Blitzableiter mit Winkelement #Rostparade

Ist ein Berg noch nicht hoch genug, lĂ€sst sich auf ihm ein Turm erbauen, so wie auf dem Schwarzen Grat an der Grenze zwischen Baden-WĂŒrttemberg und Bayern. Der schwarze Grat ist der höchste Berg der Adelegg, einer dicht bewaldeten Berglandschaft im WestallgĂ€u. Der Aussichtsturm ist noch einmal 30 Meter höher und wer sĂ€mtliche Stufen nach oben geschafft hat, wird mit einer rundum guten Aussicht belohnt.

Aber um die Aussicht geht es mir heute ĂŒberhaupt nicht, die kommt spĂ€ter dran. Das hölzerne Turmdach war mit einem Blitzableiter versehen, so weit, so vorhersehbar. Doch was macht diese kleine runde Platte? Ich konnte sie wie einen kleinen Winker auf und ab bewegen, da es aber keinen Haken oder etwas Ă€hnliches gab, fiel sie immer wieder in ihre Ausgangsposition zurĂŒck.

Da das kleine Winkelement mit Rost ĂŒberzogen ist, kommt es jetzt einfach in die Rostparade bei Cubus Regio. Vielleicht kann mir jemand verraten, wozu es eigentlich dient.

Nicht auszudenken, nicht drĂŒber nachdenken

Alltag ist wie alle Tage, das Leben funktioniert auf Autopilot und das ist gut so. Ich muss nicht alles hinterfragen, nicht ĂŒber alles nachdenken, nicht alles neu erfinden. Alles im Fluss, gewissermaßen. WĂ€re da nicht dieser Stachel, der sagt: Das kann doch nicht alles gewesen sein, du musst doch immer wieder was neu und was neues und ĂŒberhaupt kann doch nicht alles so bleiben, wie es ist. Das wĂ€re doch Stillstand, Ruhe in Frieden oder so, das kann es ja nicht gewesen sein.

Ich erinnere mich, dass ich vor einiger Zeit einem GedĂ€chtnistrainer zugehört habe, einem Trainer, der mir erzĂ€hlen wollte, wie ich es anstellen kann, dass ich nicht mehr so viel vergesse. Dabei vergesse ich gar nicht viel, vorausgesetzt, ich habe es mir notiert. Das ist ein bisschen wie beim Spickzettel-Schreiben: Ist er fertig, brauche ich ihn nicht mehr. Eigentlich muss ich mir nicht mehr viel Neues merken, jedenfalls nichts, was anschließend abfragebereit im GedĂ€chtnis verbleibt. Schule und Studium sind schließlich lange vorbei und das Internet erlaubt mir schnellen Zugriff auf Namen, Daten und Fakten. Die brauche ich mir nicht mehr zu merken, ganz egal, was der Geschichtslehrer damals behauptet hat.

Da allerdings das Gehirn ebenso faul wie andere Muskeln ist, gilt auch hier: Wer rastet, rostet. Soll das Denken gut funktionieren, braucht das Hirn Sauerstoff, Trinken und ausreichend Schlaf. So weit, so klar.

Dann allerdings zeigte der GedĂ€chtnistrainer nur solche Tricks, die im Alltag völlig unbrauchbar sind: Ich brauche weder Zahlen durch 5 oder durch 9 zu teilen, falls doch, nehme ich einen Taschenrechner. Er erklĂ€rte, wie sich Vokabeln durch Bilder leichter einprĂ€gen: Adler frisst Igel, ergo Adler heißt Eagle. Diese Technik brauche ich nicht, ich kann dividieren und wenn ich Vokabeln lerne, lieber im Zusammenhang, in der Situation, in der ich sie auch tatsĂ€chlich anwenden kann.

GedĂ€chtnisweltmeister trainieren so, sagte der GedĂ€chtnistrainer. Ich will aber kein GedĂ€chtnisweltmeister werden, ich will meinen Alltag leben. DafĂŒr brauche ich weder Listen noch Zahlenreihen. Eigentlich will ich ja etwas anderes: Ich will Namen, Daten, Orte und andere Dinge nicht nur speichern, sondern die Informationen viel lieber kreativ verarbeiten. Der Alltag funktioniert genau deswegen so gut, weil er ja alle Tage gleich ablĂ€uft. Ich muss mir keine Gedanken ĂŒber die Dinge machen, die gut funktionieren.

Allerdings hat der Alltag auch seine TĂŒcken: Habe ich mich einmal fĂŒr einen Ablauf oder eine bestimmte Reihenfolge entschieden, möchte diese, dass ich das immer so weiter mache. Glaube ich, dass ohne Kaffee am Morgen nichts geht, könnte es auch anders sein, es gab auch lange Jahre, in denen ich ĂŒberhaupt keinen Kaffee trank. Es gibt Reihenfolgen, die sich als so sinnvoll erwiesen haben, dass sie nieundnimmernicht geĂ€ndert werden. Wer zuerst den Boden putzt und anschließend die KrĂŒmel von Tisch und Arbeitsplatte wischt, muss sich nicht wundern, dass der Boden nur fĂŒr kurze Zeit sauber war.

Manchmal begleiten Engel den Tag, den Alltag.

Nur wenn ich Alltag bei mir habe, kann ich aufmerksamer durch den Tag gehen, die kleinen Dinge wahrnehmen und achtsam sein. Haben sich meine Spuren auf alltÀglichen Wegen tief eingegraben, kann ich sie verlassen, neue Wege gehen.

Selbstredend hatte der GedĂ€chtnistrainer seine BĂŒcher dabei und pries sein Seminar fĂŒrs GedĂ€chtnistraining an, beides allerdings nicht kostenlos.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Projekt „Alltag“.

Tagebuchbloggen am 5. September

An jedem 5. des Monats versammeln sich alle Tagebuchblogger zum WMDEDGT, „was machst du eigentlich den ganzen Tag“ will Frau BrĂŒllen wissen. Bitte, hier steht’s:

Hier habe ich nicht einen Wecker, hier habe ich fĂŒnf Wecker: Wird es draußen langsam dĂ€mmerig, finden die Katzen, dass ich doch jetzt genug geschlafen habe und es Zeit zum Aufstehen ist. Da ich anderer Meinung bin, ziehe ich mir die Decke ĂŒber den Kopf und lasse sie nölen. Bequeme ich mich aus dem Bett, gibt es erst Kaffee fĂŒr mich, bin ich damit fertig, Futter fĂŒr die Raubtiere.

Mein Beitrag fĂŒr die nĂ€chste Ausgabe von „Echt Oberfranken“ ist fertig, die Layouterin hat mir den Entwurf gemailt, damit ich noch die Bildunterschriften schreiben kann. Mitte September geht das Heft in Druck, irgendwann wird es dann auch im Zeitschriftenregal liegen.

Radfahrer ĂŒber der Werra.

Weil es heute noch sonnig ist und sich fĂŒr morgen Regen angedroht hat, telefoniere ich mit der Touristinformation in Wanfried, ob jemand ein bisschen Zeit fĂŒr mich hat. Das kleine StĂ€dtchen diente nĂ€mlich Wagner als Inspiration fĂŒr den Namen seiner Villa, er hat eben nur noch ein „h“ zusĂ€tzlich eingefĂŒgt, „Wahnfried“ eben.

Der Wanfrieder Hafen.

Am Hafen legen lĂ€ngst keine LastkĂ€hne aus NĂŒrnberg mehr an, nur noch Schlauchboote und Kanus, ich trinke in der Wirtschaft einen Kaffee und frage die Bedienung, ob sie was von Wagner weiß. Sie ist nur Aushilfe, antwortet sie, gibt mir die Speisekarte und sagt, dass auf den ersten Seiten etwas ĂŒber die Hafengeschichte steht.

Die Kirche in echt war offen, hier steht sie als Deko in einem andernfalls leeren Schaufenster

Weil die Touristinformation Mittagspause hat, strolche ich durchs StĂ€dtchen, lese, was auf den Schildern ĂŒber die alten HĂ€user steht, fotografiere. Weil die Kirche gerade offen ist, gehe ich hinein und krame in den dort zum Mitnehmen ausgelegten BĂŒchern, finde die „Judenbuche“ von Droste-HĂŒlshoff und nehme das schmale BĂ€ndchen mit. Die anderen BĂŒcher waren eher erbauliche Texte, so Ă  la: Gottesdienst ohne Pfarrer, erstaunlicherweise fand ich aber auch einen Koran und BĂŒcher ĂŒber weitere Religionen in der Kiste.

Das Rathaus von Wanfried.

Der freundliche Mensch in der Touristinfo hatte in der Zwischenzeit, seit meinem morgendlichen Anruf also, Texte ĂŒber Richard und Cosima Wagner, SekundĂ€rliteratur, zusammengefasste Werke ĂŒber alles, was ĂŒber die Namenswahl Wagners bezĂŒglich seiner Villa bekannt ist, aus dem Archiv gesucht und schickt es mir per Mail. Wir unterhalten uns noch eine Weile, schließlich finde ich das StĂ€dtchen schick, obwohl viele GeschĂ€fte leer stehen, auch wenn die Schaufenster dekoriert sind.

Noch ein dekoriertes Schaufenster, in diesem wird Werbung fĂŒr die samstĂ€glichen StadtrundgĂ€nge gemacht.

Anschließend habe ich noch ein bisschen eingekauft und bin zurĂŒckgefahren, dieses Mal ĂŒber die neu und immer noch nicht fertig gebaute Autobahn, das letzte Projekt der Deutschen Einheit. Ist schon irre, wie viel Erde dafĂŒr bewegt wurde, damit jetzt Kies, Beton und Asphalt in der Landschaft liegen.

Autobahnwahnsinn. Das war mal Landschaft, frĂŒher.

Ich schließe die HaustĂŒr auf und werde zum Dank von den Katzen angemault. Nein, jetzt gibt es erst einmal fĂŒr mich was zu Essen, spĂ€ter seid ihr dran.

Hoch hinaus

Insgesamt 120 Stufen muss ich steigen, will ich hoch oben vom Bismarckturm ĂŒber das Kasseler Becken blicken. Er steht auf dem Brasselsberg, ist einer von ehemals 240, von denen noch 173 in ganz Deutschland verteilt stehen.

Stufen im Inneren des Bismarckturmes

Bis ich dorthin komme, gehe ich Stadtrand entlang, einem Stadtrand der ganz anderen Art. WĂ€hrend an anderen RĂ€ndern Industriegebiete die RĂ€nder ausfransen, grenzt hier die Bebauung direkt an das Naturschutzgebiet. Alles ist mit Hecken blickdicht bepflanzt, selbst Kinderlachen klingt nur gedĂ€mpft hindurch. An der Straßenbahnschleife Druseltal weist der Wegweiser auf den linken der sternförmig verlaufenden Wege, wenn ich schnell und direkt zum Turm kommen will. Da ich die Wegmarkierung bereits an der nĂ€chsten Ecke nicht mehr finde, nehme ich den  lĂ€ngeren Weg, Zufall sei Dank.

Meine Schritte knirschen auf dem Splitt. Bleibe ich stehen und lausche, kann ich hören, wie die dĂŒrren BlĂ€tter von Buche und Ahorn leise raschelnd auf den Boden fallen. Ich bin im Habichtswald, doch nicht weit von mir entfernt ruft ein Falke, kurz danach ein zweiter. Als ich weitergehe, fliegt einer auf und der zweite bleibt sitzen. Ich gehe nicht zu ihm, was sollte ich da auch? Sind sie am Fressen, störe ich nur. Ist einer verletzt, kann ich ihm auch nicht helfen, zu groß wĂ€re seine Angst vor mir. Ist es ein Jungvogel, der sich zu frĂŒh aus dem Nest gewagt und jetzt auf dem Boden nicht starten kann nun, der muss allein Fliegen lernen. Ich kann es nicht.

Ich laufe an den Bilsteinklippen vorbei, steige einer von ihnen auf den von hinten so unscheinbar anmutenden RĂŒcken, und staune, wie weit es vorne in die Tiefe geht.

 

 

 

 

 

Bald ragt vor mir der Turm auf, quadratisch, fest aus Basalt gefĂŒgt. „GötterdĂ€mmerung“ nannte der Architekt seinen Entwurf, jetzt steht er da, mit dem Sockel im Schatten, in der DĂ€mmerung, doch die Spitze sonnenbeschienen.

Von hier oben ist schließlich die Sicht weit, eine Tafel erklĂ€rt, was ich sehen kann. Die kleinen Sorgen, sĂ€mtliche Ausreden, alles, was mich tagsĂŒber beschĂ€ftigt, blĂ€st der Wind einfach fort. Ja, ich kann hier den ganzen Tag einsam und allein mit mir und fĂŒnf Katzen verbringen, am Computer sitzen, schreiben, lesen, nachdenken, manchmal klingen die Stimmen der Nachbarn und das Geschrei der Kinder bis zu mir und wenn ich denke, och mönsch, muss das jetzt, könnt ihr nicht leise, denke ich auch daran, dass das heute die einzigen menschlichen Laute sind, die ich höre.

Ich war nie viel allein, immer war noch jemand da, der was wollte, der mich brauchte, doch jetzt, seit die Lieblingshausziege nun ausgezogen ist, kann ich ganz allein und einsam sein, ausprobieren, ob mir das zusagt – oder eher nicht.

Sicher, ich habe hier in der Stadt mal gewohnt, einige Jahre sogar, ich könnte im Telefonbuch oder eher im Internet nachsehen, wer hier noch wohnt, von denen, die ich kenne.

Ich lasse es.

Ich wĂŒsste im Moment nicht, woran ich knĂŒpfen könnte, es gibt ja seit Jahren nichts Verbindendes mehr. Wir könnten uns nur gegenseitig erzĂ€hlen, was wir jeweils erreicht, wo wir gewesen, was wir gemacht, doch danach geht jeder wieder seines Wegs, nach einem „schön war’s“ und „meld dich mal wieder“ vergisst jeder auch gleich, was der andere gesagt hat.

Das also nicht.

Verbunden mit: Czoczo und dem Black und White-Bild des September. 

Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben #abc.etĂŒden

„Sieht nach Verzweiflungstat aus“, kommentierte der BuchhĂ€ndler, als er August im Ratgeber „Auftragsmord ist billiger als Scheidung“ blĂ€ttern sah.
„Ich prĂŒfe meine Chancen“, konstatierte dieser lakonisch und schlug hinten nach, ob es eine Liste inserierter Mörder gab, analog zu den Danksagungen in anderen BĂŒchern.
„Du musst dich schon selber auf die Suche machen“, witzelte der BuchhĂ€ndler. „Eine Nachfrage bei der Handwerkskammer dĂŒrfte ĂŒberflĂŒssig sein, Mörder gehören schließlich nicht zu den anerkannten Ausbildungsberufen.“
„Mach dich nur lustig“, grummelte August: „Du bist ja auch glĂŒcklich geschieden.“
„Ich habe Liese einfach mit meinem GroßhĂ€ndler bekannt gemacht. Da er wesentlich mehr verdient, fiel ihr der Abschied leicht.“
„Du meinst, ich sollte Juli mit jemandem verkuppeln? Das hat niemand verdient“, winkte August ab, zahlte das Buch, verließ den Laden und ging zum Hauptbahnhof. Vor der UnterfĂŒhrung saßen die Bettler, wahlweise mit Hund oder Schild vor sich und warteten, dass Passanten MĂŒnzen in ihren Hut, Becher oder Geigenkasten warfen. Vielleicht blieb August einen Moment zu lange stehen, vielleicht hatte er einen der dort sitzenden zu lange angeguckt, er merkte, dass einige von ihnen nĂ€her kamen, so dicht, dass er am liebsten sofort verschwunden wĂ€re. Wollte er mit ihnen jedoch ins GeschĂ€ft kommen, blieb ihm nichts anderes ĂŒbrig, als die Luft anzuhalten und ihren strengen Geruch nach Schweiß, Alkohol und nassem Hund zu ertragen.
„Moin“, versuchte er eine AnnĂ€herung, da er jedoch nur ein: „Du mich auch!“ erntete, kehrte er um, fuhr nach Hause und legte sich mit dem gerade gekauften Buch aufs Sofa. Er hĂ€tte alles dafĂŒr hingegeben, wenn diese Frau gĂ€nzlich aus seinem Leben verschwinden wĂŒrde, nur bei der Auswahl der Möglichkeiten war er ambivalent. Sollte er jemanden bezahlen, auch wenn er dann einen Mitwisser hĂ€tte? Es selbst erledigen? Erschöpft vom Nachdenken ĂŒber die Möglichkeiten schlief er ein, wachte schweißgebadet auf: Er hatte die Lösung.

Verbunden mit: Christiane und den abc.etĂŒden, in dieser Woche mit den Worten: Verzweiflungstat, ambivalent und hingeben.

Alles fĂŒr die Katz #95


Katzen sind die besseren Menschen? Sie wissen, was sie ihrem Dosenöffner empfehlen? Ich bin mir da nicht so sicher, was die Katz da meint, wenn sie sich auf die Brotkiste legt und einfach nicht aufstehen möchte, statt dessen auf den KĂŒrbis verweist und so gelangweilt scheint, als sei der Tag noch lang. Dabei hatte ich ihr das Fliegenfangen anheimgestellt, allein, sie wollte sich nicht bewegen, die Hitze, meinte sie.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles fĂŒr die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles fĂŒr die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans ĂŒber schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles fĂŒr die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen ĂŒber den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.