Tagebuchbloggen am 5. April

Ich brauche keinen Wecker, längst nicht mehr – und bin doch jeden Morgen spätestens um sieben wach, sogar dann, wenn die Katze aushäusig unterwegs ist und nicht am frühen Morgen Futter fordert. Ich mache mir Kaffee und Gedanken, lese Zeitung und Kaffeesatz, weil ich aber nirgendwo den nächsten Tag finde, bleibe ich im Heute und setze mir noch einen Tee auf.

Gestern habe ich „Kopf frei für den kreativen Flow“ aus dem Regal gekramt, heute entstaube ich den Farbkasten, suche das vor langer Zeit angefangene Blatt und mische die Farben neu. Die Lieblingshausziege freut es, sie will den weißen Rahmen um die Buchstaben noch geschwärzt, dann leuchten sie besser, findet sie.

Bunte Buchstaben.

Ich lese, male, stricke und gucke so lange Löcher in den Tag, bis von der nächsten Woche schon ein Zipfel zu sehen ist. Weil das nicht alles sein kann, schäle ich den Ingwer, schneide ihn in dünne Scheiben und gieße heißes Wasser drauf.

Draußen scheint es wie eine Reminiszenz an längst vergangene Zeiten: Eltern sind mit ihren Kindern rund um den Ort unterwegs, zu Fuß, mit dem Rad, sie sitzen auf der Bank und haben ihre Vesper dabei. Wir ziehen ebenfalls umher, schätzen die leise Schönheit der näheren Umgebung von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Erst in der Fremde erfährt man, was Heimat heißt – und in der durch Distanz aufgezwungenen Isolation, wie wichtig Gemeinschaft ist.

Das Gras wächst.

Letztendlich ist es die Wahrnehmung, die aus jedem Blickwinkel eine andere ist. Das Gras wächst himmelhoch, die kleinen Blattpfötchen grüßen und gelegentlich prescht ein Reh durchs Unterholz, dem wir zu nah gekommen. Unserer eigenen Wirklichkeit können wir uns nur erzählend oder schreibend annähern. Die Tagträume schweben, sie waren immer schon geduldig, dreht sich die Welt jedoch zu schnell, verlieren sie den Anschluss, wehen wie Nebelflusen hinter eilig hastenden Gestalten.


Vom Essen gibt es heute nichts zu lesen, seit einer Woche wird gefastet. Die Zeit ist gut, so viel zu lassen, wenn es ohnehin nur wenig gibt.

Was brauche ich? Was ist wichtig?

Ich möchte bis zu den Knien im Leben stehen, alles um mich herum wahrnehmen, mit offenen Augen Verbindungen schaffen.

Vielleicht gelingt es. Und wenn es nur für einen Moment lang ist.

Die anderen Tagebucheinträge gibt es wie immer bei Frau Brüllen, bitte sehr, was machst du eigentlich den ganzen Tag, sie fragt das jeden Monatsfünften, zuverlässig auch in unzuverlässigen Zeiten.

Wellen und Wind trotzen #Rostparade

Wir fuhren auf der Küstenstraße am Mittelmeer entlang. Der zweitausend Jahre alte Aquädukt nahe Caesarea hält dicht neben dem Strand Wind und Wellen stand. Direkt am Meer stehen rostige Reste auf dicken Fundamenten, trotzen ebenso Wind und Wellen wie der Aquädukt und werden sicherlich weit vor Ablauf der nächsten zweitausend Jahre zerbröselt, zerrieben und völlig verschwunden sein. Was es einmal war? Das weiß ich nicht.

Rostige Überreste am Strand.

Verbunden mit: Der Rostparade bei Cubus Regio.

Stäubchen aufwirbeln

Irgendwie will ich – und doch wieder nicht. Ich fange lieber tausend Dinge an, statt mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich räume den Schreibtisch frei, finde Sachen, die ich nicht gesucht habe, wische den Staub weg, pussel die Krümel aus den Zwischenräumen der Tastatur und würde am liebsten alles ausräumen, freiräumen, neue Tapeten an die Wand, weil, ja, die alten hängen schon so lange dort und wenn ich schon nichts richtig Neues machen kann, ist ein Tapetenwechsel nicht verkehrt.

Es riecht nach Staub, lange abgelagertem altem Staub, er kriecht in die Nase, reizt sie zum Niesen, flockt und erinnert mich, dass ich eigentlich etwas anderes machen wollte.

Bleiben manche Ecken im Haus länger unberührt, sammelt sich hier Staub, legt sich auf die blanken Stellen, lässt sie trüb werden, ganz langsam und allmählich, da hilft es gelegentlich, einen Ausputz zu machen, das Wollen vom Müssen zu sortieren, schauen, warum ich Dinge mache: Wie wichtig ist mir der Blick von außen, der Blick von anderen. Wie wichtig ist es mir, wie sie mich wahrnehmen? Und wie gut geht es mir in dem, was ich meine Räume nenne, ob sie nun um mich herum oder in mir drinnen sind? Sieht mich niemand, fühle ich mich darin wohl. Ist es mir wichtig, dass sich darin auch andere wohlfühlen können?

Forsythienblüte.

Für alles gibt es eine Zeit: Erst wollte ich Dinge haben, sie besitzen, meinte, sie zu brauchen, weil nur mit ihnen das Leben glücklich gelingt. Später erst sah ich, dass ich in den meisten Fällen getäuscht wurde, mich aber gerne habe täuschen lassen, ich gebe es zu. Es ist eine Illusion – und manche beherrschen das Spiel einfach besser.

Deswegen lasse ich beim Schreiben die Kerze brennen, genau wie das Feuer im Ofen. Die Wärme zieht durchs Haus, vertreibt Kälte und verteilt Licht in dunklen Ecken, sie macht, dass andere kommen, sich wärmen, gleich wie kalt der Rest drumherum ist.

Nein, nicht ganz. So etwas wie Ordnung und Sauberkeit hätte ich schon gerne.

Gelegentlich.

Erika Mann: Eine Ausstellung in der Münchener Monacensia

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod erinnert die Monacensia im Münchner Hildebrandhaus an Erika Mann, Tochter von Katia und Thomas Mann und ihren konsequenten Einsatz für Demokratie und Freiheit.

Nicht nur Kleider, auch Namen machen Leute: Aus irgendwelchen Gründen ist der Name Erika für mich mit kleinen Blümchen verknüpft, mit den Heideblümchen, die im Herbst manchmal in wilden Farben im Gartencenter stehen. Außerdem gab es einst eine Schreibmaschine mit diesem Namen. Wählten Katia und Thomas Mann den Namen für ihre Erstgeborene nach dem Klang oder nach der Bedeutung? Dann hieße sie die „Alleinherrschende“.

Sylvia Schütz erzählt über Erika Mann

„Es ist ein Mädchen“, notierte ihr Vater. Als Vatertochter muss sie nie mit ihm konkurrieren, ganz im Gegensatz zum ein Jahr später geborenen Bruder Klaus. Doch vielleicht hätte Kassandra besser zu ihr gepasst, warnte sie doch im amerikanischen Exil, reiste mit der Eisenbahn quer durch Amerika, erzählte von dem, was in Deutschland unter den Nationalsozialisten geschah, über die Gefahr des Faschismus und dessen Einfluss mittels Erziehung auf die Jugend.

An Schule nur wenig interessiert, gründete Erika lieber eine Bande mit Freunden aus der Nachbarschaft, äfft die Lehrer nach und schließt das Luisengymnasium in München mit einem schlechten Abschlusszeugnis ab. Während in München nationale und völkische Extremisten die Politik beherrschen, geht Erika Mann nach Berlin, zur Schauspielschule von Max Reinhardt, lässt sich einen Bubikopf schneiden, raucht Zigaretten, erobert sich das Berufsleben, wird an Bühnen engagiert und reist mit ihrem Bruder Klaus neun Monate lang um die Welt. Weil sie wissen will, wie ein Auto funktioniert, lernt sie Automechaniker – und was sie erlebt, wird schreibend verwertet.

Dr. Tanja Praske leiht den geschriebenen Worten Erika Manns ihre Stimme.

Europa erlebt Erika Mann noch als ein großes Gebiet, eines, durch das man fahren kann und bis heute werden ihre Erlebnisse im Baedeker zitiert. Dass es ein Fehler war, die Politik den anderen zu überlassen, erlebte sie, bevor die Nazis offiziell 1933 an die Macht kamen: Ins Münchner Hotel zur öffentlichen Frauenversammlung eingeladen, sollte sie ein kurzes Gedenken für den Frieden halten. Währenddessen gab es einen „Störungsversuch seitens der Nazibuben“, wie Klaus Mann das Ganze beschrieb, es folgte ein Presseskandal, Verleumdungen, Drohungen, all das, was man heute als „Shitstorm“ bezeichnen würde.

Für Erika war es ein Moment, in dem sie klar erkannte, dass politisches Handeln gegen die Nazis notwendig war und noch im Januar 1933 das politische Kabarett „Pfeffermühle“ gründete, Texte schrieb und alles rund um die Aufführungen organisierte. Bis Ende Februar waren die Vorstellungen ausverkauft – und die völkische Presse tobte.

Co-Kuratorin Sylvia Schütz am Rednerpult, wie einst Erika Mann.

Sie wechselt in die Schweiz, spielt dort weiter, emigriert nach Amerika, doch hier gelingt kein Kabarett, hier wird sie politische Rednerin, reist mit dem Zug quer durch das riesige Land und spricht über „Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“, ein Buch, das sie selbst schrieb und dessen deutsche Übersetzung erst 1986 erschien.

Erika Mann wird Kriegsberichtserstatterin, darf als einzige Frau die Hauptkriegsverbrecher besuchen, berichtet von den Nürnberger Prozessen und reist quer durch das zerstörte Land und beschreibt die verstört-jammernde Stimmung.

Als es zum Kalten Krieg kommt, kehren Katia, Thomas und Erika Mann nach Europa zurück, in die Schweiz. Jetzt wird sie zum Mauerblümchen, zur Kassandra: So viel sie versucht, sich einzumischen, so wenig findet sie Gehör. Sie wachte über den Nachlass von Bruder und Vater, als „bleicher Nachlassschatten“, wie sie an einen Freund schrieb, bis sie 1969 mit gerade einmal 64 Jahren starb.

Auch wenn die Ausstellung räumlich mit dem Äquivalent einer Dreiraumwohnung auskommen muss, stellt sie das gesamte Leben Erika Manns dar, gemeinsam mit den Zeitläufen, denen sie ausgesetzt war, denen sie sich stellen musste und wollte. Zitate belegen, wie aktuell ihre Sichtweise bis heute ist – und wie erschreckend wenig davon in der Erinnerung blieb.

Der Nachlass der Manns wird in der Monacensia aufbewahrt.

Der Weg nach München lohnt sich auf jeden Fall. Bis zum 30. Juni ist die Ausstellung noch in der Monacensia im Hildebrandhaus zu sehen, anschließend soll sie auf Wanderschaft gehen. Das verriet Sylvia Schütz, die als Ko-Kuratorin mit viel Witz und Freude durch die Räume führte und die fast vergessene Kabarettistin, Kriegsreporterin und politische Rednerin in Anekdoten wieder lebendig werden ließ.

Was ist das Maß?

Viele reden von Nachhaltigkeit. Andere rechnen aus, an welchem Tag wir Menschen der Erde mehr entreißen, als sie jährlich liefern kann – und beschränkt sich dabei auf die biologische Kapazität.

Doch was ist das Maß? Wie groß ist mein Maß?

Was steht mir zu, wie viel darf ich brauchen, verbrauchen, und wann ist es genug, wann ist es zu viel? Ist ein Paar Schuhe im Jahr angemessen? Ist es zu viel? Muss ich sie drei Jahre tragen? Was ist, wenn sich die Sohle des einen Schuhs bereits nach drei Tagen löst?

Wie viel Kleidung steht mir zu? Soll nur das verteilt werden, was vorhanden ist und regeneriert werden kann, muss es in irgendeiner Weise reglementiert und zugeteilt werden: Ich bekomme dann Spritz für eine bestimmte Menge an Emissionen, fahre ich ein Auto, das nur wenig braucht, komme ich weiter als mit einem Spritfresser, einer Schrankwand auf Rädern.

Das gleiche gilt für Strom, der für drei helle Zimmer, einen Kuchen am Sonntag und wahlweise drei Stunden am Laptop reicht. Brauche ich mehr, muss ich mittels Photovoltaik selbst Strom erzeugen, kostenneutral, emissionsfrei, aber ich kann auch den Verbrauch reduzieren und nur das Zimmer beleuchten, in dem ich sitze.

Ist das Haus zu groß oder ungedämmt, reicht die Heizenergie nur für ein Zimmer aus oder so viele Quadratmeter, wie mir eben zustehen. Das erinnert mich an meine Oma: Während es in der Küche immer mollig warm war, wurde der Ofen im Wohnzimmer nur dann geschürt, wenn Gäste kamen.

So ließe sich alles berechnen, was ein Mensch so braucht.

Auch die tägliche Kalorienanzahl ist bekannt, immerhin könnte ich wählen, ob ich lieber dreimal Salat oder ein Nutellabrötchen hätte.

Dann ließe sich das mehr-haben-wollen nicht mehr durch mehr Geld erreichen. Ich bräuchte nur noch so viel zu arbeiten, bis ich mir das kaufen kann, was mir zusteht. Vielleicht muss ich dann beim Kauf von neuen Schuhen die getragenen Schuhe vorweisen, zeigen, dass sie nicht mehr reparabel sind oder ich gebe sie ab, damit sie weiter getragen werden, nur nicht mehr von mir.

Es lässt sich sicher auch berechnen, wie viel Klopapier, Duschgel und Zahnpasta ein Mensch braucht, selbst dann, wenn er es großzügig verwendet. Die Daten sind in den Kassensystemen der Supermärkte und im Internet längst vorhanden. Geht etwas zur Neige, wird automatisch nachgeliefert.

Algorithmengesteuerte Planwirtschaft. Bargeld ist bis dahin ohnehin überflüssig.

Bleibt nur: Was mache ich mit der freien Zeit? Der Zeit, in der ich bisher arbeiten muss, um das zu finanzieren, was mir jetzt nicht mehr zusteht?

Ein Nachmittag in Wiesbaden

Der Kopfbahnhof in Wiesbaden liegt nahe an der Innenstadt, an der Bahnhofsstraße sind Friseure, Zahnärzte, Anwälte, Notarkanzleien, in den Wasserresten der Grünanlage baden Tauben. Vor dem Gebäude, in dem jetzt die Deutsche Bank residiert, sind zwei Stolpersteine ins Pflaster eingelassen.

Auf dem Marktplatz stehen noch die Händler, sie räumen erst ab, als ich später das zweite Mal vorbeikomme, die große Marktkirche ist offen, wird wie ein Wartesaal zum Aufwärmen genutzt. Vorne stehen lebensgroße Statuen aus weißem Marmor, rechts Matthäus und Lukas, links Markus und Johannes, in der Mitte der segnende Christus. Ich sitze eine Weile, suche Besinnlichkeit, die Familie auf den Bänken der anderen Seite des Mittelgangs kramt in den Rucksäcken, verteilt Ess- und Trinkbares, die Kinder rennen hintereinander her.

 

Andere Menschen erklären etwas, da sie russisch sprechen, verstehe ich nicht alles. Ein Plakat verweist auf Besinnlichkeit in der Krypta, ich gehe hinaus, als ich es finde, steht dort ein Müllcontainer frierend neben der Tür. Die großen Betonwürfel vom Weihnachtsmarkt warten zusammengeräumt, die Staatskanzlei ist mit Planen verhängt.

 

 

 

Am heißen Brunnen taucht ein Mann seine Hand ins Wasser, weil ich neugierig bin, mache ich es nach. Es ist händewaschwarm.

 

 

 

 

 

 

Gegenüber ein prächtiges Hotel, auf den Balkonen lauter Zeugs und neben dem Portal ein Klingelpanel mit vielen Namen.

Vor dem Opernhaus ein hochnäsiger Schiller, auf den warmen Weihern recken Enten ihre Schwänzchen in die Höh. Ein Fotograf läuft auf der Wiese herum, versucht, die Vögel zu erwischen, aber sie mögen nicht, krächzen, zetern, fliegen auf und weg.

 

 

Ich gehe weiter, bergauf, eine Straße führt mitten durch die Gedenkstätte für die alte Synagoge, die einen Teil der Grundmauern nachzeichnet. Zurück in die Innenstadt. Beim „Zweitbuch“ gestöbert und ein Buch über Mode gefunden, beim Afghanen ein Plätzchen zwischen anderen, immerhin hab ich jetzt Hunger und weil ich die Ohren nicht verschließen kann, höre ich mir an, was sich Menschen erzählen, was sie nicht vertragen, über Probleme zwischen Projekten und Wohnungssuche.

 

Auf dem Weg zum Museum eine Gruppe mit Anonymus-Masken, zwei tragen Bildschirme, halten sie, konfrontieren Passanten mit Bildern von Tierleid. Ein Mann im grünen Parka stürmt auf sie zu, fragt, was ist mit den Menschen, den humans, er ist Barde, er ist für die Menschen, sie sind ihm wichtig.

Es ist Zeit, ich gehe zum Museum, setze mich mit Kaffee in die Bücherei. Drei Männer am Tisch nebenan diskutieren, nein, einer referiert „die Deutschen sind es gewohnt, zu gehorchen“ und zwei hören und stimmen durch Nicken zu.

Tagebuchbloggen am 5. Februar

Es ist wieder der 5. des Monats und weil die freundliche Blognachbarin immer so nett daran erinnert, will ich auch wieder brav tagebuchbloggen; bei ihr treffen sich ganz viele zum WMDEDGT.

Wache ich morgens auf, ist es noch dunkel. Der Kaffee schmeckt trotzdem, die Zeitung raschelt, ab und an miaut die Katz, die nur dann Nähe sucht, wenn sie was zu fressen möchte. Anschließend schreibe ich übers Schreiben, über Handschriften, Schulausgangs- und eingangsschriften, Tablets, die sich mit Stift fast wie Papier beschreiben lassen, staune über Tintenrezepte, Füller und was man da so alles braucht. Seit deutlich weniger mit der Hand geschrieben wird, nimmt die Auswahl hochpreisiger Stifte und Schreibblöcke zu, scheint mir. Vielleicht scheint es auch nur mir so, dabei schreibe ich immer noch viel und gerne mit der Hand, beispielsweise auf die einseitig bedruckte Tagesordung der letzten Gemeinderatssitzung.

Mittags dreht der Mitbewohner in der Küche Lammfleisch durch den Wolf, zeigt der Katze, wo der Balkon ist und weil ich ahne, dass einschließlich der Fotos alles etwas länger dauert, belege ich zwei Käsebrote und setze mich vor den Ofen und sinniere ein wenig vor mich hin. Gestern hatte meine Mutter Geburtstag, unsere Mutter, die Frau, die mich geboren hat und die ich doch so wenig kenne, obwohl ich sie einst ganz zu kennen glaubte. Wie viel von dem, was uns als Kindern gesagt wird, nehmen wir tatsächlich auf?

Mädchen werden bis heute eher verbessert, kritisiert, zurechtgerückt, zurückgepfiffen, nichts ist oder scheint gut an dem, was und wie sie es machen. Sie kriechen von Tadel zu Niederlage, richten sich immer wieder von Neuem auf. Sie stellen sich immer schon selbst in Frage, schauen um sich, bevor sie etwas machen, schauen auf den, der sie dafür loben oder tadeln wird, leben auf, vom und durch den Blick des Anderen. Kommt von der Mutter oder vom Vater kein Lob, sondern nur ein: Wird aus dir nie etwas?, wissen sie schon längst, dass Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und ein starker Wille gerade bei Mädchen und später bei Frauen selten gefragt ist. Statt dessen: Hübsch sein, lieb sein. Liebe ist, wenn du lieb bist, hat mir die Mutter auf meine Frage danach geantwortet,

Bei Jungs dagegen ist alles ok, alles wunderbar, sie ziehen von Triumph zu Sieg, gleich, was sie anstellen, gleich, wie sie aussehen.

Nach einer Weile setze ich mich wieder an die Arbeit, schreibe, gucke der Sonne hinterher, registriere am Rande das, was gerade in Thüringen läuft und ziehe mir eine Jacke über. Raus jetzt. Einfach nur ein Stück raus, laufen, am Kanal entlang, hier ist es relativ ruhig. Gelegentlich ein Radfahrer, gelegentlich ein Hund mit Herrchen. Frische Luft ist immer gut, sie hilft beim Nachdenken. Anschließend essen wir das, was der Mitbewohner heute nach einem Rezept aus Kenia zubereitet hat. Der Geschmack ist aus Afrika, das schon, was aber fehlt, ist der ganz eigene Geruch, die Wärme und die Luftfeuchtigkeit, all das, was ich sofort in der Nase habe, selbst wenn ich nur Bilder von dort sehe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt ist es draußen dunkel, und innen hell, dank Strom und Lampen und überhaupt. Als ich vor über 40 Jahren die Eltern in Westafrika besucht habe, war das keinesfalls selbstverständlich. Der Strom fiel dort regelmäßig aus, war gesperrt, was auch immer. Ich weiß noch, dass wir im Kino waren, der Vater den Film simultan aus dem Französischen übersetzt hat, plötzlich war Strom und Licht und Film einfach weg. Wir haben noch eine Weile gewartet, und sind dann vermutlich zurückgefahren, nicht gegangen, wir waren dort nur wenig zu Fuß unterwegs.

Hier kommt der Strom zuverlässig und selbstverständlich aus der Steckdose, der Computer läuft und ich setze mich für den Rest des Abends mit einem Buch aufs Sofa. #Olgalesen.

Mitleid im Spiegel #Rostparade

Kennt nur derjenige den Wert der Freiheit, der selbst an Grenzen stieß, für den es Zeiten ohne grenzenloses Reisen gab? Zeiten, in denen Menschen auf das achten mussten, was sie sagten, was sie zu wem sagten, immer im Bewusstsein, dass jede Aussage auch in ihr Gegenteil verdreht werden konnte, ganz egal, wie klar und eindeutig sie sprachen.

Heutzutage glauben wir, dass wir nicht mehr darauf achten müssen, was wir sagen, die Gedanken sind sowieso frei, sogar dann, wenn sie einigen missfallen, doch die Sicherheit, dass Worte flüchtig und nur dann als Beweismittel zugelassen sind, wenn sie festgehalten, ist längst dahin. Jede Bewegung, jede Regung, jedes Wort wird aufgezeichnet, gespeichert, für jetzt und in alle Ewigkeit. Das „du hast es mir doch versprochen“ als beliebtes Druckmittel nicht nur der Kinder, die mit Hilfe von Erpressung aus einer ausgesprochenen Möglichkeit konkrete Realität werden lassen wollen. Im Spiel der Konjunktive ist der Irrealis nicht weit, selbst wenn ich wünschte, ein Vogel zu sein, ich werde keiner, ganz egal, was ich mache.

Nein, und auch die Gedanken sind nicht frei, ganz im Gegenteil, sie hängen an alten Gewissheiten, die ihre Gültigkeit längst verloren haben. Ja, irgendwann war vielleicht jeder Satz einmal wahr, versprach Sicherheit und garantierte Nestwärme.

Jetzt gilt es, Unterschiede als Geschenk zu sehen – und nicht als etwas, das es zu nivellieren gilt, im Vergleich mit den anderen.

Was sehe ich, wenn ich in den mir vorgehaltenen Spiegel schaue? Sehe ich wirklich mich oder sehe ich das, was andere in mir sehen wollen?

Das Bild ist eine Skulptur, eine Station auf dem Weg der Hoffnung, zu finden am ehemaligen Point Alpha, geschaffen von Ulrich Barnickel, heute ein Teil der Rostparade bei Cubus Regio.

 

 

Tagebuchbloggen am 5. Januar

Warum es heute morgen bereits zehn Uhr war, als ich endlich munter wurde, weiß ich nicht. Vielleicht lag es an der gestrigen Feier, vielleicht am getrunkenen Schwarztee, vielleicht auch an dem Buch, das ich einen Tag zuvor aus der Grabbelkiste der Buchhandlung befreit und adoptiert habe: „Der Rummelplatz“ von Werner Bräunig.

Schon der erste Satz ist einer, der in die Geschichte hineinzieht und das nicht nur, weil er sich einen ganzen Absatz lang ausbreitet:

Nach Kaffee und Müsli waren auch die Katzen gefüttert und weil die Sonne noch vor dem Mittag lockte, fuhren wir in den Aischgrund, dorthin, wo bereits die Ortsnamen wie Biengarten und Moorhof davon künden, dass hier kein Bär steppt, sondern Weiher die Entfernung zum Himmel etwas schrumpfen lassen.

Winters ist es hier ruhig, nur gelegentlich waren ein oder zwei andere Spaziergänger unterwegs zu sehen. Die Schwäne zogen ruhig und weiter entfernt ihre Kreise, die Enten schnatterten viel leiser als sonst, vielleicht hatten sie sich jetzt auch nichts mehr zu sagen. Die ewig kreischenden Möwen waren verschwunden und die Frösche hielten irgendwo im Schlamm ihren Winterschlaf, nahmen ein kaltes Moorbad sozusagen.

Das war wieder einmal so ein Moment inniger Ruhe, es gab nichts zu beschwätzen, nichts zu sagen, was nicht heißt, dass wir uns nichts zu sagen hätten, sondern manchmal ist es genau so gut, so ein quasi wortloses Miteinander zu haben und zu wissen, dass es richtig ist. Weil jetzt Winter ist, konnten wir auch die Wege gehen, die ab dem Frühjahr wieder gesperrt sind. Dann wollen die Vögel im dichten Schilf brüten und keine neugierigen Nasen in den Nestern haben.

Das oben erwähnte Buch beschäftigt mich, auch wenn ich noch nicht viel davon gelesen habe, Bräunig erzählt von einer längst vergangenen Zeit, einer Zeit, in der im Erzgebirge Uran für die sowjetische Atomindustrie gefördert wurde. Der Roman durfte damals, 1965, nicht veröffentlicht werden und erschien erst 2007, mehr als 30 Jahre nach dem frühen Tod des Autors.


Nach dem Spaziergang wärmen wir einen Rest vom Linsencurry auf, ich fummel noch ein bisschen auf Twitter und Instagram herum. Dann fällt mir glücklicherweise sehr rechtzeitig ein, dass ich für morgen Kuchen backen und mitbringen wollte, ich fange an und die Katze will selbstverständlich assistieren. Weil aber Schokokuchen nichts für Katzenzungen ist, schiebe ich sie aus der Küche und rühre allein in der Schüssel herum.
Während der erste Kuchen in der Schublade abkühlt – rumstehen lassen geht nicht, sonst knabbert die Katze – backe ich den zweiten, der bestimmt auch gleich fertig ist. Dann kriegt der erste Kuchen noch eine Schokoglasur, der zweite eine Staubzuckerschicht und für heute ist Ende, aus, Schluss, vorbei.
Was alle anderen in Bloggerhausen so am 5. gemacht haben, lässt sich bei Frau Brüllen nachlesen: Was machst du eigentlich den ganzen Tag, fragt sie jeden Monat aufs Neue.

Eine Bettgeschichte im Lyrimo

Lass mich doch in Ruhe schlafen, was gehen mich schließlich die Mäuse an???

Mit Sack und Pack zieht Familie Maus
im letzten Winter ins warme Haus,
draußen klimpert leise der Wind
auf den Eiszapfen ein Lied. Geschwind
graben sich die Mäuse zwischen Lehm
und Balken ein Loch, wo sie bequem.
Ließen gesammelte Schätze unten im Garten
Die würden – tiefgekühlt – bis zum Frühjahr warten.
Plötzlich war der Käse verschwunden,
auch die Pralinen wenige Stunden
später fort. Trotz zweier Kater
Die schliefen, sie ging das Theater
überhaupt nichts an. Meinten sie, bis
in kalter Nacht die Maus vergisst
ihre Angst vor Katzen und mir.
Sucht Wärme und das kleine Tier
kriecht unter die Decke, kuschelt, strampelt
mit ihren Füßen, sucht mit Gehampel
ein sicheres Plätzchen, nur mir ist’s
zu eng mit Maus. Sie merkt es
und huscht wieder weg. Am Morgen
danach such ich ihr Loch. Voll Sorgen
doch hinter dem Bett
sind Wollmäuse nur. Ich saug sie weg,
leg die Kündigung hin: Drei Tage
bleibt Zeit, auszuziehen. Sonst klage
ich nicht, sondern hole die Fallen
aus dem Speicher. Und stell sie vor allem
gefüllt mit Nutella und Käse
und hoffe, dass keine Askese
die Mäuse betreiben.
(Sonst würden sie bleiben).