Erika Mann: Eine Ausstellung in der Münchener Monacensia

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod erinnert die Monacensia im Münchner Hildebrandhaus an Erika Mann, Tochter von Katia und Thomas Mann und ihren konsequenten Einsatz für Demokratie und Freiheit.

Nicht nur Kleider, auch Namen machen Leute: Aus irgendwelchen Gründen ist der Name Erika für mich mit kleinen Blümchen verknüpft, mit den Heideblümchen, die im Herbst manchmal in wilden Farben im Gartencenter stehen. Außerdem gab es einst eine Schreibmaschine mit diesem Namen. Wählten Katia und Thomas Mann den Namen für ihre Erstgeborene nach dem Klang oder nach der Bedeutung? Dann hieße sie die „Alleinherrschende“.

Sylvia Schütz erzählt über Erika Mann

„Es ist ein Mädchen“, notierte ihr Vater. Als Vatertochter muss sie nie mit ihm konkurrieren, ganz im Gegensatz zum ein Jahr später geborenen Bruder Klaus. Doch vielleicht hätte Kassandra besser zu ihr gepasst, warnte sie doch im amerikanischen Exil, reiste mit der Eisenbahn quer durch Amerika, erzählte von dem, was in Deutschland unter den Nationalsozialisten geschah, über die Gefahr des Faschismus und dessen Einfluss mittels Erziehung auf die Jugend.

An Schule nur wenig interessiert, gründete Erika lieber eine Bande mit Freunden aus der Nachbarschaft, äfft die Lehrer nach und schließt das Luisengymnasium in München mit einem schlechten Abschlusszeugnis ab. Während in München nationale und völkische Extremisten die Politik beherrschen, geht Erika Mann nach Berlin, zur Schauspielschule von Max Reinhardt, lässt sich einen Bubikopf schneiden, raucht Zigaretten, erobert sich das Berufsleben, wird an Bühnen engagiert und reist mit ihrem Bruder Klaus neun Monate lang um die Welt. Weil sie wissen will, wie ein Auto funktioniert, lernt sie Automechaniker – und was sie erlebt, wird schreibend verwertet.

Dr. Tanja Praske leiht den geschriebenen Worten Erika Manns ihre Stimme.

Europa erlebt Erika Mann noch als ein großes Gebiet, eines, durch das man fahren kann und bis heute werden ihre Erlebnisse im Baedeker zitiert. Dass es ein Fehler war, die Politik den anderen zu überlassen, erlebte sie, bevor die Nazis offiziell 1933 an die Macht kamen: Ins Münchner Hotel zur öffentlichen Frauenversammlung eingeladen, sollte sie ein kurzes Gedenken für den Frieden halten. Währenddessen gab es einen „Störungsversuch seitens der Nazibuben“, wie Klaus Mann das Ganze beschrieb, es folgte ein Presseskandal, Verleumdungen, Drohungen, all das, was man heute als „Shitstorm“ bezeichnen würde.

Für Erika war es ein Moment, in dem sie klar erkannte, dass politisches Handeln gegen die Nazis notwendig war und noch im Januar 1933 das politische Kabarett „Pfeffermühle“ gründete, Texte schrieb und alles rund um die Aufführungen organisierte. Bis Ende Februar waren die Vorstellungen ausverkauft – und die völkische Presse tobte.

Co-Kuratorin Sylvia Schütz am Rednerpult, wie einst Erika Mann.

Sie wechselt in die Schweiz, spielt dort weiter, emigriert nach Amerika, doch hier gelingt kein Kabarett, hier wird sie politische Rednerin, reist mit dem Zug quer durch das riesige Land und spricht über „Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“, ein Buch, das sie selbst schrieb und dessen deutsche Übersetzung erst 1986 erschien.

Erika Mann wird Kriegsberichtserstatterin, darf als einzige Frau die Hauptkriegsverbrecher besuchen, berichtet von den Nürnberger Prozessen und reist quer durch das zerstörte Land und beschreibt die verstört-jammernde Stimmung.

Als es zum Kalten Krieg kommt, kehren Katia, Thomas und Erika Mann nach Europa zurück, in die Schweiz. Jetzt wird sie zum Mauerblümchen, zur Kassandra: So viel sie versucht, sich einzumischen, so wenig findet sie Gehör. Sie wachte über den Nachlass von Bruder und Vater, als „bleicher Nachlassschatten“, wie sie an einen Freund schrieb, bis sie 1969 mit gerade einmal 64 Jahren starb.

Auch wenn die Ausstellung räumlich mit dem Äquivalent einer Dreiraumwohnung auskommen muss, stellt sie das gesamte Leben Erika Manns dar, gemeinsam mit den Zeitläufen, denen sie ausgesetzt war, denen sie sich stellen musste und wollte. Zitate belegen, wie aktuell ihre Sichtweise bis heute ist – und wie erschreckend wenig davon in der Erinnerung blieb.

Der Nachlass der Manns wird in der Monacensia aufbewahrt.

Der Weg nach München lohnt sich auf jeden Fall. Bis zum 30. Juni ist die Ausstellung noch in der Monacensia im Hildebrandhaus zu sehen, anschließend soll sie auf Wanderschaft gehen. Das verriet Sylvia Schütz, die als Ko-Kuratorin mit viel Witz und Freude durch die Räume führte und die fast vergessene Kabarettistin, Kriegsreporterin und politische Rednerin in Anekdoten wieder lebendig werden ließ.

6 Gedanken zu „Erika Mann: Eine Ausstellung in der Münchener Monacensia

  1. Liebe Sylvia,

    so wunderschön – das tut richtig gut, deinen Artikel jetzt zu lesen. Ich will ihn nicht in die Aktualitiät setzen, auch wenn ihre Schriften das in erschreckender Weise tun. Wenngleich Artikel wie deiner hier für mich mahnend sind und die Sinnhaftigkeit der digitalen Vermittlung #ErikaMann im Netz nochmals unterstreichen.

    Du hast es geschafft, wieder einen ganz anderen Blick auf Erika Mann und ihr Leben zu bieten. Vielen herzlichen Dank für die Klammer Blümchen mit Mauerblümchen!

    Herzlich,
    Tanja (Kultur-Museum-Talk)

  2. Pingback: Erika Mann Digital: neue Wege der Monacensia im digitalen Raum | #ErikaMann

  3. Liebe Sylvia,

    Dein Artikel macht Lust auf die Ausstellung – ich schaff das noch, dorthin zu kommen.

    Sollen wir das mit dem Namen noch auflösen?
    Erika heißt nach Katia Manns ältestem Bruder Erik, der das schwarze Schaf der Familie Pringsheim war, dabei aber sehr geliebt und viefach unterstützt von den Eltern Pringsheim. Er war unter anderem spielsüchtig. Er musste auswandern und starb nur vier Jahre später in Argentinien. Da Thomas und Katia davon ausgingen, das erste Kind werde ein Sohn, war der Name Erik schon bestimmt – nun ja, dann wurde es die weibliche Form. Kein leichtes Namenspatronat.

    Herzliche Grüßen
    Heike

    • Ah, wunderbar, vielen Dank für die Namenserklärung. Seit ich in meiner Jugend die Werke von Thomas Mann als sichere Einschlaflektüre – über ein, zwei Seiten kam ich einfach nicht – habe ich mich mit der Familie nur wenig beschäftigt, lediglich eine Aufführung vom Zauberberg bei den Hersfelder Festspielen gesehen.

  4. Pingback: "Beteiligt Euch, es geht um Eure Erde!" Die Erika-Mann-Ausstellung in der Monacensia - Münchner Stadtbibliothek

Schreibe einen Kommentar zu Heike Baller Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.