Morgen #Frapalymo und abc.etüde

Morgen
geht die Sonne auf.
Wie jeden Tag.
Doch für dich
bleibt es Nacht.


Verbunden mit dem #Frapalymo, dem Lyrikmonat bei Frau Paulchen.

Klar gibt es den Schweigekrampf: Kennst du das Gefühl, wenn du deinem Gegenüber gerne die Wahrheit ins Gesicht, so richtig die Wahrheit, nackt und ungeschminkt, oder was auch immer du dafür hältst, wenn du deinem Gegenüber alles ins Gesicht sagen, nein schreien, er soll es ja auch richtig hören, wenn du alles vom Herzen putzen möchtest, alles, was du in vielen Jahren dort angesammelt, gestapelt und aufgestaut hast, und dann stehst du vor diesem Menschen, es ist die passende Gelegenheit, er ist ganz Ohr, er kann nicht weg, sondern muss dir in epischer Länge und Breite zuhören, du öffnest den Mund – und schließt ihn wieder. Auf und zu. Wie so ein Karpfen, der plötzlich vom Teich auf das Ufer schnellt und dort nach Luft schnappt. Du schnappst nach Luft, du willst alles sagen, was du schon immer sagen wolltest – und du sagst – nichts.

Deine Stimmbänder krächzen noch ein heiseres „Hallo, wie geht’s“, doch das ist alles, was du gesagt hast und dabei hättest du echt so viel sagen können.

Er hätte es verdient.

Er hätte es verdient, immerhin sitzt er fett in seinen Pfründen, gibt sich mondän und er hätte es wirklich verdient, dass ihm einer einmal sagt, was alle von ihm denken und was sie nur zu sagen wagen, wenn er nicht dazwischen ist.

Aber nein. Es ging nicht. Du hast es gelassen.

Verbunden mit: #abc.etüden. Die Wortinspiration lautete:  Pfründe, mondän und lassen.

Kunst, müde, verschwenden #abc.etüden

»Wie bei Rumpelstilzchen«, erklärte Frieder: »Während die Prinzessin in drei Tagen den Namen erraten muss, hat Turandot nur eine einzige Nacht. Schafft sie es nicht, muss sie den Fremden heiraten – schließlich hat er alle drei Rätsel gelöst und die Bedingung ihres Vaters erfüllt«.
Er schaltete den CD-Spieler an: »Nessun dorma«, niemand sollte schlafen.
»Das ist ja das gleiche Lied, das der Dicke beim Fußball gesungen hat«, flüsterte Robin.
»Du hast gut aufgepasst«, lobte Frieder.
»Darf man die Musik auch doof finden?«, wollte Joni wissen.
»Sicher. Aber gib ihr eine Chance«, bat er und spielte die Arie ab.
Der Schwung der Musik trug ihn durch den Nachmittag, der Korrekturstapel wurde schnell niedriger.
Die Ankündigung »Nachher kommt Katja«, löste bei beiden Kindern einen Freudenschrei aus. Für sie war die 16-Jährige fast wie eine große Schwester.
»Wo wollt ihr hin?«, fragte Julian.
»In die Oper«, antwortete Frieder, während er sein helles Hemd zuknöpfte und Hermine erstaunt ansah: »Willst du dich nicht anziehen?«
Er ging ins Wohnzimmer: »Hermine, wo sind die Karten?«
»Welche Karten?«
»Die Karten für Turandot.«
»Die sind nicht da.«
»Wo denn?«
»Weg.«
»Die können nicht weg sein!«
»Doch.«
»Woher weißt du das?«
»Weil ich sie ins Feuer geworfen habe. Ich kriege Kopfschmerzen, wenn ich deine CDs mit dieser Musik anhören muss, da setze ich mich doch nicht in die Oper. Außerdem bin ich müde.« Hermine nahm ihr Buch mit aufs Sofa.
Frieder nahm sein Jackett, »Tschüss, Kinder!«.
Er fuhr, ohne zu wissen, wohin, schaute auf die Uhr: Jetzt beginnt Turandot. Welche Verschwendung der Kunst.
Tief in der Nacht hörte er, wie sein Sohn leise: »Somewhere over the Rainbow« hörte.
»Bist du nicht müde?«
»Ich will wissen, was hinter dem Regenbogen ist«, erklärte Julian. »Wenn du aber das nächste Mal in die Oper gehst, komme ich mit!«

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Wer mag, findet bei den abc.etüden noch viel mehr Texte, bei denen die drei vorgegebenen Worte in eine Geschichte von 300 Wörtern passen.

Nur für alle Fälle: Meine Geschichte ist erfunden, logisch. Ähnlichkeiten wären rein zufällig.

Andrea Bocelli: Nessun dorma 

#abc.etüden: Fledermaus, schwül, verraten

Dämmerung senkt ihre leisen Flügel über Bäume und Stein, hüllt alles ein, verwischt die Grenze zwischen heute und morgen. Einer großen Fledermaus gleich kriecht die Angst aus der Höhle, in der sie tagsüber schlief und beginnt ihren Flug durch die schwüle Nacht. Der Atem verrät die unruhigen Schläfer: Sie nutzt die Lücke, nistet sich ein, füllt sie allmählich auf, bis sie innerlich vergiftet nicht mehr zwischen dunklem Lug und heller Wirklichkeit unterscheiden. Grauen fesselt die Gedanken der Seelen, hält sie und hindert grenzenlosen Flug. Meist dauert es nicht lange, bis sie ihr eigenes Ich im Spiegelbild verkennen und nur noch mit dem Blick der Anderen urteilen.
Im gleichen Takt, in dem sich die Dunkelheit senkt, brechen in der vertraut scheinenden Welt Risse auf, zunächst fadendünn, bis im Lauf der Zeit das Licht mit Macht durch die Ritzen zwängt und zeigt: Es gibt einen Ort, an dem alles geborgen und unerreichbar bleibt für die Gespenster der Angst.
Ist Geburt Anagramm für Betrug, trägt die Liebe. Sie hält ihre sicheren Hände und fängt Fallende auf. Wird am nächsten Morgen der Schatten vom Licht vertrieben, zieht Angst machtlos von dannen.

Drei Worte in maximal zehn Sätzen: Das ist die Vorgabe für die abc.etüden bei Christiane.

 

Sonnenkollektoren, bräsig, pürieren #abc.etüden

Alle Jahre wieder gibt es überall Kirschen.

Siggi wollte den Sack voll Kirschen nicht, den ihr die Mutter in den Hausflur gestellt hatte, doch diese wischte ihren Einwand einfach weg: »Du kannst sie auch pürieren«
»Warum sollte ich?«
»Weil sie dann in der Truhe weniger Platz brauchen, darum!«
»Bei deiner Mutter kommt nichts um«, tönte die Stimme von Siggis Vater, der bräsig im Wohnzimmer saß, das Fußballspiel verfolgte und penibel darauf achtete, dass ihm nichts von dem Schlagabtausch zwischen Siggi und ihrer Mutter entging. Nach dem Abpfiff erhob er sich und kam in die Küche: »Poliert dein Mann eigentlich die Sonnenkollektoren auf dem Dach? Bei uns müsste mal wieder der Rasen gemäht werden!«
»Sag’s ihm doch selber!«, patzte Siggi, die es nicht ertrug, wenn nicht sie selbst, sondern ein anderer gefragt war. Sie raffte ihren Kram zusammen und wollte gerade theatralisch abrauschen, als sie von ihrer Mutter noch einmal aufgehalten wurde: »Nimm die Kirschen mit: Die Kinder brauchen Obst!«

Verbunden mit: „Irgendwas ist immer“ und der Schreibeinladung zu den abc.etüden.

Stilblüte, banal, jodeln #abc.etüden

Egal wie banal der Streit um manche Dinge auch war, eines war sicher: Wurde Harri lauter, flitzte Siggi und schloss sämtliche Fenster des Hauses:
»Die Nachbarn.«
»Mich interessieren die Nachbarn nicht, mich interessiert, wieso das Konto schon wieder überzogen ist!«
»Das weiß ich doch nicht«, pampte sie zurück und überlegte, ob Harri die zwei neuen Blusen im Schrank gefunden hatte. Deren Etiketten hatte sie vorsichtshalber direkt in der Mülltonne versenkt und den Müllbeutel aus der Küche noch obenauf gepackt.
Harri wedelte mit der Heizölrechnung: »Der Kühlschrank ist leer und die Rechnung muss bezahlt werden. Wenn du in den nächsten zwei Wochen nicht von trocken Brot und Finkensirup leben willst, solltest du mal deinen alten Herrn um Geld bitten.«
»Das kann ich nicht«, wehrte sie ab.
»Du kannst dich selbstverständlich auch in die Fußgängerzone stellen und jodeln«, schlug Harri vor, »Stilblüte hin oder her. Dann ist dein Jodeldiplom wenigstens zu etwas nütze.«

Verbunden mit:Christiane und den abc.etüden.

Es gilt, die drei Worte „Stilblüte, banal und jodeln“ in maximal zehn Sätzen unterzubringen.

Chinareise, krabbeln, Ahornblatt #abc.etüden

Seit Siggi wusste, dass Harri mit seinen Kollegen eine Chinareise gebucht hatte, litt sie unter Herzrasen, sobald ihr Mann nicht in Hör- oder Rufweite war. Dass er morgens zur Arbeit gehen musste, machte es für sie nicht einfacher. Verließ er das Haus, drückte sie den Kindern fünf Euro in die Hand: »Kauft euch was zum Frühstück!« und legte sich erschöpft von der durchwachten Nacht eine Stunde lang in die Badewanne.
Mittags holte sie abwechselnd Döner, Hamburger und Bratwürstchen. Waren die Kinder in ihren Zimmern verschwunden und – Computer sei dank – für die nächsten Stunden beschäftigt, jammerte sie ihrer Mutter die Ohren voll: »Ich weiß nicht, was ich machen soll«.
»Das hast du dir selbst eingebrockt«, entgegnete ihre Mutter ungerührt: »Aber du wolltest ja nicht hören«.
Siggi schluckte den Widerspruch hinunter, er hätte nichts bewirkt. Vor ihrer eigenen Tür angekommen, stampfte sie wütend mit dem Fuß auf: Harri war noch nicht zurück. Sie rutschte auf dem gelben Ahornblatt aus, das der Wind vor die Schwelle gelegt hatte und die zwei Stufen der Treppe nach unten und blieb platt wie ein Käfer auf dem Rücken liegen. Selbst der Versuch zu krabbeln misslang.

Verbunden mit: Christiane und den abc.etüden. In dieser Woche waren Chinareise, Ahornblatt und krabbeln die drei Worte, die zu einer zehn-Satz-Geschichte verwoben werden wollten.

Hyperknall, Wanderdüne, pudelwohl #abc.etüden

„Wuff“, machte der Bernhardiner, steckte seinen Kopf in den Buggy und stupste das kleine Mädchen mit der Nase an.

„Wau-wau“, juchzte das Mädchen und patschte mit den Händen auf die Hundenase. Beide fühlten sich pudelwohl, wie es schien. Die Mutter griff jedoch entschlossen zum Halsband, zerrte den Hund vom Buggy und sah sich nach Herr- oder Frauchen um.

Siggi näherte sich mit der Geschwindigkeit einer Wanderdüne und blaffte die Frau an: „Lassen Sie den Hund los“!

„Nehmen Sie Ihren verdammten Köter gefälligst an die Leine!“, fauchte die Mutter zurück. Das Kind dagegen begann zu plärren, wollte es doch den gerade gewonnenen Freund nicht verlieren: „Wau-wau!“

Siggi hakte die Leine ein und sich selbst bei ihrem Mann: „Dass sich Menschen wegen nichts so aufregen!“

„Du hast ja wohl ’nen Hyperknall“, befreite er sich aus der Umklammerung: „Du kannst froh sein, dass der Köter nur gebellt hat!“

Verbunden mit: abc.etüden von Christiane, die drei Worte waren: Hyperknall, Wanderdüne und pudelwohl.

Laterne, herbstfarbenbunt, loslassen #abc.etüden

Das Auto hinter ihr hupte laut und ungeduldig, Siggi legte ihre Stirn auf die Hände am Lenkrad und schloss die Augen. Sie sah nicht, dass die herbstfarbenbunten Blätter der Kastanien auf der nassen Frontscheibe landeten, herabrutschten und liegenblieben, sie sah auch nicht, dass die Ampel längst auf Grün umgeschaltet hatte. Rechts und links dröhnten die dicken Busse so dicht vorbei, dass sie die Luft anhielt und darauf wartete, dass einer von ihnen die Kurve zu eng nehmen und sie mit ihrem kleinen Auto mitten auf die Kreuzung schieben würde. Als niemand mehr zu hören und sehen war, ließ sie das Lenkrad los, stieg aus, ging um die Ecke, kramte ihr Handy aus der Handtasche und rief Harri an: „Du musst kommen“.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte er: „Wir müssen in einer Viertelstunde los!“

„Wohin?“ Siggi schlug die Hand vor den Mund: „Ich hab die Laterne vergessen!“

„Du fährst deswegen los und vergisst sie?“

„Das Auto…“

„Ja, sicher, immer ist jemand anders schuld.“ Auch wenn sich Harri wünschte, dass er seine Wut einfach wie ein Drache ausspucken könnte, seufzte er nur leise:  „Ich geh dann mal mit den Kindern los, damit wir wenigstens pünktlich zum Umzug kommen.“

Verbunden mit: Irgendwas ist immer.

Die drei Worte: „Laterne, herbstfarbenbunt, loslassen“ waren in zehn Sätzen unterzubringen.

Interpol, Trabantenstadt, Honigpumpe #abc.etüden

„Das kann nicht sein“, flüsterte Siggi fast tonlos. Nach dem Tod des Vaters hatte der Anwalt das Testament eröffnet und der Familie mitgeteilt, dass der Besitz unter den Brüdern verteilt worden war. Der Tochter blieb nur das alte Auto – und ein kleines Appartement in der Trabantenstadt, in guter Hörweite der Autobahn.

„Tja, Schwesterherz, die Honigpumpe wird jetzt abgestellt“, teilte der älteste Bruder grinsend mit und empfahl, ihren Krempel zusammenzupacken. „Ich schick dir nächste Woche einen kleinen Transporter, was da nicht drauf passt, kriegst du ohnehin nicht in die Butze rein.“

„Aber warum?“, Siggi war fassungslos.

„Ganz einfach, Schätzchen“, drehte sich ihr älterer Bruder noch einmal um: „Du hast jahrelang behauptet, dass du so arm wie eine Kirchenmaus bist. Da haben wir dafür gesorgt, dass es ab jetzt die Wahrheit ist.“

„Geh arbeiten“, empfahl der zweite Bruder: „Hast dich lange genug auf unsere Kosten ausgeruht. Und lass uns in Ruhe. Nach dir würde niemand suchen, auch Interpol nicht.“ 

Verbunden mit: Christiane – irgendwas ist immer.

Verbunden mit: Czoczo – black&white

Quadratscheißer, postfaktisch, ergebnisoffen #abc.etüden

Auf Regierungen geb ich nix, verkündete Siggi, kurz bevor sie sich mit ihrem Wahlzettel hinter der Wand verzog: Die interessieren sich doch alle nur dafür, wie sie uns das Geld aus der Tasche ziehen.

Was die alles versprechen, nahm sie den Faden wieder auf, als sie auf dem Rückweg die lange Reihe der Wahlplakate passierten. „Neue Deutsche? Machen wir selber!“ war auf einem davon zu lesen. Wer androht, dass wir unsere Kinder alle selber machen sollen, kann gerne zur Geburt einen Backstein querscheißen, dann weiß er, wie sich das anfühlt, Siggi war ungehalten und Heini wagte nicht, ihr zu widersprechen. Er wusste, dass er sonst im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen würde – und dort wollte er auf keinen Fall sein.

Was weiß ich denn, das ist doch alles, na, postfaktisch, so nennen die das heute, von keiner Erfahrung getrübt. Und einen Tag später haben sie ohnehin alles vergessen, ergebnisoffen, ja. Lass uns lieber noch zum Schorsch gehen, einen trinken. Wenn wir dann morgen einen Kater haben, dann wissen wir wenigstens, warum.

2017_39.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

Verbunden mit: Christiane und den abc.etüden. Die drei gewünschten Worte dieser Woche waren: ergebnisoffen, postfaktisch und Quadratscheißer.