Meine Heimat.

Heimat ist f├╝r mich kein Ort, Heimat ist ein Platz:

Das ist mein Stuhl, auf den ich mich mitten in der K├╝che l├╝mmele und meine F├╝├če auf dem n├Ąchsten Stuhl parke. Heimat ist dort, wo ich mich mitten im Raum aufhalten kann und nicht mit dem R├╝cken an der Wand stehen muss. Ich kann die Lieblingstasse mit Kaffeesatz stehen lassen und mich mit Lieblingsmenschen ohne Schminke treffen.
Heimat ist kein Ort, nirgends, Heimat ist ein Gef├╝hl.

franken 090
Es gab eine Zeit, da war es dieser eine magische Moment, wenn ich, von anderswo kommend, die letzte Rastst├Ątte vor den Kasseler Abfahrten passierte. Ab dann kribbelte es in mir, weil die Zeit endlos schien, bis ich endlich daheim war. Solange ich studierte, war Kassel Heimat. Kam ich von Norden ├╝ber die A7, fuhr ich trotz aller Vorfreude so langsam, dass mich selbst die dicksten Brummis ├╝berholten. Sah ich unter mir die abendlich beleuchtete Stadt mit dem Herkules, musste das Fenster runter und frische Luft ins Auto: Nie roch Heimat so gut, wie kurz vor der Ankunft zu Hause.

franken 103
Oft deckelte Dunst den Kasseler Kessel gegen jeden Luftzug ab. Dann mischte sich Kohldampf mit Abgasqualm, Hundehaufengestank mit Schimmelgeruch, der aus feuchten Kellern quoll.
Aber das Ding mit der Heimat funktionierte auch andersherum:
Zog ich gelegentlich durch die Innenstadt, schaute dabei den Nordhessen in ihre griesgr├Ąmigen Gesichter, wurde es Zeit, zur├╝ckzukehren. Ins Eichsfeld zur├╝ck, dorthin, wo meine kindliche Heimat wurzelt. Auch hier gibt es diesen speziellen magischen Moment, wenn ich die ehemalige Grenze ├╝berquere.

Dann fahre ich dorthin, wo die Welt immer noch so eng ist, dass sie mir nur dann kuschelig erscheint, wenn ich sie aus der Ferne sehe. Je l├Ąnger und weiter ich von dort entfernt bin, desto flauschiger wird die Erinnerung im Lauf der Wochen und Monate und die Sehnsucht w├Ąchst immer mehr. Bis die n├Ąchstbeste Gelegenheit kommt. Das kann beispielsweise ein fast vergessener und pl├Âtzlich hochwillkommener Geburtstag sein.

 

Sobald ich allerdings Schulter an Schulter mit Menschen um mich herum sitze, die zwar aus der gleichen Heimat stammen wie ich, und doch nie aus ihrer Enge herauskamen,┬ádann wei├č ich, warum diese Heimat f├╝r mich keine mehr ist. Gut, inzwischen habe ich gelernt, dass es ├╝berall Menschen gibt, die sich nur f├╝r den Preis des billigsten Schnitzels und die Frisur der Nachbarin interessieren.

Heimat, das ist, wenn ich meine T├╝r aufschlie├če und mir die Katze um die F├╝├če streicht, vorwurfsvoll mauzt, weil fr├╝her das Dosenfutter p├╝nktlicher gereicht wurde. Heimat ist, wenn im Zimmer der Lieblingshausziege unter dem Bett ein nur halb gel├Âffelter Jogurt steht, der sich gegen die K├Ąlte mit einem gr├╝nen Pelzchen gewappnet hat.

Antoniuskapelle 030
Nein, Heimat ist kein Ort, Heimat ist das Gef├╝hl, das ich habe, wenn ich dort bin, wo ich hingeh├Âre, dort, wo Menschen sind, die ich mag und die mich m├Âgen, so wie ich bin. Dort bin ich zu Hause.
Mal ehrlich: Mir sind die Menschen suspekt, die nie ihren Ort, ihre Heimat verlie├čen, die nie von dort wegwollten, wo sie geboren wurden, wo sie aufwuchsen. Das f├╝hlt sich f├╝r mich an, als blieben sie morgens unter ihrer warmen, kuscheligen Decke und weigerten sich, in den frischen Tag zu gehen. Statt dessen besuchen sie sich gegenseitig zu Kaffee und Kuchen, obwohl sie sich nichts zu erz├Ąhlen haben. W├Ąhrenddessen grillen die M├Ąnner, trinken Bier und lamentieren dar├╝ber, wie miserabel doch inzwischen alles geworden sei. Sie nennen das Heimat. Ich w├╝rde eher sagen, es ist Angst. Angst vor etwas Neuem, Angst davor, dass etwas anderes besser sein k├Ânnte, als das altvertraute Biotop, die Heimat.

Ofen 086
Heimat: Das ist f├╝r mich dort, wo ich mich zu Hause f├╝hle. Das kann ich ├╝berall haben, das kann ich mir ├╝berall selbst machen. Manchmal brauche ich daf├╝r nur ein bisschen Farbe, um mir die W├Ąnde bunt zu streichen.

Und wo ist eure Heimat?

Verbunden mit: Blogparade Heimatorte von Anwolf.

Wer alle Beitr├Ąge der wunderbaren Blogparade von Anwolf nachlesen m├Âchte, findet diese hier: Auswertung der Blogparade Heimatorte Teil┬á1┬á

und hier: Auswertung der Blogparade Heimatorte Teil 2 

Verbunden mit: Daily prompt „puncture“

10 Gedanken zu „Meine Heimat.

  1. Pingback: dunkelangst.org by H. ŔÁźšęć Roewer » Heimweh in der Fernweh

  2. Die letzte Rastst├Ątte vor der Kasseler Abfahrt …. als ich diesen Absatz las, habe ich mich sofort an zwei Zeiten des Heimkommens bei mir erinnert:
    – einerseits an die Zeit, wo ich selig l├Ąchelte, hibbelte und vorfreudig war, sobald Hamburg „durch“ war, weil ich jetzt bald heimkommen w├╝rde
    – andererseits an die Zeit, in der ich ab Hamburg Bauchweh bekam und unter Tr├Ąnen in unser Dorf einbog, weil ich nach der bisher gr├Â├čten Katastrophe meines Lebens so viel Angst hatte, heimzukommen: lebt der Kater noch? Steht das Haus noch?
    Ohja, ein Zuhause ist so wichtig (und auch f├╝r mich garnicht an einen Ort gebunden)

  3. Der Beitrag passt super…So wie Menschen nun mal individuell sind, so ist das Gef├╝hl von Heimat individuell. In einem muss ich widersprechen…Man kann ein Leben lang an einem Ort zu Hause sein und trotzdem ein Weltenbummler mit weitem Horizont…;-). Liebe Gr├╝├če.

  4. Zuf├Ąllig eben entdeckt, sch├Âne Gedanken ├╝ber Heimat…, da kann ich in vielem gut mitgehen und nachempfinden… Das Baumfoto ist gro├čartig, wie ein tanzendes Paar steht er da… Lieben Gru├č Ghislana

    • Vielen Dank. Ich habe gleich mal auf Deinem Blog gest├Âbert, das ist ja ebenfalls gro├čartig, was Du mit Deinen Batiksachen machst. Muss ich mir noch einmal genauer angucken. ­čÖé
      Viele Gr├╝├če, Jaelle

  5. Hallo Sylvia,
    ich freue mich riesig, dass du mit diesem Artikel an meiner Blogparade teilnimmst und dass ich dar├╝ber auch deinen tollen Blog kennengelernt habe. Genau dieses zwiesp├Ąltige Gef├╝hl von Heimat kenne ich auch und manchmal w├╝nschte ich mir mehr Klarheit dar├╝ber. Aber ebenso suspekt ist mir die Selbstverst├Ąndlichkeit von Heimat bei den Menschen, die ihre Heimat nie verlassen haben.
    Liebe Gr├╝├če von Andrea

    • Am Klarsten fand ich den Begriff der Heimat tats├Ąchlich bei den Menschen, die sie (oft endg├╝ltig) verloren hatten. Vielleicht wird es einem tats├Ąchlich erst dann bewusst, was einmal war – und was es bedeutet hat. Wenn man es immer um sich hat, nun, dann ist es einfach Normalit├Ąt.

  6. Ja da ist viel Wahres dran und geht mir ├Ąhnlich.Vielleich k├Ânnen wir, die die „Heimat“ verlassen haben besser damit umgehen und Heimat sozusagen ins Gep├Ąck packen. Sch├Ân das dich auf diesem Weg Deinen Blog gefunden habe.

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