Lechweg: Die zweite Etappe

Während der Lech unten im Tal munter vor sich hin plätschert und mit dem Beregner auf dem Fußballfeld um die Wette rauscht, führt der Lechweg nach oben. Immer wieder werfen wir einen Blick auf Lech und die Berge, dorthin, wo gestern die Wanderung am Formarinsee begann. Drei Generationen Frauen wandern vor und gelegentlich auch hinter uns: Großmutter, Mutter und Tochter. Während die beiden Jüngeren gut zwanzig Meter vorneweg laufen, piekt Oma mit ihren Stöcken den Asphalt und später den Schotter.

Ein Blick zurück

Die Hänge sind grün, doch das Gras ist nur kurz, auch dort, wo es nicht gemäht wird. Der Weg führt über Weiden und an manchen Stellen ist gut zu sehen, wie dünn der Erdboden ist, diese Schicht, die hier ursprünglich den Unterschied zwischen Gras und Stein, Milch und Hunger, Leben und Tod kennzeichnete. Heute ist die Strecke mit ihren elf Kilometern verhältnismäßig kurz. So bleibt viel Zeit fürs Schreiben, Reden und Sinnieren.

Darüber, was wichtig ist.

Immer wieder queren wir kleine Bergflüsse

So wie hier die Haut der Erde oft nur dünn auf dem Stein liegt und doch Gras und Kräutern, Bäumen und Sträuchern Nahrung und Halt bietet. Darunter liegt der Fels, hart und unnachgiebig, so lange, bis das Wasser ihn aufsprengt und er wie spröder Blätterkrokant oder als rollender Brocken irgendwann im Tal landet. Ein bisschen erinnert mich das an ein hübsches Selfie, mit gespitztem Mund und Kulleraugen, dessen Oberfläche nur wenig von dem verrät, was im Inneren für eine Sehnsucht herrscht. Eine Sehnsucht nach Gesehen-werden, nach Anerkennung, nach So-sein-dürfen. Werden statt dessen vergiftete Lügen serviert, wehrt sich der Körper und spuckt alles wieder aus.

Was wissen wir vom Anderen, was können wir von ihm wissen, wenn wir uns selbst noch nicht einmal sicher kennen? Kann ich zahlen, mir etwas leisten, bin ich potent. Wenn nicht, dann nicht. Dann zähle ich nicht und soll bitte auch – laut Precht – impotent sein und bleiben, nur ja nicht vermehren. Wer bestimmt den Wert eines Menschen?

Lech ist im Tal

Unten macht sich die Lech im Tal so breit, dass kein Weg neben ihr bleibt. Wir wandern hoch oben, queren steile Zuflüsse, es geht langsam voran. Wir haben Zeit. Den Kühen macht die Hanglage nix, sie ziehen glockenklingend Schritt für Schritt, von einem Grasbüschel zum nächsten. Ist es genug, legen sie sich wiederkäuend nieder, holen alles nacheinander noch einmal hoch und kauen es gründlich durch.

Wer hoch steigt, muss hinterher wieder hinunter ins Tal. Dieser Abstieg ist oft mühseliger als der eigentliche Aufstieg, den allein die Aussicht auf den Gipfel beflügelt. Genug für heute, morgen geht es weiter. Gelandet sind wir übrigends in Warth, nach rund 22500 Schritten.

Ein Gedanke zu „Lechweg: Die zweite Etappe

  1. Wunderschön war auch dieser Abschnitt! Danke für die so schönen Bilder! Es sit einfach eine herrliche Gegend!
    Hab einen schönen und freundlichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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