Über Jaelle Katz

Ich? Über mich?

Zurück in den Alltag #1

Lange Zeit fanden keine Termine statt, weder Gemeinderatssitzungen noch andere. Der letzte seiner Art war am 12. März, da war ich erst noch in Nürnberg, dann in Erlangen unterwegs. Als der Zeitungsbericht einige Tage später erschien, war es wie ein Erinnern an eine Vergangenheit, eine Zeit, die auf unbestimmte Weise erst einmal verloren schien:  Rosmarin und der blaue Himmel.

Weiter geht es. Der Gingko streckt auch schon die Blätter nach außen.

Gestern war dann der erste Marktgemeinderat. Da der Sitzungssaal des Rathauses für den gebotenen Abstand zu klein war, tagten die Räte in der großen Veranstaltungshalle. Jeder saß einzeln an seinem Tisch, immer mit dem nötigen Sicherheitsabstand zum nächsten. Es wirkte ein bisschen wie in einer Prüfung, doch da müssen die Prüflinge so weit auseinander sitzen, damit sie nicht abschreiben können. Der Bürgermeister saß vorne, führte dort den Vorsitz mit seinen Stellvertretern, auch diese mit gehörigem Abstand voneinander entfernt. Die Grüße wurden – wie es der Vorschrift entsprach – über Entfernungen hinweg ausgetauscht und an den sonst geführten kleinen Unterhaltungen kann jeder teilnehmen. Sie sind auch sonst nicht geheim, jeder kann sie hören, aber es ist schon ein Unterschied, ob zwei Menschen dicht beieinander stehen und sich leise miteinander unterhalten oder ob sie auf zwei Meter Mindestabstand achten und daher etwas lauter reden müssen. Die Intimität geht dabei verloren, das Augenzwinkern vielleicht auch, ich werde es sehen.

Zu runden Geburtstagen werden normalerweise die Jubilare im Gemeinderat geehrt, es werden die Hände geschüttelt und ein Präsent überreicht. Das Händeschütteln fiel aus, dafür gab es allerdings Applaus von allen und als eine Gemeinderätin ein Geburtstagslied anstimmte, sangen alle anderen auch mit. Das Präsent schob der Bürgermeister vorsichtig zu dem jeweiligen Geburtstagskind, der Abstand, versteht sich.

„Hoffentlich geht diese Sache schnell vorbei, wenn nicht, müssen wir uns gedulden“, konstatierte der Bürgermeister, der erst vor kurzem wieder gewählt worden war.

Ich werde sehen, wie es weiter geht.

Einfach ins Blaue hinein

Nein, nicht ins Blaue, sondern ins Grüne – oder manchmal auch ins Weiße.
Dabei werden die Zehen kalt und die Finger auch.
Wer kam auf die Idee, ins Blaue zu sagen? Gehe ich los, stehen meine Füße doch auf braun, schwarz, grau, grün, Erde, Steinen, Gras, Asphalt, Holz, aber blau? Blau ist die Straße nicht und gehen ist mühsam: Einen Schritt nach dem anderen, einen Fuß vor den anderen setzen und das nicht nur fünffach, hundertfach, sondern dreimillionensechshundertachtundzwanzigtausendsiebenhundertsechsundneunzigfach.
Es scheint endlos, den Takt gibt es gratis dazu: ü – ber sie – ben Brük – ken musst du ge – hen.
Dann werden die Brücken geräumt und die Schienen übereinander gelegt und in welcher Farbe werden die Flüge gestrichen? Weil Eis an den Flügeln ist, werden die Flieger zu schwer, können nicht abheben, mit den Flügeln schlagen, auf Watschelfüßen rennen, bis die Geschwindigkeit groß genug ist fürs Abheben, fürs Fliegen.
Die Geschwindigkeit ist um jeden Preis zu halten – sonst droht der Absturz.
Aber selbst bei der finalen Landung gibt es einen Trost: Der Getränkewagen kommt noch einmal vorbei.
Ins Blaue geht es dann auch nicht.
Blau wird vom Himmel herunter gelogen, doch wohin?
Wo lande ich?
Ich kann endlos unterwegs sein, komme niemals an. Sammele ewig Neues, entdecke selbst in der Banalität des Alltags ständig Neues, sehe selbst, darf staunen.
Darüber, wie eine Spinne aus einem Wassertropfen trinkt, darüber, wie schön die schmierigen und stinkenden Algen im Eis sind, welches den bunten Blumentopf gesprengt hat.
Aber blau ist auch da nichts.
Blau. Blau machen, blau sein, blau anlaufen. Alles Wege führen ins Blaue, in die Illusion, dass es woanders blauer wäre. Doch das wahre Blau ist in mir, in meinen Träumen, in meinen Wünschen, in meiner Phantasie.
Aus diesem Grund laufe ich wirklich los, gehe durch Wald und Feld und Flur, nein, erst in den Flur: Dort ziehe ich Jacke und Schal und Mütze und Handschuhe oder Regenjacke oder Sonnenhut an, dann geht es raus.
Blau ist kalt, sind kalte Farben, Forelle blau, blaue Zipfel oder Karpfen blau, der alle unsere Geheimnisse kennt und sie zu Silvester ausplaudert.
Oder warum gehst du los, ins Blaue hinein?

12 Bilder vom 12. April

Ostersonntag. Ohne Kirche, ohne Kinder, ohne Eiersuchen. Und ohne Schokolade. Ostern erinnert ja immer daran, dass jeder irgendwie auf der Suche ist: Die Katze guckt nach dem gefüllten Napf, oder schaut, welches Mauseloch im Gras nun bewohnt ist. Dafür suche ich mit der Kaffeetasse in der Hand danach, was aus dem Tag eigentlich werden soll und der Mitbewohner sucht noch eine Mütze voll Schlaf.

Wie lange suchen wir? Wann haben wir uns – oder was immer wir dafür halten – gefunden? Wenn ich mir sicher bin, wer oder was ich im Moment bin, ist dieser vorbei und mein Ich Gesch- ich- te.

Es ist genügend Zeit, einen Hefeteig anzusetzen, er lässt sich den Pelz von der Sonne bescheinen, geht auf und wird zu einem Osterzopf. Auch wenn der erste Kaffee längst getrunken ist, schmeckt der Kuchen. Wir können essen, wann und was wir wollen, was schert uns die Zeit, wenn ohnehin niemand kommen kann.

Der Mitbewohner ist in der Küche beschäftigt, bäckt Chatschapuri, ein mit Ei gefülltes Hefeteilchen. Wer mag, kann dem Link folgen und findet dort die hier fehlenden Bilder. Aber Vorsicht, das Ganze macht Appetit und ich kann sagen, es schmeckt wirklich gut.

Die Tage scheinen endlos, die Stunden dehnen sich und lassen sich mit Tee füllen. Jedem Tag folgt der nächste, geht in den Abend über und die Nacht, bis in den Traum, auf Wegen, die ich nicht kenne und weil ich nur einmal auf ihnen unterwegs bin, werden sie auf keiner Karte eingezeichnet. Sie sind flüchtig, tauchen kurz vor mir auf, haben jedoch ebenso wenig ein Ziel, wie viele der Gänge jetzt. Einfach gehen, durch den Ort, wer macht das sonst noch? Wer hat das überhaupt vorher mal probiert? Selbst für den kurzen Weg zum Briefkasten war das Auto grad gut genug.


Wir gehen los, zunächst über den Friedhof, die Blumen begießen und mit dem gebührenden Abstand plaudern. Echte Neuigkeiten stehen schließlich nicht als Meldung in der Zeitung, sie werden immer noch von Mund zu Ohr weitergegeben und – wie die Ostereier – zuvor entsprechend eingefärbt, je nach Stimmung.

Wir gehen weiter, der Tag ist noch hell und lang, zum Ortsrand und darüber hinaus, in den Wald, zu einem Ort, an dem einst Maria den Kindern erschienen sein soll, im weißen Gewand, sagten sie, vielleicht eilte nur jemand im Nachthemd über den Hof, wer weiß. Im vergangenen Jahr stürzte eine Fichte, riss die Überdachung ein, jetzt ist stehen die Bänke unter freiem Himmel und niemand sitzt oder kniet, nur zwei Fahrradfahrer eilen längs.


Weit oben ein Flieger und hinter uns das Hüttchen, jetzt mit blankgeputzten Scheiben, statt verschlossenen Läden. Hier lebte viele Jahre eine Frau, wachte über den Ort.

Die vorjährigen Buchenblätter rieseln leise im Wind, Hummelgebrumm, Vogelzwitschern, der Specht gibt den Takt vor. Nähert sich jemand, knirscht der Kies, anschleichen ist nicht.

Die Kastanie hebt ihr Pfötchen, vieles wirkt verschoben, langsamer, ver-rückter, wie nach einer langen Rekonvaleszenz, wir können nicht mehr aus der Flut der Unmöglichkeiten schöpfen, wählen Wege, die – weil sie immer erreichbar – so banal schienen bisher. Ich muss mich nur zwischen links oder rechts entscheiden, gehe ich geradeaus oder biege ich auf den engen Waldpfad ab.

Ich muss mich entscheiden, sage ich zum einen Ja, heißt das für den anderen Nein, beides auf einmal geht nur in der scheinbar aufgehobenen metaphysischen Distanz der Computer und Smartphones, die Illusion, ich sei immer und überall dabei. Der helle Buchenwald lässt das Licht bis zum Waldboden, nebenan unter den Tannen ist es dunkel genug für den Eingang zur Nacht.

Nicht verreisen, nicht weit fahren und wandern, wir haben genügend Raum um uns, der sonst ungenutzt, was will ich schließlich im Anderswo wenn ich das Hiersein noch nicht kenne.

Die Eiche hält das Bild, bekrönt es, wird es bald wieder beschatten, verschatten.

Wegducken, zu Hause bleiben, keine Treffen, kein Kaffee unterwegs, kein was-weiß-ich. Je länger diese Zeit dauert, um so weniger fehlen mir viele Dinge.

Daher lasse ich es jetzt gut sein, mir reichen die Bilder für heute. Wer mehr angucken möchte, bitte sehr: Bei der freundlichen Frau mit den Kännchen gibt es viele, nicht unzählige, aber ungezählte.

 

 

Tagebuchbloggen am 5. April

Ich brauche keinen Wecker, längst nicht mehr – und bin doch jeden Morgen spätestens um sieben wach, sogar dann, wenn die Katze aushäusig unterwegs ist und nicht am frühen Morgen Futter fordert. Ich mache mir Kaffee und Gedanken, lese Zeitung und Kaffeesatz, weil ich aber nirgendwo den nächsten Tag finde, bleibe ich im Heute und setze mir noch einen Tee auf.

Gestern habe ich „Kopf frei für den kreativen Flow“ aus dem Regal gekramt, heute entstaube ich den Farbkasten, suche das vor langer Zeit angefangene Blatt und mische die Farben neu. Die Lieblingshausziege freut es, sie will den weißen Rahmen um die Buchstaben noch geschwärzt, dann leuchten sie besser, findet sie.

Bunte Buchstaben.

Ich lese, male, stricke und gucke so lange Löcher in den Tag, bis von der nächsten Woche schon ein Zipfel zu sehen ist. Weil das nicht alles sein kann, schäle ich den Ingwer, schneide ihn in dünne Scheiben und gieße heißes Wasser drauf.

Draußen scheint es wie eine Reminiszenz an längst vergangene Zeiten: Eltern sind mit ihren Kindern rund um den Ort unterwegs, zu Fuß, mit dem Rad, sie sitzen auf der Bank und haben ihre Vesper dabei. Wir ziehen ebenfalls umher, schätzen die leise Schönheit der näheren Umgebung von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Erst in der Fremde erfährt man, was Heimat heißt – und in der durch Distanz aufgezwungenen Isolation, wie wichtig Gemeinschaft ist.

Das Gras wächst.

Letztendlich ist es die Wahrnehmung, die aus jedem Blickwinkel eine andere ist. Das Gras wächst himmelhoch, die kleinen Blattpfötchen grüßen und gelegentlich prescht ein Reh durchs Unterholz, dem wir zu nah gekommen. Unserer eigenen Wirklichkeit können wir uns nur erzählend oder schreibend annähern. Die Tagträume schweben, sie waren immer schon geduldig, dreht sich die Welt jedoch zu schnell, verlieren sie den Anschluss, wehen wie Nebelflusen hinter eilig hastenden Gestalten.


Vom Essen gibt es heute nichts zu lesen, seit einer Woche wird gefastet. Die Zeit ist gut, so viel zu lassen, wenn es ohnehin nur wenig gibt.

Was brauche ich? Was ist wichtig?

Ich möchte bis zu den Knien im Leben stehen, alles um mich herum wahrnehmen, mit offenen Augen Verbindungen schaffen.

Vielleicht gelingt es. Und wenn es nur für einen Moment lang ist.

Die anderen Tagebucheinträge gibt es wie immer bei Frau Brüllen, bitte sehr, was machst du eigentlich den ganzen Tag, sie fragt das jeden Monatsfünften, zuverlässig auch in unzuverlässigen Zeiten.

Roberta Bergmann: Kopf frei für den kreativen Flow

Kreativ sein, von Vorgaben abweichen, mit der ungewohnten Hand die Zähne putzen, das Hemd linksherum anziehen, mal in Gummistiefeln tanzen gehen, die Wand quietschgelb streichen oder einen anderen Weg nehmen, einen neuen, dann erst recht, wenn es in diesem noch keine Fußstapfen gibt, in die ich treten kann: Will ich ausgetretene Pfade verlassen, brauche ich Mut, muss durchs Unterholz kriechen, selbst wenn dort Zecken und Spinnen lauern.

Kreativ sein lässt sich lernen, jederzeit und um so mehr in dieser Zeit, in der so viele Dinge plötzlich ungewohnt und anders sind. Gibt es weder Hefe noch Klopapier, muss ich eben sehen, was ich stattdessen nutzen kann.

Das Buch „Kopf frei für den kreativen Flow“ wartet bereits zwei Jahre geduldig im Regal. Jetzt ist der Moment gekommen, ich muss nicht mehr mit vielen Bällen gleichzeitig jonglieren, Corona sei Dank, und kann nachsehen, was im Bücherregal alles noch ungelesen steht.

„Menschen werden als kreativ bezeichnet, wenn sie fähig sind, unkonventionell (=frei) zu denken, aus vorgegebenen und verfestigten Strukturen auszubrechen, neue und unbekannte Wege zu beschreiten, aus sich selbst heraus zu schöpfen, zu experimentieren, um damit auf neue Ideen, Verbindungen und Lösungen zu kommen“, schreibt Roberta Bergmann.

Sie stellt in ihrem Buch den kreativen Prozess vor, der als solcher weder an ein Alter, noch ein Geschlecht oder einen Schulabschluss gebunden ist.

Prima. Jeder kann kreativ. Ich auch.

Der Fragebogen will mir zeigen, welcher Kreativ- und Arbeitstyp ist bin und es gibt Tipps, wie ich mir einen kreativitätsfördernden Ort einrichten kann.

Vierzig Rezepte folgen: Ich soll einfach anfangen, ob mit Plan oder ohne, Roberta zeigt, wie ich Ideen und Material sammeln kann, verweist auf die Klugheit von Kinderfragen und überhaupt deren Perspektive. Mit Hilfe von Übungen und Reflexionen kann ich herausfinden, wer ich bin und was ich eigentlich will.

Durchhalten, weitermachen…

„Stell alles auf den Kopf“, heißt es und so suche ich kopfüber nach Inspirationen und verabrede mich am nächsten Tag zu einem Rendezvous mit mir selbst – da kann ich auch mit dem Corona-Virus den gebotenen Abstand halten. Die Aufforderung zum kreativen Chaos wäre dagegen nicht nötig gewesen, jedenfalls bei mir nicht, diese kreative Anforderung erfülle ich schon immer mit Leichtigkeit und Vergnügen. Ich erinnere mich noch an das entsetzte Gesicht einer Tante, als beim Auspacken der Ferientasche Zahnbürste an Stiefelsohle geschmiegt zum Vorschein kam.

 

 

Hilft alles nichts, hat Roberta Bergmann im zweiten Teil 15 Rezepte parat: Mit diesen lassen sich kreative Blockaden leicht verarzten.

Kennengelernt habe ich Roberta in Wolfenbüttel, wir nahmen beide an einer Schreibwerkstatt in der Bundesakademie für kulturelle Bildung teil. Sie ist Sach- und Bilderbuchautorin, Dozentin für Gestaltung und freiberufliche Künstlerin, Illustratorin und Buchgestalterin.

„Kopf frei für den kreativen Flow“ erschien im Haupt Verlag Bern, das Buch kann auf der Webseite der Autorin www.robertabergmann.de, beim Verlag oder beim örtlichen Buchhändler bestellt werden und kostet 26 Euro. Wer noch mehr kreativen Input von Roberta Bergmann haben möchte, bitte sehr, der kann sich auf ihrer zum Buch passenden Seite „Der kreative Flow“ und dem dortigen Podcast folgen, kommt in die Facebook-Gruppe „Der kreative Flow“,  oder folgt entweder Roberta Bergmann oder dem „kreativen Flow“ auf Instagram.

ISBN 978-3-258-60176-2

Setz dich in Bewegung. Genau. Das mache ich jetzt.

Das Buch habe ich vor zwei Jahren selbst gekauft, bezahlt und mit einer Widmung von Roberta erhalten.

Alles für die Katz #101

Weil ich momentan – wie alle anderen ja auch – eher zu Hause bleibe, krame ich gelegentlich in meinen Erinnerungen und alten Fotos. Die getigerte Katze haben wir vor gut einem Jahr in Akko beobachtet: Erst lief sie einfach so an den Säcken entlang, dann wurde sie neugierig. Was darin war? Das weiß ich leider immer noch nicht.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

Wellen und Wind trotzen #Rostparade

Wir fuhren auf der Küstenstraße am Mittelmeer entlang. Der zweitausend Jahre alte Aquädukt nahe Caesarea hält dicht neben dem Strand Wind und Wellen stand. Direkt am Meer stehen rostige Reste auf dicken Fundamenten, trotzen ebenso Wind und Wellen wie der Aquädukt und werden sicherlich weit vor Ablauf der nächsten zweitausend Jahre zerbröselt, zerrieben und völlig verschwunden sein. Was es einmal war? Das weiß ich nicht.

Rostige Überreste am Strand.

Verbunden mit: Der Rostparade bei Cubus Regio.

Stolpernde Zeiten

Die Zeit scheint zu stolpern: Wache ich morgens auf, ist es in der Wohnung gewohnt kalt, so lange, bis das Feuer im Ofen glüht und den Rest der Räume wärmt. So weit ist es wie immer, auch der morgendliche Kaffee, das Warten der Katze auf den Rest vom Joghurt, die Lektüre von Zeitung und News ist gleich. Alles scheint wie immer, doch die Zeit hat sich geändert, fast unmerklich. Ich brauche nicht mehr zu fahren, kann (fast) alles von zu Hause aus erledigen. Dabei verschwindet die Zeit, stiehlt sich davon, ich muss nachsehen, welches Datum wir haben und der Wochentag ist allein deshalb wichtig, weil ich nicht am Sonntag vor verschlossenem Laden stehen will.

In dieser Zeit – und schon zuvor – rückte das Virus näher, langsam, vom: Was geht es mich an, ob in China ein Sack Reis fällt oder eine Fledermaus auf dem Teller landet, über: ach, da kam jemand aus China zurück und ist krank, bis hin zu: ups, im Landkreis hat sich auch jemand angesteckt, ebenso der Onkel eines Bekannten. Obwohl etwas noch weit weg scheint, betrifft es mich trotzdem, schließlich werden in China auch Sachen gefertigt und hierher transportiert, die ich – vermeintlich – brauche.

Wir sind weder unverwundbar noch unsterblich. Welch eine Kränkung.

Manche Dinge sieht man jetzt wie unter einer Lupe

Wir begreifen langsam, dass es Dinge gibt, die sich kaum beeinflussen lassen, oder doch, wenn wir Abstand halten, keinen sozialen, sondern realen, in Zentimetern und Metern messbar, ein unüberwindlicher Graben für das Virus, auf dass es nicht zu uns kommen möge, oder wenn schon, dann nicht jetzt, sondern später. Vielleicht.

Seit über einer Woche gilt eine Kontaktbeschränkung, wir dürfen noch nach draußen, spazieren, einige tausend Schritte am Abgrund entlang, doch bitte alleine oder höchstens zu zweit.

Ich habe Glück. Wir haben ausreichend Platz, leben seit dem vergangenen Sommer zu zweit auf genügend Raum. Ich bin schon immer Team Stubenhocker und Leseratte, solange ich zwischen zwei Buchdeckeln wohnen kann, vermisse ich nichts. Fast nichts. In meiner Fantasie reise ich durch Zeiten, Länder und Welten und es stört mich nicht, dass die täglichen Wege ziellos sind.

Es gibt keine Ziele mehr. Und damit keinen Grund, mit dem Auto irgendwohin zu fahren, der Bierkeller ist ebenso geschlossen wie Eisdiele und Freibad. Alles, was nicht notwendig ist, hat zu. Das Gras wächst überall gleich, die Ameisen laufen emsig, der Specht hämmert über mir und in der Ferne tuckert ein Traktor. Zitronenfalter flattern umher, die Vögel zwitschern und uns bleibt nichts weiter übrig, als ebenso ziellos geschäftig zu sein, besorgt um Wohnung und Futter. Selten sah ich auf den Wegen so viele Menschen, die spazieren, gehen, schlendern. Jetzt heißt es: Wir gehen mal raus und alles Quengeln nach Zielen nutzt nix, weil die Ziele gesperrt sind, selbst wenn es der heimische Spielplatz ist.

Am Weiher

Jetzt ist das Bänkchen das Ziel, das, zufällig entdeckt, mitten im Wald am Weiher steht, in der Sonne, ringsum der Duft nach Kiefern.

Die Natur atmet auf, nicht nur in Venedig, doch mir scheint, es wird keinen Bestand haben. Alles erinnert mich an den Tsunami, damals, 2004, als sich das Wasser zurückzog, den Meeresboden freigab, noch hatten die Menschen Boden unter den Füßen, solange, bis das Wasser mit Wucht zurückkam. Wird die Wirtschaft wieder losgelassen, entfesselt, wird sie vermutlich weiter toben wie bisher, über Befindlichkeiten von Tieren, Pflanzen und Ökosystemen hinweg.

Es ist eine Stresssituation, für alle, nicht nur für die Erkrankten. Und so zeigt sich in dieser stolpernden Zeit, bei wem der Lack der Zivilisation und der Menschlichkeit nur oberflächlich haftet, sofort abplatzt, sobald Bewegung ins Spiel kommt. Ohne ausreichenden Haftgrund ist das eigene Hemd näher als die Not der Schwachen.

Nein, es war noch nie genug für alle da: Das im Notfall offenbarte Defizit ist ein Strukturelles, es macht sichtbar, wovon es in der Gesellschaft schon immer zu wenig gab. Verstärkt hat sich das in den Jahren, in denen nicht Mitmenschlichkeit und Zuwendung, sondern Wirtschaftlichkeit und Zertifizierung stärker gewichtet wurden. Jeder Ablauf, jeder Prozess kann als solcher optimiert werden, fehlerfrei abgespult werden, völlig unabhängig davon, ob das Ergebnis sinnvoll ist. Jetzt gibt es Beifall und Lob für diejenigen, die ihre Arbeit für wenig Geld erledigen, die plötzlich systemrelevant wichtig sind.

Was wird sein, wenn das alles vorbei ist? Gehen wir dann nahtlos zur – unterbrochenen – Tagesordnung über, lassen wir das Primat der Wirtschaft weiter gelten?

Ich hoffe nicht, aber ich weiß auch, dass meine Hoffnung zu klein ist, dass ich alleine zu wenig bin, dass Menschen etwas zu sagen haben, denen meine Meinung selbst dann egal ist, wenn ich laut werde. Hat jemand auf die „Fridays for future“ gehört?

 

12 Bilder vom 12. März



Es ist jeden Morgen das Gleiche: Ich esse mein Müsli mit Joghurt, die Katze wartet auf das typische Geräusch des Löffels, wenn er die letzten Müsliflocken vom Glas schabt. Kaum habe ich alles ausgelöffelt, springt sie auf den Tisch und putzt das Schälchen sauber. Richtig sauber. Der Spülmaschine bleibt nicht mehr viel.

 

 

 

Auf der Autobahn sind signifikant weniger Lastkraftwagen unterwegs, das fällt schon auf. Am Dienstag stand ich noch im Stau, heute habe ich überall freie Fahrt, selbst in den Baustellen.

Huch, was macht ein Auto mit radioaktivem Transport vor mir? Ach, der saniert nur Brand- und Wasserschäden…

 

 

Ob das Muster auf meinen Beinen gemalt ist, wollte ein alter Mann wissen, der mir auf der Straße entgegenkam. Ich habe nicht gleich verstanden, was er meinte, er versuchte es noch einmal zu erklären, schließlich haben wir beide gelacht. Was soll man auch sonst machen, wenn die Sonne scheint?

 

 

 

 

 

Angekommen. Jetzt habe ich eine Weile zu tun. Gegen Nachmittag bin ich fertig und fahre nach Erlangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier bin ich bei einem Projekt, es geht um Duft und Geschmack, Erinnerungen und Schreiben. Noch sind alle Dosen und Gläser der Duftbar fest verschlossen…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warten. Der Oberbürgermeister möchte zur Eröffnung auch noch reden und alle begrüßen, obwohl die Stadtverwaltung mit der Corona-Krise ordentlich beschäftigt ist, wie er sagt.

 

 

Erinnerungen werden wach – und überall notiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Geschmacksbar wird erst geöffnet, als bereits alle über den Duft und die damit verbundenen Erinnerungen geschrieben haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch, ja, ich habe auch was geschrieben. Kommt Ende des Jahres in die Ausstellung ;-), die über das gesamte Projekt gemacht wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Draußen ist es schon ziemlich dunkel. Ich fahre jetzt nach Hause und hoffe, dass es dort was zu essen gibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Futter im Bauch lässt es sich gut schlafen.

Noch mehr Bilder gibt es bei der Frau, die draußen nur Kännchen anbietet.

Stäubchen aufwirbeln

Irgendwie will ich – und doch wieder nicht. Ich fange lieber tausend Dinge an, statt mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich räume den Schreibtisch frei, finde Sachen, die ich nicht gesucht habe, wische den Staub weg, pussel die Krümel aus den Zwischenräumen der Tastatur und würde am liebsten alles ausräumen, freiräumen, neue Tapeten an die Wand, weil, ja, die alten hängen schon so lange dort und wenn ich schon nichts richtig Neues machen kann, ist ein Tapetenwechsel nicht verkehrt.

Es riecht nach Staub, lange abgelagertem altem Staub, er kriecht in die Nase, reizt sie zum Niesen, flockt und erinnert mich, dass ich eigentlich etwas anderes machen wollte.

Bleiben manche Ecken im Haus länger unberührt, sammelt sich hier Staub, legt sich auf die blanken Stellen, lässt sie trüb werden, ganz langsam und allmählich, da hilft es gelegentlich, einen Ausputz zu machen, das Wollen vom Müssen zu sortieren, schauen, warum ich Dinge mache: Wie wichtig ist mir der Blick von außen, der Blick von anderen. Wie wichtig ist es mir, wie sie mich wahrnehmen? Und wie gut geht es mir in dem, was ich meine Räume nenne, ob sie nun um mich herum oder in mir drinnen sind? Sieht mich niemand, fühle ich mich darin wohl. Ist es mir wichtig, dass sich darin auch andere wohlfühlen können?

Forsythienblüte.

Für alles gibt es eine Zeit: Erst wollte ich Dinge haben, sie besitzen, meinte, sie zu brauchen, weil nur mit ihnen das Leben glücklich gelingt. Später erst sah ich, dass ich in den meisten Fällen getäuscht wurde, mich aber gerne habe täuschen lassen, ich gebe es zu. Es ist eine Illusion – und manche beherrschen das Spiel einfach besser.

Deswegen lasse ich beim Schreiben die Kerze brennen, genau wie das Feuer im Ofen. Die Wärme zieht durchs Haus, vertreibt Kälte und verteilt Licht in dunklen Ecken, sie macht, dass andere kommen, sich wärmen, gleich wie kalt der Rest drumherum ist.

Nein, nicht ganz. So etwas wie Ordnung und Sauberkeit hätte ich schon gerne.

Gelegentlich.