Erika Mann: Eine Ausstellung in der Münchener Monacensia

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod erinnert die Monacensia im Münchner Hildebrandhaus an Erika Mann, Tochter von Katia und Thomas Mann und ihren konsequenten Einsatz für Demokratie und Freiheit.

Nicht nur Kleider, auch Namen machen Leute: Aus irgendwelchen Gründen ist der Name Erika für mich mit kleinen Blümchen verknüpft, mit den Heideblümchen, die im Herbst manchmal in wilden Farben im Gartencenter stehen. Außerdem gab es einst eine Schreibmaschine mit diesem Namen. Wählten Katia und Thomas Mann den Namen für ihre Erstgeborene nach dem Klang oder nach der Bedeutung? Dann hieße sie die „Alleinherrschende“.

Sylvia Schütz erzählt über Erika Mann

„Es ist ein Mädchen“, notierte ihr Vater. Als Vatertochter muss sie nie mit ihm konkurrieren, ganz im Gegensatz zum ein Jahr später geborenen Bruder Klaus. Doch vielleicht hätte Kassandra besser zu ihr gepasst, warnte sie doch im amerikanischen Exil, reiste mit der Eisenbahn quer durch Amerika, erzählte von dem, was in Deutschland unter den Nationalsozialisten geschah, über die Gefahr des Faschismus und dessen Einfluss mittels Erziehung auf die Jugend.

An Schule nur wenig interessiert, gründete Erika lieber eine Bande mit Freunden aus der Nachbarschaft, äfft die Lehrer nach und schließt das Luisengymnasium in München mit einem schlechten Abschlusszeugnis ab. Während in München nationale und völkische Extremisten die Politik beherrschen, geht Erika Mann nach Berlin, zur Schauspielschule von Max Reinhardt, lässt sich einen Bubikopf schneiden, raucht Zigaretten, erobert sich das Berufsleben, wird an Bühnen engagiert und reist mit ihrem Bruder Klaus neun Monate lang um die Welt. Weil sie wissen will, wie ein Auto funktioniert, lernt sie Automechaniker – und was sie erlebt, wird schreibend verwertet.

Dr. Tanja Praske leiht den geschriebenen Worten Erika Manns ihre Stimme.

Europa erlebt Erika Mann noch als ein großes Gebiet, eines, durch das man fahren kann und bis heute werden ihre Erlebnisse im Baedeker zitiert. Dass es ein Fehler war, die Politik den anderen zu überlassen, erlebte sie, bevor die Nazis offiziell 1933 an die Macht kamen: Ins Münchner Hotel zur öffentlichen Frauenversammlung eingeladen, sollte sie ein kurzes Gedenken für den Frieden halten. Währenddessen gab es einen „Störungsversuch seitens der Nazibuben“, wie Klaus Mann das Ganze beschrieb, es folgte ein Presseskandal, Verleumdungen, Drohungen, all das, was man heute als „Shitstorm“ bezeichnen würde.

Für Erika war es ein Moment, in dem sie klar erkannte, dass politisches Handeln gegen die Nazis notwendig war und noch im Januar 1933 das politische Kabarett „Pfeffermühle“ gründete, Texte schrieb und alles rund um die Aufführungen organisierte. Bis Ende Februar waren die Vorstellungen ausverkauft – und die völkische Presse tobte.

Co-Kuratorin Sylvia Schütz am Rednerpult, wie einst Erika Mann.

Sie wechselt in die Schweiz, spielt dort weiter, emigriert nach Amerika, doch hier gelingt kein Kabarett, hier wird sie politische Rednerin, reist mit dem Zug quer durch das riesige Land und spricht über „Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“, ein Buch, das sie selbst schrieb und dessen deutsche Übersetzung erst 1986 erschien.

Erika Mann wird Kriegsberichtserstatterin, darf als einzige Frau die Hauptkriegsverbrecher besuchen, berichtet von den Nürnberger Prozessen und reist quer durch das zerstörte Land und beschreibt die verstört-jammernde Stimmung.

Als es zum Kalten Krieg kommt, kehren Katia, Thomas und Erika Mann nach Europa zurück, in die Schweiz. Jetzt wird sie zum Mauerblümchen, zur Kassandra: So viel sie versucht, sich einzumischen, so wenig findet sie Gehör. Sie wachte über den Nachlass von Bruder und Vater, als „bleicher Nachlassschatten“, wie sie an einen Freund schrieb, bis sie 1969 mit gerade einmal 64 Jahren starb.

Auch wenn die Ausstellung räumlich mit dem Äquivalent einer Dreiraumwohnung auskommen muss, stellt sie das gesamte Leben Erika Manns dar, gemeinsam mit den Zeitläufen, denen sie ausgesetzt war, denen sie sich stellen musste und wollte. Zitate belegen, wie aktuell ihre Sichtweise bis heute ist – und wie erschreckend wenig davon in der Erinnerung blieb.

Der Nachlass der Manns wird in der Monacensia aufbewahrt.

Der Weg nach München lohnt sich auf jeden Fall. Bis zum 30. Juni ist die Ausstellung noch in der Monacensia im Hildebrandhaus zu sehen, anschließend soll sie auf Wanderschaft gehen. Das verriet Sylvia Schütz, die als Ko-Kuratorin mit viel Witz und Freude durch die Räume führte und die fast vergessene Kabarettistin, Kriegsreporterin und politische Rednerin in Anekdoten wieder lebendig werden ließ.

Was ist das Maß?

Viele reden von Nachhaltigkeit. Andere rechnen aus, an welchem Tag wir Menschen der Erde mehr entreißen, als sie jährlich liefern kann – und beschränkt sich dabei auf die biologische Kapazität.

Doch was ist das Maß? Wie groß ist mein Maß?

Was steht mir zu, wie viel darf ich brauchen, verbrauchen, und wann ist es genug, wann ist es zu viel? Ist ein Paar Schuhe im Jahr angemessen? Ist es zu viel? Muss ich sie drei Jahre tragen? Was ist, wenn sich die Sohle des einen Schuhs bereits nach drei Tagen löst?

Wie viel Kleidung steht mir zu? Soll nur das verteilt werden, was vorhanden ist und regeneriert werden kann, muss es in irgendeiner Weise reglementiert und zugeteilt werden: Ich bekomme dann Spritz für eine bestimmte Menge an Emissionen, fahre ich ein Auto, das nur wenig braucht, komme ich weiter als mit einem Spritfresser, einer Schrankwand auf Rädern.

Das gleiche gilt für Strom, der für drei helle Zimmer, einen Kuchen am Sonntag und wahlweise drei Stunden am Laptop reicht. Brauche ich mehr, muss ich mittels Photovoltaik selbst Strom erzeugen, kostenneutral, emissionsfrei, aber ich kann auch den Verbrauch reduzieren und nur das Zimmer beleuchten, in dem ich sitze.

Ist das Haus zu groß oder ungedämmt, reicht die Heizenergie nur für ein Zimmer aus oder so viele Quadratmeter, wie mir eben zustehen. Das erinnert mich an meine Oma: Während es in der Küche immer mollig warm war, wurde der Ofen im Wohnzimmer nur dann geschürt, wenn Gäste kamen.

So ließe sich alles berechnen, was ein Mensch so braucht.

Auch die tägliche Kalorienanzahl ist bekannt, immerhin könnte ich wählen, ob ich lieber dreimal Salat oder ein Nutellabrötchen hätte.

Dann ließe sich das mehr-haben-wollen nicht mehr durch mehr Geld erreichen. Ich bräuchte nur noch so viel zu arbeiten, bis ich mir das kaufen kann, was mir zusteht. Vielleicht muss ich dann beim Kauf von neuen Schuhen die getragenen Schuhe vorweisen, zeigen, dass sie nicht mehr reparabel sind oder ich gebe sie ab, damit sie weiter getragen werden, nur nicht mehr von mir.

Es lässt sich sicher auch berechnen, wie viel Klopapier, Duschgel und Zahnpasta ein Mensch braucht, selbst dann, wenn er es großzügig verwendet. Die Daten sind in den Kassensystemen der Supermärkte und im Internet längst vorhanden. Geht etwas zur Neige, wird automatisch nachgeliefert.

Algorithmengesteuerte Planwirtschaft. Bargeld ist bis dahin ohnehin überflüssig.

Bleibt nur: Was mache ich mit der freien Zeit? Der Zeit, in der ich bisher arbeiten muss, um das zu finanzieren, was mir jetzt nicht mehr zusteht?

Schabernack, breit, erheben – abc.etüden

Weil Anton auf schnelle Lacher und den Beifall derjenigen setzte, die so dachten wie er, es jedoch nicht wagten oder zu lange für eine Replik brauchten, dachte er nicht nach. Er dachte nie nach, nahm sich keine Zeit dafür, überhaupt verträgt sich Nachdenken nur selten mit Schlagfertigkeit, bezieht sie ihre Stärke doch aus der Geschwindigkeit und nicht aus nachdenklich geführten Gesprächen.
Da er sich seiner breiten Zustimmung sicher war, stand er um so bedröppelter da, als zum ersten Mal niemand mehr über seinen Witz lachte. Er spürte klar und deutlich, dass er jetzt auf der falschen Seite des Rudels gelandet war, dort, wo all diejenigen standen, über die er sich bisher ungestraft lustig gemacht hatte.
Mit einem »Ich habs doch nicht so gemeint«, suchte er den Lapsus zu überspielen, wollte wieder Anschluss an die, die ihm plötzlich den Rücken gekehrt hatten. Doch der Boden war zu glitschig, der Graben zu breit, der Brückenschlag gelang nicht.

Anton stand da und hätte zum ersten Mal Zeit zum Nachdenken, jedenfalls dann, wenn er sie sich genommen hätte, wenn er die Gelegenheit genutzt hätte und sich überlegt hätte, warum er jetzt dort stand, doch er machte weiter, trieb seinen Schabernack auf Kosten der Schwächeren, auf Kosten derer, die er zuvor als Loser verhöhnt hatte und dafür den Beifall der anderen bekam. Jetzt stand er selbst da, doch er gab nicht auf, versuchte einen Schabernack nach dem nächsten, holte sich eine Abfuhr nach der anderen, kämpfte weiter, drehte auf, versuchte, sich über die zu erheben, zu denen er jetzt von den anderen gezählt wurde, doch es half nichts.

„Was gibst du dich auch mit denen ab“, hörte er seinen Vater sagen. „Da gehörst du nicht hin, komm, ab nach Hause und kümmer dich um unsern Kram“.

Dabei wollte er doch nur dazugehören. Gesehen werden. Dabei sein.

Verbunden mit den abc.etüden von Christiane: Ein Text von nicht mehr als 300 Worten mit Schabernack, breit und erheben.

 

12 Bilder vom 12. Februar

Leider sind es heute nur zehn Bilder statt zwölf, aber vielleicht reiche ich die fehlenden noch nach. Wer noch viel mehr Bilder bestaunen möchte, bitte sehr, hier entlang, bei der Frau mit den Kännchen sind sie alle.

So ein hartnäckiger Schnupfen ist einfach bäh. Da schmeckt selbst der Kaffee komisch und ich koche mir nach der obligatorischen ersten Tasse Kaffee lieber einen Tee mit Ingwer, Zimt und Honig.

Der Tag fängt ruhig an, ich schreibe über die Sitzung des Gemeinderates. Anschließend ist Zeit für alles oder nichts oder überhaupt.

Ich krame ein bisschen, suche das eine und finde das andere, wie hier den eingetrockneten Füller. Der war noch in die Serviette vom Flugzeug gepackt, ich hatte den Druckunterschied etwas unterschätzt und plötzlich blaue Finger, als ich hoch oben in der Luft etwas notieren wollte. Für die Stifte ist es ohnehin gut, wenn sie gelegentlich gebadet werden, als ich noch Bauzeichnungen mit Tusche angefertigt habe, mussten die Stifte dafür regelmäßig gereinigt werden.

Auf dem Esstisch steht immer noch der Rest der Adventskerze, die Lieblingshausziege lag mit ihrer Vermutung, dass ich es nicht schaffen würde, sie rechtzeitig abzubrennen, völlig richtig. Nun denn.

In der Küche duftet es: Der Mitbewohner kümmert sich ums Mittagessen. Das ist bestimmt gleich fertig, da lohnt es sich nicht, irgendwas anzufangen. Also blättere ich ein bisschen in der Zeitschrift, in der sich ein Artikel mit der Zukunft unserer Ernährung beschäftigt

Anschließend setze ich mich wieder an den alten Schreibtisch der Lieblingshausziege. Da hier kein Computer steht, fallen mir manchmal Entwürfe leichter. Dieser wird vielleicht ein Text für die abc.etüden bei Christiane, mal sehen, ob ich ihn dieses Mal fertigschreibe.

In der Post sind heute unsere beiden Entdeckerpässe für die Metropolregion Nürnberg.

Gestern kam auf Arte ein langer Beitrag über die Stalinzeit in der ehemaligen UdSSR. Solschenizyn schreibt darüber.

Meine Mutter gab mir alte weiße Tischdecken, die packe ich jetzt zusammen und bringe sie morgen zur Lieblingshausziege nach N.

Tja, das würde ich jetzt gerne, geht aber nicht, noch nicht. Erst muss ich zu einer weiteren Gemeinderatssitzung, in einer anderen Gemeinde. Hoffentlich wird es nicht so spät wie gestern.

Ein Nachmittag in Wiesbaden

Der Kopfbahnhof in Wiesbaden liegt nahe an der Innenstadt, an der Bahnhofsstraße sind Friseure, Zahnärzte, Anwälte, Notarkanzleien, in den Wasserresten der Grünanlage baden Tauben. Vor dem Gebäude, in dem jetzt die Deutsche Bank residiert, sind zwei Stolpersteine ins Pflaster eingelassen.

Auf dem Marktplatz stehen noch die Händler, sie räumen erst ab, als ich später das zweite Mal vorbeikomme, die große Marktkirche ist offen, wird wie ein Wartesaal zum Aufwärmen genutzt. Vorne stehen lebensgroße Statuen aus weißem Marmor, rechts Matthäus und Lukas, links Markus und Johannes, in der Mitte der segnende Christus. Ich sitze eine Weile, suche Besinnlichkeit, die Familie auf den Bänken der anderen Seite des Mittelgangs kramt in den Rucksäcken, verteilt Ess- und Trinkbares, die Kinder rennen hintereinander her.

 

Andere Menschen erklären etwas, da sie russisch sprechen, verstehe ich nicht alles. Ein Plakat verweist auf Besinnlichkeit in der Krypta, ich gehe hinaus, als ich es finde, steht dort ein Müllcontainer frierend neben der Tür. Die großen Betonwürfel vom Weihnachtsmarkt warten zusammengeräumt, die Staatskanzlei ist mit Planen verhängt.

 

 

 

Am heißen Brunnen taucht ein Mann seine Hand ins Wasser, weil ich neugierig bin, mache ich es nach. Es ist händewaschwarm.

 

 

 

 

 

 

Gegenüber ein prächtiges Hotel, auf den Balkonen lauter Zeugs und neben dem Portal ein Klingelpanel mit vielen Namen.

Vor dem Opernhaus ein hochnäsiger Schiller, auf den warmen Weihern recken Enten ihre Schwänzchen in die Höh. Ein Fotograf läuft auf der Wiese herum, versucht, die Vögel zu erwischen, aber sie mögen nicht, krächzen, zetern, fliegen auf und weg.

 

 

Ich gehe weiter, bergauf, eine Straße führt mitten durch die Gedenkstätte für die alte Synagoge, die einen Teil der Grundmauern nachzeichnet. Zurück in die Innenstadt. Beim „Zweitbuch“ gestöbert und ein Buch über Mode gefunden, beim Afghanen ein Plätzchen zwischen anderen, immerhin hab ich jetzt Hunger und weil ich die Ohren nicht verschließen kann, höre ich mir an, was sich Menschen erzählen, was sie nicht vertragen, über Probleme zwischen Projekten und Wohnungssuche.

 

Auf dem Weg zum Museum eine Gruppe mit Anonymus-Masken, zwei tragen Bildschirme, halten sie, konfrontieren Passanten mit Bildern von Tierleid. Ein Mann im grünen Parka stürmt auf sie zu, fragt, was ist mit den Menschen, den humans, er ist Barde, er ist für die Menschen, sie sind ihm wichtig.

Es ist Zeit, ich gehe zum Museum, setze mich mit Kaffee in die Bücherei. Drei Männer am Tisch nebenan diskutieren, nein, einer referiert „die Deutschen sind es gewohnt, zu gehorchen“ und zwei hören und stimmen durch Nicken zu.

Bahnfahren

Der Winter atmet noch einmal aus und überzieht alles mit seinem Raureif, hüllt Gräser in weißen Hauch. Sie sehen aus wie frisch gezuckert, doch wer ein Blatt in den Mund nimmt, lutscht bittere Kälte.
Was ist verschwunden? Die Schienenstöße, die den Rhythmus des Reisens bestimmten, das ohrenbetäubende Quietschen der Zugbremsen, das Pfeifen der Lokomotive vor jedem Bahnübergang. Wolkenweichzeichner hängen zwischen Baumwipfeln, der Tag räkelt sich unter der Decke, zieht sie sich über den Kopf. Trotzdem drehen sich die Uhrzeiger weiter, fahren die Züge wie im Fahrplan vorgesehen, wacht das Licht mit Druck auf den Schalter auf, erhellt den Raum, kriecht unter die Lider der Schlafenden, stört die Träume, auf dass sie kein gutes Ende finden.
Auf dem Platz neben mir erledigt eine Frau ihre Korrespondenz, schreibt E-Mails in Briefform. Sie hält den Laptop auf dem Schoß, weg vom Mittelgang und damit mir zugewandt, ich könnte mitlesen, mag aber nicht. Weiter vorne prosten sich Menschen zu – Stößchen – und tragen Käppchen als kleine Hüte, obwohl noch kein Fasching ist.
Jetzt, in dieser Zeit, in der Samen in der Erde ruhen, nutzen die Maulwürfe sämtliche Gelegenheiten, werfen ihre Haufen auf der Oberfläche ab, schließlich werden jetzt weder Wiesen gemäht noch Felder gepflügt. Genauso brauchen Menschen ihre Ruhe; nur dann können die Geister der Vergangenheit aus der Tiefe steigen, Verwerfungen werden sichtbar und die Wahrnehmung verschiebt sich. Wer ständig tätig ist, muss auf den Augenblick achten, sonst setzt der Maurer den Stein falsch, der Schuster die Naht schief oder der Bauer wird von der Kuh getreten. Diese Art der körperlichen Konzentration lässt sich nur in langer Übung erlernen.
Auf einer Wiese parken Autos, Anhänger, Pferdeanhänger. Menschen, Reiter, Pferde stehen neben ihnen, blasen weiße Wölkchen in die Luft. Wie es aussieht, fahren die Pferdebesitzer ihre Tiere nach irgendwo, laden sie aus, satteln sie, reiten, satteln wieder ab, packen die Tiere wie Spielzeug ein und fahren nach Hause.
Ein Stück weiter steht eine Traktorenversammlung im Wald, mit Hängern und Holzstücken,
Das ist nur ein IC, der fährt ohne W-LAN, monierte ein Reisender in sein Telefon, der Zug als solcher braucht es vermutlich nicht, wohl aber die Menschen, denen die Aussicht auf die Welt am Fenster zu wenig ist.

 

An Übergängen hat sich Wildnis ausgebreitet, zwischen zwei Feldern, zwischen höheren und tieferen Ebenen, zwischen Bahngleisbett und Feld oder Ortschaft, an Hängen.
Beton bekommt keine Patina. Beton wird schwarzgrün von Mikroorganismen überzogen, auf dem Geflecht bleibt Staub hängen, Blütenstaub, dieser ergraut und fault mit der Zeit.
Im Netz schrumpfen Entfernungen auf Millisekunden, es ist nie leer, sondern unendlich weit. Es gibt keine letzte Seite, es gibt immer noch eine weitere und es fühlt sich seltsam an, wenn eine Meldung aufploppt, in der es heißt: Sie haben alle Beiträge der letzten zwei Tage gesehen. Really? Das war alles? Mehr gibts nicht? Das kanns doch aber nicht gewesen sein, oder?
Jeder Zug hat einen genau definierten Anfang, dort werden die Wagen zusammengestellt, eingesetzt und fährt los. Mit dem Zug reisen ist geschenkte Zeit. Im Auto muss ich selbst aufpassen, stehe im Stau, fahre langsam oder schnell, bin vermeintlich Herr über den Ablauf und doch allen Widrigkeiten ausgesetzt. Ich habe die Hand am Steuer und das Navi reguliert die Ankunftszeit nach meiner Geschwindigkeit, ich komme immer pünktlich, sogar dann, wenn ich meinen Termin verpasse.
Die fest definierte Abfahrts- und Ankunftszeit der Bahn gilt dagegen über die gesamte Gültigkeit des Fahrplans. Jede Unpünktlichkeit kann somit genau registriert werden und führt zu Meckerbedarf.

Tagebuchbloggen am 5. Februar

Es ist wieder der 5. des Monats und weil die freundliche Blognachbarin immer so nett daran erinnert, will ich auch wieder brav tagebuchbloggen; bei ihr treffen sich ganz viele zum WMDEDGT.

Wache ich morgens auf, ist es noch dunkel. Der Kaffee schmeckt trotzdem, die Zeitung raschelt, ab und an miaut die Katz, die nur dann Nähe sucht, wenn sie was zu fressen möchte. Anschließend schreibe ich übers Schreiben, über Handschriften, Schulausgangs- und eingangsschriften, Tablets, die sich mit Stift fast wie Papier beschreiben lassen, staune über Tintenrezepte, Füller und was man da so alles braucht. Seit deutlich weniger mit der Hand geschrieben wird, nimmt die Auswahl hochpreisiger Stifte und Schreibblöcke zu, scheint mir. Vielleicht scheint es auch nur mir so, dabei schreibe ich immer noch viel und gerne mit der Hand, beispielsweise auf die einseitig bedruckte Tagesordung der letzten Gemeinderatssitzung.

Mittags dreht der Mitbewohner in der Küche Lammfleisch durch den Wolf, zeigt der Katze, wo der Balkon ist und weil ich ahne, dass einschließlich der Fotos alles etwas länger dauert, belege ich zwei Käsebrote und setze mich vor den Ofen und sinniere ein wenig vor mich hin. Gestern hatte meine Mutter Geburtstag, unsere Mutter, die Frau, die mich geboren hat und die ich doch so wenig kenne, obwohl ich sie einst ganz zu kennen glaubte. Wie viel von dem, was uns als Kindern gesagt wird, nehmen wir tatsächlich auf?

Mädchen werden bis heute eher verbessert, kritisiert, zurechtgerückt, zurückgepfiffen, nichts ist oder scheint gut an dem, was und wie sie es machen. Sie kriechen von Tadel zu Niederlage, richten sich immer wieder von Neuem auf. Sie stellen sich immer schon selbst in Frage, schauen um sich, bevor sie etwas machen, schauen auf den, der sie dafür loben oder tadeln wird, leben auf, vom und durch den Blick des Anderen. Kommt von der Mutter oder vom Vater kein Lob, sondern nur ein: Wird aus dir nie etwas?, wissen sie schon längst, dass Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und ein starker Wille gerade bei Mädchen und später bei Frauen selten gefragt ist. Statt dessen: Hübsch sein, lieb sein. Liebe ist, wenn du lieb bist, hat mir die Mutter auf meine Frage danach geantwortet,

Bei Jungs dagegen ist alles ok, alles wunderbar, sie ziehen von Triumph zu Sieg, gleich, was sie anstellen, gleich, wie sie aussehen.

Nach einer Weile setze ich mich wieder an die Arbeit, schreibe, gucke der Sonne hinterher, registriere am Rande das, was gerade in Thüringen läuft und ziehe mir eine Jacke über. Raus jetzt. Einfach nur ein Stück raus, laufen, am Kanal entlang, hier ist es relativ ruhig. Gelegentlich ein Radfahrer, gelegentlich ein Hund mit Herrchen. Frische Luft ist immer gut, sie hilft beim Nachdenken. Anschließend essen wir das, was der Mitbewohner heute nach einem Rezept aus Kenia zubereitet hat. Der Geschmack ist aus Afrika, das schon, was aber fehlt, ist der ganz eigene Geruch, die Wärme und die Luftfeuchtigkeit, all das, was ich sofort in der Nase habe, selbst wenn ich nur Bilder von dort sehe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt ist es draußen dunkel, und innen hell, dank Strom und Lampen und überhaupt. Als ich vor über 40 Jahren die Eltern in Westafrika besucht habe, war das keinesfalls selbstverständlich. Der Strom fiel dort regelmäßig aus, war gesperrt, was auch immer. Ich weiß noch, dass wir im Kino waren, der Vater den Film simultan aus dem Französischen übersetzt hat, plötzlich war Strom und Licht und Film einfach weg. Wir haben noch eine Weile gewartet, und sind dann vermutlich zurückgefahren, nicht gegangen, wir waren dort nur wenig zu Fuß unterwegs.

Hier kommt der Strom zuverlässig und selbstverständlich aus der Steckdose, der Computer läuft und ich setze mich für den Rest des Abends mit einem Buch aufs Sofa. #Olgalesen.

Alles für die Katz #99

Katzen. Dass sie die Verfolgungen des Mittelalters überlebten und sich nicht ausrotten ließen, grenzt wohl an ein Wunder. Mit dem Erlass von 1484, „In unserem sehnlichsten Wunsche“, (lat. Summis desiderantes affectibus) erlaubte Papst Innozenz der Inquisition, Ketzer und Hexen zu verfolgen, anzuklagen und gerichtlich vorzugehen.

Das betraf auch Katzen, glaubten die Menschen doch, sie könnten hexen oder sich in solche verwandeln. Die Zeit des Jugendstils dagegen erinnerte sich wieder an die Katzen des alten Ägypten. Damit sie den Schlaf der Menschen zuverlässig bewachen konnte, wurde sie auf den Schlafzimmerschrank gesetzt.

Der Schrank steht in der Jugendstilsammlung Neess im Museum Wiesbaden, ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.