Europa? Ach, da war noch was.

Ach Europa.

Schluss mit Schuften. Schlie√ülich bist Du jetzt 59 Jahre alt, da ist Zeit f√ľr Altersteilzeit. W√§rst Du ein Mensch, ein Arbeiter am Flie√üband oder B√ľroangestellter, ein Handwerker oder meinetwegen ein Bauarbeiter, dann k√∂nntest Du jetzt k√ľrzer treten, weniger arbeiten, Altersteilzeit nennt man das, wenn die Alten, die nicht mehr so leistungsf√§hig sind, die mit der Geschwindigkeit des Bandes nicht mehr mithalten k√∂nnen – die Bandscheibe, die Gelenke, was auch immer, ich wei√ü – den J√ľngeren und ganz Jungen Platz machen sollen. Doch Europa, Du hast¬†l√§ngst¬†Deine 45 Jahre an Pflichtbeitr√§gen entrichtet, ob am Band oder im B√ľro.

franken 029

Eine europäische Dämmerung. Aber morgen wird es wieder hell.

Erinnerst Du Dich noch an den Anfang? Es ging doch eigentlich immer nur ums Geld, auch damals schon. Um Geld und um Wirtschaft, um Kohle und Stahl, die im gerade vergangenen Krieg so entscheidend schienen. Alle Deine Mitglieder sollten gleicherma√üen Zugang zu diesen Rohstoffen haben und sich gegenseitig kontrollieren k√∂nnen, damit niemand heimlich Panzer und Kanonen bauen konnte. Sp√§ter waren Gas und √Ėl wichtiger als Stahl und Kohle. Nur um die Menschen die in Dir lebten, um die hast Du Dich nie gek√ľmmert. Ob in EWG oder EG, es ging um Zollfreiheit, freien Kapitalverkehr, freien Dienstleistungsverkehr und freien Personenverkehr, um eine gemeinsame Handelspolitik und um Geld.

Dann kam v√∂llig unerwartet die Wende, die deutsche Einheit, die Osterweiterung.¬†‚ÄěUnd wieso durfte Ostdeutschland einfach so der Europ√§ischen Union beitreten, ohne die ganzen Beitrittskriterien zu erf√ľllen?‚Äú fragte damals eine Frau aus Tallinn mit gro√üem Ernst. Auf diese Idee, diese Sicht w√§re ich selbst nie gekommen, doch nach kurzem Nachdenken scheint die Frage angesichts der vielen Bestimmungen, welche von den Mitgliedstaaten im Rahmen der Umsetzung des gemeinsamen Besitzstandes vor einiger Zeit erf√ľllt werden musste, v√∂llig berechtigt und aus Sicht der neuen Mitgliedstaaten vollkommen nachvollziehbar zu sein.

Es w√§re durchaus interessant zu erfahren, ob die f√ľnf √∂stlichen Bundesl√§nder diesen Beitritt aus eigener Kraft ohne die milliardenschweren¬†Subventionen √ľberhaupt geschafft h√§tten. Von dieser Frage angeregt und ohne jetzt das ganze Gezeter √ľber die innerdeutsche Vereinigung, die ja nun nicht gerade eine liebende war, zu bem√ľhen, m√∂chte ich, aus der Provinz gewisserma√üen und damit mit einigem Abstand, einige Gedanken, zu Europa loswerden und an der Blogparade „mein europ√§isches Versprechen“ teilnehmen.

T√§glich werden fast nur negative Meldungen von Dir berichtet. Es geht um die Sicherung Deiner Au√üengrenzen, um Terrorismus, immer noch um die Hilfen f√ľr irgendwelche Banken, die sich dumm und dusselig an Dir verdienen. Mit dem Gebilde der Europ√§ischen Union verbinde ich selbst kaum eine positive Assoziation, das mag auch an der Art der Berichterstattung √ľber dieselbe liegen. Gibt es √ľberhaupt eine z√ľndende, eine gewaltige Idee des Europ√§ischen, eine Idee, die √ľber die Wirtschaft und das Geld hinausreicht? Ich meine, das kann doch nicht alles sein, oder?

Also, was ist an Dir, Europa, warum zieht es so viele Menschen an, ist es f√ľr so viele Menschen attraktiv? K√∂nnen wir, die wir mitten in Dir sitzen, das nur deswegen nicht sehen, weil wir mittendrin sind? Oder ist der europ√§ische Gedanke einfach zu gro√ü und unfassbar f√ľr einen einzelnen Menschen und zeigt sich erst in der nachtr√§glichen, geschichtlichen Betrachtung der Epoche?

Ein Leben gelingt im Kleinen, in der Familie, mit Verwandten und Freunden, manchmal mit den Menschen, mit denen man gemeinsam in einem Haus wohnt, in der Stra√üe, dem Stadtteil, dem Dorf oder der Stadt. Diese sind uns vertraut, sie sind unsere Heimat und in ihnen f√ľhlen wir uns sicher und von dort k√∂nnen wir losziehen. Immerhin gew√§hrst Du uns seit vielen Jahren Reisefreiheit. Zwar gibt es kaum noch Stempel in Ausweis und Pass, auch Geld muss nur selten getauscht werden, selbst die Grenzen sind kaum noch sichtbar. Sind diese passiert, wird jeder Baum, jedes Haus und Schild zu einem Bedeutungsvollen, einem Anderen, erh√∂ht der Reiz des Fremden und die Neugier auf das Unbekannte, das Nicht-Allt√§gliche die Spannung.

Wie wichtig Grenzen in der Erziehung sind, ist eine andere Geschichte ‚Äď oder hat gar diese Grenzenlosigkeit etwas damit zu tun, wie heutige Kinder aufwachsen? Die Grenze kennzeichnet das Andere, unterscheidet au√üen von innen. Ich brauche eine Grenze und muss diese erfahren und anerkennen, sonst kann ich mich selbst nicht wahrnehmen. Diese Grenze kann auch die Verbindung durch eine Idee sein, aber es wird immer ein innen und ein au√üen geben m√ľssen, sonst findet man sich nicht wieder.

Erinnerst Du Dich eigentlich, als Polen pl√∂tzlich ein Teil von Dir wurde, neben Ungarn, Tschechien, Slowenien, der Slowakei, Estland, Lettland und Litauen? Als pl√∂tzlich Polen offen war, hast Du fix f√ľr sieben Jahre lang den Zugang f√ľr die Menschen beschr√§nkt. Reisen durften sie, das ja, aber nicht in den anderen L√§ndern arbeiten und leben oder gar Sozialleistungen beziehen, f√ľr die sie keine Beitr√§ge geleistet hatten. Jetzt kommen sie, sind viel weniger, als Du gedacht hast, machen die Arbeiten, die andere nicht mehr machen wollen, in Schlachth√∂fen, auf Baustellen, in der Industrie.

Warum hast Du jetzt so viel Angst vor den Menschen, die zu Dir kommen? Vielleicht sehen sie etwas in Dir, was wir selbst in Dir noch nie gesehen haben, nicht sehen konnten? Du – oder genauer gesagt, einige Menschen in Dir – wirken oft so neidisch darauf, dass die Menschen hier Hilfe und Unterst√ľtzung bekommen. Ein neidischer Mensch ist ein Opfer starker Minderwertigkeitskomplexe, die er durch fortw√§hrendes Vergleichen mit anderen zu kompensieren sucht. Er will immer mehr, er will alles haben, auch wenn er l√§ngst genug hat, er¬†ist stets unzufrieden und leidend. Das Gemeinschaftsgef√ľhl bleibt bei einer solchen Seelengestaltung unterentwickelt. Interessant ist, dass der Neider wenig aktive Anstrengung unternimmt, um seine Situation zu verbessern. Er¬†jammert und sitzt wie das Kaninchen vor der sprichw√∂rtlichen Schlange.¬†Wer sich dagegen selbst entwickelt und entfaltet, wird auch bei offensichtlicher Benachteiligung nicht dem Neid erliegen.

Was kannst Du also tun, damit Du nicht in den Vorruhestand geschickt wirst, sondern wieder attraktiv und begehrenswert erscheinst?¬†Es wird wohl eher ein Werk der Generationen sein. Es h√§ngt davon ab, dass Kinder aufwachsen, die sp√§ter nicht neidisch auf den Teller (oder die H√∂he der Subventionen) der Nachbarn schauen m√ľssen, sondern zufrieden und ein wenig bescheiden ihr Gl√ľck im Hier und Jetzt finden k√∂nnen. Doch dazu bedarf es ein Umdenken der Erwachsenen / Eltern, da deren Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit derjenigen der Kinder korrespondiert.

Wenn ein Kind mit Hilfe der Erwachsenen seine M√∂glichkeiten und Grenzen erfahren kann und sich somit richtig wahrnehmen kann, dann kann es auch in der Gemeinschaft aufgehen, ohne Angst haben zu m√ľssen, dass es sich und seine Individualit√§t verliert. Vielleicht sollte sehr viel mehr Aufmerksamkeit in allen Einrichtungen auf eine gute und europ√§ische Erziehung der Kinder gelenkt werden um den Gedanken einer europ√§ischen Nation zu entwickeln und in Zukunft ein f√∂rderliches Miteinander leben zu k√∂nnen.

Die wichtigste Erweiterung in der Geschichte der Europ√§ischen Union ist l√§ngst vollzogen ‚Äď die ‚ÄěSeelen‚Äú m√ľssen jetzt noch nachziehen ‚Äď die Europ√§ische Idee mit Begeisterung und gemeinsamen √úberzeugungen gef√ľllt werden. Darin liegt neben den sicher wichtigen wirtschaftlichen Anpassungsprozessen unsere ma√ügebliche Aufgabe f√ľr eine gemeinsame Zukunft in der Europ√§ischen Union.

Oder ist das jetzt zu hoch gegriffen?

2 Gedanken zu „Europa? Ach, da war noch was.

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