Stolpernde Zeiten

Die Zeit scheint zu stolpern: Wache ich morgens auf, ist es in der Wohnung gewohnt kalt, so lange, bis das Feuer im Ofen glüht und den Rest der Räume wärmt. So weit ist es wie immer, auch der morgendliche Kaffee, das Warten der Katze auf den Rest vom Joghurt, die Lektüre von Zeitung und News ist gleich. Alles scheint wie immer, doch die Zeit hat sich geändert, fast unmerklich. Ich brauche nicht mehr zu fahren, kann (fast) alles von zu Hause aus erledigen. Dabei verschwindet die Zeit, stiehlt sich davon, ich muss nachsehen, welches Datum wir haben und der Wochentag ist allein deshalb wichtig, weil ich nicht am Sonntag vor verschlossenem Laden stehen will.

In dieser Zeit – und schon zuvor – rückte das Virus näher, langsam, vom: Was geht es mich an, ob in China ein Sack Reis fällt oder eine Fledermaus auf dem Teller landet, über: ach, da kam jemand aus China zurück und ist krank, bis hin zu: ups, im Landkreis hat sich auch jemand angesteckt, ebenso der Onkel eines Bekannten. Obwohl etwas noch weit weg scheint, betrifft es mich trotzdem, schließlich werden in China auch Sachen gefertigt und hierher transportiert, die ich – vermeintlich – brauche.

Wir sind weder unverwundbar noch unsterblich. Welch eine Kränkung.

Manche Dinge sieht man jetzt wie unter einer Lupe

Wir begreifen langsam, dass es Dinge gibt, die sich kaum beeinflussen lassen, oder doch, wenn wir Abstand halten, keinen sozialen, sondern realen, in Zentimetern und Metern messbar, ein unüberwindlicher Graben für das Virus, auf dass es nicht zu uns kommen möge, oder wenn schon, dann nicht jetzt, sondern später. Vielleicht.

Seit über einer Woche gilt eine Kontaktbeschränkung, wir dürfen noch nach draußen, spazieren, einige tausend Schritte am Abgrund entlang, doch bitte alleine oder höchstens zu zweit.

Ich habe Glück. Wir haben ausreichend Platz, leben seit dem vergangenen Sommer zu zweit auf genügend Raum. Ich bin schon immer Team Stubenhocker und Leseratte, solange ich zwischen zwei Buchdeckeln wohnen kann, vermisse ich nichts. Fast nichts. In meiner Fantasie reise ich durch Zeiten, Länder und Welten und es stört mich nicht, dass die täglichen Wege ziellos sind.

Es gibt keine Ziele mehr. Und damit keinen Grund, mit dem Auto irgendwohin zu fahren, der Bierkeller ist ebenso geschlossen wie Eisdiele und Freibad. Alles, was nicht notwendig ist, hat zu. Das Gras wächst überall gleich, die Ameisen laufen emsig, der Specht hämmert über mir und in der Ferne tuckert ein Traktor. Zitronenfalter flattern umher, die Vögel zwitschern und uns bleibt nichts weiter übrig, als ebenso ziellos geschäftig zu sein, besorgt um Wohnung und Futter. Selten sah ich auf den Wegen so viele Menschen, die spazieren, gehen, schlendern. Jetzt heißt es: Wir gehen mal raus und alles Quengeln nach Zielen nutzt nix, weil die Ziele gesperrt sind, selbst wenn es der heimische Spielplatz ist.

Am Weiher

Jetzt ist das Bänkchen das Ziel, das, zufällig entdeckt, mitten im Wald am Weiher steht, in der Sonne, ringsum der Duft nach Kiefern.

Die Natur atmet auf, nicht nur in Venedig, doch mir scheint, es wird keinen Bestand haben. Alles erinnert mich an den Tsunami, damals, 2004, als sich das Wasser zurückzog, den Meeresboden freigab, noch hatten die Menschen Boden unter den Füßen, solange, bis das Wasser mit Wucht zurückkam. Wird die Wirtschaft wieder losgelassen, entfesselt, wird sie vermutlich weiter toben wie bisher, über Befindlichkeiten von Tieren, Pflanzen und Ökosystemen hinweg.

Es ist eine Stresssituation, für alle, nicht nur für die Erkrankten. Und so zeigt sich in dieser stolpernden Zeit, bei wem der Lack der Zivilisation und der Menschlichkeit nur oberflächlich haftet, sofort abplatzt, sobald Bewegung ins Spiel kommt. Ohne ausreichenden Haftgrund ist das eigene Hemd näher als die Not der Schwachen.

Nein, es war noch nie genug für alle da: Das im Notfall offenbarte Defizit ist ein Strukturelles, es macht sichtbar, wovon es in der Gesellschaft schon immer zu wenig gab. Verstärkt hat sich das in den Jahren, in denen nicht Mitmenschlichkeit und Zuwendung, sondern Wirtschaftlichkeit und Zertifizierung stärker gewichtet wurden. Jeder Ablauf, jeder Prozess kann als solcher optimiert werden, fehlerfrei abgespult werden, völlig unabhängig davon, ob das Ergebnis sinnvoll ist. Jetzt gibt es Beifall und Lob für diejenigen, die ihre Arbeit für wenig Geld erledigen, die plötzlich systemrelevant wichtig sind.

Was wird sein, wenn das alles vorbei ist? Gehen wir dann nahtlos zur – unterbrochenen – Tagesordnung über, lassen wir das Primat der Wirtschaft weiter gelten?

Ich hoffe nicht, aber ich weiß auch, dass meine Hoffnung zu klein ist, dass ich alleine zu wenig bin, dass Menschen etwas zu sagen haben, denen meine Meinung selbst dann egal ist, wenn ich laut werde. Hat jemand auf die „Fridays for future“ gehört?

 

Tagebuchbloggen am 5. März

Tja. Heute ist schon ein Tag später. Das liegt einfach daran:

Aufstehen, Kaffee trinken, über Biotopkartierung schreiben, Sachen packen, losfahren, drei Kurse geben, in der kurzen Pause zwischendrin lüften, Wasser trinken, durchatmen, im Regen schnell Obst und Käse kaufen, die Lieblingshausziege von der Arbeit abholen, mit ihr gemeinsam essen, es gibt Nudeln mit Gemüse und Kaiserschmarren mit Espresso als Nachtisch, dann gehen wir noch kurz zu ihr hoch, trinken einen Tee bevor ich wieder fahre, zurück nach Hause, Laptop schnappen, in die Geschäftsstelle der Grünen zur Vorstandssitzung fahren, dort lange diskutieren und schwätzen, spät heimkommen, kurz aufs Sofa und dann ins Bett.

Heute beginnt der Tag ebenso früh, ich habe quasi gleich nach dem Kaffee einen Termin mit einem Allianzmanager, weil das Amt für Ländliche Entwicklung Projekte fördern will und die Anträge dafür bis Ende März eingereicht werden müssen. Das ist sportlich knapp.

Deswegen fasse ich mich hier auch kurz.

Was die anderen Blogger so am 5. März gemacht haben, bitte sehr, hier entlang: Bei Frau Brüllen lässt sich das genau nachlesen.

Bahnfahren

Der Winter atmet noch einmal aus und überzieht alles mit seinem Raureif, hüllt Gräser in weißen Hauch. Sie sehen aus wie frisch gezuckert, doch wer ein Blatt in den Mund nimmt, lutscht bittere Kälte.
Was ist verschwunden? Die Schienenstöße, die den Rhythmus des Reisens bestimmten, das ohrenbetäubende Quietschen der Zugbremsen, das Pfeifen der Lokomotive vor jedem Bahnübergang. Wolkenweichzeichner hängen zwischen Baumwipfeln, der Tag räkelt sich unter der Decke, zieht sie sich über den Kopf. Trotzdem drehen sich die Uhrzeiger weiter, fahren die Züge wie im Fahrplan vorgesehen, wacht das Licht mit Druck auf den Schalter auf, erhellt den Raum, kriecht unter die Lider der Schlafenden, stört die Träume, auf dass sie kein gutes Ende finden.
Auf dem Platz neben mir erledigt eine Frau ihre Korrespondenz, schreibt E-Mails in Briefform. Sie hält den Laptop auf dem Schoß, weg vom Mittelgang und damit mir zugewandt, ich könnte mitlesen, mag aber nicht. Weiter vorne prosten sich Menschen zu – Stößchen – und tragen Käppchen als kleine Hüte, obwohl noch kein Fasching ist.
Jetzt, in dieser Zeit, in der Samen in der Erde ruhen, nutzen die Maulwürfe sämtliche Gelegenheiten, werfen ihre Haufen auf der Oberfläche ab, schließlich werden jetzt weder Wiesen gemäht noch Felder gepflügt. Genauso brauchen Menschen ihre Ruhe; nur dann können die Geister der Vergangenheit aus der Tiefe steigen, Verwerfungen werden sichtbar und die Wahrnehmung verschiebt sich. Wer ständig tätig ist, muss auf den Augenblick achten, sonst setzt der Maurer den Stein falsch, der Schuster die Naht schief oder der Bauer wird von der Kuh getreten. Diese Art der körperlichen Konzentration lässt sich nur in langer Übung erlernen.
Auf einer Wiese parken Autos, Anhänger, Pferdeanhänger. Menschen, Reiter, Pferde stehen neben ihnen, blasen weiße Wölkchen in die Luft. Wie es aussieht, fahren die Pferdebesitzer ihre Tiere nach irgendwo, laden sie aus, satteln sie, reiten, satteln wieder ab, packen die Tiere wie Spielzeug ein und fahren nach Hause.
Ein Stück weiter steht eine Traktorenversammlung im Wald, mit Hängern und Holzstücken,
Das ist nur ein IC, der fährt ohne W-LAN, monierte ein Reisender in sein Telefon, der Zug als solcher braucht es vermutlich nicht, wohl aber die Menschen, denen die Aussicht auf die Welt am Fenster zu wenig ist.

 

An Übergängen hat sich Wildnis ausgebreitet, zwischen zwei Feldern, zwischen höheren und tieferen Ebenen, zwischen Bahngleisbett und Feld oder Ortschaft, an Hängen.
Beton bekommt keine Patina. Beton wird schwarzgrün von Mikroorganismen überzogen, auf dem Geflecht bleibt Staub hängen, Blütenstaub, dieser ergraut und fault mit der Zeit.
Im Netz schrumpfen Entfernungen auf Millisekunden, es ist nie leer, sondern unendlich weit. Es gibt keine letzte Seite, es gibt immer noch eine weitere und es fühlt sich seltsam an, wenn eine Meldung aufploppt, in der es heißt: Sie haben alle Beiträge der letzten zwei Tage gesehen. Really? Das war alles? Mehr gibts nicht? Das kanns doch aber nicht gewesen sein, oder?
Jeder Zug hat einen genau definierten Anfang, dort werden die Wagen zusammengestellt, eingesetzt und fährt los. Mit dem Zug reisen ist geschenkte Zeit. Im Auto muss ich selbst aufpassen, stehe im Stau, fahre langsam oder schnell, bin vermeintlich Herr über den Ablauf und doch allen Widrigkeiten ausgesetzt. Ich habe die Hand am Steuer und das Navi reguliert die Ankunftszeit nach meiner Geschwindigkeit, ich komme immer pünktlich, sogar dann, wenn ich meinen Termin verpasse.
Die fest definierte Abfahrts- und Ankunftszeit der Bahn gilt dagegen über die gesamte Gültigkeit des Fahrplans. Jede Unpünktlichkeit kann somit genau registriert werden und führt zu Meckerbedarf.

Wer nicht hören kann, muss fühlen? (Werbung, weil Namen genannt werden)

Nein, so schlimm ist es nicht. Ohrenschmerzen sind aber so eine Sache, die kenne ich und die will ich nicht, noch nicht mal für ein halbes Stündchen. Das Ohr an sich ist ja schon eine komplizierte Angelegenheit: Während es außen auf den Lauschlöffeln ausreichend Platz für Löcher, Piercings, Ohrringe und anderen Schmuck gibt, versteckt es sein kompliziertes Innenleben aus winzigkleinen Knöchelchen innen. Wie auch immer, der Biologieunterricht ist lange her und solange die Ohren quasi ungestört und damit unbemerkt ihrer Arbeit nachgehen, ist alles in Ordnung.

Sie fangen zuverlässig den Schall aus der Umgebung ein, ob ich das will oder nicht. Ohren lassen sich nicht einfach verschließen, sie hören das Rauschen des Meeres, die Rufe der Möwen, aber auch das Hupen des Transporters, der damit den Radfahrer vom Weg scheuchen will. Funktioniert alles passabel, merken wir das kaum, wichtige Geräusche werden markanter wahrgenommen als allgemeines Hintergrundrauschen.

Die Ohren lassen mich in Ruhe und ich sie ebenfalls, ich wasche sie und putze das, was sie an Ohrenschmalz von innen nach außen schieben, vorsichtig mit Ohrenstäbchen weg. Daher hatte ich keine Ahnung, dass es solche Dinge wie Ohrenkerzen gibt – und wäre ihnen auch nicht begegnet, wenn Katrin Wiesneth nicht gewesen wäre. Ich kenne sie schon länger, wusste auch, dass sie eine eigene Praxis in Frauenaurach bei Erlangen hat. Und weil ich neugierig bin und Angeboten nur schwer widerstehen kann, haben wir einen Termin vereinbart und ich habe sie ausprobiert.

Rechts die beiden Stäbe: Das sind Ohrenkerzen.

Ohrenkerzen sind aus Bienenwachs, erklärt die Heilpraktikerin. Sie sind innen hohl, leicht trichterförmig geformt und vielleicht etwas mehr als 20 Zentimeter lang.

Ob ich vorher Ohren putzen sollte? Katrin lacht über meine Frage. Saubere Ohren sind ihr nicht wichtig. Dafür will sie wissen, ob ich ein Loch im Trommelfell, Paukenröhrchen oder Implantate habe und inspiziert jedes Ohr mit dem Otoskop. Alles ist in Ordnung. Ich darf mich auf der Liege ausstrecken und zunächst auf eine Seite legen. Die Heilpraktikerin zündet die erste Ohrenkerze an und steckt sie in mein rechtes Ohr.

Es knistert leise, wie bei einem weit entfernten Lagerfeuer. Ich liege entspannt, Katrin hält die Kerze und passt auf, dass nichts heruntertropft. Als die erste Kerze abgebrannt ist, drehe ich mich um und bekomme die zweite Ohrenkerze in das andere Ohr. Hinterher sind beide Ohren von innen schön gewärmt, ebenso ein Teil des Gesichts.

Katrin Wiesneth mit den Ohrenkerzen.

Brennt die Ohrenkerze langsam ab, wird die Durchblutung verstärkt und ein leichter Unterdruck wirkt auf das Trommelfell. Dieser ist wirklich sanft und reicht längst nicht aus, um eventuell vorhandenes Ohrenschmalz aus dem Gehörgang zu ziehen. Bei chronischem Schnupfen, langwierigen Erkrankungen der Nebenhöhlen, aber auch bei Kopfschmerz und Migräne können Ohrenkerzen helfen und sorgen für eine bessere Belüftung zwischen Nase und Ohr. Sie können selbst bei Kindern angewendet werden, sagt die gelernte Krankenschwester, vorausgesetzt, sie bleiben zehn Minuten still auf einer Seite liegen.

Alles zusammen dauert etwa zehn Minuten pro Ohr, dazu kommt noch ein kurzer Moment zum Nachruhen. In den nächsten 24 Stunden soll ich weder tauchen noch mit offenem Fenster Auto fahren, ermahnt mich Katrin. Dann bin ich draußen und fahre vergnügt nach Hause.

Lieblingsblogger in Leipzig

Ich bin ein Lieblingsblogger. Sagt Susanne und fragt im Hotel nach, ob ich – da alles ausgebucht ist – das Bett neben ihr belegen kann. Also packe ich nicht nur meinen Koffer für ein Wochenende, sondern auch zwölf kleine Tüten mit Minzcrossies. Wer sie nachmachen will, bittegerne, am Sonntag wird das Rezept auf den fränkischen Tapas nachgeliefert.

In Leipzig waren wir recht schnell, das Navi hat uns zielsicher zum Hotel gelotst und zum ersten Programmpunkt ging es mit dem Leipziger Nahverkehr. Dass mit S-Bahn nicht die Straßenbahn gemeint war, haben wir erst nach einer Weile gemerkt, vielleicht lag es auch daran, dass alle miteinander geredet haben.

Warum Ossis immer sofort wüssten, wann ein Wessi vor ihnen steht, wunderte sich eine der Bloggerinnen, als wir schließlich auf dem richtigen Bahnsteig standen und auf die S-Bahn nach Möckern warteten. Nun, dafür gibt es deutliche Anzeichen, Wessis senden feine Signale aus, unbemerkt von ihnen selbst und dafür von Ossis deutlich wahrnehmbar. Es ist ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Kolonialisierung, Bevormundung, Besserwisserei, die in der Regel aus Unkenntnis entspringt und sich nicht wirklich für den anderen interessiert. Warum auch, haben wir doch als Ossis selbst gerne dazu beigetragen, haben uns bemüht, so sehr, dass wir fast bessere Wessis geworden wären. Fast.

Vielleicht lässt sich das mit dem Besuch der Schwiegermutter vergleichen, die, kaum ins Haus gelassen, sofort ihre Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit durchsetzen möchte, ungeachtet dessen, dass hier eine andere Familie das eigentliche Sagen hat.

In einem Interview mit der ZEIT hat Birgit Breuel, frühere Chefin der Treuhand, eingeräumt:  „In Westdeutschland wäre es nicht möglich gewesen, den Leuten eine Veränderung dieses Ausmaßes zuzumuten. Sie hätten das nicht durchgehalten.“

Im Atelier von Franziska Klee

Die Lieblingsblogger im Atelier von Franziska Klee

Den Freitagabend verbrachten wir im Atelier von Franziska Klee, sie erzählte viel von sich und ihren Taschen, Rucksäcken, Schlüsselbändern und dem Leder, das sie für ihre Produkte verwendet. Anschließend ging es nach nebenan, ins le caphe, das extra für uns geöffnet hatte. Es gab vietnamesisches Essen, alles war familiär und einfach wunderbar. Auch hier blieb genügend Gelegenheit für Austausch über all das, was uns interessierte, es war einfach Zeit.

Gleich gibt es Abendessen im Le Caphe

Das Frühstück am nächsten Morgen gab es im Cafe Cantona, es war gut und die Toilette im Keller. Ich nahm auf dem Weg dorthin eine Nase voll Luft, so wie immer, ich stelle ja das Atmen nicht ein, nur weil ich eine Treppe nach unten gehe – und landete in der Vergangenheit, alles nur, weil ein leichter Hauch an Kohlenstaub in der Luft lag, kaum wahrnehmbar und unverkennbar für mich. Später stand eine der anderen Bloggerinnen vor dem Cafe und sinnierte, ob abends in den Räumen geraucht würde. Für sie war der Geruch ein anderer, sie roch Zigarettenrauch, keinen Braunkohlenstaub.

Feinkost Leipzig

Nach den Stadtrundgang, unter anderem bei Feinkost Leipzig, der Mädler-Passage mit Auerbachs Keller und einem kurzen Imbiss ging ich noch kurz in die Nikolaikirche und durch die Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum, dann war Zeit für unser Barcamp und den Austausch der Goodie-Bags, jede hatte schließlich für jede eine Kleinigkeit mitgebracht. Wer eine Frage hatte, konnte sie stellen, es wurde nicht nur gefachsimpelt, sondern auch über den Tellerrand hinaus geschaut.

Immer wieder wurden Fotos gemacht

Den Sonntag beschlossen wir im Kunstkraftwerk Leipzig, inzwischen hatte sich Regen eingestellt und spielte uns gewissermaßen den feuchten Kehraus.

Vielen Dank für das wunderbare Wochenende.

Das obligatorische Bild aller Füße rund um einen Kanaldeckel.

Mit dabei waren:

Susanne von Ichlebejetzt! Inka von blickgewinkelt, Cora von Raumideen.plus, Annette von Blick7Yna von Ynasdesign, Sibylle von Billas Welt, Steffi von Stefilicious, und Anja von Lebenistansteckend.

Für diesen Beitrag wurde ich selbstverständlich nicht bezahlt. Ich setze die Links einfach für bessere Vernetzung, vielleicht mag ja jemand stöbern gehen.

Tagebuchbloggen am 5. Oktober

Draußen war es noch recht dunkel, doch die Katzen benahmen sich wie kleine Kinder und beschlossen, dass die Nacht jetzt vorbei sei. Also goss ich mir einen Kaffee auf, setzte mich an den Küchentisch und las Zeitung. Unarten muss ich ja nicht mit Futter belohnen, oder?

Der Mitbewohner blieb jedoch noch anderthalb Stunden liegen, bevor er seine Tasse mit Kaffee füllte und sich zu mir setzte. Das Wetter war wolkenverhangen, genau richtig, um in der Wohnung herumzukruschen. Da frische Burgerbrötchen im Backofen lungerten, habe ich rote Zwiebeln in dünne Ringe geschnitten und in der Pfanne glasiert. Für das Innenleben haben wir rote Linsen gekocht. Als diese abgekühlt waren, war auch kein Wasser mehr im Kochtopf. Also haben wir sie noch gewürzt, passend zur Größe der Burgerbrötchen zu kleinen Pattis geformt und in der Pfanne gebraten. Ja, es hat funktioniert, es war kein Matsch, da ich sie jedoch etwas trocken fand, gibt es da noch Verbesserungsbedarf. Wir werden weiter probieren.

Rote Zwiebeln in der Pfanne. Damit sie gut schmecken, kommt noch ein Löffel Honig dazu.

Schräg über die Wiese hinweg entsteht etwas, das nach einem Hochbunker aussieht: Ein sehr weißes, sehr kubistisches Gebäude mit dunklen und quer liegenden Fenstern, die mich doch sehr an Schießscharten erinnern. Dort haben am Vormittag die Fliesenleger Fliesen zersägt, am Nachmittag ist der Nachbar mit dem Rüttelfrosch stundenlang über seine künftige Einfahrt spaziert. Immer wenn ich dachte, oh, prima, jetzt ist Ruhe und jetzt könnte ich mich ganz entspannt an den Computer setzen, lärmte er weiter. So konnte ich mich nicht konzentrieren, jedenfalls nicht an meinem gewohnten Arbeitsplatz. Menno.

Weil der Mitbewohner morgen Besuch zum Essen erwartet, war er heute mit Küchendienst dran. Die Katzen schlichen ihm immer wieder nach, schauten, ob was abfällt und guckten ihn ausdauernd an, immer in der Hoffnung, dass er ihnen etwas gibt. Mit der Zeit schlich ein leckerer Duft durch die Wohnung und mir tropfte langsam der Zahn.

Seit vorgestern habe ich eine neue Maus, eine ergonomische und muss mich erst daran gewöhnen, wie damals bei der ergonomischen Tastatur. Aber ich bin mir sicher, es dauert nur zwei, drei Tage und ich kann sie mindestens so gut händeln wie die vorherige.

Ich saß dagegen immer wieder auf dem Sofa – weil draußen Lärm, ihr erinnert euch? – und habe meine Buchrezension zu „gottgewollt“ (link) mit Bleistift auf Papier vorbereitet. Das Buch fasziniert mich schon sehr.

Der geplante Workshop in Nürnberg lässt sich ebenfalls mit Papier und Bleistift vorbereiten, schließlich kann ich noch mit der Hand schreiben. Überhaupt schreibe ich gerne eine erste Fassung auf Papier, nicht in den Computer, jedenfalls dann, wenn es ein Text ist, über den ich länger sinniere und den ich nicht einfach so heruntertippe, wie beispielsweise eine Gemeinderatssitzung.

Außerdem warte ich auf die Post und darauf, dass sie mir mein Belegexemplar von Echt Oberfranken (link) bringt. Für ein Interview mit einem Jäger bin ich Anfang September nach Pressig/ Grössau gefahren, dorthin, wo der Frankenwald am tiefsten ist und sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht wünschen.

Irgendwie ging damit der Samstag recht unspektakulär vorbei, ich gucke nachher in der Küche, ob ich was essbares finde, ohne dem Mitbewohner das Futter für morgen zu stibitzen, ich werde mich aufs Sofa setzen, einen Pulloverärmel für die Lieblingshausziege stricken, schließlich wird es bald Winter und ich werde sehen, was der Fernseher so an Programm zu bieten hat. Außerdem habe ich für morgen Appetit auf einen saftigen Schokoladenkuchen, der will noch gebacken werden.

Damit endet das heutige Tagebuchbloggen, oder, wie es bei Frau Brüllen heißt: WMDEDGT. 

 

Nicht auszudenken, nicht drüber nachdenken

Alltag ist wie alle Tage, das Leben funktioniert auf Autopilot und das ist gut so. Ich muss nicht alles hinterfragen, nicht über alles nachdenken, nicht alles neu erfinden. Alles im Fluss, gewissermaßen. Wäre da nicht dieser Stachel, der sagt: Das kann doch nicht alles gewesen sein, du musst doch immer wieder was neu und was neues und überhaupt kann doch nicht alles so bleiben, wie es ist. Das wäre doch Stillstand, Ruhe in Frieden oder so, das kann es ja nicht gewesen sein.

Ich erinnere mich, dass ich vor einiger Zeit einem Gedächtnistrainer zugehört habe, einem Trainer, der mir erzählen wollte, wie ich es anstellen kann, dass ich nicht mehr so viel vergesse. Dabei vergesse ich gar nicht viel, vorausgesetzt, ich habe es mir notiert. Das ist ein bisschen wie beim Spickzettel-Schreiben: Ist er fertig, brauche ich ihn nicht mehr. Eigentlich muss ich mir nicht mehr viel Neues merken, jedenfalls nichts, was anschließend abfragebereit im Gedächtnis verbleibt. Schule und Studium sind schließlich lange vorbei und das Internet erlaubt mir schnellen Zugriff auf Namen, Daten und Fakten. Die brauche ich mir nicht mehr zu merken, ganz egal, was der Geschichtslehrer damals behauptet hat.

Da allerdings das Gehirn ebenso faul wie andere Muskeln ist, gilt auch hier: Wer rastet, rostet. Soll das Denken gut funktionieren, braucht das Hirn Sauerstoff, Trinken und ausreichend Schlaf. So weit, so klar.

Dann allerdings zeigte der Gedächtnistrainer nur solche Tricks, die im Alltag völlig unbrauchbar sind: Ich brauche weder Zahlen durch 5 oder durch 9 zu teilen, falls doch, nehme ich einen Taschenrechner. Er erklärte, wie sich Vokabeln durch Bilder leichter einprägen: Adler frisst Igel, ergo Adler heißt Eagle. Diese Technik brauche ich nicht, ich kann dividieren und wenn ich Vokabeln lerne, lieber im Zusammenhang, in der Situation, in der ich sie auch tatsächlich anwenden kann.

Gedächtnisweltmeister trainieren so, sagte der Gedächtnistrainer. Ich will aber kein Gedächtnisweltmeister werden, ich will meinen Alltag leben. Dafür brauche ich weder Listen noch Zahlenreihen. Eigentlich will ich ja etwas anderes: Ich will Namen, Daten, Orte und andere Dinge nicht nur speichern, sondern die Informationen viel lieber kreativ verarbeiten. Der Alltag funktioniert genau deswegen so gut, weil er ja alle Tage gleich abläuft. Ich muss mir keine Gedanken über die Dinge machen, die gut funktionieren.

Allerdings hat der Alltag auch seine Tücken: Habe ich mich einmal für einen Ablauf oder eine bestimmte Reihenfolge entschieden, möchte diese, dass ich das immer so weiter mache. Glaube ich, dass ohne Kaffee am Morgen nichts geht, könnte es auch anders sein, es gab auch lange Jahre, in denen ich überhaupt keinen Kaffee trank. Es gibt Reihenfolgen, die sich als so sinnvoll erwiesen haben, dass sie nieundnimmernicht geändert werden. Wer zuerst den Boden putzt und anschließend die Krümel von Tisch und Arbeitsplatte wischt, muss sich nicht wundern, dass der Boden nur für kurze Zeit sauber war.

Manchmal begleiten Engel den Tag, den Alltag.

Nur wenn ich Alltag bei mir habe, kann ich aufmerksamer durch den Tag gehen, die kleinen Dinge wahrnehmen und achtsam sein. Haben sich meine Spuren auf alltäglichen Wegen tief eingegraben, kann ich sie verlassen, neue Wege gehen.

Selbstredend hatte der Gedächtnistrainer seine Bücher dabei und pries sein Seminar fürs Gedächtnistraining an, beides allerdings nicht kostenlos.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Projekt „Alltag“.

Tagebuchbloggen am 5. September

An jedem 5. des Monats versammeln sich alle Tagebuchblogger zum WMDEDGT, „was machst du eigentlich den ganzen Tag“ will Frau Brüllen wissen. Bitte, hier steht’s:

Hier habe ich nicht einen Wecker, hier habe ich fünf Wecker: Wird es draußen langsam dämmerig, finden die Katzen, dass ich doch jetzt genug geschlafen habe und es Zeit zum Aufstehen ist. Da ich anderer Meinung bin, ziehe ich mir die Decke über den Kopf und lasse sie nölen. Bequeme ich mich aus dem Bett, gibt es erst Kaffee für mich, bin ich damit fertig, Futter für die Raubtiere.

Mein Beitrag für die nächste Ausgabe von „Echt Oberfranken“ ist fertig, die Layouterin hat mir den Entwurf gemailt, damit ich noch die Bildunterschriften schreiben kann. Mitte September geht das Heft in Druck, irgendwann wird es dann auch im Zeitschriftenregal liegen.

Radfahrer über der Werra.

Weil es heute noch sonnig ist und sich für morgen Regen angedroht hat, telefoniere ich mit der Touristinformation in Wanfried, ob jemand ein bisschen Zeit für mich hat. Das kleine Städtchen diente nämlich Wagner als Inspiration für den Namen seiner Villa, er hat eben nur noch ein „h“ zusätzlich eingefügt, „Wahnfried“ eben.

Der Wanfrieder Hafen.

Am Hafen legen längst keine Lastkähne aus Nürnberg mehr an, nur noch Schlauchboote und Kanus, ich trinke in der Wirtschaft einen Kaffee und frage die Bedienung, ob sie was von Wagner weiß. Sie ist nur Aushilfe, antwortet sie, gibt mir die Speisekarte und sagt, dass auf den ersten Seiten etwas über die Hafengeschichte steht.

Die Kirche in echt war offen, hier steht sie als Deko in einem andernfalls leeren Schaufenster

Weil die Touristinformation Mittagspause hat, strolche ich durchs Städtchen, lese, was auf den Schildern über die alten Häuser steht, fotografiere. Weil die Kirche gerade offen ist, gehe ich hinein und krame in den dort zum Mitnehmen ausgelegten Büchern, finde die „Judenbuche“ von Droste-Hülshoff und nehme das schmale Bändchen mit. Die anderen Bücher waren eher erbauliche Texte, so à la: Gottesdienst ohne Pfarrer, erstaunlicherweise fand ich aber auch einen Koran und Bücher über weitere Religionen in der Kiste.

Das Rathaus von Wanfried.

Der freundliche Mensch in der Touristinfo hatte in der Zwischenzeit, seit meinem morgendlichen Anruf also, Texte über Richard und Cosima Wagner, Sekundärliteratur, zusammengefasste Werke über alles, was über die Namenswahl Wagners bezüglich seiner Villa bekannt ist, aus dem Archiv gesucht und schickt es mir per Mail. Wir unterhalten uns noch eine Weile, schließlich finde ich das Städtchen schick, obwohl viele Geschäfte leer stehen, auch wenn die Schaufenster dekoriert sind.

Noch ein dekoriertes Schaufenster, in diesem wird Werbung für die samstäglichen Stadtrundgänge gemacht.

Anschließend habe ich noch ein bisschen eingekauft und bin zurückgefahren, dieses Mal über die neu und immer noch nicht fertig gebaute Autobahn, das letzte Projekt der Deutschen Einheit. Ist schon irre, wie viel Erde dafür bewegt wurde, damit jetzt Kies, Beton und Asphalt in der Landschaft liegen.

Autobahnwahnsinn. Das war mal Landschaft, früher.

Ich schließe die Haustür auf und werde zum Dank von den Katzen angemault. Nein, jetzt gibt es erst einmal für mich was zu Essen, später seid ihr dran.

Erinnern. #lebenschreibenatmen

Bin ich in den Händen meiner Kamera, sehe ich anders. Ich achte mehr auf die Umgebung, als auf die Mitwanderer. Es ist ein genaueres Sehen, ein Wahrnehmen selbst unscheinbarer Nebensächlichkeiten.

Dabei entstehen eher Schnappschüsse, schnell und ungeplant, manchmal völlig vom Zufall geleitet, einer schönen Aussicht beispielsweise, in die sich ungefragt ein Zweig vom nahen Baum hängt, manchmal nehme ich aber auch gezielt ein Detail in den Fokus. Mich interessiert dabei oft nicht die offenkundige Schönheit der Landschaft, das, was im Glanz der Sonne sichtbar ist, sondern eher die unscheinbaren Dinge, die – wie das Moos am Baumstamm – lieber im Verborgenen wohnen und nur dem ihren Reiz offenbaren, der für einen Moment innehält.

Erinnere ich mich an Zurückliegendes, sind es oft die Bilder, die geblieben sind, auch wenn ich sie nur auf die Festplatte überspielt und kaum mehr betrachtet habe. Erst neulich war ich mit anderen unterwegs, knipste hier ein Blümchen und bannte dort einen Schatten, doch gleich, wie flüchtig diese Augenblicke auch sind, sie brennen sich gleichermaßen ins Gedächtnis ein, oft sogar mit den sie begleitenden Gedanken und Assoziationen.

Im gleißenden Sonnenlicht werfen die Schnörkel des Geländers einen ebenso verschnörkelten Schatten auf den Brückenasphalt.

Erinnere ich mich schreibend, tauchen ebenfalls Bilder auf, ich sehe mich als Kind, Jugendliche, irgendwo, rieche das gechlorte Wasser im Hallenbad, reibe mich unter der Dusche mit dem Stück Seife ein, spüre, wie die enge Badekappe aus Gummi an den Haaren ziept. Ich brauche nur manchmal einen kleinen Anstupser, wie beispielsweise im Cafe Weltenall, in dem allmonatlich in der Kategorie „Alltag“ eben jenes alltägliche, das andernfalls unbeachtete, versammelt wird.

Zu diesem kurzen Text kam ich durch den Beitrag von Pinkfisch: #lebenschreibenatmen, die in ihrem Blogpost das neue Buch von Doris Dörrie mit ebenjenem Titel mit einer Einladung zum Schreiben verbindet. Ob ich allerdings warten kann, bis feststeht, wer ein solches Buch gewonnen hat, das weiß ich noch nicht. Vielleicht kaufe ich es mir ja vorher selbst.

Samstag wird gebadet #Alltag

Wer erinnert sich eigentlich noch daran, dass auch der Samstag ein Schultag war? Zwar mit maximal vier Stunden deutlich kürzer als die Schultage von Montag bis Freitag, aber trotzdem fand in der Schule ganz normaler Unterricht statt.

Daher mussten auch meine Eltern – sie waren beide Lehrer – arbeiten. Mittags kamen wir alle nach Hause, und, weil schließlich Samstag war, gab es in der Schule kein Essen. Daher war Samstag Suppentag. Weiße Bohnen oder gelbe Erbsen wurden bereits am Freitag eingeweicht und kamen tagsdrauf mit Kartoffeln, Karotten und dem, was der Vater so im Kühlschrank fand, in einen Topf. Nunja, die Suppe traf selten meinen Geschmack, aber das war damals halt so.

War das Essen verputzt, wurde geputzt. In der Küche reckten die Stühle ihre Beinde nach oben, ließen sich von diesen die Flusen pflücken. Es wurde gefegt, gewischt und – war der Fußboden trocken – alles gebohnert und anschließend auf Hochglanz poliert. Der dafür genutzte Bohnerbesen war ein schweres Stück Metall mit Borsten untendran, ein Kugelgelenk verband Besen mit Stiel. Das typische Klackern verriet bei jedem Schwung, ob die Arbeit emsig verrichtet wurde. Waren die Pausen zu lang, schaute die Mutter misstrauisch ums Eck. Trödeln galt nicht. Bohnerte sie selbst, stellte sich manchmal mein kleiner Bruder als zusätzliches Gewicht auf den Bohnerbesen und ließ sich schieben, hin und her, klackediklack.

Bad putzen, Staub wischen, Straße fegen. Damals war alles auch Kinderarbeit, sprich: Mithilfe gefragt. Jedenfalls von mir und solange ich bei den Eltern gewohnt habe. Meine kleineren Brüder haben dagegen ihre jeweils eigenen Strategien entwickelt, der doch recht ungeliebten Hausarbeit zu entkommen. Bis heute. Aber darüber wird nicht geplauscht, jedenfalls nicht öffentlich.

Doch irgendwann war jeder Samstagsputz erledigt und der Vater schürte den Badeofen an, ein großes Trumm mit Wasserkessel oben und einer Feuerstelle darunter. War das Wasser im Kessel heiß, konnte der erste von uns baden. In diesem Fall habe ich meine Stellung als Älteste gnadenlos ausgenutzt. Wer von meinen Brüdern nach mir baden wollte, musste entweder warten, bis die nächste Kesselfüllung heiß war oder sich in mein bereits gebrauchtes Badewasser setzen.

Eine Badewanne, wie sie bei meiner Oma im Badezimmer stand. Heute mit Blumen bepflanzt.

Eine Badewanne, wie sie bei meiner Oma im Badezimmer stand. Heute mit Blumen bepflanzt.

Samstag wurde gebadet. Das konnte dauern: Ich erinnere mich daran, dass ich es mir als Jugendliche in der Badewanne durchaus kommod eingerichtet habe, mit Kofferradio und Buch. Kühlte das Wasser ab, ließ ich heißes nachlaufen. Brüderlein konnte warten. Der Samstag war ein Tag, der einfach nie enden wollte, der alle Möglichkeiten barg und nichts erwartete. Irgendwann landeten wir meistens alle vor dem Fernseher, oft hatte ich dabei gleichzeitig ein Buch in der Hand. Manchmal ging der Vater dann an den Schrank, spendierte etwas zum Naschen, stellte Getränke parat. Wir saßen in Schlafanzug und Bademantel, es kam irgendwas im Fernsehen, so belanglos, dass ich mich heute nicht mehr daran erinnern kann.

Waren wir Kinder mit Baden fertig, blieb das Wasser in der Wanne. Mindestens bis zum Ende meiner Grundschulzeit schöpfte dann die Mutter das noch warme Wasser in die Bottichwaschmaschine und nutzte es zum Wäschewaschen. Während bei uns eine völlig normale Wanne im Bad stand, eine weiß-emaillierte, hatte Oma eine Wanne aus Zink, mit abgerundetem Ende für den Kopf und zum Anlehnen, nach unten hin schmaler werdend. Füße brauchen schließlich weniger Platz.

Jetzt, im Nachdenken über diese längst vergangene Zeit, fällt mir auf, wie ruhig sie heute erscheint. Damals hat niemand hinterfragt, ob Hausputz oder Badetag wirklich am Samstag sein müssen oder nicht, das war halt so, das haben wir immer so gemacht, das wird so bleiben – doch so blieb es nicht, auch nicht bis in alle Ewigkeit. Irgendwann gab es eine Dusche, irgendwann war nur noch von Montag bis Freitag Schule, irgendwann zog ich aus und weg und habe die Eltern nur noch gelegentlich besucht.

Dass Samstags gebadet wurde, hieß übrigens nicht, dass wir den Rest der Woche dreckig ins Bett gingen. Wochentags kamen die Waschlappen am Waschbecken zum Einsatz. Haare wurden allerdings nur einmal wöchentlich gewaschen. Das hat gereicht.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Alltagsprojekt.

Verbunden mit: Andrea Karminrot und dem Samstagsplausch.