Auf dem Holzweg

Wer auf dem Holzweg unterwegs ist, hat die richtige Abzweigung verpasst. Auch wenn diese Wege auf den ersten Blick bequem, breit und richtig einladend wirken, enden sie irgendwo im Nichts. Sie wurden angelegt, damit auf ihnen das Holz aus dem Wald heraustransportiert werden kann, nicht dafür, dass Wanderer ihnen folgen und auf ihnen zu einem Ziel gelangen.

Dieser Holzweg wird im Winter heizen.

Mit seinem Sprung fügte N. der heilen Welt einer vollkommen erscheinenden Illusion einen Riss zu. Das Mene mene tekel u-parsin geriet zur Bedrohung, in der die morphogenetischen Felder Raum fanden. Zwischen dem, was Menschen für richtig oder falsch erachten, liegen oft nur Nuancen. So wie bei einer Tür. Sie verschließt den Raum – und wir können trotzdem nur eine Seite von ihr sehen.

„Ich war da, ich mußte geh’n.
Ich machte keine Spuren.
Aber der Wind hat mein Lied gehört.“
(indianische Weisheit)

Es mutet irgendwie seltsam an: N. wurde immer noch nicht begraben, obwohl seit seinem Tod inzwischen mehr als zwei Monate vergangen sind. Allein diese Tatsache gibt den Menschen hier im Ort zu denken und Mutmaßungen Raum.

„Was passiert eigentlich, wenn N. einfach überhaupt nicht beerdigt wird?“

— „Das würde gegen das hier geltende Recht verstoßen. Dafür gibt es sogar Fristen, die einzuhalten sind.“

„Wieso beerdigen die ihn nicht einfach?“

— „Sie haben – wie es scheint – den Zeitpunkt verpasst.“

Bei den alten Griechen war Kairos der für den richtigen Zeitpunkt zuständige Gott: Mit geöltem Körper, Flügeln an den Füßen und einem – bis auf eine Haarsträhne – glatt geschorenen Kopf. Er flitzt vorbei und wer versäumt, seinen Schopf zu packen, muss zusehen, wie er entschwindet. In den Texten der Bibel steht Kairos für einen von Gott gegebenen Zeitpunkt, eine besondere Gelegenheit, den erteilten Auftrag zu erfüllen.

Und jetzt? Jetzt geschieht etwas Merkwürdiges im Dorf: Ein Mythos bildet sich, eine Legende. Keiner weiß nichts Genaues, aber jeder hat genügend Fantasie, eben diese ungenannten Leerstellen zu füllen.

So wird diese Geschichte wohl noch über Generationen erzählt werden, irgendwie, vermutlich schrammt sie immer haarscharf an der Wahrheit vorbei. Aber das macht nichts, das machen Geschichten eigentlich immer. So wie die Geschichte vom Bummberdoner, einem Menschen aus dem Dorf. Obwohl sie aus dem Jahr 1905 stammt, gibt es immer noch Menschen, die sich daran erinnern. Nicht an den Bummberdoner, natürlich nicht, der ist tot, längst begraben und selbst das Grab existiert nicht mehr. Aber die Geschichte über dessen Schmach und Schande, die bleibt.

2 Gedanken zu „Auf dem Holzweg

  1. Holzweg – beschrieben wurde eine Bedeutung. Holzweg – Knüppelholz das zur Versicherung in sumpfigen, unwegsamen Gelände die Fuhrt, den Weg gangbar, fahrbar macht indem man ein Holz ähnlich wie Bahnschwellen kompakt auslegt. So kann man darüber ohne Einzusinken. In dem Dorf meiner Eltern gab/gibt es einen Flurnamen „Specken“ was von diesen Hölzern (Spiken) herkommen soll. Hat mir mein Vater selig erzählt, vor mehr als 40 Jahren.

    • Stimmt. Diese Art von Holzwegen gibt es auch, sie sind allerdings recht selten. Die Holzwege für den Einschlag wurden – laut Hansjörg Küster in „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ – extra im 19. Jh. in neu entstehenden Wäldern angelegt.

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