Ein Nachmittag in Wiesbaden

Der Kopfbahnhof in Wiesbaden liegt nahe an der Innenstadt, an der Bahnhofsstraße sind Friseure, ZahnĂ€rzte, AnwĂ€lte, Notarkanzleien, in den Wasserresten der GrĂŒnanlage baden Tauben. Vor dem GebĂ€ude, in dem jetzt die Deutsche Bank residiert, sind zwei Stolpersteine ins Pflaster eingelassen.

Auf dem Marktplatz stehen noch die HĂ€ndler, sie rĂ€umen erst ab, als ich spĂ€ter das zweite Mal vorbeikomme, die große Marktkirche ist offen, wird wie ein Wartesaal zum AufwĂ€rmen genutzt. Vorne stehen lebensgroße Statuen aus weißem Marmor, rechts MatthĂ€us und Lukas, links Markus und Johannes, in der Mitte der segnende Christus. Ich sitze eine Weile, suche Besinnlichkeit, die Familie auf den BĂ€nken der anderen Seite des Mittelgangs kramt in den RucksĂ€cken, verteilt Ess- und Trinkbares, die Kinder rennen hintereinander her.

 

Andere Menschen erklĂ€ren etwas, da sie russisch sprechen, verstehe ich nicht alles. Ein Plakat verweist auf Besinnlichkeit in der Krypta, ich gehe hinaus, als ich es finde, steht dort ein MĂŒllcontainer frierend neben der TĂŒr. Die großen BetonwĂŒrfel vom Weihnachtsmarkt warten zusammengerĂ€umt, die Staatskanzlei ist mit Planen verhĂ€ngt.

 

 

 

Am heißen Brunnen taucht ein Mann seine Hand ins Wasser, weil ich neugierig bin, mache ich es nach. Es ist hĂ€ndewaschwarm.

 

 

 

 

 

 

GegenĂŒber ein prĂ€chtiges Hotel, auf den Balkonen lauter Zeugs und neben dem Portal ein Klingelpanel mit vielen Namen.

Vor dem Opernhaus ein hochnÀsiger Schiller, auf den warmen Weihern recken Enten ihre SchwÀnzchen in die Höh. Ein Fotograf lÀuft auf der Wiese herum, versucht, die Vögel zu erwischen, aber sie mögen nicht, krÀchzen, zetern, fliegen auf und weg.

 

 

Ich gehe weiter, bergauf, eine Straße fĂŒhrt mitten durch die GedenkstĂ€tte fĂŒr die alte Synagoge, die einen Teil der Grundmauern nachzeichnet. ZurĂŒck in die Innenstadt. Beim „Zweitbuch“ gestöbert und ein Buch ĂŒber Mode gefunden, beim Afghanen ein PlĂ€tzchen zwischen anderen, immerhin hab ich jetzt Hunger und weil ich die Ohren nicht verschließen kann, höre ich mir an, was sich Menschen erzĂ€hlen, was sie nicht vertragen, ĂŒber Probleme zwischen Projekten und Wohnungssuche.

 

Auf dem Weg zum Museum eine Gruppe mit Anonymus-Masken, zwei tragen Bildschirme, halten sie, konfrontieren Passanten mit Bildern von Tierleid. Ein Mann im grĂŒnen Parka stĂŒrmt auf sie zu, fragt, was ist mit den Menschen, den humans, er ist Barde, er ist fĂŒr die Menschen, sie sind ihm wichtig.

Es ist Zeit, ich gehe zum Museum, setze mich mit Kaffee in die BĂŒcherei. Drei MĂ€nner am Tisch nebenan diskutieren, nein, einer referiert „die Deutschen sind es gewohnt, zu gehorchen“ und zwei hören und stimmen durch Nicken zu.

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