiele dafür gibt es viele: „Hundertprozentig“ ist eines dieser Worte, „organisieren“ ein anderes. Wer sich mit Sprache und deren tiefen Bedeutungen auseinandersetzt, kommt eigentlich um den Klemperer nicht herum. Es ist ein spannendes Buch, und es hat mich auf die Wirkung, die gesprochene Worte haben, aufmerksam gemacht. Gelesen habe ich „LTI“, da war ich vielleicht 18 Jahre alt. Doch ich lese immer wieder gerne darin.

Tagebuchbloggen am 5. Januar

Aufgewacht, als es gerade dämmerte. Zwar hatte der gestrige Wetterbericht was von Schnee und so weiter erzählt, aber im warmem Zimmer auf dem Sofa schien das alles noch weit weg. Doch heute morgen war die Welt weiß gepudert und der Winter auch bei uns angekommen. Kaffeewasser aufsetzen, Kaffeepulver in die Tassen löffeln, kochendes Wasser aufgießen – und schon war es Zeit, den Mitbewohner aus dem Bett zu pelzen.

Dann war ein bisschen kramen angesagt, Wäsche abnehmen, aufhängen, Spülmaschine aus- und einräumen, Katzen füttern und so weiter.

Kurz nach zehn zog ich mich an, kramte das Auto unter dem Schnee vor und fuhr nach Erlangen. Dort hatte ich für elf Uhr eine Verabredung, wir schwätzten im Teehaus bei Kaffee und Tee gut vier Stunden über Gott, die Welt und variable Schubladen, bevor ich wieder zum geparkten Auto wollte, doch nicht am Buchladen vorbeikam. Auf Twitter hatte ich eine Buchempfehlung gelesen:

und tatsächlich stand das Buch im Buchladen, zappelte schon und wollte mit.

(Wie es ist? Ich bin jetzt auf Seite 110 und kann die obige Aussage nur bestätigen) Daher: Viel ist nicht mehr passiert. Der Mitbewohner hat was zu essen gemacht und sich beschwert, dass ich nebenher las, kaum war der Teller leer, habe ich mich zum Sofa begeben und dort weitergelesen. Und genau das werde ich jetzt auch tun…

Ja, das bin nicht ich, das ist die Katz, aber das soll ja auch nur ein Symbolbild fürs Sofa sein.

Was alle anderen Tagebuchblogger machen, ist bei (klick) Frau Brüllen nachzulesen. Die freundliche Nachbarin lädt schließlich an jedem fünften des Monats zum Tagebuchbloggen ein und fragt: Was machst du eigentlich den ganzen Tag, oder kurz: WmdedgT?

Alltag in der Küche

Früher war alles besser?

Nein, nicht ganz. Der Umzug vor sechs Jahren nach Franken hat gezeigt: Ich habe noch zu viel Zeug.

Die Küche ist immer noch sehr schön und die Schubladen darin auch. Suche ich etwas, brauche ich nicht mehr vor den Schränken zu knien, auch dann nicht, wenn sich das Gesuchte weit nach hinten verzogen hat. Trotzdem ist relativ wenig Platz, daher ist dort nichts verstaut, was ich nicht wirklich brauche. Das macht mein Leben bedeutend einfacher. In den Kisten und im Keller ist das geblieben, was ich noch nicht verschenkt oder anderswie weiter gegeben habe, an Menschen, die es brauchen können oder haben wollen. Ich will nicht mehr.

Ich erinnere mich daran, dass meine Oma einen Küchenschrank hatte. So einen von früher: Das Brotfach war in der Mitte, dort stand der Brotkasten drin. Oben drüber gab es zwei Schranktüren, in denen standen Tassen und Teller.  Rechts und links vom Brotkasten waren Glasschuber, für Mehl, Zucker und Salz. Unter der schmalen Arbeitsfläche waren Schubladen für Besteck, Brettchen, Siebe und Kleinkram weiter unten noch weitere Schranktüren, hinter denen Töpfe und Teller zu finden waren. Mehr Schrank war nicht, jedenfalls nicht in der Küche und darin war irgendwie alles untergebracht: Tassen, Gläser, Teller, Töpfe und Besteck. Die Vorräte waren in Speisekammer und Keller untergebracht.

So alte Küchen gibt es in vielen Freilichtmuseen zu sehen, aber ganz so war dann die Küche von Oma doch nicht.

Oma hat auf dem Herd gekocht und dafür Holzscheite in das kleine Feuerloch gestopft, bis Topf, Pfanne oder Waffeleisen heiß wurden. Im geöffneten Backofen ließen sich vom Schlittenfahren völlig durchgefrorene Füße wunderbar auftauen. Kuchen stand in der Speisekammer, dort hing auch die Wurst an Stangen von der Decke. Im Keller warteten die Einweckgläser, gefüllt mit matschigen Erdbeeren, süß-sauren Einlegegurken oder Knochen vom Schwein und warteten darauf, dass jemand sie brauchte. Die Einweckringe, die dafür sorgten, dass das Glas verschlossen blieb, hatten eine Gummilasche. Zogen wir an dieser, zischte es leise. Dann war das Glas auf und die Leckereien frei zugänglich.

Ein Loblied auf die Einfachheit. Ganz so einfach, wie ich es von der Oma in Erinnerung habe, kann ich das noch nicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie sich diese Einfachheit frei gewählt hat. Vielleicht wäre mit einem mehr an Möglichkeiten, sprich: Platz im Schrank und Geld für Dinge im Laden, auch in ihrer Küche mehr Zeug gewesen. Kann schon sein. Ich habe mich jedenfalls gegen eine Kaffeemaschine entschieden. Wir haben sie verschenkt, weil sie sich auf der Küchenarbeitsplatte einfach zu breit machen wollte. Kommen Gäste, nutzen wir eine Kaffeekanne, in der sich das Pulver nach dem Aufgießen einfach nach unten drücken lässt. Sind wir alleine, sozusagen unter uns, löffele ich das Kaffeepulver einfach in eine große Tasse, gieße das kochende Wasser drauf, warte kurz, rühre alles um. Die Kaffeekrümel sinken auf den Tassenboden, fertig. Das geht. Den letzte Schluck lasse ich dabei allerdings in der Tasse, durchbeißen will ich mich nicht.

Neulich war sie da, die Lust auf Quarkbällchen. Die hab ich früher einfach in einer Friteuse gebacken. Einfach ist gut, einfach ist dann doch anders, nämlich ohne Friteuse: Oma hat ja auch Kräppel gebacken, im Fett, im Topf. Also: Öl in den Topf, Topf auf den Herd und Quarkbällchen rein. Klappte wunderbar. Die Lieblingshausziege war begeistert, weil die kleinen Teilchen auch noch besser schmeckten, als jemals zuvor. Könnte das daran liegen, dass ich jetzt Sonnenblumenöl genommen, statt diesen üblichen Block mit Friteusenfett? Hinterher ließ sich das kalte Öl einfach durch ein feines Sieb in ein Schraubglas gießen. Für die nächsten Quarkbällchen.

Was in den Profiküchen zur Standardausrüstung gehört, muss auch in die Privatküche? Nein. Jedenfalls nicht in meine. Ich brauche nicht zweihundert Gäste mittags schnell zu verpflegen, oder so. Im Allgemeinen sind wir zu zweit, zu dritt oder viert, das war es schon. Kommen Gäste, koche ich auch mehr. Doch dafür brauche ich keinen Herd, den ich erst programmieren muss und der dann noch mit mir redet. Es nervt schon genug, wenn alles piept und quiekt, nur weil die Spülmaschine fertig ist, oder ein Topf falsch auf dem Sensorfeld des Ceranfeldes steht, und so weiter. Zu meinem Glück brauche ich diesen zeitgemäßen Maschinenpark nicht. Hauptsache, das Messer ist scharf, mit dem ich die Zwiebeln schneiden will.

Zu meinem Glücks- Rezept gehört beispielsweise ein großer Topf mit Cassoulet, einem französischen Bohneneintopf. Aber das Wesentliche sind dabei die Gäste: Ohne Gäste kann es kein Festessen geben. Für ein solches Festessen ist es nicht so wichtig, wie die Salatblätter auf dem Teller liegen, da ist es wichtig, dass wir lachen und schwätzen und uns gut verstehen. Das ist heute so, und das war früher nicht anders. Denke ich mal. Ganz einfach.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Alltag.

Aus und vorbei – keine Juden mehr in Adelsdorf

Manchmal reichen kleine Gesten aus, die zeigen, ob man dazugehört oder eben nicht: Als am Kirmesmontag im Oktober 1938 die Kirmesburschen stumm am Haus von Salomo David in Adelsdorf vorbeizogen und hier kein Ständchen mehr spielten, fand Sohn Ludwig seinen Vater weinend in der Garage. Beide hatte verstanden, dass Juden ab jetzt nicht mehr zur Gesellschaft gehörten.
Bis zu dieser Zeit war die Familie im Dorf beliebt und hatte als Mehl- und Getreidehändler ein gutes Auskommen. Die Kinder bekamen beim Einkauf ein Bonbon geschenkt. Hatten die Erwachsenen nicht genug Geld, durften sie anschreiben lassen. Salomo David war Mitgründer des Adelsdorfer Sportvereins und hatte die Trikots gesponsert. Trotzdem durfte er ab 1933 kein Mitglied im Verein mehr sein.

Auch wenn anstelle des ursprünglichen Wohnhauses von Familie David jetzt ein anderes Haus errichtet wurde, existiert das einstige Lagerhaus dahinter noch. In ihm  befindet sich heute das Adelsdorfer Heimatmuseum.

Gästeführerin Christiane Kolbet führte am Jahrestag der Kristallnacht, wie die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 genannt wurde, durch das fränkische Dorf im Aischgrund. Sie erklärte, warum sich die Juden gerade in den fränkischen Dörfern niederlassen konnten, und zeigte, wie sie mitten im Dorf lebten, Tür an Tür mit den Christen und gelegentlich sogar unter einem Dach mit ihnen.


Dort, wo im Herbst 1938 noch die Synagoge gestanden hatte, in der damals das letzte Jom Kippur Fest gefeiert wurde, erklang dank moderner Technik noch einmal leise das „Kol nidre“, die gesungene Auftaktmelodie zum höchsten jüdischen Fest.
Nur wenige Tage danach zündeten die SA-Leute aus dem nahen Forchheim ein Feuer, ließen in der Ortsmitte Flammen hoch lodern. Es brannte alles, was die SA-Leute aus der Synagoge gerafft und auf einen Haufen geworfen hatten: Bücher, Schriftrollen, Gebetsmäntel, Vorhänge und Bänke. Sie hatten sich noch Unterstützung von Arbeitsdienstlern geholt, die in Weppersdorf an der Begradigung der Aisch arbeiteten. Adelsdorfer selbst waren bei der Aktion kaum dabei, lebten sie doch seit vielen Jahren friedlich mit den Menschen zusammen.


Der kurze Rundgang durch Adelsdorf zeigt: Die Juden wohnten mitten im Dorf, Christiane Kolbet zeigt Fotos von früher, von den Menschen, die hier lebten. Manche hatten Glück. Sie konnten nach Palästina oder in andere sichere Gebiete fliehen und dadurch überleben. Die meisten Adelsdorfer Juden wurden jedoch deportiert, nach Riga, nach Lublin und damit nach Belzec, Majdanek, Sobibor oder Theresienstadt.
Heute gibt es keine jüdischen Mitbürger mehr im Ort und ein im Jahr 2000 errichtetes Denkmal nennt alle 29 Namen der einst von den Nationalsozialisten verschleppten und schließlich ermordeten Menschen.

Verbunden mit „Das war’s“ von Cubus Regio.
(erschienen im Fränkischen Tag, geschrieben und fotografiert von mir)

Zum Jahresanfang

Die Kerzen reichen für alle…

2018 war schon ein ziemlich verrücktes Jahr. Ich durfte mit einer Geschichte im Irrhain um den Goldenen Blumentopf lesen, diese hielt dann Einzug in die überhaupt erste Literaturzeitschrift des Pegnesichen Blumenordens. Andere Geschichten las ich bei den Rooftop-Stories in Fürth, auf der Kellerbühne Erlangen, den Poetikum in Erlangen und im Jungen Theater Forchheim hatte ich meinen ersten Auftritt beim Poetry Slam. Tja. Schön ist es, wenn Texte nicht nur auf der Festplatte herumlungern, sondern auf diese Weise einfach unters Volk kommen. Damit werde ich in diesem Jahr wohl weitermachen.

Im Juni erreichten uns ziemlich zeitgleich zwei Nachrichten, wie sie gegensätzlicher nicht sein können: Der Mitbewohner bekam etwas vom Anwalt mitgeteilt, und verabschiedete sich anschließend auf seine Weise:(klick) Letzte Erdbeeren für Nikolai. Tja, und an Heiligabend kam dann das Weihnachtskindchen zur Welt.

Also: In diesem Jahr werde ich hier wieder etwas regelmäßiger schreiben. Das habe ich mir jedenfalls vorgenommen. Manchmal wird es kurze Stücke zu den abc.etüden geben, manchmal andere Texte, manchmal einfach etwas, was mir durch den Kopf geht.

Das Bild oben stammt aus einer kleinen Kapelle. In ihr brennen ständig Kerzen, so dass im Lauf der Zeit die ganzen Wände schwarz gerußt wurden. Wir haben ebenfalls eine Kerze genommen, sie entzündet und alle unsere Wünsche, Hoffnungen und liebevollen Gedanken an die Menschen, die nicht mehr bei uns sind, von ihr gen Himmel tragen lassen.

Verbunden mit: Czoczo

Alles für die Katz #89

Jetzt liegt die Katzmatz wieder ganz entspannt auf dem Parkett vor dem Ofen. Den gestrigen Abend haben beide auch ganz lange ruhig verbracht, auch wenn die Katz immer wieder an der Balkontür gestanden und nicht verstanden hat, dass sie in dieser Nacht nicht nach draußen darf. Als gegen Mitternacht die Böller krachten, verschwand sie jedoch flugs unter dem Bett und kam erst wieder heraus, als es ruhiger wurde.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.