Mein erstes Mal: Im Bioladen

Einen Bioladen? In der DDR? Hatten wir nicht: Wir hatten die HO (Handelsorganisation) und den Konsum, dort gab es Milch im Plastikschlauch, K├Ąseecken mit Tomate, Seife, Mehl, Eier, Brot, Zucker, was man eben so zum t├Ąglichen Leben braucht. Im Laden f├╝r Obst, Gem├╝se und Speisekartoffeln, mit OGS abgek├╝rzt, lagen neben Rot- und Wei├čkohl auch ├äpfel, Kuba-Orangen und, ja, auch Kartoffeln. In manchen Orten gab es noch ein kleines extra-L├Ądchen, in dem es Milch, Sahne und manchmal Jogurt in Flaschen gab, der so stichfest war, dass er sich oft nur mit einem langen, schmalen L├Âffel aus dem Glas kratzen lie├č.

An Bio hat da keiner gedacht. Und so viele Gedanken ├╝ber das Essen habe ich mir auch nicht gemacht. Die Eltern hatten einen Garten, dort wuchsen neben Erdbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren mit Bohnen und Rosenkohl auch die Sorten an Gem├╝se, die ich als Kind nicht sehr sch├Ątzte.

Der m├╝tterliche Kommentar „Das ist gesund“, mit dem sie darauf hinwies, dass das Essen bitte gegessen werden sollte, wurde f├╝r mich zum Synonym f├╝r: „Das schmeckt nicht!“ Gegessen wurde mittags entweder in der Schulspeisung oder Mensa, jedenfalls an den Wochentagen. Sonderlich schmackhaft war das Essen nicht, aber es spielte eine deutlich kleinere┬áRolle, als heutzutage.

Dann kam die Wende.

Von nun an gab es: Bananen. Und Ketchup. Jogurt in kleinen Bechern. Scheiblettenk├Ąse und Babybel. Ansonsten hat sich das t├Ągliche Essen zun├Ąchst nicht sehr ver├Ąndert: Gekauft wurde, was gebraucht wurde und bekannt war. Diskussionen dar├╝ber, wo es Gulasch oder Schnitzel billig gab, f├╝llten thematisch ganze Kaffeekr├Ąnzchen und Geburtstagsnachmittage bei den Verwandten. Aber nirgendwo war ein ├ľkoladen in Sicht.

Bis ich – f├╝r mein zweites Studium – auf die Westseite des neuen gemeinsamen Landes zog. Im Supermarkt, der damals noch nicht Tegut, sondern HaWeGe hie├č, entdeckte ich Dinge, die ich noch nicht kannte, wie beispielsweise vegetarischen Brotaufstrich. Da dieser so r├Âtlich war, wie einst die K├Ąseecken mit Tomate, habe ich ihn probiert. Nun ja. Dass nicht alles im Westen schmeckte, wusste ich bereits: Mein bis kurz nach der Wendezeit gerne gegessener Leberk├Ąse hatte sich inzwischen geschmacklich solcherart ver├Ąndert, dass ich gerne auf ihn – bis heute ├╝brigens – verzichte.

In Kassel kam ich das erste Mal in das Innere eines Reformhauses: Es war so dunkel, dass selbst die brennenden Gl├╝hbirnen den letzten Winkel nicht erhellen konnten. Vielleicht lag es auch an der Menge der angebotenen Dinge, verpackt in graubraunes Papier. Vor dem Reformhaus warb ein Schild f├╝r „levitiertes Wasser“, im Fenster standen drei leere Weinballons. Diese waren auch der Grund daf├╝r, dass ich den Laden ├╝berhaupt betreten habe: Ich suchte einen Weinballon, um selber Apfelwein zu machen. Innen roch es so seltsam muffig und pudrig, dass ich froh war, als ich wieder an der frischen Luft war.

Ich habe studiert und nebenher gearbeitet, damit ich f├╝r mich und mein ├Ąltestes Kind gen├╝gend Geld hatte. Immerhin musste ich die Miete f├╝r unsere kleine Wohnung bezahlen, hin und wieder etwas zum Anziehen kaufen und etwas zum Essen. Da wir nicht viel Geld hatten, haben wir lieber weniger Wurst gekauft, diese daf├╝r vom besseren Fleischer geholt, auch wenn sie etwas teurer war. Daf├╝r war┬ásie bedeutend schmackhafter.

Langsam lernte ich, zu kochen. Richtig zu kochen. Nicht nur die Gerichte, die ich von zu Hause kannte, sondern entdeckte – dank der Kochkolumne von Wolfram Siebeck im „Zeitmagazin“ beispielsweise – dass Kochen Spa├č machen kann und nicht nur eine notwendige Angelegenheit ist, wenn ich etwas zu essen haben will. Allerdings erz├Ąhle ich dar├╝ber lieber ein anderes Mal, hier f├╝hrt das zu weit vom Thema weg. Da Siebeck nicht nur einfach Rezepte schrieb, sondern auch ├╝ber die Qualit├Ąt und die Herkunft der daf├╝r n├Âtigen Rohstoffe, fing ich an, diese zu suchen. Zun├Ąchst im Supermarkt, dann im Reformhaus, auf dem Markt und endlich im Bioladen, als in Kassel der erste direkt am Bahnhof Wilhelmsh├Âhe er├Âffnet wurde.

Allerdings muss ich gestehen: Das war f├╝r mich quasi am anderen Ende der Stadt. So wirklich oft war ich also nicht im Biomarkt. Au├čerdem sah dieser ganz normal aus, fast so wie jeder andere Supermarkt auch und die Sachen, die es dort gab, waren mir immer noch zu teuer. Schlie├člich war ich mit dem Studium noch nicht fertig.

Aber dann, als ich endlich damit fertig war – zog ich in die nordhessische Provinz. Und bekam mein j├╝ngstes Kind. Pl├Âtzlich r├╝ckte nicht nur gutes und schmackhaftes Essen in den Fokus meiner Aufmerksamkeit, sondern ich achtete auf Schadstoffe, Zusatzstoffe, Farbstoffe, Konservierungsstoffe, alles, was so im Essen mit verarbeitet sein kann, ohne dass es wirklich zur Ern├Ąhrung beitr├Ągt. Im Reformhaus gab es neben dem Ziegenk├Ąse vom Bauernhof frisches Molkebrot, M├╝sli aus Amaranth und viele andere leckere Sachen.

Heute kann ich mir kaum noch vorstellen, Lebensmittel zu kaufen, die bereits vorgefertigt sind: Ich backe Pizza, mache meinen Jogurt selber und kriege jeden Donnerstag meine Abo-Kiste mit Gem├╝se an die Haust├╝r geliefert. Im Bio-Markt kaufe ich ebenfalls: am liebsten K├Ąse.

Ach und: Danke f├╝r die Erinnerung. Dank Johannes Korten und seinem Aufruf zur Blogparade habe ich mich an mein erstes Mal erinnert. Im Bioladen.
Hier ist der Link zum Aufruf: Blogparade

3 Gedanken zu „Mein erstes Mal: Im Bioladen

  1. Klasse, eine interessante Blogparade. Mal sehen, ob ich auch meine Erinnerungen zu einem Beitrag zusammenfassen kann, liebe Gr├╝sse kalle

  2. Hallo Jaelle,

    Danke f├╝r dein Mitmachen. Ein sehr sch├Âner Text mit einer ganz anderen Perspektive.

    Liebe Gr├╝├če, Hannes

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