Katzenauge, kurios, balancieren #abc.etüden

Draußen waren die anderen, draußen war die Hölle. Juli war jedes Mal froh, wenn sie die Haustür hinter sich zuzog und den Riegel vorlegte. Mochten die Menschen noch so freundlich scheinen – Juli ließ sich nicht täuschen. Jeder Blick saß. Jeder Blick schätzte ab. Jeder Blick wollte von ihr wissen, wie es ihr geht, wie sie ohne ihn leben konnte, wann sie zusammenbrechen würde. Sie spürte, wie die Leute warteten, abwarteten, sie hatten Zeit, sie waren hier.
Juli strich über ihren Arm. Auf der Gartenmauer hatte die Nachbarskatze gelauert, sie hatte noch nicht einmal die Katzenaugen geöffnet, doch in dem Moment, als Juli an ihr vorbeiging,hatte sie mit ausgefahrenen Krallen nach ihr getatzt. Sie ging ins Bad, suchte ein Desinfektionsmittel und ließ – da sie keines fand – wenigstens Wasser über den Kratzer laufen. Sie fand das nicht kurios, sie fand überhaupt nichts kurios, vielleicht hätte sie früher darüber gelacht, vielleicht hätte sie die Katze bemerkt, hätte sie beachtet und gestreichelt. Nein. Sie schüttelte den Kopf. Zu dicht, zu fellig, zu warm, zu nah.Der Gedanke an flusige Katzenhaare reichte aus: Juli begann zu niesen.
Sie ging nach oben, in ihr Zimmer, ließ die Tür offen und legte sich auf ihr Bett. Draußen hupte ein Auto. Juli lauschte. Es war still. Sie sah durch ihre offene Tür auf seine Tür, die wie immer geschlossen war. Gegen jedes bessere Wissen hatte Juli plötzlich das Gefühl, er wäre in seinem Zimmer, so wie er immer darin gewesen war. Sie spitzte die Ohren, meinte, das Summen des Lüfters zu hören, das Klappern der Tasten und sein Schnaufen, wenn der Gegner im Computer stärker war als er erwartet hatte. In solchen Momenten spürte Juli, wie sie auf dem Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit balancierte und hatte oft Lust, die Grenze zu überschreiten.

Verbunden mit: Irgendwas ist immer und den abc.etüden. Drei Begriffe sind in maximal 300 Wörtern unterzubringen. In dieser Woche stammen sie von Katharina und lauten: Katzenauge, kurios und balancieren.

2 Gedanken zu „Katzenauge, kurios, balancieren #abc.etüden

  1. Sehr beeindruckend.
    MUSS sie denn zusammenbrechen? Kann sie nicht irgendwann an dem Punkt sein, wo ihr klar ist, dass sie sich JETZT für das Leben entscheiden muss (und scheiß auf die anderen)? Okay, oder auch nicht, okay, okay. Aber setzt nicht irgendwann der Überlebenswille ein, das Herumwüten, Schreien, Wieder-leben-Wollen etc. etc.?
    Ich wünsche es ihr.
    Und vielleicht ist sie ja nicht komplett von Idioten umgeben, in der bösen Außenwelt.
    Liebe Grüße, vielen Dank
    Christiane, nachdenklich

    • Die Außenwelt ist ja gar nicht so böse, sie denkt es ja nur – weil sie von ihren Lügen weiß und weil es mehr über sie selbst sagt, als über die anderen. Ich bin mal gespannt auf die nächsten drei Worte, vielleicht geht die Geschichte dann weiter 😉

Schreibe einen Kommentar zu Jaelle Katz Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.