Rites de passage – Fassaden

Wir erhalten die alten Dinge, nennen sie Erbe, nennen sie Denkmal, denken aber nicht, warum diese Sch√∂nheit bet√∂rend wirkt, bauen Neues, glatte Fassaden, in der Hoffnung, dass an ihnen die Angst abrutscht, sie sich abwischen l√§sst. In ihnen wird die Wurzellosigkeit sichtbar, es fehlt das Verwurzelt-Sein, das Gegen√ľber, der Halt.

Ich bin dort, wo ich einst Heimat fand, f√ľr Jahre und es ist immer noch vertraut. Rechts und links neben den Stra√üen schmiegen sich die H√ľgel wie schlafende Tiere, die R√§der des Autos erkennen jede altvertraute Bodenwelle, nehmen die immer noch gewohnten Kurven und im Haus am Stadtrand begr√ľ√üen mich die Katzen, als sei ich hier zu Haus.

Jetzt bin ich f√ľr zwei Wochen ihr Dosen√∂ffner, Tablettengeber, Ohrmassierer und hoffe, dass sie bei der W√§rme ein anderes Schlafpl√§tzchen finden, nicht an meiner Seite liegen, bei 20 Grad des Nachts brauche ich noch kein Rheumafell im R√ľcken.

Was sonst?

Wer bestimmt eigentlich die Spielregeln, das Spiel, das, was gerade gilt und wenn ich Gl√ľck habe, wei√ü ich sogar, welches es ist. Die Regeln jedoch kenne ich nicht, ich taste mich vorw√§rts, stolpernd, irrend, das ganze Leben ist ein st√§ndiger Versuch, ein Trial-and-Error. Woher nehmen die anderen die Sicherheit, sie w√ľssten, wer sie sind? Ich wei√ü es nicht – und kenne mich selbst nur ann√§hernd, asymptotisch. Vielleicht ist mir daher die Mathematik lieber, die Regeln sind klar und f√ľhren zu eindeutigen Ergebnissen, meistens jedenfalls. Zu glauben, ich w√ľsste etwas vom Anderen, oder von mir ist ein Irrtum, und doch ist jeden Tag aufs Neue der Versuch. Interpretierend unterwegs lese ich die Zeichen, die Signifikate und Signifikanten, doch dort, wo ich glaube, ich h√§tte sie entziffert, √§ndern sie sich, wechseln die Farben, changieren. Heute gilt nicht mehr, was gestern noch sicher war und morgen ist es wieder anders.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.