Froschkönig, trüb, helfen #abc.etüden

Juli raffte alle Sachen zusammen, die sie in Augusts Zimmer fand. Es roch nach ihm, seinem sauren Duft ungewaschener Shirts, käsiger Socken und lang nicht gewechselter Bettwäsche, in der ein brauner Abdruck seines Kopfes davon zeugte, dass er am Ende Haarewaschen überflüssig fand. Der Knoblauch, den er mit trockenem Brot als ausreichende Ernährung für hundertjähriges Leben behauptet hatte, schwebte mit seinem leichten Hauch nach Verwesung und trüben Eiern im Zimmer, hatte sich gewissermaßen fest in Tapeten und Ritzen gekrallt.
Sie griff zwei der blauen Säcke, die sie voll gestopft hatte und zerrte sie ohne Hilfe über die Treppen bis in den Keller. Auf dem Weg zurück fand sie einen kleinen grünen Frosch mit dem goldenen Krönchen. August war fünf Jahre alt, als er ihn von einem Freund des Vaters geschenkt bekam, während sie sich über eine Stoffschlange freuen sollte. Sie hatte das Mitbringsel gleich nach dem Wochenende im Mülleimer entsorgt, doch August warf seinen Frosch mit nicht nachlassender Wut an die Wand: „Du bist gar kein echter Froschkönig!“, brüllte er das mit Reiskörnern gefüllte Stofftier an, wenn es wieder einmal nicht wie ein Ball zurückgeprallt oder sich in einen Prinzen verwandelt hatte, sondern mit einem leisen Seufzer zu Boden gerutscht war.
Juli sah August so lebhaft vor sich, als hätte sich die Zeit zwanzig Jahre zurückgedreht und sie stünde vor der damals noch unverputzten Mauer, auf der die Handwerker in großen Lettern „Mamas Palast“ geschrieben hatten. Sie wollte August schon damals loswerden, am liebsten für immer. Als sie jedoch den schlaffen Frosch in der Hand hielt, wurde ihr schlagartig klar, dass er jetzt zwar für den Rest ihres Lebens verschwunden war, sie ihn dafür aber fester als je zuvor an sich gekettet trug und das nicht nur, weil sein Fingerabdruck als Anhänger um ihren Hals hing.

Nicht jeder Frosch ist ein König.

Verbunden mit: Irgendwas ist immer und den abc.etüden: 300 Worte, in denen drei vorgegebene Wortspenden untergebracht werden müssen.

Vorsichtshalber: Selbstverständlich ist alles nur erfunden. Logisch. Ich kenne niemanden, der Juli oder August heißt.

Ein Gedanke zu „Froschkönig, trüb, helfen #abc.etüden

  1. „Nicht jeder Frosch ist ein König.“ Sehr wahrer Satz. Vielfältig sind die Ketten, die uns an Menschen binden.
    Deins klingt sehr wehmütig.
    Ich wünsche dir viel Freude beim Etüden-Nachlesen. Schön, dass dich die Begriffe inspirieren konnten und du wieder mal dabei bist!
    Liebe Grüße
    Christiane 😉

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