Das Fremdselfie

Eine Beobachtung.

Eine etwas gr├Â├čere Familie sitzt in einem Restaurant gemeinsam an einem Tisch. Es sind eine ganze Menge Erwachsene und drei Kinder, zwei Jungs und ein M├Ądchen, im Teenie-Alter. Einer der Jungs z├╝ckt sein Smartphone. Er spielt eine Weile still vor sich hin und damit herum, ihm scheint langweilig zu sein, ist ja auch klar, wenn sich Erwachsene miteinander unterhalten und sich nicht mit den Kindern besch├Ąftigen, wird diesen langweilig.

Nach einer Weile scheint dem Knaben die Besch├Ąftigung nur mit sich und seinem Smartphone endg├╝ltig zu langweilig. Also ruft er ein Foto auf, das er selbst aufgenommen hat und einen der anwesenden Erwachsenen in einer f├╝r ihn sehr unvorteilhaften Pose zeigt: Er sitzt mit zur├╝ckgelegtem Kopf auf einem Sessel und schl├Ąft. Dabei steht sein Mund halb offen. Nicht nur wegen der ung├╝nstigen Perspektive der Aufnahme sieht das Foto nicht sch├Ân aus, sondern weil es einen Menschen in einem sehr intimen Moment zeigt, n├Ąmlich w├Ąhrend des Schlafes, w├Ąhrend einer Zeit also, in der dieser Mensch keine Kontrolle ├╝ber sich hat und deswegen auch nichts von diesem Foto mitbekommt, geschweige denn protestieren kann. Sch├Ân sieht das nicht aus.

Das Foto zeigt er, erst den anderen beiden jugendlichen Kindern, dann seiner Mutter. Eine kurze Zeit sp├Ąter wandert das Smartphone mit dem darauf befindlichen Foto von Hand zu Hand, rund um den Tisch. Jeder guckt sich das an, auch derjenige, der darauf zu sehen ist. Alle lachen. Irgendwie. Auch derjenige, der auf dem Foto zu sehen ist, allerdings wirkt dessen Lachen etwas gequ├Ąlt.

Warum lachen eigentlich die Erwachsenen ├╝ber diese offensichtlich peinliche Darstellung eines der Anwesenden? Warum weisen weder der Vater noch die Mutter den Jungen darauf hin, dass es sich a) nicht geh├Ârt, solch ein Foto zu machen und dass man es b) nicht ├Âffentlich zeigt. Der erste Artikel unseres Grundgesetzes lautet: Die W├╝rde des Menschen ist unantastbar. Hier wird jedoch die W├╝rde eines Menschen zutiefst verletzt und missachtet, sogar innerhalb des Schutzraumes, den sonst die Familie f├╝r jeden bedeutet.

Passiert so etwas in einer Schulklasse: Ein peinliches Bild eines Mitsch├╝lers wird auf dem Handy herumgereicht und alle machen sich ├╝ber diesen lustig, k├Ânnte man schon von Mobbing sprechen. Auch in Familien kommt Mobbing vor. Das Wort selbst stammt vom englischen Verb to mob = anp├Âbeln und meint nichts anderes, als dass eines der Familienmitglieder ver├Ąchtlich und abwertend behandelt wird. Man sagt, dass derjenige, der mobbt, dies aus der Unzufriedenheit mit seiner eigenen Existenz heraus macht, weil er jemanden haben m├Âchte, an dem er seinen ├ärger quasi auslassen kann: Eine Druckentlastung auf Kosten anderer.

Was lernt also dieses halbe Kind, dieser noch nicht ganz pubertierende Knabe? Er lernt, dass er sich ungestraft ├╝ber andere Menschen lustig machen darf. Seine Eltern lachen dar├╝ber, und zeigen das peinliche Bild den anderen Erwachsenen, so dass jeder dar├╝ber lachen kann, auch wenn manchen dabei das Lachen im Hals stecken zu bleiben scheint.

Darf jetzt kein Bild mehr von einem schlafenden Menschen gemacht werden? Doch. Das sicherlich. Es gibt ein wunderbares Bild von meinem Urgro├čvater: Dieser liegt hinter dem Haus auf einem Liegestuhl, und schl├Ąft. Aus der Perspektive, mit der das Bild aufgenommen wurde, wirken die Schuhe meines Urgro├čvaters besonders riesig. Und daran kann ich mich noch gut erinnern: Er hatte unglaublich gro├če F├╝├če – und beeindruckend gro├če Schuhe.

Denn wenn man ein Bild macht, wor├╝ber man lachen kann, ohne dass man fies dabei ist oder solange es einfach wegen der Perspektive lustig anzusehen ist, solange das im Kreise der ENGEN Familie gezeigt wird, oder solange es eine Erinnerung an etwas ist, nicht deswegen aufgenommen, weil man den dargestellten Menschen l├Ącherlich machen will, sondern einfach weil man den Blickwinkel┬ásch├Ân findet, weil man ein lustiges Erinnerungsfoto haben m├Âchte – ohne fiesen Beigeschmack – dann kann man diesen Menschen nat├╝rlich auch schlafend fotografieren.

Es ist die Haltung, die hinter einer derartigen Aufnahme zu sp├╝ren ist: Wenn ich den Menschen achte, den ich fotografiere, dann achte ich auch darauf, dass ich von diesem ┬áMenschen keine Bilder zeige, die ihn besch├Ąmen k├Ânnten.

Wie macht Ihr das mit Bildern, die ihr selbst fotografiert, oder die von euch gemacht wurden – und manchmal auch unvorteilhaft sein k├Ânnen?

 

6 Gedanken zu „Das Fremdselfie

  1. Hi Jaelle!

    Danke f├╝r den sehr lesenswerten Beitrag!! Deine Sichtweise finde ich sehr interessant, beschreibst du doch sehr deutlich wie das Mobiltelefon unsere Gesellschaft auch zum Negativen ver├Ąndert.

    Es sind Artikel wie diese, durch die ich mich immer mehr verweigere ein Smartphone als smart zu bezeichnen. Manchmal und insbesondere wenn es negativ benutzt wird, benutze ich immer mehr den Begriff Shabbyphone.

    Abschlie├čend m├Âchte ich einfach nur schreiben, dass ich deinen Artikel sehr lesenswert finde! Danke daf├╝r! ­čśë

    • Hi Dunkelangst,
      aus diesem Grund habe ich selbst nur ein einfaches Taschentelefon, das oft genug irgendwo in der Ecke liegt und dessen Akku nur dann aufgeladen wird, wenn ich es wirklich brauche. Wie oft ich schon gesehen habe, dass sich zwei Menschen gegen├╝ber sitzen und jeder starrt auf sein Ger├Ąt, anstatt mit dem Gegen├╝ber zu sprechen…
      Vielen Dank f├╝r Dein Lob! ­čśë

  2. „Was lernt also dieses halbe Kind, dieser noch nicht ganz pubertierende Knabe? Er lernt, dass er sich ungestraft ├╝ber andere Menschen lustig machen darf.“

    Ja sicher – aber das ist in einer von Dieter Bohlen gepr├Ągten Casting-Gesellschaft ja sowieso standard. Der Hanswurst aus dem Off im Unterschichtenfernsehen macht tagaus, tagein ja nichts anderes. Geh├Ąssiges L├Ąstern ist l├Ąngst Alltagskultur in den Medien – Kinder und Jugendliche saugen es als Standard auf. Was nicht hei├čt, dass ich das gut f├Ąnde.

    Ich finde es auch nicht gut, ├╝berall gefilmt und fotografiert und meistens ins Netz gestellt zu werden. Ich stehe ├Âfter auf B├╝hnen und ich habe das Gef├╝hl, keine Kontrolle mehr ├╝ber meine ├ľffentlichkeit zu haben. Einige Veranstalter wei├čen das Publikum mit Schildern, aber auch m├╝ndlich darauf hin, dass Mitfilmen nicht gestattet sei. Die Leute schert das oft einen feuchten Dreck,

    Ich selbst habe mich jahrelang intuitiv geweigert, Menschen zu fotografieren, obwohl Fotografieren mein Hobby ist. Ich fand das immer irgendwie ├╝bergriffig.

    • Hallo Toc7,
      herzlich Willkommen auf dem Blog und vielen Dank f├╝r Deinen Kommentar. ├ťbergriffig ist das richtige Wort daf├╝r, wenn bei Fotos oder anderen Dingen (der ungewollt aufgedr├╝ckte Kuss einer Anverwandten geh├Ârt auch dazu) der Respekt und die W├╝rde des anderen Menschen fl├Âten gehen. In meiner Umgebung gibt es Menschen, denen hab ich kurz und knapp einfach verboten, mich zu fotografieren. Das f├╝hrt zwar nicht immer zu einer entspannten Unterhaltung, sondern oft zu Unverst├Ąndnis, besonders bei den Menschen, die eben gerne so ├╝bergriffig sind.
      Wenn Du dagegen auf einer B├╝hne stehst, kannst Du das wahrscheinlich schwerer verhindern, auch wenn der Veranstalter darauf hinweist. Dabei w├Ąre es bestimmt sch├Âner, wenn die Besucher einfach den Moment genie├čen, auch wenn es schwerer f├Ąllt. ­čÖé
      Ich w├╝nsche Dir noch ein sch├Ânes Wochenende!

  3. Liebe Silv…├Ąh…Jaelle,

    der Artikel ist sehr sch├Ân geschrieben, und geh├Ârt unbedingt weiter verbreitet. ­čÖé
    Mit Fotos, die ich von anderen gemacht habe , halte ich es so: wenn ein Foto mir unvorteilhaft erscheint, dann l├Âsche ich es. Wenn ich nicht sicher bin, ob es o.k. ist, dann sende ich es der Person zu. Meist bin ich aber sehr kritisch, und es fliegt raus. Das erwarte ich auch von anderen. Ich habe keine scheu, v├Âllig auszuticken, wenn jemand ein gruseliges Foto von mir z.B. auf FB stellt. Das wurde dann entfernt. Vielleicht bin ich auch sehr empfindlich, aber ich nehme das Thema sehr ernst.
    Da heute ja von Jubeleltern meist jegliche Aktivit├Ąt der Brut gefeiert wird, ist es zuk├╝nftig echt schwer, das zu vermitteln. Schade.

    Liebe Gr├╝├če
    Sandra

    • Liebe Sandra,
      vielen Dank f├╝r Dein Lob. Ich glaube nicht, dass Du zu empfindlich bist. Als Bilder noch teuer – und damit selten – waren, wurden sie ja auch sehr gezielt fotografiert. Nur weil jetzt jeder Moment fotografiert werden kann, hei├čt das noch lange nicht, dass das auch sein darf.
      Jubeleltern finde ich ja einen sehr gelungenen Ausdruck, hihi. Der trifft es ausgezeichnet.

      viele Gr├╝├če und ein sch├Ânes Wochenende,
      Sylvia

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