Darum mache ich das alles

Auf die Frage:
“WofĂŒr steht Ihr? In was fĂŒr einer Welt wollt Ihr leben –  und was tut ihr dafĂŒr? Woran sollen sich die Nachfolgenden erinnern, wenn sie von Euch reden?”
antworte ich mit ein paar kleinen Geschichten:
Als ich studierte, mit Kind und wenig Geld, traf ich eine Kommilitonin beim Einkauf. Wir quasselten ĂŒber dies und das, plötzlich fiel ihr ein: „Och, ich muss mir noch frisches Brot kaufen, ich hab nur noch welches von gestern“.
Wie? Brot von gestern?
„Und was machst Du mit dem alten Brot?“, fragte ich zurĂŒck.
„Das werfe ich weg“, war die Antwort.
Ich war sprachlos. Auch wenn ich mir bis dahin wenig Gedanken ĂŒber Lebensmittel gemacht habe, und die Sparsamkeit meiner Urgroßmutter etwas lĂ€stig fand, wenn sie mich ermahnte, die Kartoffeln bitte nur ganz dĂŒnn zu schĂ€len. Brot wegzuwerfen, nur weil es einen Tag alt war, das ging mir irgendwie zu weit.
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Manchmal kommt es auf die richtige Richtung an.

Es muss in der zweiten Klasse gewesen sein, so etwa. Wir sollten zu Hause einen Aufsatz schreiben. Das eigentliche Thema habe ich lĂ€ngst vergessen, ich weiß nur noch: Ich habe glĂŒcklich im Brockhaus-Lexikon gestöbert, gelesen und dann meine frisch gewonnenen Kenntnisse ĂŒber die griechische Göttin Hygieia im Aufsatz niedergeschrieben. Am nĂ€chsten Tag sammelte die Lehrerin die Hefte ein. Einige Tage spĂ€ter begegnete ich ihr auf dem morgendlichen Weg zur Schule. Sie stellte Fragen zu dem von mir gewĂ€hlten Aufsatzthema. Auch wenn ich erst acht Jahre alt war, nahm ich die Absicht wahr und war verstimmt: Die Lehrerin glaubte mir irgendwie nicht, dass ich etwas davon wusste, worĂŒber ich geschrieben hatte. Ich war einigermaßen sauer und betrachtete die bis dahin hochverehrte Lehrerin mit Argwohn, ob sie das, was sie sagte, auch wirklich so meinte.

RĂŒckten mein Geburtstag oder Weihnachten nĂ€her, wurde ich als Kind unruhig. War ich allein zu Hause, habe ich nachgekramt, was die Eltern so alles versteckt hatten. Ich war neugierig. Sehr sogar. Die Neugier hatte einen ganz konkreten Grund: Ich wollte wissen, was ich geschenkt kriegen wĂŒrde. Nicht alles, was ich bekam, gefiel mir. An SchlafanzĂŒgen, Pullovern, MĂŒtzen oder Handschuhen hatte ich so gar kein Interesse. Damit meine EnttĂ€uschung an dem Tag, an dem die ganze Pracht unter dem Weihnachtsbaum oder auf dem Geburtstagstisch lag, nicht zu groß sein wĂŒrde, habe ich lieber vorher nachgeguckt, was es so geben wĂŒrde.
Als ich anfing zu studieren, konnte ich mir nicht vorstellen, nach dem Ende des Studiums bis zur Rentenzeit an ein und derselben Stelle ein und dieselbe Arbeit zu machen und dabei an ein und demselben Ort zu leben. FĂŒr mich wirkte das wie ein Graus. Dass es anders kommen wĂŒrde, konnte ich damals noch nicht ahnen…
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Was treibt mich also an?
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Meine Neugierde. Die Lust darauf, meine Nase in Dinge zu stecken, die mich vielleicht nicht immer etwas angehen, die ich aber trotzdem interessant finde. Dazu gehört, dass mich interessiert, was andere Menschen antreibt, warum sie Dinge tun und andere lassen. Warum sie auf eine bestimmte Art und Weise reden und handeln. In der Grundschule dachte ich noch, dass die großen SchĂŒler es einfacher haben, es schien, als kĂ€men sie ohne Zankerei und andere fiese Gemeinheiten miteinander aus. Doch das war ein Irrtum. Selbst erwachsene Menschen sind zickig, zĂ€nkisch und manipulieren andere Menschen emotional.
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Die Lust, zu schreiben. Ich war noch in der Grundschule, als ich mein erstes Buch, ein Sachbuch ĂŒber den Wald, zu schreiben begann: Zwar habe ich bisher immer noch kein Buch fertig, aber dafĂŒr viele andere Texte, fĂŒr Zeitungen, in meinem Blog und anderswo. Am liebsten schreibe ich ĂŒbrigens die JubilĂ€umstexte fĂŒr die Zeitung, diese kleinen Miniaturen ĂŒber Ehepaare, die seit 50, 60 oder 65 Jahren miteinander verheiratet ist. Es ist so spannend zu erleben, wie unterschiedlich und vielfĂ€ltig solche Leben miteinander gelingen können.
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Das Wissen darĂŒber, dass Kaufen und Haben-Wollen nicht alles ist. Geschenke können enttĂ€uschen und sind, wie die anderen gekauften Sachen auch, nur Dinge. Viel wichtiger war fĂŒr mich immer, dass ich Zeit dazu habe, Zeit zu verlieren. Diese Zeit verbringe ich im Wald und beim Wandern, mit anderen Menschen, wohne zwischen Buchdeckeln oder gucke der Hummel zu, wie sie zwischen hohen Grashalmen laviert und punktgenau in ihrem Erdloch verschwindet.
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Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen ein echtes Interesse aneinander haben.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen achtsam sind – mit sich und den anderen.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen Zeit dafĂŒr haben, um glĂŒcklich zu sein.
„Es gibt einen Mangel an Zeit, der ist schon ein Mangel an Menschlichkeit.“
Heinz Kahlau.

Ein Gedanke zu „Darum mache ich das alles

  1. Danke fĂŒr diese wunderbaren Worte, die ich voll und ganz unterschreiben kann!
    Ich wĂŒnsche Dir einen wundervollen Tag!
    ♄ Allerliebste GrĂŒĂŸe, Claudia ♄

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