Die zweite Rauhnacht

Die zweite Rauhnacht: »Stephan«: Wer begleitet durchs Leben

Im Traum habe ich versucht, meinen Computer im Regal unterzubringen. Das hat dort genauso wenig wie in der Wirklichkeit funktioniert.

FĂ€ngt ein Kind an zu brabbeln, doppelt zum ersten Mal die beiden Silben Pa und Ma zu Pa-pa und Ma-ma, leuchten die Augen der Eltern. Das Kind genießt die Freude der Eltern so sehr, dass es dieses Wunder immer wieder hervorrufen will. Das gleiche passiert, wenn es sich zum ersten Mal auf die eigenen FĂŒĂŸe stellt – und frei lĂ€uft.
Danach erlosch der Glanz der elterlichen Augen: Statt dessen hörten die Kinder immer wieder »Nein«, »Lass das«, bekamen gelegentlich einen Klaps auf den gepolsterten Windelpo oder auf die Finger.
Beide Kinder bekamen zu hören:
– Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!
– Wenn die Erwachsenen reden, hĂ€ltst du den Mund!
– Sitz gerade!
– Gib das schöne HĂ€ndchen!
– Hast du auch »Danke« gesagt?
Sie mussten die feuchten KĂŒsse der Großmutter auf den Mund ebenso ertragen, wie die knorrigen Finger des Großvaters auf dem Po.

Manche Monster tragen wir unsichtbar in uns.


Selbst wenn die Kinder irgendwann diese SĂ€tze vergessen haben sollten, wirken sie weiter. Sie bleiben lebenslang in ihnen, eine lebenslĂ€ngliche Begleitung, von der sie sich nur mĂŒhsam befreien können. Dazu gehören auch SĂ€tze wie: »Lass mich das machen, das kannst du nicht!«. Sie bringen hervorragende Zeugnisse aus der Schule nach Hause, immer in der Hoffnung, die Augen ihrer Eltern wieder zum Leuchten zu bringen. Doch der Vater streckte den Zeigefinger, fand den Makel: »Und warum steht dort kein »sehr gut«?
Sie warteten. Warteten darauf, dass ihnen auch weiterhin im Leben jemand sagt, was sie machen sollen und ihnen eine Aufgabe ĂŒbertrĂ€gt, so wie die Mutter frĂŒher den Staubsauger: Das kannst du schon! WĂ€hrend jedoch der Bub diesen nach zwei Minuten LĂ€rm zurĂŒck in die Ecke schob und dafĂŒr von der Mutter gelobt wurde, war es beim MĂ€dchen anders. Sie Inspizierte sĂ€mtliche Ecken, ĂŒbersah weder KrĂŒmel noch Staub und ließ die Tochter so lange saugen, bis sie nichts mehr finden konnte.

Die Kinder können diese Begleiter spÀter nur dann verabschieden, wenn sie bereit sind, sie kennenzulernen: Das Tageslicht schrumpft Monster klein.

Danach sind sie frei.

2 Gedanken zu „Die zweite Rauhnacht

  1. Vielleicht wĂ€re das folgende Buch was fĂŒr Dich: „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl. Sie beschĂ€ftigt sich auch mit diesen GlaubenssĂ€tzen, die man frĂŒher mal aufgesogen hat, und mit so etlichem anderen mehr.

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