Rites de passage – Dunkelheit

Auch wenn es langsam dunkler wird, bleibt noch genügend Licht für Stift und Block, für Tastatur und Bildschirm sowieso. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal allein in der Dämmerung nach Hause lief, aus dem Nachbardorf. Der Geburtstag der Freundin war vorbei, jede ging nach Hause, während die anderen jedoch in dem Dorf wohnten, musste ich ein Dorf weiter ziehen. Damals hatten die Eltern noch kein Auto, außerdem war es eher unüblich, dass Kinder abgeholt wurden, jedenfalls dann, wenn sie zu Fuß die Strecke selbst bewältigen konnten. Nachmittags war ich mit dem Schulbus gefahren, dem Verkehrsmittel, das die Verbindung zwischen den Orten hielt, doch am Abend war nichts und niemand unterwegs.

Der Weg an der Straße entlang war zwar – wenigstens innerorts – beleuchtet, doch deutlich länger. Ich entschied mich für die Abkürzung und ging am alten Bahndamm entlang, dort, wo schon lange keine Züge mehr unterwegs waren. Ich ging so schnell ich konnte, aber ich rannte nicht. Ich wollte rechtzeitig wissen, ob sich ein Unheil anpirscht, spitzte die Ohren, hörte die Mäuse unter den Büschen ebenso rascheln wie die Blätter. Auch wenn meine Fantasie viele gruselige Gestalten in den dunklen Schatten sah, ich konnte mir einreden, dass sie ja tagsüber auch nicht vorhanden, dass das, was ich jetzt in der Dunkelheit sah, nur Laub, Haselnussstecken und Grasbüschel waren.

Es hat funktioniert. Und es funktioniert bis heute.

Weil niemand für mich die Spinnen verjagt, muss ich es selbst erledigen, ganz gleich, wie sehr sie sich beschweren.

Daher habe ich heute nach Online-Meeting, Texten und einem Würstchen zum Mittag wieder ein Regal von Staub und anderen überflüssigen Dingen befreit. Es wird luftig, leicht, plötzlich ist Platz – und mir rücken die Dinge nicht mehr so auf die Pelle.

Im Licht kann der Staub leicht tanzen.

Rites de passage – jeden Tag, jede Stunde

Ich wache nachts auf, schlafe wieder ein, wache auf, wenn der Morgen graut und irgendwann warte ich nicht mehr, bis der Wecker klingelt oder ich noch einmal einschlafe, irgendwann stehe ich einfach auf, setze das Wasser auf, koche Kaffee und bin eben wach, oder das, was ich dann wach nenne. In dieser Nacht habe ich davon geträumt, dass sich die Lieblingshausziege ziemlich gut mit Gras auskennt, und im Wachen dann darüber sinniert, ob es stimmen könnte. Ich muss sie mal fragen.

Schon das erste Telefonat heute morgen war erfolgreich, der Ingenieur war noch im Büro und ich konnte mich zweieinhalb Stunden später mit ihm auf der Baustelle verabreden. In vierzehn Tagen können hier wieder Autos fahren, sagt er, das Landratsamt verlängert die verkehrsrechtliche Sperrung nicht mehr und überhaupt, so ein 1200er Drachenprofil liegt nicht einfach so rum, das dauert eben seine Zeit, bis es in dieser Coronazeit geliefert wird. Damit es auf dem Bild auch richtig nach Baustelle aussieht, ließ der Chef vom ausführenden Baubetrieb auf meinen Wunsch den großen Bagger mitten auf die Straße fahren, so standen die Verantwortlichen mit dem nötigen Abstand nicht ganz so verloren herum.

Zwischendrin habe ich die Texte über die gestrige Gemeinderatssitzung geschrieben, noch einen weiteren Text und damit mein Kopf wieder frei wird, durfte der Staubsauger brummen. Am Nachmittag hatte ich noch im Städtchen eine Verabredung, auch wenn ich ein wenig zu früh war, brauchte ich nicht zu warten.

Und weil ich schon mal im Städtchen war, war ich hier und dort, Kleinigkeiten besorgen, kleine Haken für die Gardine, damit ich die beiden fehlenden endlich ersetzen kann. Bis ich nach Kassel unterwegs bin, will ich hier noch einiges erledigen, was in den letzten Wochen und Monaten irgendwie liegenblieb. Ich habe mir kleine Lackierrollen angeguckt, da kam gleich ein Mitarbeiter, fragte, was ich damit wolle, zeigte mir andere, mit denen das besser ginge und meinte, wenn es nicht klappt, soll ich mich bitte über den Kollegen beschweren. Lob würde er jedoch gerne entgegennehmen.

Ein Grabmal als Vogeltränke, in der Künstlernekropole im Habichtswald.

Jetzt werde ich noch den Staub aus einer weiteren Ecke jagen und mit einer Freundin gemeinsam schreiben, später, das geht selbst dann gut, wenn jede von uns an ihrem eigenen Schreibtisch sitzt.

 

 

Rites de passage – tagtägliches

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt – irgendwie will ich, und doch wieder nicht. Ich schreibe, fange nebenher tausend andere Dinge an, räume den Schreibtisch vom Fenster, putze die Scheiben für den besseren Durchblick. Es riecht nach Staub, lange abgelagertem altem Staub. Er kriecht in die Nase, reizt zum Niesen, flockt und erinnert daran, dass noch eine Menge zu tun ist.

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Wird innen lange nicht geputzt, sammelt sich auch hier Staub an, legt sich auf die blanken Seiten, lässt sie trüb werden, ganz langsam und allmählich. Da hilft es, gelegentlich einen Ausputz zu veranstalten, das Wollen vom Müssen zu sortieren, schauen, warum ich Dinge mache. Wie wichtig ist mir der Blick von außen, wie wichtig ist es mir, wie mich andere wahrnehmen? Kommt drauf an, würde ich sagen. Kommt einfach drauf an, wer es ist.

Wie gut geht es mir in dem, was ich meine Räume nenne, innen wie außen, wie wohl fühle ich mich in meiner Haut, dann wenn mich niemand sieht – und wie wichtig ist es mir, dass sich andere wohlfühlen?

Es gibt für alles eine Zeit: Erst wollte ich Dinge haben, sie ansammeln, meinte, sie zu brauchen, weil nur mit ihnen das Leben glücklich gelingen kann. Später sah ich, dass ich in den meisten Fällen getäuscht wurde, mich aber gerne habe täuschen lassen. Es ist eine Illusion – und manche beherrschen das Spiel einfach besser.

So lasse ich die Kerze brennen, obwohl es hell ist. Sie verbreitet ihre Wärme selbst im Sommer, sie macht, dass andere kommen, sich wärmen und wohlfühlen können, ganz gleich, wie es um den Rest draußen bestellt ist.

Nein, nicht ganz. So etwas Ordnung und Sauberkeit hätte ich schon gerne.

Mit einem Wusch die alten Ablagerungen wegblasen. Schön, wenn es so ginge.

Gelegentlich. Staubwischen, die Ablagerungen entfernen, bis alles glänzt. Jetzt ist es an der Zeit.

AugenBlicke – das Füllhorn

Zwei kurze Episoden von mir sind in Projekt *txt, einer Anthologie erschienen: (Klick auf den Link) , es hat zwar lange gedauert, das heißt aber nicht, dass es jetzt schlecht ist.

Heute morgen habe ich mich zum Schreiben verabredet, schreibe ich gemeinsam mit anderen, entstehen intensivere Texte. Woran das liegt? Keine Ahnung, vielleicht schwirren ja irgendwelche kreativen Inspirationen in der Luft und manifestieren sich dann auf dem Papier? Ich verfolge ja seit Wochen eine Idee, nähere mich immer wieder, asymptotisch gewissermaßen, schleiche um sie, finde Worte für Bilder, für Szenen, schreibe und streiche, verschiebe und verdichte. Lasse die Regenwürmer unter dem Gras hustend den Sand zur Seite schieben, bis sie an den Scherben der Vorfahren abbiegen müssen. Was bleibt? Was bleibt, wenn ich alles aufhebe, alles bleibt in mir, verborgen, dem Blick entzogen, der Luft, dem Licht, es ist in mir, wandelt sich, bis nach der Zeit nur Schwärze bleibt. Es bleibt für die Augen unsichtbar, Sicht ist etwas, das nur nach außen gelingt, innen finden wir mit geschlossenen Lidern unseren Irrweg, suchen zwischen Wurzeln einen Ausweg, halten nichts fest. Das Gras schwankt und der Wind verrührt Grün mit Himmelblau, wenn die Nachtigall den Tag herbeisingt, sie braucht dafür drei fremde Federn, einen Luftsprung und ein Eichhörnchen, das schon morgen nicht mehr weiß, wo sein Schatz vergraben liegt.

Rites de passage – von Katzen und Mäusen

Hui. Wieder ein Regal aus- und wieder eingeräumt, jetzt ohne Staub und mit etwas weniger Büchern. Erstaunlich, was noch alles so da ist. Ich hätte ja am liebsten gleich in einigen geblättert, aber das nutzt ja nichts, so werde ich nicht fertig. Den Salinger habe ich zurück ins Regal geräumt, ich trau mich irgendwie nicht, dort nochmal reinzugucken. Vielleicht finde ich Holden Caulfield dann nicht mehr so cool wie einst, wer weiß?

Fast jeden Tag kommt die Katz mit einer Maus, legt sie vor der Tür ab oder bringt sie mit ins Haus. Doch, sie kriegt genug Futter.

Mäuse sollten sich daher zu Recht vor den Katzen fürchten. Diese Angst ist ihnen sogar angeboren, sie brauchen sie gar nicht zu lernen. Sobald sie die Katze riechen, haben sie Angst, sogar dann, wenn sie – wie im Labor – noch nie Kontakt zu Katzen hatten.

Infiziert sich die Maus jedoch mit Toxoplasma gondii, einem findigen Einzeller, schaltet dieser im Mäusehirn die Angst vor Katzen aus. Dann lassen sich die Mäuse quasi widerstandslos von der Katze fangen und fressen – genau wie der Einzeller das geplant hat. Dieser kann sich erst dann weiter entwickeln, wenn die Maus von der Katze gefressen wurde. In den Darmzellen der Miez richtet er sich kuschelig ein und pflanzt sich dort fort.

So weit so gut. Oder vielmehr: so schlecht für die Maus, wenn Toxoplasma gondii die Hirnsteuerung übernimmt.

Mit dem Einzeller können allerdings sich auch Menschen infizieren (Link). Schwangeren wird beispielsweise empfohlen, weder rohes Fleisch zu essen, noch Katzen zu streicheln, jedenfalls dann, wenn sie Freigänger sind und damit Mäuse fangen. Alles nur, weil die Toxoplasmose, wie die Infektion mit Toxoplasma gondii heißt, das Ungeborene schädigen kann. Ist ein Mensch hingegen nicht schwanger, merkt er im Prinzip überhaupt nichts von der Infektion, denn diese geht meistens ohne Symptome und Beschwerden vorüber.

Doch der Erreger erregt auch bei den Menschen etwas, vielmehr: er schaltet und waltet in deren Gehirn. Mit Toxoplasma infizierte Menschen ändern ihr Verhalten: Zwar lassen sich die Menschen gewöhnlich nicht von Katzen fressen, doch sie werden risikofreudiger und langsamer. Gäbe es noch Säbelzahntiger, würde sie sich freuen.

Zwar pflanzt sich Toxoplasma gondii im Menschen nicht fort, trotzdem wäre ich lieber allein bei mir im Häuschen. Oder ich entschuldige mich das nächste Mal einfach damit, dass ich das nicht war. Sondern Toxoplasma gondii.

 

 

 

 

 

 

 

Und noch ein passendes Lied für den Tag gefunden:

Rites de passage – für mich sorgen

Die Tage, in denen ich nicht für andere sorge, für sie koche und darauf achte, dass genügend Gemüse im Haus ist, sind selten, waren es jedenfalls in den vergangenen Jahen. Jetzt muss ich nur für mich sorgen, entscheiden: Lohnt sich das überhaupt? Immerhin bin ich ohne Aufsicht, ohne Kontrolle, kann gewissermaßen machen, was ich möchte und wenn ich den Löffel im Glas mit Nutella stehen lasse, gibt es keinen, der mir das streitig macht.

Weil ich Reste nicht einfach wegwerfen mag, wenigstens dann nicht, solange sie noch gut sind, schnippele ich Zwiebel, den halben Spitzkohl, einen einsamen grünen Paprika und eine Möhre, schmore alles in der Pfanne, koche kleine Kartöffelchen dazu und weil es draußen so heiß ist, lasse ich das Essen kalt werden.

Die Lieblingshausziege kommt kurz vorbei, wir falten Stoff, sie misst an mir, welche Größe wohl passt. Ich bin schon ganz vorfreudig, die Katze ebenso und nutzt den Stoff gleich als Liegewiese. Lange genug lag er jetzt im Schrank, morgen wird zugeschnitten und gesteckt und genäht.

Abends wäre Zeit genug fürs Essen, doch da ploppt eine Erinnerung auf, ich gucke zur Uhr, es ist schon spät, ich ziehe mich um, fahre in die nahe gelegene Stadt, das E-Werk spielt Diary Slam. Mit mir sitzen S. und C. und noch jemand am Tisch, es duftet nach Knoblauch und es gibt Pommes, und was soll ich sagen, soll doch das Gemüse warten, morgen ist auch noch ein Tag.

Rites de passage – wer loslässt, hat die Hände frei

Ich bin alleine, zunächst erst einmal, bis ich nach Nordhessen fahre. Da die Katze nur auf dem Sessel döst und nichts von mir will, nutze ich die plötzlich vorhandene Energie und räume ein Regal aus, wische Staub und sortiere nur das wieder hinein, was bleiben darf. Alles andere kann weg. Selbst bei den Büchern überlege ich, bei einigen wenigstens, stelle sie aber trotzdem zunächst zurück. Vielleicht sortiere ich später weiter. Im Papiermüll landen: Zwei Ordner mit Zeitungsartikeln, ich hatte sie zunächst aufgehoben, um die Abrechnungen zu prüfen, später, naja, vielleicht brauche ich ja mal Arbeitsproben. Jetzt sind sie weg.

Zwei Fotoalben. Ja, voll mit Fotos. Und nein, ich will sie nicht mehr. Da sie nicht in den Papiermüll gehören, war die Restmülltonne genau richtig.

Jeweils ein Stapel „Federwelt“ und ein Stapel „TextArt“ liegen noch im Flur. Wenn sie niemand mag, kommen sie noch in die Papiertonne.

Zwei Erinnerungsstücke, Geschenke meiner Eltern, noch aus der Jugend. Wie fast alle Geschenke von ihnen sind diese im Prinzip zu nichts nütze. Also weg damit.

Die Nähzeitschriften habe ich der Jüngsten hingelegt. Sie ist seit ein paar Tagen fertig ausgebildete Schneiderin und kann selbst entscheiden, ob sie diese behalten mag oder wegwirft.

Dann habe ich noch alte Kalender entsorgt, solche, wo jede Woche ein schönes Foto mit sinnvollem Spruch, und, was soll ich sagen? Ich erinnere mich an kein einziges Blatt. Ich denke, da kann ich mir den Kalender für das kommende Jahr auch sparen.

Wer loslässt, hat die Hände frei.

Es ist ein ganzes Sammelsurium, das sich so im Verlauf vieler Jahre so ansammelt. Was bleibt, wenn nichts mehr zählt? Was ist wichtig, was darf bleiben, was wird tatsächlich gebraucht und was ist einfach schön, aber unnütz? Welche Dinge dürfen kommen und bleiben, gerade von denen, die nicht notwendig sind, sondern einfach nur nice Scheiß?

Ich will keine Kisten mehr, keine Schubladen, in denen ich den Krempel in die Finsternis wegsperren kann. Dort vermehrt er sich, wie es scheint, kommt langsam aus den dunklen Ecken gekrochen, robbt sich auf den Küchentisch, erobert von dort Sessel und Regal, bis ich ihn fange und zurück in die Kiste schubse. Oder ich wähle gleich den Mülleimer, ohne temporären Schubladenumweg.

Weg damit.

12 Bilder vom 12. Juli

Heute war ich auf einem Teil der Goldenen Straße unterwegs, dem Teil, der zwischen Bärnau und Tachov die Grenze zwischen Bayern und Böhmen quert. Sicher, ich habe noch mehr Bilder davon, aber die Frau, bei der es draußen nur Kännchen gibt, möchte 12 davon, schließlich ist heute der 12.

Alles für die Katz #104


Sie ist selbstständig, macht, was ihr gefällt und ist doch manchmal so anhänglich, dass ich manchmal meinen könnte, ich hätte einen Hund in Katzengestalt.

 

 

 

 

 

 

 

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.