Rites de passage – verschlossene Türen

Es gibt Türen, die sind zwar fest verschlossen, doch weil es noch einen Schlüssel zu ihnen gibt, lassen sie sich öffnen.

Morgen ist eine Beerdigung.

Diese Tür ist endgültig zu. Obwohl ich mit diesem Menschen schon lange nichts mehr zu tun habe, wir uns nur gelegentlich über den Weg liefen, fühlt es sich seltsam an, nicht nur, weil er gerade einmal zwei Jahre älter war.

Draußen ist es heute ein wenig frisch, heute morgen hat es geregnet. Damit bleibt mir das Gießen erspart. Die Innensicht ist so unterschiedlich von der Außensicht, das kannste dir gar nicht ausdenken…

Was sollen denn die Leute denken, hieß es früher. Was spielt es eigentlich für eine Rolle, wie mich die anderen sehen? Ich kann deren Sicht auf mich nicht selbst wahrnehmen, noch nicht einmal erfragen, bei den meisten Menschen jedenfalls. Schließlich spricht darüber niemand, oder doch, nur dann, wenn der Betreffende nicht dabei ist. Vor-Urteile zum verurteilen kommen dabei heraus. Es wird nur das beredet, was alles am Anderen missfällt, nicht etwa das, was jemand gut kann.

Der mystische Pfad ist die Reise der Seele von der Trennung zurück zur Vereinigung. Auf der Reise nach Hause sind wir auf der Suche nach unserer inneren Essenz, der kostbaren Perle, die in unserem Herzen verborgen liegt. Sagt Rumi. Na dann.

Rites de passage – Fassaden

Wir erhalten die alten Dinge, nennen sie Erbe, nennen sie Denkmal, denken aber nicht, warum diese Schönheit betörend wirkt, bauen Neues, glatte Fassaden, in der Hoffnung, dass an ihnen die Angst abrutscht, sie sich abwischen lässt. In ihnen wird die Wurzellosigkeit sichtbar, es fehlt das Verwurzelt-Sein, das Gegenüber, der Halt.

Ich bin dort, wo ich einst Heimat fand, für Jahre und es ist immer noch vertraut. Rechts und links neben den Straßen schmiegen sich die Hügel wie schlafende Tiere, die Räder des Autos erkennen jede altvertraute Bodenwelle, nehmen die immer noch gewohnten Kurven und im Haus am Stadtrand begrüßen mich die Katzen, als sei ich hier zu Haus.

Jetzt bin ich für zwei Wochen ihr Dosenöffner, Tablettengeber, Ohrmassierer und hoffe, dass sie bei der Wärme ein anderes Schlafplätzchen finden, nicht an meiner Seite liegen, bei 20 Grad des Nachts brauche ich noch kein Rheumafell im Rücken.

Was sonst?

Wer bestimmt eigentlich die Spielregeln, das Spiel, das, was gerade gilt und wenn ich Glück habe, weiß ich sogar, welches es ist. Die Regeln jedoch kenne ich nicht, ich taste mich vorwärts, stolpernd, irrend, das ganze Leben ist ein ständiger Versuch, ein Trial-and-Error. Woher nehmen die anderen die Sicherheit, sie wüssten, wer sie sind? Ich weiß es nicht – und kenne mich selbst nur annähernd, asymptotisch. Vielleicht ist mir daher die Mathematik lieber, die Regeln sind klar und führen zu eindeutigen Ergebnissen, meistens jedenfalls. Zu glauben, ich wüsste etwas vom Anderen, oder von mir ist ein Irrtum, und doch ist jeden Tag aufs Neue der Versuch. Interpretierend unterwegs lese ich die Zeichen, die Signifikate und Signifikanten, doch dort, wo ich glaube, ich hätte sie entziffert, ändern sie sich, wechseln die Farben, changieren. Heute gilt nicht mehr, was gestern noch sicher war und morgen ist es wieder anders.

Rites de passage – Splitter

Die Strahlen der Sonne liegen lange warm auf wimpernlosen Lidern, dringen in Glasaugen, bis sie tief im Innern Eis schmelzen, eine Kernschmelze. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wenn ich nur sein will, was andere von mir erwarten, ich optimiere mich auf Anweisung der Algorithmen. Sie bestimmen meinen Takt, meinen Tag, die Frequenz von Atem und Schlaf, gönnen mir unter dem Primat der Effizienz noch nicht einmal eine Pause zum Pinkeln.

Ich soll authentisch sein. Und lege mir eine Maske auf, eine, die sich anpasst, eng anschmiegt, so sehr mit dem Gesicht verwächst, dass sie nicht davon zu trennen ist. Das wirkliche Ich wage ich nicht zu zeigen.

Dabei war es Zeit für kleine Gesten, ein gemeinsames Lied vom Balkon, es war Zeit, hinter dem Trecker zu fahren, ganz gleich, ob jemand entgegenkommt oder nicht. Zeit, den Gesang der Vögel überhaupt wahrzunehmen.

Innen ist noch ein kleiner Kern.

Der Sonnenstrahl weckt ihn, lässt ihn wachsen – und plötzlich ist Optimierung nicht mehr so wichtig. Miteinander wertvoller als Qualität, selbst dort, wo mir der Nächste unbeholfen auf den Zeh tritt, weil er nicht mehr weiß, wie sich Tango tanzen lässt.

Ich weiß es doch auch nicht.

Es gibt einen Moment, in dem der Sonnenstrahl durch die brüchige Maske ins Auge trifft, aus grau bunt werden lässt.

Hoffen wir, dass dann noch Schmetterlinge tanzen.

Rites de passage – Dunkelheit

Auch wenn es langsam dunkler wird, bleibt noch genügend Licht für Stift und Block, für Tastatur und Bildschirm sowieso. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal allein in der Dämmerung nach Hause lief, aus dem Nachbardorf. Der Geburtstag der Freundin war vorbei, jede ging nach Hause, während die anderen jedoch in dem Dorf wohnten, musste ich ein Dorf weiter ziehen. Damals hatten die Eltern noch kein Auto, außerdem war es eher unüblich, dass Kinder abgeholt wurden, jedenfalls dann, wenn sie zu Fuß die Strecke selbst bewältigen konnten. Nachmittags war ich mit dem Schulbus gefahren, dem Verkehrsmittel, das die Verbindung zwischen den Orten hielt, doch am Abend war nichts und niemand unterwegs.

Der Weg an der Straße entlang war zwar – wenigstens innerorts – beleuchtet, doch deutlich länger. Ich entschied mich für die Abkürzung und ging am alten Bahndamm entlang, dort, wo schon lange keine Züge mehr unterwegs waren. Ich ging so schnell ich konnte, aber ich rannte nicht. Ich wollte rechtzeitig wissen, ob sich ein Unheil anpirscht, spitzte die Ohren, hörte die Mäuse unter den Büschen ebenso rascheln wie die Blätter. Auch wenn meine Fantasie viele gruselige Gestalten in den dunklen Schatten sah, ich konnte mir einreden, dass sie ja tagsüber auch nicht vorhanden, dass das, was ich jetzt in der Dunkelheit sah, nur Laub, Haselnussstecken und Grasbüschel waren.

Es hat funktioniert. Und es funktioniert bis heute.

Weil niemand für mich die Spinnen verjagt, muss ich es selbst erledigen, ganz gleich, wie sehr sie sich beschweren.

Daher habe ich heute nach Online-Meeting, Texten und einem Würstchen zum Mittag wieder ein Regal von Staub und anderen überflüssigen Dingen befreit. Es wird luftig, leicht, plötzlich ist Platz – und mir rücken die Dinge nicht mehr so auf die Pelle.

Im Licht kann der Staub leicht tanzen.

Rites de passage – jeden Tag, jede Stunde

Ich wache nachts auf, schlafe wieder ein, wache auf, wenn der Morgen graut und irgendwann warte ich nicht mehr, bis der Wecker klingelt oder ich noch einmal einschlafe, irgendwann stehe ich einfach auf, setze das Wasser auf, koche Kaffee und bin eben wach, oder das, was ich dann wach nenne. In dieser Nacht habe ich davon geträumt, dass sich die Lieblingshausziege ziemlich gut mit Gras auskennt, und im Wachen dann darüber sinniert, ob es stimmen könnte. Ich muss sie mal fragen.

Schon das erste Telefonat heute morgen war erfolgreich, der Ingenieur war noch im Büro und ich konnte mich zweieinhalb Stunden später mit ihm auf der Baustelle verabreden. In vierzehn Tagen können hier wieder Autos fahren, sagt er, das Landratsamt verlängert die verkehrsrechtliche Sperrung nicht mehr und überhaupt, so ein 1200er Drachenprofil liegt nicht einfach so rum, das dauert eben seine Zeit, bis es in dieser Coronazeit geliefert wird. Damit es auf dem Bild auch richtig nach Baustelle aussieht, ließ der Chef vom ausführenden Baubetrieb auf meinen Wunsch den großen Bagger mitten auf die Straße fahren, so standen die Verantwortlichen mit dem nötigen Abstand nicht ganz so verloren herum.

Zwischendrin habe ich die Texte über die gestrige Gemeinderatssitzung geschrieben, noch einen weiteren Text und damit mein Kopf wieder frei wird, durfte der Staubsauger brummen. Am Nachmittag hatte ich noch im Städtchen eine Verabredung, auch wenn ich ein wenig zu früh war, brauchte ich nicht zu warten.

Und weil ich schon mal im Städtchen war, war ich hier und dort, Kleinigkeiten besorgen, kleine Haken für die Gardine, damit ich die beiden fehlenden endlich ersetzen kann. Bis ich nach Kassel unterwegs bin, will ich hier noch einiges erledigen, was in den letzten Wochen und Monaten irgendwie liegenblieb. Ich habe mir kleine Lackierrollen angeguckt, da kam gleich ein Mitarbeiter, fragte, was ich damit wolle, zeigte mir andere, mit denen das besser ginge und meinte, wenn es nicht klappt, soll ich mich bitte über den Kollegen beschweren. Lob würde er jedoch gerne entgegennehmen.

Ein Grabmal als Vogeltränke, in der Künstlernekropole im Habichtswald.

Jetzt werde ich noch den Staub aus einer weiteren Ecke jagen und mit einer Freundin gemeinsam schreiben, später, das geht selbst dann gut, wenn jede von uns an ihrem eigenen Schreibtisch sitzt.

 

 

Rites de passage – tagtägliches

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt – irgendwie will ich, und doch wieder nicht. Ich schreibe, fange nebenher tausend andere Dinge an, räume den Schreibtisch vom Fenster, putze die Scheiben für den besseren Durchblick. Es riecht nach Staub, lange abgelagertem altem Staub. Er kriecht in die Nase, reizt zum Niesen, flockt und erinnert daran, dass noch eine Menge zu tun ist.

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Wird innen lange nicht geputzt, sammelt sich auch hier Staub an, legt sich auf die blanken Seiten, lässt sie trüb werden, ganz langsam und allmählich. Da hilft es, gelegentlich einen Ausputz zu veranstalten, das Wollen vom Müssen zu sortieren, schauen, warum ich Dinge mache. Wie wichtig ist mir der Blick von außen, wie wichtig ist es mir, wie mich andere wahrnehmen? Kommt drauf an, würde ich sagen. Kommt einfach drauf an, wer es ist.

Wie gut geht es mir in dem, was ich meine Räume nenne, innen wie außen, wie wohl fühle ich mich in meiner Haut, dann wenn mich niemand sieht – und wie wichtig ist es mir, dass sich andere wohlfühlen?

Es gibt für alles eine Zeit: Erst wollte ich Dinge haben, sie ansammeln, meinte, sie zu brauchen, weil nur mit ihnen das Leben glücklich gelingen kann. Später sah ich, dass ich in den meisten Fällen getäuscht wurde, mich aber gerne habe täuschen lassen. Es ist eine Illusion – und manche beherrschen das Spiel einfach besser.

So lasse ich die Kerze brennen, obwohl es hell ist. Sie verbreitet ihre Wärme selbst im Sommer, sie macht, dass andere kommen, sich wärmen und wohlfühlen können, ganz gleich, wie es um den Rest draußen bestellt ist.

Nein, nicht ganz. So etwas Ordnung und Sauberkeit hätte ich schon gerne.

Mit einem Wusch die alten Ablagerungen wegblasen. Schön, wenn es so ginge.

Gelegentlich. Staubwischen, die Ablagerungen entfernen, bis alles glänzt. Jetzt ist es an der Zeit.

Rites de passage – von Katzen und Mäusen

Hui. Wieder ein Regal aus- und wieder eingeräumt, jetzt ohne Staub und mit etwas weniger Büchern. Erstaunlich, was noch alles so da ist. Ich hätte ja am liebsten gleich in einigen geblättert, aber das nutzt ja nichts, so werde ich nicht fertig. Den Salinger habe ich zurück ins Regal geräumt, ich trau mich irgendwie nicht, dort nochmal reinzugucken. Vielleicht finde ich Holden Caulfield dann nicht mehr so cool wie einst, wer weiß?

Fast jeden Tag kommt die Katz mit einer Maus, legt sie vor der Tür ab oder bringt sie mit ins Haus. Doch, sie kriegt genug Futter.

Mäuse sollten sich daher zu Recht vor den Katzen fürchten. Diese Angst ist ihnen sogar angeboren, sie brauchen sie gar nicht zu lernen. Sobald sie die Katze riechen, haben sie Angst, sogar dann, wenn sie – wie im Labor – noch nie Kontakt zu Katzen hatten.

Infiziert sich die Maus jedoch mit Toxoplasma gondii, einem findigen Einzeller, schaltet dieser im Mäusehirn die Angst vor Katzen aus. Dann lassen sich die Mäuse quasi widerstandslos von der Katze fangen und fressen – genau wie der Einzeller das geplant hat. Dieser kann sich erst dann weiter entwickeln, wenn die Maus von der Katze gefressen wurde. In den Darmzellen der Miez richtet er sich kuschelig ein und pflanzt sich dort fort.

So weit so gut. Oder vielmehr: so schlecht für die Maus, wenn Toxoplasma gondii die Hirnsteuerung übernimmt.

Mit dem Einzeller können allerdings sich auch Menschen infizieren (Link). Schwangeren wird beispielsweise empfohlen, weder rohes Fleisch zu essen, noch Katzen zu streicheln, jedenfalls dann, wenn sie Freigänger sind und damit Mäuse fangen. Alles nur, weil die Toxoplasmose, wie die Infektion mit Toxoplasma gondii heißt, das Ungeborene schädigen kann. Ist ein Mensch hingegen nicht schwanger, merkt er im Prinzip überhaupt nichts von der Infektion, denn diese geht meistens ohne Symptome und Beschwerden vorüber.

Doch der Erreger erregt auch bei den Menschen etwas, vielmehr: er schaltet und waltet in deren Gehirn. Mit Toxoplasma infizierte Menschen ändern ihr Verhalten: Zwar lassen sich die Menschen gewöhnlich nicht von Katzen fressen, doch sie werden risikofreudiger und langsamer. Gäbe es noch Säbelzahntiger, würde sie sich freuen.

Zwar pflanzt sich Toxoplasma gondii im Menschen nicht fort, trotzdem wäre ich lieber allein bei mir im Häuschen. Oder ich entschuldige mich das nächste Mal einfach damit, dass ich das nicht war. Sondern Toxoplasma gondii.

 

 

 

 

 

 

 

Und noch ein passendes Lied für den Tag gefunden:

Rites de passage – für mich sorgen

Die Tage, in denen ich nicht für andere sorge, für sie koche und darauf achte, dass genügend Gemüse im Haus ist, sind selten, waren es jedenfalls in den vergangenen Jahen. Jetzt muss ich nur für mich sorgen, entscheiden: Lohnt sich das überhaupt? Immerhin bin ich ohne Aufsicht, ohne Kontrolle, kann gewissermaßen machen, was ich möchte und wenn ich den Löffel im Glas mit Nutella stehen lasse, gibt es keinen, der mir das streitig macht.

Weil ich Reste nicht einfach wegwerfen mag, wenigstens dann nicht, solange sie noch gut sind, schnippele ich Zwiebel, den halben Spitzkohl, einen einsamen grünen Paprika und eine Möhre, schmore alles in der Pfanne, koche kleine Kartöffelchen dazu und weil es draußen so heiß ist, lasse ich das Essen kalt werden.

Die Lieblingshausziege kommt kurz vorbei, wir falten Stoff, sie misst an mir, welche Größe wohl passt. Ich bin schon ganz vorfreudig, die Katze ebenso und nutzt den Stoff gleich als Liegewiese. Lange genug lag er jetzt im Schrank, morgen wird zugeschnitten und gesteckt und genäht.

Abends wäre Zeit genug fürs Essen, doch da ploppt eine Erinnerung auf, ich gucke zur Uhr, es ist schon spät, ich ziehe mich um, fahre in die nahe gelegene Stadt, das E-Werk spielt Diary Slam. Mit mir sitzen S. und C. und noch jemand am Tisch, es duftet nach Knoblauch und es gibt Pommes, und was soll ich sagen, soll doch das Gemüse warten, morgen ist auch noch ein Tag.

Alles für die Katz #104


Sie ist selbstständig, macht, was ihr gefällt und ist doch manchmal so anhänglich, dass ich manchmal meinen könnte, ich hätte einen Hund in Katzengestalt.

 

 

 

 

 

 

 

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.