Die sechste und siebte Rauhnacht

Sechste Rauhnacht: Festtag der heiligen Familie – Bereinigung

Im Traum habe ich einer alten Tante geholfen, ihre Wohnung auszurÀumen. Dabei lebt die Tante bestimmt zehn Jahren nicht mehr.

Versöhnung. Warum heißt es eigentlich Versöhnung und nicht Vertöchterung? Sind es nur die Söhne, die sich streiten – und dann wieder vertragen mĂŒssen, vertragen, weil der Vater es so befiehlt?

Ich will mich nicht versöhnen. Jedenfalls nicht mit denjenigen, die alles unter einem Schwall leerer Worte verstecken, ihre SehnsĂŒchte, ihre WĂŒnsche, ihre Liebe. Die, die mit der Liebe zu anderen doch nur die Liebe zu sich selbst meinen und versuchen, andere Menschen mit wohlklingenden Worten dazu zu bringen, ihren Willen zu erfĂŒllen.

Wer seinen Wunsch nicht aussprechen kann oder darf oder will – dem sollte er verwehrt bleiben. Nein, ich will nichts mehr unter klebrig-sĂŒĂŸen Eierkuchen begraben, mich versöhnen oder vertöchtern, nur damit wieder Ruhe im Haus ist, Friedhofsruhe. Es gibt keine Schuld, nur weil jemand seine WĂŒnsche ausspricht.

Manchmal scheint nur wenig Licht durch…

Siebte Rauhnacht: Silvester – Vorbereitung auf das Kommende

Ich bin frĂŒh aufgewacht – habe jedoch nicht getrĂ€umt.

Inzwischen lagen fast alle BlĂ€tter auf dem Boden. Sie kroch unter den Tisch, sammelte alles auf und entdeckte dabei unter der Heizung das leere Nutellaglas, in dem der Löffel noch steckte. In der Ecke saß eine Spinne mit ihren dĂŒnnen Beinen und ihre waren viel zu fett, fand sie und versuchte, mit beiden HĂ€nden einen Oberschenkel zu umspannen. Ging nicht, schon lange nicht mehr, auch wenn er beteuerte, er hĂ€tte lieber etwas in der Hand als nur Haut und Knochen.

Sie strich ĂŒber die letzten BlĂŒten, die noch auf ihren StĂ€ngeln in der Vase standen und ein Staubregen schwebte zur Tischdecke, ließ sich neben BrotkrĂŒmeln, Katzenhaaren, Wurstpelle, KĂ€sestanniolpapier, zwei CentstĂŒcken und einem Haargummi nieder. Alle hinterließen ihr die Reste, die Überbleibsel, das, was sie nicht mehr brauchten.

In der Brotdose lag eine angebissene Stulle, sie nahm sie heraus und aß sie auf, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass kein Schimmel darauf gewachsen war.

Mama macht das schon.

Sie lachte auf. Diesen Satz hatte ihre Mutter einst tatsĂ€chlich gesagt, ihn so oft gesagt, dass sie als Kind wĂŒtend ĂŒber ihn wurde, weil sie spĂŒrte, was tatsĂ€chlich gemeint war:

Du bis doch zu klein, zu doof und blöd.

Deswegen konnte sie bis heute nicht kochen und hĂ€tte doch so gerne die FĂ€den in der Hand gehabt, die richtigen, nicht nur die restlichen, die ihr die anderen nur deshalb ĂŒberließen, weil sie diese damit entsorgen konnten.

Die Indianernessel im verblĂŒhten Strauß duftete noch immer leise nach Sommer, wenn sie ĂŒber die trockenen BlĂŒten strich. Doch die StĂ€ngel in der Vase waren schwarz und als sie den Strauß aus dem Wasser hob, tropfte es schwer und faulig zurĂŒck.

2 Gedanken zu „Die sechste und siebte Rauhnacht

  1. das sind alles sehr schöne – ja poetische nachdenkliche Gedanken die hier ihren Platz und ihren reim finden, gefĂ€llt mir sehr was ich hier so alles lese und finde obwohl ich nur mal kurz vorbeigehen wollte, verweile ich – genau aus diesem Grund – noch ein wenig lĂ€nger hier, denn es gefĂ€llt mir…
    lieben Gruß
    angelface

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