Liebe Drosophila,

ich verstehe gut, dass es Dir in meiner K├╝che gut gef├Ąllt. Ich sitze ja schlie├člich selbst gerne dort, mache mir einen hei├čen Tee, den ich trinke, w├Ąhrend ich die R├Ątseln├╝sse knacke, die in Zeitungsform auf dem K├╝chentisch liegen. Was soll ich sagen, Drosophila, hier ist es wirklich sehr sch├Ân – und Du bist immer dabei.

Du bist zwar nicht ganz so aufdringlich wie Deine gro├če Schwester Stubenfliege, gerne auch Summsi, die Sch…hausfliege genannt, trotzdem nervst Du gewaltig. Wegen Dir putze ich fast jeden Tag die K├╝che so eifrig, als h├Ątten wir weder Tisch noch Teller, sondern w├╝rden stets vom sauberen Boden essen wollen. Weder ├äpfel noch Abf├Ąlle stehen herum, alles wird sogleich gewischt, geputzt, gewienert. Und Du? Du bist einfach da. Schwirrst herum. Setzt Dich ├╝berall drauf.

regal 003

Drosophila auf der Sahneflasche.

Schau mal, vielmehr: Riech mal. Ich habe Dir extra eine Sahneflasche hingestellt, ein Sahneh├Ąubchen gewisserma├čen. Holunderbl├╝tensirup mit einem Schuss Essig an Wasser, das magst Du doch. Der Duft bet├Ârt Dich, ich sehe es, er zieht Dich magisch an: Du fliegst in die Flasche, willst naschen und gehst einfach baden. Es ist ein s├╝├čer Tod und ein Spritzer Sp├╝lmittel im Cocktail sorgt daf├╝r, dass Du nicht so lange auf der Oberfl├Ąche zappeln musst. Ja, ich wei├č: So richtig nett ist das nicht von mir.

Doch, Du musst das verstehen: Bisher hat Euch der Mitbewohner mit dem Staubsauger alle eingesammelt, gewisserma├čen Lufttaxi gespielt und Euch alle zusammen (mit Staubsauger selbstverst├Ąndlich) auf den Balkon gestellt. Rausgekrabbelt seid Ihr ja dort alleine. Nehme ich mal an. Aber jetzt regnet es ab und zu, das mag der Staubsauger nun einmal gar nicht und deswegen steht er auch nicht mehr auf dem Balkon, sondern dort, wo er nun einmal hingeh├Ârt, in der K├╝che, in der Ecke. Aber Du bist immer noch da.

Es scheint egal zu sein, wie viele sich von Dir in den Cocktail st├╝rzen, darin ertrinken, auf den Boden sinken und dort langsam einen dunklen Schlamm bilden: Es sind immer neue Verwandte von Dir da und sitzen vorzugsweise an Dingen, die ├╝berhaupt nicht essbar sind, weder Obst noch Gem├╝se. Du sitzt auf der Gie├čkanne aus Metall, auf dem Sprudelwasserbereiter aus Plastik und auf den Fensterscheiben aus Glas. Von was lebst Du eigentlich? Wo legst Du Deine Eier ab? Warum sind immer wieder endlos scheinende Schw├Ąrme von Dir und Deinen Verwandten in der K├╝che?

K├Ânntest Du mir bitte mal antworten? Nein? Dann ist das eben mein Beitrag zum Kleinen Monat bei Cubus Regio. Das hast Du nun davon.

10 Gedanken zu „Liebe Drosophila,

  1. Wenn die mich in der K├╝che st├Âren, muss ich immer an die Kreuzungsversuche im Biologiestudium denken, damals freuten wir uns ├╝ber deren vielfache Fortpflanzungsf├Ąhigkeit.

    Danke f├╝r deinen Beitrag zum „Kleinen Monat“

  2. Hallo JaelleKatz,
    was f├╝r ein bezaubernder Beitrag ├╝ber ein ganz winzig kleines Lebewesen in unserer Umgebung.
    Das Foto ist ebenfalls einfach Klasse!
    Lieben Gru├č und ein angenehmes Wochenende,
    moni

    • Liebe Moni,
      das Wochenende war ausgezeichnet, vielen Dank f├╝r die W├╝nsche. (deswegen komme ich ja erst heute dazu, Dir zu antworten).
      Wenn ich w├╝sste, wie ich Drosophila nur aus der K├╝che bek├Ąme…
      viele Gr├╝├če
      Jaelle Katz

  3. Hallo JaelleKatz,
    alle Achtung, dass du die aufdringliche kleine Fliege doch noch so nett ansprichst ­čśë
    Ein herrlicher Beitrag – gef├Ąllt mir gut.

    Liebe Gr├╝├če
    Elke

  4. Ein sch├Âner Post, liebe Jaelle, ich hatte viel Spa├č beim Lesen. Ich bekomme immer mal wieder Besuch von jemandem, der regelrecht hysterisch wird, wenn er auch nur eine einzige Fliege sieht. Bei mir gibt es nicht viele Fliegen. Wenn sich mal eine in mein Esszimmer verirrt, ├Âffne ich die Terrassent├╝r mit dem Satz: „Wenn dir dein Leben lieb ist, schwirr ab!“ Das funktioniert. Liebe Gr├╝├če Edith

    • Liebe Edith,
      als die Katz noch bei uns war, war sie f├╝r Fliegen und dergleichen zust├Ąndig, vielmehr: Sie hat sich zum H├╝ter der Innenr├Ąume erkl├Ąrt und ist jeder Fliege eifrig nachgejagt. Jetzt muss ich eben selbst sehen, wie ich das Viehzeuch wieder aus der Wohnung komplimentiere.
      Liebe Gr├╝├če
      Jaelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht ver├Âffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.