AugenBlicke – das Füllhorn

Zwei kurze Episoden von mir sind in Projekt *txt, einer Anthologie erschienen: (Klick auf den Link) , es hat zwar lange gedauert, das heißt aber nicht, dass es jetzt schlecht ist.

Heute morgen habe ich mich zum Schreiben verabredet, schreibe ich gemeinsam mit anderen, entstehen intensivere Texte. Woran das liegt? Keine Ahnung, vielleicht schwirren ja irgendwelche kreativen Inspirationen in der Luft und manifestieren sich dann auf dem Papier? Ich verfolge ja seit Wochen eine Idee, nähere mich immer wieder, asymptotisch gewissermaßen, schleiche um sie, finde Worte für Bilder, für Szenen, schreibe und streiche, verschiebe und verdichte. Lasse die Regenwürmer unter dem Gras hustend den Sand zur Seite schieben, bis sie an den Scherben der Vorfahren abbiegen müssen. Was bleibt? Was bleibt, wenn ich alles aufhebe, alles bleibt in mir, verborgen, dem Blick entzogen, der Luft, dem Licht, es ist in mir, wandelt sich, bis nach der Zeit nur Schwärze bleibt. Es bleibt für die Augen unsichtbar, Sicht ist etwas, das nur nach außen gelingt, innen finden wir mit geschlossenen Lidern unseren Irrweg, suchen zwischen Wurzeln einen Ausweg, halten nichts fest. Das Gras schwankt und der Wind verrührt Grün mit Himmelblau, wenn die Nachtigall den Tag herbeisingt, sie braucht dafür drei fremde Federn, einen Luftsprung und ein Eichhörnchen, das schon morgen nicht mehr weiß, wo sein Schatz vergraben liegt.

Rites de passage – wer loslässt, hat die Hände frei

Ich bin alleine, zunächst erst einmal, bis ich nach Nordhessen fahre. Da die Katze nur auf dem Sessel döst und nichts von mir will, nutze ich die plötzlich vorhandene Energie und räume ein Regal aus, wische Staub und sortiere nur das wieder hinein, was bleiben darf. Alles andere kann weg. Selbst bei den Büchern überlege ich, bei einigen wenigstens, stelle sie aber trotzdem zunächst zurück. Vielleicht sortiere ich später weiter. Im Papiermüll landen: Zwei Ordner mit Zeitungsartikeln, ich hatte sie zunächst aufgehoben, um die Abrechnungen zu prüfen, später, naja, vielleicht brauche ich ja mal Arbeitsproben. Jetzt sind sie weg.

Zwei Fotoalben. Ja, voll mit Fotos. Und nein, ich will sie nicht mehr. Da sie nicht in den Papiermüll gehören, war die Restmülltonne genau richtig.

Jeweils ein Stapel „Federwelt“ und ein Stapel „TextArt“ liegen noch im Flur. Wenn sie niemand mag, kommen sie noch in die Papiertonne.

Zwei Erinnerungsstücke, Geschenke meiner Eltern, noch aus der Jugend. Wie fast alle Geschenke von ihnen sind diese im Prinzip zu nichts nütze. Also weg damit.

Die Nähzeitschriften habe ich der Jüngsten hingelegt. Sie ist seit ein paar Tagen fertig ausgebildete Schneiderin und kann selbst entscheiden, ob sie diese behalten mag oder wegwirft.

Dann habe ich noch alte Kalender entsorgt, solche, wo jede Woche ein schönes Foto mit sinnvollem Spruch, und, was soll ich sagen? Ich erinnere mich an kein einziges Blatt. Ich denke, da kann ich mir den Kalender für das kommende Jahr auch sparen.

Wer loslässt, hat die Hände frei.

Es ist ein ganzes Sammelsurium, das sich so im Verlauf vieler Jahre so ansammelt. Was bleibt, wenn nichts mehr zählt? Was ist wichtig, was darf bleiben, was wird tatsächlich gebraucht und was ist einfach schön, aber unnütz? Welche Dinge dürfen kommen und bleiben, gerade von denen, die nicht notwendig sind, sondern einfach nur nice Scheiß?

Ich will keine Kisten mehr, keine Schubladen, in denen ich den Krempel in die Finsternis wegsperren kann. Dort vermehrt er sich, wie es scheint, kommt langsam aus den dunklen Ecken gekrochen, robbt sich auf den Küchentisch, erobert von dort Sessel und Regal, bis ich ihn fange und zurück in die Kiste schubse. Oder ich wähle gleich den Mülleimer, ohne temporären Schubladenumweg.

Weg damit.

AugenBlicke #2

Im Traum jage ich einer Idee hinterher, doch es reicht nicht, sie ins Wachsein zu ziehen. Der Kaffee ist schneller, im Wachen verziehen sich halbdunkle Gedanken lieber, bleiben einzeln für sich, wollen nicht ans Licht. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob nur die Zeit für den Traum zu knapp oder die Gedanken ohnehin von der Sorte, die nur schwer zu fassen sind. Ich gehe raus, in das, was heute Natur genannt, doch von Menschen bearbeitet, kultiviert wurde. Dort bin ich Teil von allem, bin auch Leben, keine Kunst.

Im Wald ist Werden und Vergehen gleichermaßen vereint, die Bäume werden grüner, das alte Laub zu ihren Füßen gleicht mit jedem Tag dem Erdboden ein wenig mehr, sinkt in diesen ein, verwächst, wandelt sich.

Erinnert sich noch jemand an den Sonntagsspaziergang? In Werktags geschonter Sonntagskleidung waren Eltern und Kinder unterwegs, die einen an der Hand der anderen, zugehörig, festgehalten, Gelegenheit, bei Sonnenschein den guten Rock, die gebügelte Hose herauszuziehen, mit Sitte und Anstand zu gehen, durchs Dorf, am Dorfrand entlang: nicht rennen, schon gar nicht hinfallen, nicht im Dreck spielen, nicht schmutzig werden. Der ganze Weg ein einziges Passauf und wer sich nicht fügen wollte, wurde an die große Hand genommen, aus der es kein Entrinnen gab, der Zugriff fest, die kleine Hand umschlossen.

 

AugenBlicke #1

Habe gestern den Tag zu ungeduldig begonnen, mit dem Kaffee in der Hand geplant und in den Ideen und Möglichkeiten von weit weg zu lieber näher dran gewechselt. Welcher Weg wäre demnach am Vatertag, am Männertag, an Christi Himmelfahrt besser geeignet, als der, der an eine Seherin erinnert: Vor mehr als 700 Jahren sagte Sybilla Weis voraus, dass Frauen einst Hosen tragen und große Maschinen durch die Luft fliegen werden.

Ob es stimmt? Keine Ahnung. Wer hätte denn geglaubt, was heute gilt? Kein Denken im Futur II, sehe ich doch oft noch nicht einmal das, was gegenwärtig ist. Weit vor den Windrädern warnten Schilder vor „Eisschlag“, ein leises Surren hängt in der Luft. Doch es ist kein Wespenschwarm, es ist das Summen der Energie, die Produktion von Elektronen durch Drehung. In unregelmäßigen Abständen knackt es laut, wie ein Knall, von der Sonne erhitzt dehnt sich das Material in zugewiesenen Toleranzen und baut Spannungen ab.
Die Flügel rotieren in der Mailuft, Wolkenhochdrüber und die kleine Tür ist der Eingang zu einem sehr sauberen und abgezirkelten Reich. Gedreht vom Wind, rundum, immer um die Nabe, hier oben weht mindestens ein Lüftchen, wird es zum Sturm, krallen sich die Bäume rundum mit ihren Wurzeln fest, halten die Erde, halten sich in der Erde. Dem Windrad bleibt dieser Widerstand nicht, es steht statisch, muss sich auf errechnete Zahlen verlassen. Stimmen diese mit der Wirklichkeit überein, hält es stand, wenn nicht, liegen 7.000 Tonnen Schrott im Wald.