Tagebuchbloggen am 5. Mai

Da die Katz so gemütlich auf der Bettdecke lag, blieb ich noch ein paar Minuten liegen, ich meine, ich komme ohnehin früh genug zu spät und da ich momentan nur wenig verpassen kann, ist es völlig egal, ob ich meinen Kaffee zehn Minuten früher oder später trinke. Dafür schmeckt er aber, neuer Kaffeekanne sei Dank.

Ich habe mich lange und beharrlich geweigert, doch Corona hat mich überstimmt: Wer gelegentlich mitliest, weiß, dass ich in Nürnberg Pekip-Kurse gebe. Die Ausbildung habe ich vor gut zwanzig Jahren gemacht und es ist eine schöne Abwechslung zu meiner sonstigen Arbeit, bei der ich doch gelegentlich recht einsam vor dem Computer sitze und die Buchstaben auf der Tastatur in einer Reihenfolge tippe, dass auf dem Bildschirm sinn- (ja, jetzt wollte ich eigentlich -freie Texte, aber nunja) -volle Texte entstehen.

Als Coronaseidank diese Kurse nicht mehr stattfinden konnten, habe ich die noch ausstehenden Termine online umgestellt. Ich wollte sie ordentlich abschließen, den Müttern noch Gelegenheit zum Austausch und zu Fragen geben, ein paar Spielanregungen vorstellen, na, und so weiter. Obwohl dann die Kurse zu Ende waren, blieben manche Mütter, wir trafen uns weiter an einem Termin online, schwätzten, hielten den Kontakt, auch wenn das, was da stattfand, mit Pekip nicht viel Ähnlichkeit hat.

Während der Pekip-Stunde sind wir in einem muckelig warmem Raum, die Babys sind nackt, die Mütter in Shirts und leichten Hosen. Die Kinder haben hier Gelegenheit, sich selbst, ihre Umgebung und die anderen Babys spielerisch zu entdecken, während die Mütter zusehen, sie begleiten und sie die eine oder andere Anregung ausprobieren lassen, mit denen sie ihre Bewegung und Sinne, ja, trainieren ist irgendwie nicht ganz richtig, aber die Kinder nehmen die Anregungen in der Regel gerne an und probieren vieles aus und die Mütter lernen, genau hinzusehen.

Jetzt sehe ich alle nur auf dem Bildschirm, genau genommen, fast nur die Mütter. Sie haben immer noch den Wunsch, sich wenigstens virtuell zu treffen und auszutauschen. Die Babys sind auf dem Schoß, liegen auf dem Boden, ja, manche schlafen sogar. Weil die analogen anderthalb Stunden einfach zu lang sind, treffen wir uns eine Stunde online. Da bleibt genügend Zeit zum Schwätzen, zum Erzählen, zum Austausch darüber, welcher Trinklernbecher oder welches Lätzchenmodell beispielsweise sinnvoll ist. Die Mütter berichten, was die Kinder interessiert, mit was sie sich lange beschäftigen und was schnell wieder uninteressant ist, ganz so, wie in der richtigen Pekip-Zeit.

Ich gebe jeweils passende Anregungen, versuche sie mit der Puppe über Video zu zeigen, schreibe sie anschließend auf und verschicke alles per Mail: Dann können alle in Ruhe nachlesen und zu Hause ausprobieren. Keiner verpasst etwas, selbst dann nicht, wenn das Kind gerade mehr Aufmerksamkeit fordert. Noch eine Liederrunde, fast wie im richtigen Kurs, jedoch: Weil das mit der Technik anders nicht funktioniert, schalten sich die Mütter stumm. Ich singe und jede singt für sich mit oder auch nicht. Ich kann es ja nicht hören, ich singe eben alleine und sehe nur, wie manche mitmachen und ihre Lippen bewegen. Glücklicherweise ist der Mitbewohner dann anderswo unterwegs und hört mich nicht.

Zum Mittag haben wir Schupfnudeln, die der Mitbewohner als echter Franke schon wieder ganz anders bezeichnet. Doch das ist mir egal, Schupfnudel bleibt Schupfnudel. Basta. Oder?

Nach dem Mittag schreibe ich noch einen Beitrag: In einer Gemeinde soll eine Fläche mit drei Mehrfamilienhäusern bebaut werden, sozialer Wohnungsbau, da regt sich Widerstand und plötzlich sind drei alte Obstbäume am Ende ihres Lebens ein wertvolles Biotop. Ich telefoniere daher mit dem Bürgermeister und lese, was die Bürgerinitiative per Mail mitgeteilt hat. Leider hat der Verfasser keine Telefonnummer angegeben und da er nicht im Telefonbuch verzeichnet ist, muss ich auf ein Telefonat mit ihm verzichten und mich mit der Mitteilung begnügen. Schade eigentlich.

(Der eigentliche Grund ist jedoch ein ganz anderer, wie so oft in dieser Welt sind auch die drei alten Obstbäume nur das ökologische Feigenblatt. Aber das gehört hier nun wirklich nicht hin.)

Jedenfalls ist alles irgendwann geschafft und ich kann mich zurücklehnen. Heute abend jedenfalls. Vielleicht stricke ich am zweiten Socken weiter, da muss ich mich beeilen, schließlich soll dieser fertig werden, bevor die Wolle alle ist. Resteverwertung kann heißen, dass zwei Socken schlussendlich unterschiedliche Spitzen kriegen. Kann sein, mal sehen.

Daher wünsche ich allen einen schönen Abend. Wer wissen will, was alle anderen so den ganzen Tag lang gemacht haben, der schaut einfach bei der freundlichen Blognachbarin vorbei. Die fragt jeden Monatsfünften immer wieder: Was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Monatsmomente

Dreißig gute Momente im Monat finden, schlug die Blognachbarin mit den großen Köpfen (Link) vor. Hätte ich das eher gewusst, hätte ich besser darauf geachtet, nicht wahr.

Trotzdem finde ich: Eine zunehmend verschmustere Katze, immer grüneres Gras vor dem Haus und die ersten Frösche im Weiher. Allen Sonnenstrahlen zum Trotz regnet es ausgerechnet an dem Tag, an dem die Hexen ihren Ausflug geplant, doch die Besen fliegen bei Nässe nicht. Hoffentlich tragen alle dichtes Schuhwerk, schließlich sind nicht alle Brennnesseln in der Suppe gelandet.

Eine halbe Stunde mit einem interessierten Gegenüber wandelte gewusste Banalitäten in erstaunliche Erkenntnisse. Der Versuch, längst bekannte Tipps in Wirklichkeit zu wandeln, bringt Klarheit. Muss wirklich erst jemand anders sagen, was ich doch selbst weiß? Es funktioniert besser, tatsächlich. Seltsam.

Erinnerungen sind so eine Sache, gelegentlich nicht farbecht, wirken sie bei Licht und mit Abstand betrachtet an manchen Stellen fadenscheinig. Vielleicht waren sie inhaltsschwer, vielleicht nicht und haben hinter meinem Rücken einigen Schabernack getrieben. Im Nachhinein Bedeutung einzuflechten ist leicht, diese im Verlauf bereits zu sehen, nun, leider habe ich keine Glaskugel.

Mit der Zeit wirken die Nachrichten wie abgestandener Tee, fehlen mir die Proportionen, lassen sich die täglich steigenden Zahlen nur schwer verorten. Solange niemand aus meiner direkten Nähe betroffen scheint, bleibt vieles fern, zum Glück.

Ja, Glück. Wo hat es sich versteckt? Welch ein Zufall, dass ich hier geboren, welch ein Glück, hier zu leben, selbst zu entscheiden, welchen Traum ich aus der unteren Schublade hole. Sind keine Mottenlöcher drin, kann ich ihn schütteln, aufbauschen, bis er in Form ist und sich erstaunlich handfest und präsentabel erweist. Eine beiläufige Bemerkung, bereits jahrealt, findet ab nächster Woche ihren Platz und wird einmal wöchentlich zu Text und Bild in regionaler Zeitung.

Seltsam. Noch lasse ich das Licht lieber gedimmt, sicherheitshalber, die Notbeleuchtung zeigt auch im Dunkeln den Weg. Obwohl ich fest in den Händen der Kamera bin, wage ich gelegentlich einen Schritt nach vorne, bleibe trotzdem auf dem Sprung zurück.

Das soll für den April genügen. Er war sonnig, wenig wechselhaft, mit ausreichend Lachen und einer üppigen Blüte.

Zurück in den Alltag #1

Lange Zeit fanden keine Termine statt, weder Gemeinderatssitzungen noch andere. Der letzte seiner Art war am 12. März, da war ich erst noch in Nürnberg, dann in Erlangen unterwegs. Als der Zeitungsbericht einige Tage später erschien, war es wie ein Erinnern an eine Vergangenheit, eine Zeit, die auf unbestimmte Weise erst einmal verloren schien:  Rosmarin und der blaue Himmel.

Weiter geht es. Der Gingko streckt auch schon die Blätter nach außen.

Gestern war dann der erste Marktgemeinderat. Da der Sitzungssaal des Rathauses für den gebotenen Abstand zu klein war, tagten die Räte in der großen Veranstaltungshalle. Jeder saß einzeln an seinem Tisch, immer mit dem nötigen Sicherheitsabstand zum nächsten. Es wirkte ein bisschen wie in einer Prüfung, doch da müssen die Prüflinge so weit auseinander sitzen, damit sie nicht abschreiben können. Der Bürgermeister saß vorne, führte dort den Vorsitz mit seinen Stellvertretern, auch diese mit gehörigem Abstand voneinander entfernt. Die Grüße wurden – wie es der Vorschrift entsprach – über Entfernungen hinweg ausgetauscht und an den sonst geführten kleinen Unterhaltungen kann jeder teilnehmen. Sie sind auch sonst nicht geheim, jeder kann sie hören, aber es ist schon ein Unterschied, ob zwei Menschen dicht beieinander stehen und sich leise miteinander unterhalten oder ob sie auf zwei Meter Mindestabstand achten und daher etwas lauter reden müssen. Die Intimität geht dabei verloren, das Augenzwinkern vielleicht auch, ich werde es sehen.

Zu runden Geburtstagen werden normalerweise die Jubilare im Gemeinderat geehrt, es werden die Hände geschüttelt und ein Präsent überreicht. Das Händeschütteln fiel aus, dafür gab es allerdings Applaus von allen und als eine Gemeinderätin ein Geburtstagslied anstimmte, sangen alle anderen auch mit. Das Präsent schob der Bürgermeister vorsichtig zu dem jeweiligen Geburtstagskind, der Abstand, versteht sich.

„Hoffentlich geht diese Sache schnell vorbei, wenn nicht, müssen wir uns gedulden“, konstatierte der Bürgermeister, der erst vor kurzem wieder gewählt worden war.

Ich werde sehen, wie es weiter geht.

Einfach ins Blaue hinein

Nein, nicht ins Blaue, sondern ins Grüne – oder manchmal auch ins Weiße.
Dabei werden die Zehen kalt und die Finger auch.
Wer kam auf die Idee, ins Blaue zu sagen? Gehe ich los, stehen meine Füße doch auf braun, schwarz, grau, grün, Erde, Steinen, Gras, Asphalt, Holz, aber blau? Blau ist die Straße nicht und gehen ist mühsam: Einen Schritt nach dem anderen, einen Fuß vor den anderen setzen und das nicht nur fünffach, hundertfach, sondern dreimillionensechshundertachtundzwanzigtausendsiebenhundertsechsundneunzigfach.
Es scheint endlos, den Takt gibt es gratis dazu: ü – ber sie – ben Brük – ken musst du ge – hen.
Dann werden die Brücken geräumt und die Schienen übereinander gelegt und in welcher Farbe werden die Flüge gestrichen? Weil Eis an den Flügeln ist, werden die Flieger zu schwer, können nicht abheben, mit den Flügeln schlagen, auf Watschelfüßen rennen, bis die Geschwindigkeit groß genug ist fürs Abheben, fürs Fliegen.
Die Geschwindigkeit ist um jeden Preis zu halten – sonst droht der Absturz.
Aber selbst bei der finalen Landung gibt es einen Trost: Der Getränkewagen kommt noch einmal vorbei.
Ins Blaue geht es dann auch nicht.
Blau wird vom Himmel herunter gelogen, doch wohin?
Wo lande ich?
Ich kann endlos unterwegs sein, komme niemals an. Sammele ewig Neues, entdecke selbst in der Banalität des Alltags ständig Neues, sehe selbst, darf staunen.
Darüber, wie eine Spinne aus einem Wassertropfen trinkt, darüber, wie schön die schmierigen und stinkenden Algen im Eis sind, welches den bunten Blumentopf gesprengt hat.
Aber blau ist auch da nichts.
Blau. Blau machen, blau sein, blau anlaufen. Alles Wege führen ins Blaue, in die Illusion, dass es woanders blauer wäre. Doch das wahre Blau ist in mir, in meinen Träumen, in meinen Wünschen, in meiner Phantasie.
Aus diesem Grund laufe ich wirklich los, gehe durch Wald und Feld und Flur, nein, erst in den Flur: Dort ziehe ich Jacke und Schal und Mütze und Handschuhe oder Regenjacke oder Sonnenhut an, dann geht es raus.
Blau ist kalt, sind kalte Farben, Forelle blau, blaue Zipfel oder Karpfen blau, der alle unsere Geheimnisse kennt und sie zu Silvester ausplaudert.
Oder warum gehst du los, ins Blaue hinein?

Tagebuchbloggen am 5. April

Ich brauche keinen Wecker, längst nicht mehr – und bin doch jeden Morgen spätestens um sieben wach, sogar dann, wenn die Katze aushäusig unterwegs ist und nicht am frühen Morgen Futter fordert. Ich mache mir Kaffee und Gedanken, lese Zeitung und Kaffeesatz, weil ich aber nirgendwo den nächsten Tag finde, bleibe ich im Heute und setze mir noch einen Tee auf.

Gestern habe ich „Kopf frei für den kreativen Flow“ aus dem Regal gekramt, heute entstaube ich den Farbkasten, suche das vor langer Zeit angefangene Blatt und mische die Farben neu. Die Lieblingshausziege freut es, sie will den weißen Rahmen um die Buchstaben noch geschwärzt, dann leuchten sie besser, findet sie.

Bunte Buchstaben.

Ich lese, male, stricke und gucke so lange Löcher in den Tag, bis von der nächsten Woche schon ein Zipfel zu sehen ist. Weil das nicht alles sein kann, schäle ich den Ingwer, schneide ihn in dünne Scheiben und gieße heißes Wasser drauf.

Draußen scheint es wie eine Reminiszenz an längst vergangene Zeiten: Eltern sind mit ihren Kindern rund um den Ort unterwegs, zu Fuß, mit dem Rad, sie sitzen auf der Bank und haben ihre Vesper dabei. Wir ziehen ebenfalls umher, schätzen die leise Schönheit der näheren Umgebung von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Erst in der Fremde erfährt man, was Heimat heißt – und in der durch Distanz aufgezwungenen Isolation, wie wichtig Gemeinschaft ist.

Das Gras wächst.

Letztendlich ist es die Wahrnehmung, die aus jedem Blickwinkel eine andere ist. Das Gras wächst himmelhoch, die kleinen Blattpfötchen grüßen und gelegentlich prescht ein Reh durchs Unterholz, dem wir zu nah gekommen. Unserer eigenen Wirklichkeit können wir uns nur erzählend oder schreibend annähern. Die Tagträume schweben, sie waren immer schon geduldig, dreht sich die Welt jedoch zu schnell, verlieren sie den Anschluss, wehen wie Nebelflusen hinter eilig hastenden Gestalten.


Vom Essen gibt es heute nichts zu lesen, seit einer Woche wird gefastet. Die Zeit ist gut, so viel zu lassen, wenn es ohnehin nur wenig gibt.

Was brauche ich? Was ist wichtig?

Ich möchte bis zu den Knien im Leben stehen, alles um mich herum wahrnehmen, mit offenen Augen Verbindungen schaffen.

Vielleicht gelingt es. Und wenn es nur für einen Moment lang ist.

Die anderen Tagebucheinträge gibt es wie immer bei Frau Brüllen, bitte sehr, was machst du eigentlich den ganzen Tag, sie fragt das jeden Monatsfünften, zuverlässig auch in unzuverlässigen Zeiten.

Wellen und Wind trotzen #Rostparade

Wir fuhren auf der Küstenstraße am Mittelmeer entlang. Der zweitausend Jahre alte Aquädukt nahe Caesarea hält dicht neben dem Strand Wind und Wellen stand. Direkt am Meer stehen rostige Reste auf dicken Fundamenten, trotzen ebenso Wind und Wellen wie der Aquädukt und werden sicherlich weit vor Ablauf der nächsten zweitausend Jahre zerbröselt, zerrieben und völlig verschwunden sein. Was es einmal war? Das weiß ich nicht.

Rostige Überreste am Strand.

Verbunden mit: Der Rostparade bei Cubus Regio.

Stäubchen aufwirbeln

Irgendwie will ich – und doch wieder nicht. Ich fange lieber tausend Dinge an, statt mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich räume den Schreibtisch frei, finde Sachen, die ich nicht gesucht habe, wische den Staub weg, pussel die Krümel aus den Zwischenräumen der Tastatur und würde am liebsten alles ausräumen, freiräumen, neue Tapeten an die Wand, weil, ja, die alten hängen schon so lange dort und wenn ich schon nichts richtig Neues machen kann, ist ein Tapetenwechsel nicht verkehrt.

Es riecht nach Staub, lange abgelagertem altem Staub, er kriecht in die Nase, reizt sie zum Niesen, flockt und erinnert mich, dass ich eigentlich etwas anderes machen wollte.

Bleiben manche Ecken im Haus länger unberührt, sammelt sich hier Staub, legt sich auf die blanken Stellen, lässt sie trüb werden, ganz langsam und allmählich, da hilft es gelegentlich, einen Ausputz zu machen, das Wollen vom Müssen zu sortieren, schauen, warum ich Dinge mache: Wie wichtig ist mir der Blick von außen, der Blick von anderen. Wie wichtig ist es mir, wie sie mich wahrnehmen? Und wie gut geht es mir in dem, was ich meine Räume nenne, ob sie nun um mich herum oder in mir drinnen sind? Sieht mich niemand, fühle ich mich darin wohl. Ist es mir wichtig, dass sich darin auch andere wohlfühlen können?

Forsythienblüte.

Für alles gibt es eine Zeit: Erst wollte ich Dinge haben, sie besitzen, meinte, sie zu brauchen, weil nur mit ihnen das Leben glücklich gelingt. Später erst sah ich, dass ich in den meisten Fällen getäuscht wurde, mich aber gerne habe täuschen lassen, ich gebe es zu. Es ist eine Illusion – und manche beherrschen das Spiel einfach besser.

Deswegen lasse ich beim Schreiben die Kerze brennen, genau wie das Feuer im Ofen. Die Wärme zieht durchs Haus, vertreibt Kälte und verteilt Licht in dunklen Ecken, sie macht, dass andere kommen, sich wärmen, gleich wie kalt der Rest drumherum ist.

Nein, nicht ganz. So etwas wie Ordnung und Sauberkeit hätte ich schon gerne.

Gelegentlich.

Erika Mann: Eine Ausstellung in der Münchener Monacensia

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod erinnert die Monacensia im Münchner Hildebrandhaus an Erika Mann, Tochter von Katia und Thomas Mann und ihren konsequenten Einsatz für Demokratie und Freiheit.

Nicht nur Kleider, auch Namen machen Leute: Aus irgendwelchen Gründen ist der Name Erika für mich mit kleinen Blümchen verknüpft, mit den Heideblümchen, die im Herbst manchmal in wilden Farben im Gartencenter stehen. Außerdem gab es einst eine Schreibmaschine mit diesem Namen. Wählten Katia und Thomas Mann den Namen für ihre Erstgeborene nach dem Klang oder nach der Bedeutung? Dann hieße sie die „Alleinherrschende“.

Sylvia Schütz erzählt über Erika Mann

„Es ist ein Mädchen“, notierte ihr Vater. Als Vatertochter muss sie nie mit ihm konkurrieren, ganz im Gegensatz zum ein Jahr später geborenen Bruder Klaus. Doch vielleicht hätte Kassandra besser zu ihr gepasst, warnte sie doch im amerikanischen Exil, reiste mit der Eisenbahn quer durch Amerika, erzählte von dem, was in Deutschland unter den Nationalsozialisten geschah, über die Gefahr des Faschismus und dessen Einfluss mittels Erziehung auf die Jugend.

An Schule nur wenig interessiert, gründete Erika lieber eine Bande mit Freunden aus der Nachbarschaft, äfft die Lehrer nach und schließt das Luisengymnasium in München mit einem schlechten Abschlusszeugnis ab. Während in München nationale und völkische Extremisten die Politik beherrschen, geht Erika Mann nach Berlin, zur Schauspielschule von Max Reinhardt, lässt sich einen Bubikopf schneiden, raucht Zigaretten, erobert sich das Berufsleben, wird an Bühnen engagiert und reist mit ihrem Bruder Klaus neun Monate lang um die Welt. Weil sie wissen will, wie ein Auto funktioniert, lernt sie Automechaniker – und was sie erlebt, wird schreibend verwertet.

Dr. Tanja Praske leiht den geschriebenen Worten Erika Manns ihre Stimme.

Europa erlebt Erika Mann noch als ein großes Gebiet, eines, durch das man fahren kann und bis heute werden ihre Erlebnisse im Baedeker zitiert. Dass es ein Fehler war, die Politik den anderen zu überlassen, erlebte sie, bevor die Nazis offiziell 1933 an die Macht kamen: Ins Münchner Hotel zur öffentlichen Frauenversammlung eingeladen, sollte sie ein kurzes Gedenken für den Frieden halten. Währenddessen gab es einen „Störungsversuch seitens der Nazibuben“, wie Klaus Mann das Ganze beschrieb, es folgte ein Presseskandal, Verleumdungen, Drohungen, all das, was man heute als „Shitstorm“ bezeichnen würde.

Für Erika war es ein Moment, in dem sie klar erkannte, dass politisches Handeln gegen die Nazis notwendig war und noch im Januar 1933 das politische Kabarett „Pfeffermühle“ gründete, Texte schrieb und alles rund um die Aufführungen organisierte. Bis Ende Februar waren die Vorstellungen ausverkauft – und die völkische Presse tobte.

Co-Kuratorin Sylvia Schütz am Rednerpult, wie einst Erika Mann.

Sie wechselt in die Schweiz, spielt dort weiter, emigriert nach Amerika, doch hier gelingt kein Kabarett, hier wird sie politische Rednerin, reist mit dem Zug quer durch das riesige Land und spricht über „Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“, ein Buch, das sie selbst schrieb und dessen deutsche Übersetzung erst 1986 erschien.

Erika Mann wird Kriegsberichtserstatterin, darf als einzige Frau die Hauptkriegsverbrecher besuchen, berichtet von den Nürnberger Prozessen und reist quer durch das zerstörte Land und beschreibt die verstört-jammernde Stimmung.

Als es zum Kalten Krieg kommt, kehren Katia, Thomas und Erika Mann nach Europa zurück, in die Schweiz. Jetzt wird sie zum Mauerblümchen, zur Kassandra: So viel sie versucht, sich einzumischen, so wenig findet sie Gehör. Sie wachte über den Nachlass von Bruder und Vater, als „bleicher Nachlassschatten“, wie sie an einen Freund schrieb, bis sie 1969 mit gerade einmal 64 Jahren starb.

Auch wenn die Ausstellung räumlich mit dem Äquivalent einer Dreiraumwohnung auskommen muss, stellt sie das gesamte Leben Erika Manns dar, gemeinsam mit den Zeitläufen, denen sie ausgesetzt war, denen sie sich stellen musste und wollte. Zitate belegen, wie aktuell ihre Sichtweise bis heute ist – und wie erschreckend wenig davon in der Erinnerung blieb.

Der Nachlass der Manns wird in der Monacensia aufbewahrt.

Der Weg nach München lohnt sich auf jeden Fall. Bis zum 30. Juni ist die Ausstellung noch in der Monacensia im Hildebrandhaus zu sehen, anschließend soll sie auf Wanderschaft gehen. Das verriet Sylvia Schütz, die als Ko-Kuratorin mit viel Witz und Freude durch die Räume führte und die fast vergessene Kabarettistin, Kriegsreporterin und politische Rednerin in Anekdoten wieder lebendig werden ließ.

Was ist das Maß?

Viele reden von Nachhaltigkeit. Andere rechnen aus, an welchem Tag wir Menschen der Erde mehr entreißen, als sie jährlich liefern kann – und beschränkt sich dabei auf die biologische Kapazität.

Doch was ist das Maß? Wie groß ist mein Maß?

Was steht mir zu, wie viel darf ich brauchen, verbrauchen, und wann ist es genug, wann ist es zu viel? Ist ein Paar Schuhe im Jahr angemessen? Ist es zu viel? Muss ich sie drei Jahre tragen? Was ist, wenn sich die Sohle des einen Schuhs bereits nach drei Tagen löst?

Wie viel Kleidung steht mir zu? Soll nur das verteilt werden, was vorhanden ist und regeneriert werden kann, muss es in irgendeiner Weise reglementiert und zugeteilt werden: Ich bekomme dann Spritz für eine bestimmte Menge an Emissionen, fahre ich ein Auto, das nur wenig braucht, komme ich weiter als mit einem Spritfresser, einer Schrankwand auf Rädern.

Das gleiche gilt für Strom, der für drei helle Zimmer, einen Kuchen am Sonntag und wahlweise drei Stunden am Laptop reicht. Brauche ich mehr, muss ich mittels Photovoltaik selbst Strom erzeugen, kostenneutral, emissionsfrei, aber ich kann auch den Verbrauch reduzieren und nur das Zimmer beleuchten, in dem ich sitze.

Ist das Haus zu groß oder ungedämmt, reicht die Heizenergie nur für ein Zimmer aus oder so viele Quadratmeter, wie mir eben zustehen. Das erinnert mich an meine Oma: Während es in der Küche immer mollig warm war, wurde der Ofen im Wohnzimmer nur dann geschürt, wenn Gäste kamen.

So ließe sich alles berechnen, was ein Mensch so braucht.

Auch die tägliche Kalorienanzahl ist bekannt, immerhin könnte ich wählen, ob ich lieber dreimal Salat oder ein Nutellabrötchen hätte.

Dann ließe sich das mehr-haben-wollen nicht mehr durch mehr Geld erreichen. Ich bräuchte nur noch so viel zu arbeiten, bis ich mir das kaufen kann, was mir zusteht. Vielleicht muss ich dann beim Kauf von neuen Schuhen die getragenen Schuhe vorweisen, zeigen, dass sie nicht mehr reparabel sind oder ich gebe sie ab, damit sie weiter getragen werden, nur nicht mehr von mir.

Es lässt sich sicher auch berechnen, wie viel Klopapier, Duschgel und Zahnpasta ein Mensch braucht, selbst dann, wenn er es großzügig verwendet. Die Daten sind in den Kassensystemen der Supermärkte und im Internet längst vorhanden. Geht etwas zur Neige, wird automatisch nachgeliefert.

Algorithmengesteuerte Planwirtschaft. Bargeld ist bis dahin ohnehin überflüssig.

Bleibt nur: Was mache ich mit der freien Zeit? Der Zeit, in der ich bisher arbeiten muss, um das zu finanzieren, was mir jetzt nicht mehr zusteht?

Ein Nachmittag in Wiesbaden

Der Kopfbahnhof in Wiesbaden liegt nahe an der Innenstadt, an der Bahnhofsstraße sind Friseure, Zahnärzte, Anwälte, Notarkanzleien, in den Wasserresten der Grünanlage baden Tauben. Vor dem Gebäude, in dem jetzt die Deutsche Bank residiert, sind zwei Stolpersteine ins Pflaster eingelassen.

Auf dem Marktplatz stehen noch die Händler, sie räumen erst ab, als ich später das zweite Mal vorbeikomme, die große Marktkirche ist offen, wird wie ein Wartesaal zum Aufwärmen genutzt. Vorne stehen lebensgroße Statuen aus weißem Marmor, rechts Matthäus und Lukas, links Markus und Johannes, in der Mitte der segnende Christus. Ich sitze eine Weile, suche Besinnlichkeit, die Familie auf den Bänken der anderen Seite des Mittelgangs kramt in den Rucksäcken, verteilt Ess- und Trinkbares, die Kinder rennen hintereinander her.

 

Andere Menschen erklären etwas, da sie russisch sprechen, verstehe ich nicht alles. Ein Plakat verweist auf Besinnlichkeit in der Krypta, ich gehe hinaus, als ich es finde, steht dort ein Müllcontainer frierend neben der Tür. Die großen Betonwürfel vom Weihnachtsmarkt warten zusammengeräumt, die Staatskanzlei ist mit Planen verhängt.

 

 

 

Am heißen Brunnen taucht ein Mann seine Hand ins Wasser, weil ich neugierig bin, mache ich es nach. Es ist händewaschwarm.

 

 

 

 

 

 

Gegenüber ein prächtiges Hotel, auf den Balkonen lauter Zeugs und neben dem Portal ein Klingelpanel mit vielen Namen.

Vor dem Opernhaus ein hochnäsiger Schiller, auf den warmen Weihern recken Enten ihre Schwänzchen in die Höh. Ein Fotograf läuft auf der Wiese herum, versucht, die Vögel zu erwischen, aber sie mögen nicht, krächzen, zetern, fliegen auf und weg.

 

 

Ich gehe weiter, bergauf, eine Straße führt mitten durch die Gedenkstätte für die alte Synagoge, die einen Teil der Grundmauern nachzeichnet. Zurück in die Innenstadt. Beim „Zweitbuch“ gestöbert und ein Buch über Mode gefunden, beim Afghanen ein Plätzchen zwischen anderen, immerhin hab ich jetzt Hunger und weil ich die Ohren nicht verschließen kann, höre ich mir an, was sich Menschen erzählen, was sie nicht vertragen, über Probleme zwischen Projekten und Wohnungssuche.

 

Auf dem Weg zum Museum eine Gruppe mit Anonymus-Masken, zwei tragen Bildschirme, halten sie, konfrontieren Passanten mit Bildern von Tierleid. Ein Mann im grünen Parka stürmt auf sie zu, fragt, was ist mit den Menschen, den humans, er ist Barde, er ist für die Menschen, sie sind ihm wichtig.

Es ist Zeit, ich gehe zum Museum, setze mich mit Kaffee in die Bücherei. Drei Männer am Tisch nebenan diskutieren, nein, einer referiert „die Deutschen sind es gewohnt, zu gehorchen“ und zwei hören und stimmen durch Nicken zu.