Tagebuchbloggen am 5. April

Ich brauche keinen Wecker, lĂ€ngst nicht mehr – und bin doch jeden Morgen spĂ€testens um sieben wach, sogar dann, wenn die Katze aushĂ€usig unterwegs ist und nicht am frĂŒhen Morgen Futter fordert. Ich mache mir Kaffee und Gedanken, lese Zeitung und Kaffeesatz, weil ich aber nirgendwo den nĂ€chsten Tag finde, bleibe ich im Heute und setze mir noch einen Tee auf.

Gestern habe ich „Kopf frei fĂŒr den kreativen Flow“ aus dem Regal gekramt, heute entstaube ich den Farbkasten, suche das vor langer Zeit angefangene Blatt und mische die Farben neu. Die Lieblingshausziege freut es, sie will den weißen Rahmen um die Buchstaben noch geschwĂ€rzt, dann leuchten sie besser, findet sie.

Bunte Buchstaben.

Ich lese, male, stricke und gucke so lange Löcher in den Tag, bis von der nĂ€chsten Woche schon ein Zipfel zu sehen ist. Weil das nicht alles sein kann, schĂ€le ich den Ingwer, schneide ihn in dĂŒnne Scheiben und gieße heißes Wasser drauf.

Draußen scheint es wie eine Reminiszenz an lĂ€ngst vergangene Zeiten: Eltern sind mit ihren Kindern rund um den Ort unterwegs, zu Fuß, mit dem Rad, sie sitzen auf der Bank und haben ihre Vesper dabei. Wir ziehen ebenfalls umher, schĂ€tzen die leise Schönheit der nĂ€heren Umgebung von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Erst in der Fremde erfĂ€hrt man, was Heimat heißt – und in der durch Distanz aufgezwungenen Isolation, wie wichtig Gemeinschaft ist.

Das Gras wÀchst.

Letztendlich ist es die Wahrnehmung, die aus jedem Blickwinkel eine andere ist. Das Gras wĂ€chst himmelhoch, die kleinen Blattpfötchen grĂŒĂŸen und gelegentlich prescht ein Reh durchs Unterholz, dem wir zu nah gekommen. Unserer eigenen Wirklichkeit können wir uns nur erzĂ€hlend oder schreibend annĂ€hern. Die TagtrĂ€ume schweben, sie waren immer schon geduldig, dreht sich die Welt jedoch zu schnell, verlieren sie den Anschluss, wehen wie Nebelflusen hinter eilig hastenden Gestalten.


Vom Essen gibt es heute nichts zu lesen, seit einer Woche wird gefastet. Die Zeit ist gut, so viel zu lassen, wenn es ohnehin nur wenig gibt.

Was brauche ich? Was ist wichtig?

Ich möchte bis zu den Knien im Leben stehen, alles um mich herum wahrnehmen, mit offenen Augen Verbindungen schaffen.

Vielleicht gelingt es. Und wenn es nur fĂŒr einen Moment lang ist.

Die anderen TagebucheintrĂ€ge gibt es wie immer bei Frau BrĂŒllen, bitte sehr, was machst du eigentlich den ganzen Tag, sie fragt das jeden MonatsfĂŒnften, zuverlĂ€ssig auch in unzuverlĂ€ssigen Zeiten.

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