Interview mit einer Gans

Guten Tag, Frau Gans! Wie geht es Ihnen? Wie f√ľhlen Sie sich, wenn Sie an den morgigen Martinstag denken?

Gans:¬† Bis jetzt geht es mir ganz gut, danke der Nachfrage. Aber Martinstag ist f√ľr uns G√§nse wirklich ein Graus: Uns wird der Hals umgedreht, wir werden ausgezogen und nackt und blo√ü mit lauter Gew√ľrzkram in die Bratr√∂hre gestopft. Normalerweise werden wir G√§nse ja zwischen zwanzig und drei√üig Jahre alt, wenn man uns vorher eben nicht den Hals umdreht.

Aber ist das denn keine Ehre f√ľr Sie, wenn Sie als Festtagsbraten auf dem Tisch liegen?

Gans:¬† Ach wissen Sie, wir G√§nse haben doch schon so viel f√ľr euch Menschen getan: Es ist ja historisch verb√ľrgt, dass die G√§nse im Tempel der Juno in Rom vor dem √úberfall der Gallier warnten. Nur gedankt wurde es uns schon damals nicht. Und √ľberhaupt, wenn ich an die Gallier und ihre barbarische Sitte der G√§nseleberpastete denke, wird mir schon ganz bl√ľmerant.

Was bedeuten denn wir Menschen f√ľr euch G√§nse?

Gans: Einige Menschen haben uns und unsere Taten ja f√ľr die Nachwelt festgehalten: Wilhelm Busch zeichnete beispielsweise, wie zwei von uns einen Schneider aus dem Wasser retteten und an Land flogen. Und das, obwohl wir eigentlich nur ein Gewicht tragen k√∂nnen, welches unserem eigenen entspricht, also etwa zehn bis zwanzig Kilogramm. Aber vielleicht war es ja ein leichter und fast verhungerter¬† Schneider, der h√∂chstens vierzig Kilo wog.

Warum kommen eigentlich so viele Ihrer Verwandten hierher?

Gans:¬† Die Wildg√§nse kommen vorsorglich in gro√üen Scharen aus dem Norden, sie √ľberwintern hier. Ihr Menschen friert, f√ľr uns ist es kuschelig warm.

Haben Sie denn keine Angst?

Gans: Angst? Ich? Ach wo. Ich bin da voller Zuversicht. Immerhin haben mir die Kinder im Sommer den Namen Auguste verpasst und mir die Geschichte von einer Weihnachtsgans ¬†vorgelesen, die auch so hie√ü und gl√ľcklich und zufrieden mit ihrer Familie lebte. Die bekam sogar zu Weihnachten einen h√ľbschen Pullover gestrickt. So etwas k√∂nnte mir auch gefallen. Entschuldige bitte, dass ich es jetzt eilig habe, aber es wird inzwischen immer so schnell dunkel – und ich habe noch Hunger. Bis sp√§ter!

aischgrund 243

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