Die alte Kegelbahn

Es ist noch gar nicht so lange her, erzählte der Begleiter, als wir auf dem Parkplatz vor dem Einstieg zur Hausbachklamm an einem Holzbau vorbeigingen. Der Gasthof auf der Straßenseite gegenüber hatte für immer geschlossen und neben dem Holzbau rann emsig Wasser in einen hohlen Baustamm, der zu einem hölzernen Trog geworden war.

Es ist noch gar nicht so lange her, und ältere Menschen aus umliegenden Dörfern erinnern sich wohl noch daran, dass die Kegel auf der Kegelbahn von Buben aufgestellt wurden, wenn sie von der Kugel getroffen gefallen waren. Jetzt tanzen nur noch Staubkörnchen im Licht, an den Seiten lehnen alte Fenster, weil es hier keine Sicht auf bessere Zeiten mehr gibt. Spinnen weben in den Ritzen ihre Netze, halten alles Vergangene fest, auch das Kollern der Kugeln, die, von der Hand gelassen, über die Bahn rumpeln, bis am Ende ein, zwei oder neun Kegel fallen.

Es riecht nach Staub, nach harzigem Holz in der Sonnenwärme, vielleicht auch nach einer letzten Zigarette. Warum ist die Sehnsucht nach Vergangenem so stark?

Es entspricht nicht mehr den modernen Bedürfnissen, heißt es, wenn ein Haus abgerissen wird, damit Platz für Neues kommt. Doch wer bestimmt, was genau die Bedürfnisse, unsere und damit auch meine Bedürfnisse sind? Ich würde gerne einen Besen nehmen, den Boden fegen, die Scheiben von den Spinnweben befreien und die Sonnenstrahlen einladen. Dann ist es warm genug für alle, für mich, die Mäuse, das trockene Laub und die Zeit. Hier ist sie zu Hause, scheint mir, hier wohnt alle Zeit, die in der Welt ist. Das Lachen perlt als Echo von den Wänden, Bierflaschen werden zischend geöffnet und stoßen mit den Böden aneinander, bevor die Menschen ihren ersten Schluck trinken.

Hier spielt es keine Rolle, wer jemand ist, was er macht, wie viel er hat, es gibt Brotzeit, Bier und Limo, das reicht völlig aus. Und alle sitzen gemeinsam auf Bänken, ist der Witz gelungen, schlagen sie zustimmend mit der Hand auf den Tisch, klopfen dem Nachbarn die Schulter und genießen einfach den Abend als echten Feierabend, nach getaner Arbeit, ob auf dem Feld oder im Wald. Sie können sehen, was sie geschafft haben, das ist mehr, als mancher von uns heutzutage sagen kann, vor allem dann, wenn Buchstaben virtuell bleiben und Zahlen über das Leben der Menschen verfügen.

Erinnern wir uns daran, was wirklich wichtig ist, die Nähe zu den anderen, eine Nähe, bei der ich die Wärme spüren kann, weil die Bank sonst nicht für alle reicht.

Verbunden mit Cubus Regio und „Das wars“.

Blitzableiter mit Winkelement #Rostparade

Ist ein Berg noch nicht hoch genug, lässt sich auf ihm ein Turm erbauen, so wie auf dem Schwarzen Grat an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Der schwarze Grat ist der höchste Berg der Adelegg, einer dicht bewaldeten Berglandschaft im Westallgäu. Der Aussichtsturm ist noch einmal 30 Meter höher und wer sämtliche Stufen nach oben geschafft hat, wird mit einer rundum guten Aussicht belohnt.

Aber um die Aussicht geht es mir heute überhaupt nicht, die kommt später dran. Das hölzerne Turmdach war mit einem Blitzableiter versehen, so weit, so vorhersehbar. Doch was macht diese kleine runde Platte? Ich konnte sie wie einen kleinen Winker auf und ab bewegen, da es aber keinen Haken oder etwas ähnliches gab, fiel sie immer wieder in ihre Ausgangsposition zurück.

Da das kleine Winkelement mit Rost überzogen ist, kommt es jetzt einfach in die Rostparade bei Cubus Regio. Vielleicht kann mir jemand verraten, wozu es eigentlich dient.

Hoch hinaus

Insgesamt 120 Stufen muss ich steigen, will ich hoch oben vom Bismarckturm über das Kasseler Becken blicken. Er steht auf dem Brasselsberg, ist einer von ehemals 240, von denen noch 173 in ganz Deutschland verteilt stehen.

Stufen im Inneren des Bismarckturmes

Bis ich dorthin komme, gehe ich Stadtrand entlang, einem Stadtrand der ganz anderen Art. Während an anderen Rändern Industriegebiete die Ränder ausfransen, grenzt hier die Bebauung direkt an das Naturschutzgebiet. Alles ist mit Hecken blickdicht bepflanzt, selbst Kinderlachen klingt nur gedämpft hindurch. An der Straßenbahnschleife Druseltal weist der Wegweiser auf den linken der sternförmig verlaufenden Wege, wenn ich schnell und direkt zum Turm kommen will. Da ich die Wegmarkierung bereits an der nächsten Ecke nicht mehr finde, nehme ich den  längeren Weg, Zufall sei Dank.

Meine Schritte knirschen auf dem Splitt. Bleibe ich stehen und lausche, kann ich hören, wie die dürren Blätter von Buche und Ahorn leise raschelnd auf den Boden fallen. Ich bin im Habichtswald, doch nicht weit von mir entfernt ruft ein Falke, kurz danach ein zweiter. Als ich weitergehe, fliegt einer auf und der zweite bleibt sitzen. Ich gehe nicht zu ihm, was sollte ich da auch? Sind sie am Fressen, störe ich nur. Ist einer verletzt, kann ich ihm auch nicht helfen, zu groß wäre seine Angst vor mir. Ist es ein Jungvogel, der sich zu früh aus dem Nest gewagt und jetzt auf dem Boden nicht starten kann nun, der muss allein Fliegen lernen. Ich kann es nicht.

Ich laufe an den Bilsteinklippen vorbei, steige einer von ihnen auf den von hinten so unscheinbar anmutenden Rücken, und staune, wie weit es vorne in die Tiefe geht.

 

 

 

 

 

Bald ragt vor mir der Turm auf, quadratisch, fest aus Basalt gefügt. „Götterdämmerung“ nannte der Architekt seinen Entwurf, jetzt steht er da, mit dem Sockel im Schatten, in der Dämmerung, doch die Spitze sonnenbeschienen.

Von hier oben ist schließlich die Sicht weit, eine Tafel erklärt, was ich sehen kann. Die kleinen Sorgen, sämtliche Ausreden, alles, was mich tagsüber beschäftigt, bläst der Wind einfach fort. Ja, ich kann hier den ganzen Tag einsam und allein mit mir und fünf Katzen verbringen, am Computer sitzen, schreiben, lesen, nachdenken, manchmal klingen die Stimmen der Nachbarn und das Geschrei der Kinder bis zu mir und wenn ich denke, och mönsch, muss das jetzt, könnt ihr nicht leise, denke ich auch daran, dass das heute die einzigen menschlichen Laute sind, die ich höre.

Ich war nie viel allein, immer war noch jemand da, der was wollte, der mich brauchte, doch jetzt, seit die Lieblingshausziege nun ausgezogen ist, kann ich ganz allein und einsam sein, ausprobieren, ob mir das zusagt – oder eher nicht.

Sicher, ich habe hier in der Stadt mal gewohnt, einige Jahre sogar, ich könnte im Telefonbuch oder eher im Internet nachsehen, wer hier noch wohnt, von denen, die ich kenne.

Ich lasse es.

Ich wüsste im Moment nicht, woran ich knüpfen könnte, es gibt ja seit Jahren nichts Verbindendes mehr. Wir könnten uns nur gegenseitig erzählen, was wir jeweils erreicht, wo wir gewesen, was wir gemacht, doch danach geht jeder wieder seines Wegs, nach einem „schön war’s“ und „meld dich mal wieder“ vergisst jeder auch gleich, was der andere gesagt hat.

Das also nicht.

Verbunden mit: Czoczo und dem Black und White-Bild des September. 

Am Stadtrand unterwegs

Für eine Weile hüte ich fünf Katzen, ganz allein am Stadtrand. Ich habe Zeit für mich, für meine Texte, es ist niemand da, der etwas von mir will – außer eben den fünf Katzen, wenn sie Hunger oder ein Kuscheldefizit haben.

Gehe ich aus dem Haus und überquere die Allee, auf der gelegentlich die Feuerwehr mit lauter Sirene zu ihrem Einsatz ausrückt, bin ich schon in der Dönche, einem geschützten Gebiet. Die Vorboten des Herbstes sind unübersehbar, auch wenn es noch August und damit Hochsommer ist. Doch die sonnig gelb gefärbten Buchenblätter künden eher von Trockenheit, ebenso wie die Hüllblätter der Bucheckern, in denen in diesem Jahr keine Eckern wachsen. Vier stramm bewadete Frauen kommen mir entgegen, spießen ihre Stöcke im Takt der Schritte in den Boden, nicken mir zu. Viele Wege sind hier nur Pfade, verlaufen mäandernd, kreuzen sich wie zufällig, nur die Wege hinter den Häusern sind ebenso schnurgerade wie die beschilderten Hauptwege und mit Splitt bestreut.

Es scheint menschenleer, und ich bin mir für einen Moment nicht so sicher, ob meine Tasche klappert. Doch hinter einem winzigen Hügelchen sitzen drei junge Frauen auf Baumstämmen und reden miteinander. Trotz der Stadtnähe sind hier nur wenige Menschen unterwegs, vielleicht, weil es gerade gewittert und ziemlich heftig geregnet hat. Dabei ist vom Regen fast nichts mehr übrig, nur im hohen Gras werden die Schuhe nass.

Tief unten im Tal ein Rinnsal, ein Bächlein, es führt eine Brücke darüber und vor mir schnürt auf der Wiese ein Fuchs vorbei. Immer wieder sehe ich einsame Frauen mit großen Hunden und ich frage mich, sind die Tiere Ersatz für Partner, ich meine, schließlich widerspricht ein solcher Hund nicht, auch dann nicht, wenn Frauchen sich selbst nicht sicher ist, was sie will und das ist in der Regel mehr, als sich bei einem Partner erwarten ließe.

An der Infotafel bleibt ein Pärchen stehen, schmiegt sich eng aneinander und scheint nicht so recht zu wissen, wohin es heute gehen soll. Vielleicht suchen sie sich und ihren Umgang noch miteinander, bis sie in die wortlose Vertrautheit älterer Paare gelangen, bei der nichts mehr zu klären ist. Sie probieren noch, kosten ihre Zweisamkeit, bis sie Alltag wird, vielleicht einmal später. Nach einer Weile gehen sie weiter, in Richtung Westen, die Sonne umhüllt beide mit ihrem Glanz.

Auf der Wiese liegen Findlinge, große Buntsandsteine, richtig bequem zum Sitzen und Rasten, hier finde ich etwas, das ich nicht gesucht habe: Zwei Roste, Reste einer Grillparty, noch mit einem Bodensatz an Kohle. Warum können diejenigen, die diese Dinge ja einst mitgebracht, sie nicht wieder zurücknehmen und zu Hause entsorgen, wenn es denn schon so ein nur einmal benutzbarer Kram sein muss.

Eine Elster beschwert sich, gelegentlich keucht ein Jogger vorbei, das Hallo so munter betont, als müsse er beweisen, dass noch genügend Luft nach oben ist. Immer wieder sehe ich Kuhlen und Trichter in den Wiesen, vernarbte Wunden aus einer Zeit, in der hier Truppenübungsplatz war und von oben Bomben fielen.

Verbunden mit Cubus Regio und der Rostparade, auch wenn diesmal der Rost ein ganz anderer ist und dem Samstagsplausch bei Andrea Karminrot.

Die erste Eisenbahn #Rostparade

1835, also vor gut 184 Jahren, fuhr die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Sechs Kilometer weit ging die Reise auf gerade verlegten Schienen, da die kleine Bahn noch keine Kurven fahren konnte. Heute tobt der Verkehr am damals noch kleinen Bahnhof, der nicht etwa dort war, wo er heute liegt, sondern am Plärrer, einem großen Platz. Unten in der U-Bahn erinnern die Wandfliesen an die Geschichte der Eisenbahn. Das Denkmal auf der Strecke war mehrfach im Weg und wurde immer wieder an anderer Stelle errichtet, bis es heute direkt über der U-Bahn-Linie seinen – vielleicht – endgültigen Platz fand.

Neulich blieb uns nach einem Besuch im Germanischen Nationalmuseum noch genügend Zeit für ein: Ach, lass uns doch mal die Strecke zwischen Nürnberg und Fürth laufen, genau die Strecke, die damals die kleine Eisenbahn fuhr. Heute verläuft die Straße dort immer noch schnurgerade, auch wenn hier längst keine Schienen mehr liegen, sondern vierspuriger Verkehr auf Asphalt unterwegs ist.

An einer Stelle wird die Straße von einer neuen Eisenbahnbrücke überquert, auf der noch sämtliche Notizen der letzten Renovierung vermerkt sind.

Der Blick unter dieselbe zeigt: Irgendwie hat alles gut gehalten. Es ist kaum Rost zu sehen.

Verbunden mit: Der Rostparade bei cubusregio.

Samstagsplausch

Während der Regen heute ein leises Lied auf die Fenster getröpfelt hat, habe ich gebügelt. Ja, gebügelt. Ich finde bügeln nicht nur meditativ, sondern es eignet sich ausgezeichnet zum nachdenken.

Und da gab es so einiges:

Ganz egal ob der Ausstoß von Kohlendioxid nun besteuert oder qua Emissionshandel anderweitig teurer werden soll und ganz egal, ob die Regierung nun versichert, dass niemand unnötig und überhaupt dadurch belastet werden soll. Ganz gleich, wie hoch in den vergangenen Jahren der Benzinpreis gestiegen ist – fahren deswegen weniger mit unseren Autos? Werden statt dessen die (nicht mit Strom betriebenen) Fahrräder oder gar die eigenen Füße zur Fortbewegung genutzt? Statt dessen sollen jetzt E-Scooter kurze Entfernungen überbrücken, auf dass ja niemand mehr laufen muss.

Einkaufen: Steht der Einkaufsmarkt weit vor dem Ort, brauche ich das Auto. Logisch. Dafür gehe ich aber nicht mehr täglich hin, sondern wöchentlich. Ich kaufe mehr, schließlich soll es ja die Woche über reichen, und ich brauche mehr Platz im Kühlschrank, also wieder mehr Strom. Es ist wie eine Spirale, die sich stets höher dreht.

Kochen: Wer kochen lernt, braucht Zeit und Geduld. So ganz einfach ist es nicht, auch wenn sich manche Rezepte einfach lesen. Ich weiß noch genau, wie lange ich geübt habe, bis ich die Pfannekuchen unfallfrei und am Stück aus der Pfanne holen konnte. Bis dahin war es eher eine Art „Rupfkuchen“, oder, wie die älteste Lieblingshausziege sagte, Mama, lass mal, ich esse die Eierkuchen lieber bei Oma. Wer schon einmal auf der Hausfrauenmesse zusehen konnte, wie virtuos dort Küchen- und andere Geräte gehandhabt werden, ahnt sicher, dass diese nicht immer das Leben leichter, sondern nur die Schränke voller machen. Oft reicht es aus, Dinge lange genug zu üben: Ich weiß noch, wie ich meine Uroma bewundert habe, wenn sie mit einem einzigen Schnitt die dann geringelte Schale vom Apfel oder der Kartoffel geschält hat. DAS wollte ich auch hinkriegen. Inzwischen ist es mir nicht mehr so wichtig, aber ich nehme bis heute lieber ein kleines Messer zum Kartoffelschälen als einen für mich unbequemeren Sparschäler. Auf einer guten Reibe sind Kartoffeln und Möhren bereits fertig gerieben, wenn ich anderenfalls erst die Küchenmaschine aufgebaut hätte. Und damit wären die Einzelteile der Maschine nach der Arbeit noch nicht einmal sauber.

Abgestürzt. Wenn alles so weiter geht, wird das wohl irgendwann passieren.

Jedenfalls haben wir einen alten Gefrierschrank im Keller ausgeräumt und ausgeschaltet. Da der Mitbewohner neugierig war, hat er nachgemessen: Die Stromrechnung dürfte allein damit bereits fünf Euro monatlich geringer ausfallen.

Vielleicht sollte jeder ein bestimmtes Kontingent an Energie bekommen. Das kann er nach Herzenslust und -laune für Strom, Benzin und auch für Flüge oder Kreuzfahrten nutzen. Wenns nicht reicht, nun, dann kann er ja gucken, ob er jemandem, der weniger braucht, etwas abkaufen kann. Andernfalls, nun, dann ist eben noch Monat übrig.

Nein, die Energiewende ist nichts, was ich im eigenen Haushalt irgendwie hinkriegen könnte, auch dann nicht, wenn noch zehn andere Menschen mitmachen. Da brauchen wir deutlich mehr Menschen, die mitmachen. Bis es die Politiker endlich begreifen.

Statt dessen ist die rechte Spur auf den Autobahnen dicht von Lastkraftwagen besetzt. Es ist ja billiger, Milch aus Berchtesgaden nach Bayreuth in die Molkerei zu fahren, als gleich in Oberbayern in Flaschen zu füllen. Es ist auch billiger, Einzelteile für jeden Arbeitsschritt in ein anderes Unternehmen zu fahren, statt alles an einem Ort zu fertigen. Das kostet ja nur Sprit, verursacht Stau und zerstört die Fahrbahnen. Daran kann ich nichts ändern, die Politiker jedoch wohl.

Verbunden mit: Andrea Karminrot und ihrem Samstagsplausch. Auch wenn er heute wenig vergnüglich ausfiel.

 

Ideen wachsen wie Blumen

Raunen weise Frauen in Träumen, können nächtens seltsame Dinge geschehen:
Manchmal raunen sie, es sei nicht genug. Es ist nie genug. Ich hätte die Prüfungen nicht bestanden.
Aber wann ist es Zeit, wann ist es genug?
Nachts funkeln die Sterne und glitzern auch dann kalt, wenn es unten so warm ist, dass ich nicht schlafen kann. Sie sind unerreichbar, egal wie hoch ich mich recke. Mir reicht das Laken, doch die Katze will kuscheln und schmiegt sich mit ihrem dichten Fell an meinen Rücken.
Beginnt ein neues Jahr, halten die Menschen inne, zählen nach, denken, entwerfen Pläne und sortieren ihre Möglichkeiten. Ist alles da? Ob es reicht? Kaum drei Wochen später ist alles vergessen, alles geht seinen gewohnten Gang.
Doch manchmal kommt später ein Stups, ein Anstoß, etwas, das aufhorchen lässt, mich aus dem gewohnten Allerlei reißt.
Der Blogpost von Ich lebe jetzt! war im Februar ein solcher Anstoß: Tschüß, denkst. 
Jetzt ist Sommer.
Wir haben den Boden bereitet, alles Unkraut gezupft und Ideen gesät. Inzwischen keimen die ersten Ideen wie kleine Pflänzchen.
Seid neugierig. Bleibt neugierig. Ich verrate bald mehr davon. 

Tagebuchbloggen am 5. Juli

Manche Tage fangen quer an – und enden schlussendlich als Traumtage. Da die liebe Blognachbarin immer am fünften jeden Monats fragt, was wir alle so machen, WMDEDGT, will ich das heute nachtragen. Gestern wurde es so spät, da hab ich es einfach nicht mehr geschafft.

Der Wecker rief mich schon halb sechs unter der Decke hervor, schließlich war praktischer Prüfungstag für die Lieblingshausziege. Nachdem wir am Morgen zuvor etwas verschliefen, hatte ich ihr versprochen, fürs Wecken und Kaffeekochen zu sorgen. Sie brauchte nicht lange, ich wünschte ihr Glück und sie fuhr los.

Anschließend las ich das Briefing für einen Text, stellte fest, dass Bild und Auftrag nicht übereinstimmten und gab alles zurück, mit der Bitte um Verbesserung.

Dann wollte noch der nicht ganz einfache Text über eine Schulsanierung geschrieben werden, bei der im Abbruch viele Schadstoffe aufgetaucht waren. Ich hoffe, ich habs richtig aufgedröselt: Schulsanierung

Noch ein paar Klamotten packen, das gefrorene Schaf hatte der Mitbewohner längst im Auto verstaut, ebenso die von den Eltern gewünschten Kiste Bier und Wein. Dann ging es los, Richtung Norden, immer auf der A 73 entlang, über O. und G. nach M. Dort warteten die Eltern schon mit Kaffee und Kuchen.

Heute Abend sei Konzert im Kloster, sagte der Vater. Kostet nix. Ich kann nicht, muss zum Sport, sagte die Mutter. Hab was zu tun, schickte uns der Vater alleine hin. Das Navi zeigte uns, wo es lang ging.

 

Im von der Sonne hell erleuchteten Kubus des Christus-Pavillons huschten die Schatten der Vögel über die transparenten Wände, Gitarre und Akkordeon begleiteten die Eröffnung einer Ausstellung. Das hatte uns der Vater einfach vorenthalten, er hatte nur was von Konzert gemurmelt.

Über Nichtvergessen und Leichtigkeit: Eine Ausstellung von Gerd Kanz im Christus-Pavillon Kloster Volkenroda.

„Maler sind gewissermaßen Gärtner im philosophischen Raum. Maler und Gärtner graben den Boden um und erkunden dessen Beschaffenheit, ehe sie etwas ganz Bestimmtes hineinpflanzen, immer in der Hoffnung, es möge gerade dort gut gedeihen. Manchmal pflanze ich Fragen und manchmal wächst daraus eine Antwort. Ich male und pflanze und staune über das Wachsen der Dinge“, wird Kanz im Begleitheftchen der Ausstellung zitiert.

Verletzungen, Enttäuschungen, Angst, Verluste und Schmerzen gehören unauslöschlich zur menschlichen Existenz und es gehört zum Leben, diese zu bewältigen. Die Bilder wurden mit Ölfarben auf Holz gemalt, die Strukturen ergeben eine Tiefe als dritte Dimension, die mit dem Meißel in das glatte Holz hineingegraben wurden, so dass Linien als Narben und Risse entstanden.

Auf dem Feuerlöschteich installierte der Künstler Flügelwesen.

Wir blieben noch eine Weile im Innenhof des Pavillons sitzen und folgten dann der Einladung von Petra Arndt, sie in ihrem Atelier zu besuchen, das sich zwei Häuser weiter im alten Konsum von Volkenroda befand.

Die Bilder von Gerd Kanz bleiben bis zum 1. September in Volkenroda, wer dort in der Nähe ist, es lohnt sich. Wirklich.

 

In Bayreuth unterwegs

Es gibt Sommerorte und Winterorte. Nachdem ich ein einziges Mal in Bayreuth war, während des Winters, zog mich dort einfach nichts hin. Ich fand die Stadt kalt, grau, steinern, abweisend.

Der Markgraf auf dem Markgrafenbrunnen in Bayreuth.

Gestern war ich noch einmal dort, hatte am späten Nachmittag einen Termin und noch gut zwei Stunden Zeit. Tatsächlich wirkte die Stadt auf mich ganz anders. Es gibt wohl Orte, die unter der Sonne richtig aufblühen. Sie räumen das Mobiliar auf die Straßen, lassen eine leise Brise vorüberziehen, Musik perlt durch offene Fenster, die Vögel singen ihre Melodie dazu, ein leichter Duft nach geröstetem Kaffee liegt in der Luft und lässt mich am Tisch Platz nehmen. Ja, ein Milchkaffee bitte.

Leises Gemurmel an den Nachbartischen, von irgendwo schwebte ein Hauch nach Zigarre. Am Nebentisch zeichneten zwei junge Frauen die steinernen Fassaden auf Papier, erst ganz hingegeben, bis eine von ihnen den Stift auf den Block warf: Bin voll unzufrieden, das wird nichts, sie fährt sich mit den Fingern durch die halblangen Haare und genießt den Widerspruch ihres Gegenübers.

Vor den Geschäften werden die Sonderangebote gelüftet, doch bei Sonnenschein mag niemand in halbdunkle Läden tauchen.

Am anderen Nebentisch berichtet eine, wie ihre Mum übelst ausgerastet ist. Dabei hat sie doch nur vergessen, sich um einen Termin zu kümmern. Aber ich hasse es, wenn jemand so an die Decke geht, erklärt sie ihrer Begleiterin. Man kann das doch auch normal sagen. Jetzt fahre ich die nächsten vier Wochen bestimmt nicht nach Hause, dort geht mir ohnehin alles auf den Keks. Komplett-Eskalation nannte sie es.

Das alles funktioniert aber nur, wenn es draußen warm genug für kurze Ärmel ist. Pfeift dagegen ein eisiger Wind durch die Gassen, regnet es gar oder wird winterlich kalt, werden die Statuen eingehaust und in Bretter gehüllt. Die Menschen dagegen ziehen sich dicke Jacken an und bleiben doch lieber in ihren Stuben hocken. Dann werden auch die Fassaden wieder grau, sandsteingrau, betongrau und die Straßen asphaltgrau, granitgrau und basaltgrau.

Vielleicht komme ich ja jetzt öfter her.

Happy World Bee Day!

Mein Großvater hatte Bienen im Garten und für diese extra ein Bienenhäuschen. An zwei Seiten waren die Bienenbeuten, der Gang hinter ihnen ging gewissermaßen ums Eck. In der gegenüberliegenden Ecke war eine kleine Kammer: Dort stand neben Honigschleuder ein altes Sofa, ein Tisch und ein Stuhl. Die Fenster ließen sich mit Holzläden verschließen. Wollte ich trotzdem nach außen gucken, gab es darin kleine runde Löcher, mit einer Klappe verschlossen. Schob ich sie zur Seite, war der Blick auf Waldrand und Vogeltränke frei.

Ein Imker bei der Arbeit.

Weil hier leere Bienenkästen herumstehen und sie bisher niemand für sich beansprucht, spitze ich dem örtlichen Imker ein wenig über die Schulter. Heute waren wir zur Schwarmkontrolle unterwegs. An jedem Kasten wurde der Deckel gelüftet und jedes einzelne Rähmchen herausgeholt. Der prüfende Blick galt den Weiselzellen, also den großen Zellen, in denen Bienen ihre Königin heranfüttern. Um der Varroa-Milbe Herr zu werden, wurde auch ein Teil der Drohnenbrut entfernt, da diese von der Milbe häufiger besiedelt werden. Mit der Störung waren die Damen nicht ganz einverstanden, zumal heute – dank des feuchten Wetters – die Sammlerinnen ebenfalls innen saßen. Sie krabbelten drei Bienen hoch übereinander, summten manchmal recht laut und stachen gelegentlich zu. Auch wenn der Imker die meisten Bienenstiche klaglos in Kauf nahm, zwei davon bekam ich auch. Wir haben noch ein wenig über eine Bienenstich-Therapie gewitzelt, vielleicht ist das irgendwann der nächste Hype und wir sind sozusagen als Trendsetter unterwegs.

Der 20. Mai wurde übrigens von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum World Bee Day, zum Weltbienentag erklärt.