Die erste Rauhnacht

Anastasia, ┬╗die Aufstehende┬ź: Erhebe dich aus der Dunkelheit ins Licht.

Im Traum war ich unterwegs, irgendwo auf mir noch unbekannten Pfaden. Etwas rieselte wei├č und wirkte wie Schnee, stellte sich jedoch zum Gl├╝ck als Puderzucker heraus, mit dem – wer auch immer – die Geburtstagskuchen best├Ąubt hatte.

Die Basis. Basis f├╝r ein gelingendes Miteinander ist Vertrauen. Das gilt nicht nur f├╝r fremde Menschen, das gilt vor allen Dingen f├╝r das, was sich in der Familie selbst abspielt. Gibt es dieses nicht, wird es, nunja, schwierig.
Bei einem Teil der Sippe war und ist es ├╝blich, ├╝ber alle diejenigen zu reden, die gerade nicht anwesend sind. Diese haben keine Chance, nicht nur, weil sie nicht da sind, sondern auch, weil das, was erz├Ąhlt und behauptet wird, nur selten mit der Wirklichkeit ├╝bereinstimmt. Alles spielt sich in einem parallelen Universum ab, leider einem von der weniger angenehmen Sorte.
Dazu kam, dass nichts und niemand ernst genommen wurde und bis heute wird. Vielleicht lag es ja am System, in dem die Eltern aufgewachsen waren und lebten, vielleicht konnte niemand ernst genommen werden, der an die Planzahlen glaubte oder an das, was vom Politb├╝ro verlautbart und anschlie├čend in Leitartikeln ver├Âffentlicht wurde. Die Menschen in diesem Land schienen zwei Gesichter zu haben, eines, mit dem sie zu Hause augenzwinkernd oder missmutig lebten, a├čen, tranken, gelegentlich den Staub unter dem Teppich entfernten – und ein ├Âffentliches. Mit diesem ├Âffentlichen Gesicht guckten sie ernst, redeten ein wenig schnarrend und bewegten sich, als w├Ąren ihre Muskeln eingefroren. Es gab zwei Wirklichkeiten, in denen sich die Menschen wie selbstverst├Ąndlich bewegten.
Kamen die Eltern von der Arbeit nach Hause, redeten sie von den Abwesenden, in diesem Fall den abwesenden Kollegen. Keiner von ihnen taugte in ihren Augen etwas, alle waren unm├Âglich, bekloppt, der Wortschatz an dieser Stelle eher beschr├Ąnkt und nicht sehr variantenreich, lie├č jedoch in seiner drastischen Deutlichkeit keinen Raum f├╝r Zweifel. Auch ├╝ber die Kinder und Heranwachsenden im Ort wussten sie Bescheid: Aus dem oder der wird nie etwas, urteilten sie ab, das k├Ânne doch schlie├člich jeder sehen. Man m├╝sse sich lediglich die Familie angucken.
Diese Aussagen machten sie jedoch nie ├Âffentlich, sondern immer hinter sorgf├Ąltig verschlossenen T├╝ren. Kam jemand in H├Ârweite, war das Benehmen vorbildlich und die Unterhaltung s├╝├č wie gezuckerter Kaffee.
┬╗Aber Kinder, ihr k├Ânnt uns doch vertrauen!┬ź, sagten sie zur Tochter und dem Sohn: „Ihr m├╝sst nur lieb sein!┬ź
Was sie jedoch darunter verstanden, hat sich den Kindern nie erschlossen. Jeder Versuch, mit dem diese ihnen beweisen wollten, dass sie etwas konnten, endete in einem Fiasko. Dass sie ihren Eltern heute nichts von dem erz├Ąhlen, was ihnen wichtig ist, versteht sich.

Vertrauen. Manchmal ein Spiel mit dem Feuer.

Sie lernten, dass die Nachtraben, vor denen bereits die Urgro├čmutter gewarnt hatte, wenn sie im Dunkel noch durch das Treppenhaus liefen, nicht zwischen den knorrigen Kronen der Obstb├Ąume lauerten. Sie lebten mit ihnen unter einem Dach.

Es war ein langer Weg, bis wenigstens eines der Kinder begriff, dass es manchen Menschen trauen, vertrauen kann. Dass das, was diese sagen, auch das ist, was sie meinen. Selbst dann, wenn es ihren Standpunkt weder verstehen, noch teilen kann.

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