Lechweg: Die fünfte Etappe

Als wir loszogen, nieselte es noch und die Wolken hingen tief in den Bergen. Weil das Gras rechts und links neben dem schmalen Pfad regenschwer herunterhing, wurden die Hosenbeine nass. Am Wasserfall machten wir kurz Rast, ab hier guckte die Sonne wieder. Da packten wir unsere Regenjacken lieber weg, beim Laufen werden sie sonst schneller von innen als von außen nass. Apfel, Tomate und Käse waren fix gevespert, danach sind alle essbaren Vorräte aufgefuttert und brauchten nicht mehr getragen zu werden.

Noch regnet es ein bisschen

Über schmale Wege ging es weiter, immer wieder bergauf und bergab. Von oben herab hatten wir immer wieder gute Sicht auf das Tal, doch die Perspektive auf die unten befindlichen Orte und die gegenüberliegenden Berge änderte sich nur sehr langsam.

Blick vom Panoramaweg auf den Lech

Das ist so wie im Leben sonst auch: Man hat seinen Standpunkt. Von diesem lassen sich alle Sachen kommod betrachten. Will man ihn ändern und Dinge von einer anderen Seite oder in einem anderen Licht sehen, dauert das ebenfalls oft lange. Beim Wandern erinnert sich der Mitbewohner, dass er mit N. auf Fahrrädern die Alpen überqueren wollte. Er besorgte die Ausrüstung, alles war beisammen und vorbereitet, da wollte N. nicht mehr mit. Warum sagt ein Junge eine Tour ab, die er gemeinsam mit dem Vater machen wollte – und auf die er sich gefreut hatte? Warum verlor er seinen Mut und Selbstvertrauen, den Glauben an die eigene Stärke und daran, dass er Berge bezwingen kann?

Zum Glück ist das letzte Stück des Weges immer recht eben.

Kurz vor Stanzach erinnerte sich der Mitbewohner auch noch daran, dass er vor 36 Jahren schon einmal hier übernachtet hatte. Der Stammtisch des dörflichen Wirtshauses fuhr mit dem Bus hierher, alle kamen Samstags an, setzten sich in die Kneipe – und soffen. Alka Seltzer half am nächsten Morgen gegen den Kater. Von denen leben längst nicht mehr alle, resümiert der Mitbewohner, manche haben sich regelrecht totgesoffen.

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