Nicht auszudenken, nicht drüber nachdenken

Alltag ist wie alle Tage, das Leben funktioniert auf Autopilot und das ist gut so. Ich muss nicht alles hinterfragen, nicht über alles nachdenken, nicht alles neu erfinden. Alles im Fluss, gewissermaßen. Wäre da nicht dieser Stachel, der sagt: Das kann doch nicht alles gewesen sein, du musst doch immer wieder was neu und was neues und überhaupt kann doch nicht alles so bleiben, wie es ist. Das wäre doch Stillstand, Ruhe in Frieden oder so, das kann es ja nicht gewesen sein.

Ich erinnere mich, dass ich vor einiger Zeit einem Gedächtnistrainer zugehört habe, einem Trainer, der mir erzählen wollte, wie ich es anstellen kann, dass ich nicht mehr so viel vergesse. Dabei vergesse ich gar nicht viel, vorausgesetzt, ich habe es mir notiert. Das ist ein bisschen wie beim Spickzettel-Schreiben: Ist er fertig, brauche ich ihn nicht mehr. Eigentlich muss ich mir nicht mehr viel Neues merken, jedenfalls nichts, was anschließend abfragebereit im Gedächtnis verbleibt. Schule und Studium sind schließlich lange vorbei und das Internet erlaubt mir schnellen Zugriff auf Namen, Daten und Fakten. Die brauche ich mir nicht mehr zu merken, ganz egal, was der Geschichtslehrer damals behauptet hat.

Da allerdings das Gehirn ebenso faul wie andere Muskeln ist, gilt auch hier: Wer rastet, rostet. Soll das Denken gut funktionieren, braucht das Hirn Sauerstoff, Trinken und ausreichend Schlaf. So weit, so klar.

Dann allerdings zeigte der Gedächtnistrainer nur solche Tricks, die im Alltag völlig unbrauchbar sind: Ich brauche weder Zahlen durch 5 oder durch 9 zu teilen, falls doch, nehme ich einen Taschenrechner. Er erklärte, wie sich Vokabeln durch Bilder leichter einprägen: Adler frisst Igel, ergo Adler heißt Eagle. Diese Technik brauche ich nicht, ich kann dividieren und wenn ich Vokabeln lerne, lieber im Zusammenhang, in der Situation, in der ich sie auch tatsächlich anwenden kann.

Gedächtnisweltmeister trainieren so, sagte der Gedächtnistrainer. Ich will aber kein Gedächtnisweltmeister werden, ich will meinen Alltag leben. Dafür brauche ich weder Listen noch Zahlenreihen. Eigentlich will ich ja etwas anderes: Ich will Namen, Daten, Orte und andere Dinge nicht nur speichern, sondern die Informationen viel lieber kreativ verarbeiten. Der Alltag funktioniert genau deswegen so gut, weil er ja alle Tage gleich abläuft. Ich muss mir keine Gedanken über die Dinge machen, die gut funktionieren.

Allerdings hat der Alltag auch seine Tücken: Habe ich mich einmal für einen Ablauf oder eine bestimmte Reihenfolge entschieden, möchte diese, dass ich das immer so weiter mache. Glaube ich, dass ohne Kaffee am Morgen nichts geht, könnte es auch anders sein, es gab auch lange Jahre, in denen ich überhaupt keinen Kaffee trank. Es gibt Reihenfolgen, die sich als so sinnvoll erwiesen haben, dass sie nieundnimmernicht geändert werden. Wer zuerst den Boden putzt und anschließend die Krümel von Tisch und Arbeitsplatte wischt, muss sich nicht wundern, dass der Boden nur für kurze Zeit sauber war.

Manchmal begleiten Engel den Tag, den Alltag.

Nur wenn ich Alltag bei mir habe, kann ich aufmerksamer durch den Tag gehen, die kleinen Dinge wahrnehmen und achtsam sein. Haben sich meine Spuren auf alltäglichen Wegen tief eingegraben, kann ich sie verlassen, neue Wege gehen.

Selbstredend hatte der Gedächtnistrainer seine Bücher dabei und pries sein Seminar fürs Gedächtnistraining an, beides allerdings nicht kostenlos.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Projekt „Alltag“.

Tagebuchbloggen am 5. September

An jedem 5. des Monats versammeln sich alle Tagebuchblogger zum WMDEDGT, „was machst du eigentlich den ganzen Tag“ will Frau Brüllen wissen. Bitte, hier steht’s:

Hier habe ich nicht einen Wecker, hier habe ich fünf Wecker: Wird es draußen langsam dämmerig, finden die Katzen, dass ich doch jetzt genug geschlafen habe und es Zeit zum Aufstehen ist. Da ich anderer Meinung bin, ziehe ich mir die Decke über den Kopf und lasse sie nölen. Bequeme ich mich aus dem Bett, gibt es erst Kaffee für mich, bin ich damit fertig, Futter für die Raubtiere.

Mein Beitrag für die nächste Ausgabe von „Echt Oberfranken“ ist fertig, die Layouterin hat mir den Entwurf gemailt, damit ich noch die Bildunterschriften schreiben kann. Mitte September geht das Heft in Druck, irgendwann wird es dann auch im Zeitschriftenregal liegen.

Radfahrer über der Werra.

Weil es heute noch sonnig ist und sich für morgen Regen angedroht hat, telefoniere ich mit der Touristinformation in Wanfried, ob jemand ein bisschen Zeit für mich hat. Das kleine Städtchen diente nämlich Wagner als Inspiration für den Namen seiner Villa, er hat eben nur noch ein „h“ zusätzlich eingefügt, „Wahnfried“ eben.

Der Wanfrieder Hafen.

Am Hafen legen längst keine Lastkähne aus Nürnberg mehr an, nur noch Schlauchboote und Kanus, ich trinke in der Wirtschaft einen Kaffee und frage die Bedienung, ob sie was von Wagner weiß. Sie ist nur Aushilfe, antwortet sie, gibt mir die Speisekarte und sagt, dass auf den ersten Seiten etwas über die Hafengeschichte steht.

Die Kirche in echt war offen, hier steht sie als Deko in einem andernfalls leeren Schaufenster

Weil die Touristinformation Mittagspause hat, strolche ich durchs Städtchen, lese, was auf den Schildern über die alten Häuser steht, fotografiere. Weil die Kirche gerade offen ist, gehe ich hinein und krame in den dort zum Mitnehmen ausgelegten Büchern, finde die „Judenbuche“ von Droste-Hülshoff und nehme das schmale Bändchen mit. Die anderen Bücher waren eher erbauliche Texte, so à la: Gottesdienst ohne Pfarrer, erstaunlicherweise fand ich aber auch einen Koran und Bücher über weitere Religionen in der Kiste.

Das Rathaus von Wanfried.

Der freundliche Mensch in der Touristinfo hatte in der Zwischenzeit, seit meinem morgendlichen Anruf also, Texte über Richard und Cosima Wagner, Sekundärliteratur, zusammengefasste Werke über alles, was über die Namenswahl Wagners bezüglich seiner Villa bekannt ist, aus dem Archiv gesucht und schickt es mir per Mail. Wir unterhalten uns noch eine Weile, schließlich finde ich das Städtchen schick, obwohl viele Geschäfte leer stehen, auch wenn die Schaufenster dekoriert sind.

Noch ein dekoriertes Schaufenster, in diesem wird Werbung für die samstäglichen Stadtrundgänge gemacht.

Anschließend habe ich noch ein bisschen eingekauft und bin zurückgefahren, dieses Mal über die neu und immer noch nicht fertig gebaute Autobahn, das letzte Projekt der Deutschen Einheit. Ist schon irre, wie viel Erde dafür bewegt wurde, damit jetzt Kies, Beton und Asphalt in der Landschaft liegen.

Autobahnwahnsinn. Das war mal Landschaft, früher.

Ich schließe die Haustür auf und werde zum Dank von den Katzen angemault. Nein, jetzt gibt es erst einmal für mich was zu Essen, später seid ihr dran.

Erinnern. #lebenschreibenatmen

Bin ich in den Händen meiner Kamera, sehe ich anders. Ich achte mehr auf die Umgebung, als auf die Mitwanderer. Es ist ein genaueres Sehen, ein Wahrnehmen selbst unscheinbarer Nebensächlichkeiten.

Dabei entstehen eher Schnappschüsse, schnell und ungeplant, manchmal völlig vom Zufall geleitet, einer schönen Aussicht beispielsweise, in die sich ungefragt ein Zweig vom nahen Baum hängt, manchmal nehme ich aber auch gezielt ein Detail in den Fokus. Mich interessiert dabei oft nicht die offenkundige Schönheit der Landschaft, das, was im Glanz der Sonne sichtbar ist, sondern eher die unscheinbaren Dinge, die – wie das Moos am Baumstamm – lieber im Verborgenen wohnen und nur dem ihren Reiz offenbaren, der für einen Moment innehält.

Erinnere ich mich an Zurückliegendes, sind es oft die Bilder, die geblieben sind, auch wenn ich sie nur auf die Festplatte überspielt und kaum mehr betrachtet habe. Erst neulich war ich mit anderen unterwegs, knipste hier ein Blümchen und bannte dort einen Schatten, doch gleich, wie flüchtig diese Augenblicke auch sind, sie brennen sich gleichermaßen ins Gedächtnis ein, oft sogar mit den sie begleitenden Gedanken und Assoziationen.

Im gleißenden Sonnenlicht werfen die Schnörkel des Geländers einen ebenso verschnörkelten Schatten auf den Brückenasphalt.

Erinnere ich mich schreibend, tauchen ebenfalls Bilder auf, ich sehe mich als Kind, Jugendliche, irgendwo, rieche das gechlorte Wasser im Hallenbad, reibe mich unter der Dusche mit dem Stück Seife ein, spüre, wie die enge Badekappe aus Gummi an den Haaren ziept. Ich brauche nur manchmal einen kleinen Anstupser, wie beispielsweise im Cafe Weltenall, in dem allmonatlich in der Kategorie „Alltag“ eben jenes alltägliche, das andernfalls unbeachtete, versammelt wird.

Zu diesem kurzen Text kam ich durch den Beitrag von Pinkfisch: #lebenschreibenatmen, die in ihrem Blogpost das neue Buch von Doris Dörrie mit ebenjenem Titel mit einer Einladung zum Schreiben verbindet. Ob ich allerdings warten kann, bis feststeht, wer ein solches Buch gewonnen hat, das weiß ich noch nicht. Vielleicht kaufe ich es mir ja vorher selbst.

Samstag wird gebadet #Alltag

Wer erinnert sich eigentlich noch daran, dass auch der Samstag ein Schultag war? Zwar mit maximal vier Stunden deutlich kürzer als die Schultage von Montag bis Freitag, aber trotzdem fand in der Schule ganz normaler Unterricht statt.

Daher mussten auch meine Eltern – sie waren beide Lehrer – arbeiten. Mittags kamen wir alle nach Hause, und, weil schließlich Samstag war, gab es in der Schule kein Essen. Daher war Samstag Suppentag. Weiße Bohnen oder gelbe Erbsen wurden bereits am Freitag eingeweicht und kamen tagsdrauf mit Kartoffeln, Karotten und dem, was der Vater so im Kühlschrank fand, in einen Topf. Nunja, die Suppe traf selten meinen Geschmack, aber das war damals halt so.

War das Essen verputzt, wurde geputzt. In der Küche reckten die Stühle ihre Beinde nach oben, ließen sich von diesen die Flusen pflücken. Es wurde gefegt, gewischt und – war der Fußboden trocken – alles gebohnert und anschließend auf Hochglanz poliert. Der dafür genutzte Bohnerbesen war ein schweres Stück Metall mit Borsten untendran, ein Kugelgelenk verband Besen mit Stiel. Das typische Klackern verriet bei jedem Schwung, ob die Arbeit emsig verrichtet wurde. Waren die Pausen zu lang, schaute die Mutter misstrauisch ums Eck. Trödeln galt nicht. Bohnerte sie selbst, stellte sich manchmal mein kleiner Bruder als zusätzliches Gewicht auf den Bohnerbesen und ließ sich schieben, hin und her, klackediklack.

Bad putzen, Staub wischen, Straße fegen. Damals war alles auch Kinderarbeit, sprich: Mithilfe gefragt. Jedenfalls von mir und solange ich bei den Eltern gewohnt habe. Meine kleineren Brüder haben dagegen ihre jeweils eigenen Strategien entwickelt, der doch recht ungeliebten Hausarbeit zu entkommen. Bis heute. Aber darüber wird nicht geplauscht, jedenfalls nicht öffentlich.

Doch irgendwann war jeder Samstagsputz erledigt und der Vater schürte den Badeofen an, ein großes Trumm mit Wasserkessel oben und einer Feuerstelle darunter. War das Wasser im Kessel heiß, konnte der erste von uns baden. In diesem Fall habe ich meine Stellung als Älteste gnadenlos ausgenutzt. Wer von meinen Brüdern nach mir baden wollte, musste entweder warten, bis die nächste Kesselfüllung heiß war oder sich in mein bereits gebrauchtes Badewasser setzen.

Eine Badewanne, wie sie bei meiner Oma im Badezimmer stand. Heute mit Blumen bepflanzt.

Eine Badewanne, wie sie bei meiner Oma im Badezimmer stand. Heute mit Blumen bepflanzt.

Samstag wurde gebadet. Das konnte dauern: Ich erinnere mich daran, dass ich es mir als Jugendliche in der Badewanne durchaus kommod eingerichtet habe, mit Kofferradio und Buch. Kühlte das Wasser ab, ließ ich heißes nachlaufen. Brüderlein konnte warten. Der Samstag war ein Tag, der einfach nie enden wollte, der alle Möglichkeiten barg und nichts erwartete. Irgendwann landeten wir meistens alle vor dem Fernseher, oft hatte ich dabei gleichzeitig ein Buch in der Hand. Manchmal ging der Vater dann an den Schrank, spendierte etwas zum Naschen, stellte Getränke parat. Wir saßen in Schlafanzug und Bademantel, es kam irgendwas im Fernsehen, so belanglos, dass ich mich heute nicht mehr daran erinnern kann.

Waren wir Kinder mit Baden fertig, blieb das Wasser in der Wanne. Mindestens bis zum Ende meiner Grundschulzeit schöpfte dann die Mutter das noch warme Wasser in die Bottichwaschmaschine und nutzte es zum Wäschewaschen. Während bei uns eine völlig normale Wanne im Bad stand, eine weiß-emaillierte, hatte Oma eine Wanne aus Zink, mit abgerundetem Ende für den Kopf und zum Anlehnen, nach unten hin schmaler werdend. Füße brauchen schließlich weniger Platz.

Jetzt, im Nachdenken über diese längst vergangene Zeit, fällt mir auf, wie ruhig sie heute erscheint. Damals hat niemand hinterfragt, ob Hausputz oder Badetag wirklich am Samstag sein müssen oder nicht, das war halt so, das haben wir immer so gemacht, das wird so bleiben – doch so blieb es nicht, auch nicht bis in alle Ewigkeit. Irgendwann gab es eine Dusche, irgendwann war nur noch von Montag bis Freitag Schule, irgendwann zog ich aus und weg und habe die Eltern nur noch gelegentlich besucht.

Dass Samstags gebadet wurde, hieß übrigens nicht, dass wir den Rest der Woche dreckig ins Bett gingen. Wochentags kamen die Waschlappen am Waschbecken zum Einsatz. Haare wurden allerdings nur einmal wöchentlich gewaschen. Das hat gereicht.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Alltagsprojekt.

Verbunden mit: Andrea Karminrot und dem Samstagsplausch.

Tagebuchbloggen am 5. August

Jeden Monatsfünften versammelt sich die Gemeinschaft der Tagebuchblogger bei Frau Brüllen und erzählt, was sie den ganzen Tag über so getrieben hat. Das ganze hat auch eine Abkürzung: WMDEDGT, was nichts anderes heißt als: Was machst du eigentlich den ganzen Tag. Nun denn:

Heute ging der Tag schneller vorbei, als ich irgendwie hinterhergucken konnte. Nach dem obligatorischen Kaffee, Müsli, Katzenkraulen habe ich einen Einstieg in einen Text über die Passionsspiele in Erl gewagt. Bis jetzt finde ich ihn ja halbwegs gelungen, mal sehen, was ich morgen darüber denke. Das ist nämlich gar nicht so einfach, ich meine, das Stück ist bekannt, ebenso wie der Ausgang desselben. Damals als magischen Schutz vor der Pest verstanden, führen die Erler ihre Passionsspiele bis heute auf, nicht jedes Jahr, aber immerhin regelmäßig, bis heute.

Die Passion endet immer gleich. Trotzdem besuchen erstaunlich viele Menschen die Passionsspiele in Erl.

Gegen Mittag hatten wir dann eine Verabredung, fuhren gemeinsam zu viert nach Bamberg, speisten beim Italiener, tranken noch einen Kaffee in Sichtweite des Rathauses, unterhielten uns, genossen den Tag, bis sich der Mitbewohner daran erinnerte, dass er noch einen Termin in Fürth hatte und jetzt endlich losfahren müsse. Gut.

Wieder zuhause, sah ich den Katzen beim Schlafen zu, kraulte hinter ihren Ohren und kramte mein Malzeug zusammen. Morgen hat jemand Geburtstag, und da brauchte ich noch eine Geburtstagskarte. Was ich verschenke? Das, was es heutzutage so selten gibt: Zeit. Mal sehen, ob das Geschenk jemals eingelöst wird. Nein, ich spekuliere nicht darauf, ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn ich meine Zeit verschenke und diese auch angenommen wird, aber in diesem Fall weiß ich es nicht. Sicher, ich könnte auch etwas kaufen, Schmuck, Parfüm, irgendwelches Schnickeldi. Aber all das wären Dinge, Zeug, das ich kaufen würde und bei dem ich das Gefühl hätte, dass ich mich einfach freikaufen würde.

Sonst? Ja, sonst ist heute eigentlich nichts passiert. Wir haben zu viert eine schöne Zeit verbracht, gut gegessen, gut miteinander geredet, das ist doch schon was. Das machen wir manchmal viel zu selten. Die schnellen Antworten auf WhatsApp oder anderswo suggerieren eine Nähe, die oft nur eine scheinbare Nähe ist. Für eine echte Nähe brauche ich Zeit. Manchmal auch eine ganze Menge Zeit.

Verbunden mit: Frau Brüllen und dem WMDEDGT.

Mit dem VGN nachhaltig unterwegs

Heute ist der Tag, an dem wir die jährlichen Erträge der Erde bereits vernascht haben. Morgen ist auch noch ein Tag? Ja, und?

Wollten die Menschen in früheren Zeiten im Frühjahr Saatgut in die Erde bringen, mussten sie genügend davon aufheben: So entstand der Ursprung von Kultur. Es wurde nicht nur gesammelt, was gerade am Wegrand verfügbar war, sondern so viel gesät und geerntet, dass es über den Winter hinweg bis zur nächsten Aussaat reichte. Fiel die Ernte mager aus, gab es nicht genügend zum Essen und manchmal auch nicht genügend Saatgetreide. Seit jedoch die Erträge der ganzen Welt auf unserem Teller landen, fällt es uns nicht mehr auf, dass die Erde überhaupt nicht so viel produzieren kann, wie wir verbrauchen. Die Regale im Supermarkt sind ja voll. Allerdings lässt unser Überfluss anderswo Menschen hungern: Damit genügend Kartoffelchips in den Regalen stehen, kaufen die Produzenten die Ernte dort auf, wo es Kartoffeln gibt. Ohne Rücksicht darauf, dass Kartoffeln dort dann teurer und womöglich für die dort lebenden Menschen unbezahlbar werden.

Was hat das nun mit dem VGN zu tun, dem Verkehrsverbund im Großraum Nürnberg?

Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten Blick allerdings eine Menge. Ich kann nämlich den Zug oder Bus benutzen, damit mein Auto stehen lassen und trotzdem mit dem Rad oder zu Fuß die Region rund um Nürnberg entdecken.

Ist der Bahnhof barrierefrei mit Aufzug ausgestattet, brauche ich das Rad nicht via Treppe auf den Bahnsteig zu bugsieren. Das ist praktisch, allerdings noch nicht überall verfügbar. In Forchheim steige ich also in den Regionalzug nach Nürnberg, weil ich mich dort mit anderen Radfahrern, Tour-Guide Nora Beyer und Uli Büscher vom VGN treffen will. Da wir jedoch von Fürth aus unsere Tour auf dem Hohenzollernradweg starten, geht es mit der S-Bahn drei Stationen zurück.

In Fürth wartet Joanna Bacik vom Regionalmanagement des Landkreises Fürth und stellt den Erlebnisradweg Hohenzollern vor. Dieser verbindet einzelne Stationen des Fürstengeschlechtes und reicht von Nürnberg bis nach Ansbach. Als die Hohenzollern im 12. Jahrhundert als Burggrafen und damit Burgverwalter auf die Kaiserburg kamen, nutzten sie eifrig die Nähe zu ihren jeweiligen Chefs, stärkten ihre Macht durch familiäre Beziehungen und waren damit erfolgreich, jedenfalls so lange, bis Wilhelm II. am 28. November 1918 als deutscher Kaiser abdanken musste.

Mit der speziell für den Erlebnisradweg entwickelten App lassen sich insgesamt elf Stationen virtuell zum Leben erwecken. Der Silber und Schwarz geviertelte Schild der Hohenzollern zeigt somit nicht nur Richtung und Weg, sondern auch die Stationen, an denen per App und Handy Geschichte lebendig werden kann.

Mit App, Tablet oder Smartphone wird am Erlebnisradweg Hohenzollern Geschichte virtuell lebendig.

Da am Dreiherrschaftsbrunnen in Fürth für den QR-Code der App kein Platz war, ist sie am zehn Meter entfernten Brezenhäuschen angebracht.

Irgendwann ist jedoch genug erklärt, und wir fahren mit dem Rad nur ein kurzes Stück noch durch die Stadt via Veitsbronn bis Langenzenn. Vor dem ehemaligen Kloster ist ebenfalls ein QR-Code zu finden.

vor dem Kloster in Langenzenn gibt es wieder einen QR-Code

Die Strecke ist relativ eben und lässt sich – bis auf den letzten Anstieg kurz vor der Cadolzburg – ganz leicht mit dem Rad fahren. Dass es an diesem Tag heiß ist – geschenkt. In Cadolzburg ist jedenfalls Endstation. Allerdings nicht ohne Burgbesichtigung mit Führung durch den Museumspädagogen Max Keck.

Virtuelle Realität in der Cadolzburg

Da ich zur Neueröffnung der Cadolzburg schon einmal an einer wirklich sehr informativen Führung teilgenommen habe, verlinke ich diese hier einfach. Bitte sehr, hier entlang: Herrschaftszeiten in Cadolzburg.

Die Burg brannte kurz vor Kriegsende aus. Ein Teil bleibt deswegen zur Erinnerung so stehen.

Die Tour zur Cadolzburg ist übrigens eine der acht Touren, die der VGN-Bahnsommer in diesem Jahr bietet und die alle zu attraktiven und nicht ganz so bekannten Zielen in Franken und der Oberpfalz führen.

Ich nahm an der Tour auf Einladung des VGN und Regionalmanagement des Landkreises Fürth teil, fand jedoch dieses Teilstück des Radweges interessant genug, um mir demnächst die gesamten 95 Kilometer vorzunehmen.

Für Martha

Du bist — ein Mädchen.

Weil du ein Mädchen bist, sollst du leise sein,
anschmiegsam und lieb, die weiße Strumpfhose nicht mit Grasflecken bekleckern und,
liebe Mädchen hört man nicht.
Hör nicht darauf.
Sei zickig, fordernd und laut,
du hast die gleichen Rechte wie dein Bruder,
der seine Zwistigkeiten mit einem Schlag klären kann.
Verzichte nicht – aus Nettigkeit und
weil dir der Frieden, die Liebe und das: hoffentlich-mögen-mich-alle
wichtiger ist als
das zu bekommen, was dir zusteht.

Leider lernen viele Mädchen, dass sie nur dann beachtet werden,
wenn sie den niedlichen Augenaufschlag meistern.
Sie werden belohnt, wenn sie aufgeben, klein bleiben und
die Großen machen lassen.

Vielleicht schaffst du es, kein Mädchen zu werden, für das gezupfte Brauen, lackierte Fingernägel und geschminkte Augen eine größere Rolle als Infinitesimalrechnung oder Kosten-Nutzen-Relationen spielen: „Wer seinen Doktor im dritten Semester noch nicht hat, muss ihn selber machen“, hieß es an der Uni.

Mädchen gelten selbst dann als zickig, wenn sie Tornado fliegen und mit dem G36 in Afghanistan schießen.

Google weiß Bescheid und ergänzt:
Du Mädchen… bist einfach peinlich.
Warum sind Mädchen so… zickig.

Mädchen haben: Wutanfälle, Frauen sprechen an, was sie stört.
Mädchen wollen Prinzessin sein.
Mädchen ist ihr Aussehen wichtig.
Mädchen wissen, dass sie von Männern finanziert werden. Erst vom Vater – später vom Mann.
Mädchen sind Konkurrentinnen.
Mädchen sind stolz darauf, nichts zu können.
Mädchen wollen Aufmerksamkeit und Bewunderung.

Doch, alles Mädchen. Auch wenns auf den ersten Blick anders aussieht.

Ja, Mädchen sind anstrengend. Das sagen sogar andere Mädchen.

Wann wird eigentlich ein Mädchen zur Frau? Wann wird sie erwachsen und – ernst genommen?
Wenn sie ihren Mädchennamen ablegt?
Weil es sich so gehört, wählen die meisten Frauen immer noch: Den Nachnamen des Mannes. Sie sind mit allen Wahlmöglichkeiten aufgewachsen – doch sie wollen ihren nicht behalten. Dabei ist dieser ein Teil ihrer Geschichte.
Der Mädchenname wird fürs Frausein abgelegt.

Frauen dagegen sind intelligent, menschlich und integer.
Sie wissen, was sie können und sind unabhängig.
Frauen sind solidarisch.
Frauen kümmern sich – um sich selbst und andere.
Frauen wollen Respekt.
Frauen entwickeln Visionen.

Doch wollen Frauen die Hälfte vom Kuchen, heißt es immer noch:
Die nervt.
Ein Attribut, das Frauen vorbehalten ist. Genauso wie zickig, anstrengend, verbissen oder schwierig. Es scheint, wer als Frau normal, nett und fähig ist, kommt nirgendwo hin und schon gar nicht an Posten, die traditionell für Männer vorgesehen sind.

Die nervt: Sie entspricht nicht dem Bild, trotz Bildung, Emanzipation und Karriere. Das Etikett warnt: Wer sich nicht lieb zu den Männern verhält, wird missachtet. Ehrgeiz, Unabhängigkeit, Durchsetzungsfähigkeit gehören nicht zur Norm der Weiblichkeit, die sich an das Begehren – der Männer – richtet. Diese meint:
– sei weich
– sei fürsorglich
– sei schutzbedürftig
– konkurriere mit den anderen Frauen
– pflege deinen Körper
– gefall den Männern

Vielleicht fängst du ganz einfach später damit an: Du weichst in der Fußgängerzone nicht aus und lächelst dein Gegenüber nicht an. Du konzentrierst dich auf eine Sache, auch wenn dich andere dann besessen nennen.
Du musst kein Spiegel sein, in dem sich der Mann doppelt so groß sehen kann – zeige ihm lieber seine eigenen Unzulänglichkeiten. Männliche Nervigkeit ist nämlich nicht nervig, sie heißt zielstrebig und kämpferisch.

Ich wünsche mir mehr Solidarität.
Ich will, dass Frauen im Mittelpunkt stehen.
Dort gehören sie hin.
Wir trösten uns, nehmen uns in den Arm und können super zusammenhalten.
Wie wäre es damit?

Zum Waldbaden in den Steigerwald

Es war heiß, es war, nein, nicht laut, aber irgendwie war heute ein Tag, an dem zwar einiges schief schien, sich jedoch schlussendlich glücklich fügte. Der Treffpunkt war ein Parkplatz, gegenüber vom Schwimmbad, so stand es in der Einladung und ich fuhr rechtzeitig los. Ich hätte – wäre alles gut gegangen – über eine halbe Stunde Zeit bis zum Beginn gehabt, doch da nicht immer alles gut geht, war nicht nur Stop-and-Go auf der A3, sondern Stau. Vollsperrung, sagte der Verkehrsfunk.

Naprima. Die nächste Abfahrt war meine, das Navi wollte, dass ich wende, ich fuhr auf der Landstraße, viele suchten und ich hoffe, sie fanden, was sie wollten. Die Kennzeichen waren schon reichlich exotisch. Doch der Stau alleine reichte nicht, in gefühlt jedem zweiten Dorf war Party, Umleitung, langsames fahren angesagt. Langsam waren auch die hochmotorisierten Cabriofahrer unterwegs, mit mehr als 100 Pferden unter der Haube zockelten sie mit gerade einmal 70 Stundenkilometern vor mir und es gab keine Gelegenheit zum Überholen.

Naprima. Selbstverständlich war ich zu spät, selbstverständlich war niemand mehr da, selbstverständlich ging niemand ans Handy und sagte mir, in welcher Richtung ich jemanden finden würde.

Die kleine Schlange zeigte mir den Weg.

Ja. Da saß ich jetzt, mitten im Steigerwald, nein, nicht mitten im Wald, sondern an der Straße, ganz ohne Schatten. Ging erst in die eine Richtung ein paar Schritte, probierte einen zweiten Weg, nein, beide sagten mir nicht zu, also setzte ich mich wieder ins Auto und fuhr in die Richtung, aus der ich nicht gekommen war. Nach kurzer Fahrtzeit ein Parkplatz, nagut, warum nicht. Ich fahre drauf, schnappe Tasche und Kamera und gehe los. Ein paar Schritte nur, dann lotst mich ein schmaler Weg in den Wald, gekennzeichnet mit kleiner Schlange.

Ich bin allein. Nein, bin ich nicht. Über mir unterhalten sich Vögel, neben mir raschelt eine Maus durchs dürre Laub und einige mir unbekannte Insekten wollen mich tatsächlich begleiten, wie es scheint.

Ich gehe den Weg entlang, komme ins Tal, laufe im Grund entlang, quere einen Weiher, sehe eine Bank, denke noch, och, nett, könnte ich mich ja setzen und einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, da sehe ich Menschen. Mitten im Wald laufen Menschen. Achnee. Da habe ich sie gefunden, die Menschen, mit denen ich Waldbaden wollte. Eintauchen in das Grün der Buchen.

Waldbaden. Mitten im Wald.

Man muss sich fürs Waldbaden übrigens keine spezielle Badekleidung zulegen, schnöde Alltagskluft reicht völlig aus. Alle atmen ein – und wieder aus. Ach. Das mache ich ja sonst auch, nagut, vielleicht etwas flacher und so nebenbei. Hier soll ich tiefe Atemzüge nehmen, damit ich die von den Bäumen ausgeschickten Botenstoffe aufnehmen kann. Die senken den Stresslevel. Nachweislich. Das glaube ich gerne, mein Stresspegel ist schon wieder ziemlich normal, jedenfalls im Vergleich zur Stunde davor.

Waldbaden ist doch mehr als ein gewöhnlicher Waldspaziergang. Wir sollen mit allen Sinnen über den Waldboden gehen, riechen, fühlen, schauen. Dann sucht sich jeder einen Baum, kann sich anlehnen, ihn umarmen, mit ihm kommunizieren, zur Ruhe kommen. Wir können ihm unsere Sorgen, Nöte und Ängste anvertrauen, meint der Waldführer. Wer den Baum fragt, bekommt manchmal eine Antwort.

Jeder hat seinen Baum gefunden.

Ich sitze auf dem Baumstamm, sehe den Schwebfliegen zu, höre leises Rauschen und Vogelzwitschern. Ob das Hintergrundrauschen von der Autobahn kommt? Je länger ich sitze, desto mehr kann ich hören. Jeder kann einfach bei sich zu Hause einen Wald suchen, einen Baum suchen, möglichst einen, der etwas abgelegen steht und mit ihm reden.

Auf dem Rückweg fordert uns der Waldführer noch zu einer Entdeckungsreise auf, einer Reise, die gerade einmal so groß wie zwei Handflächen ist: Wir sollen uns setzen, mit unseren Händen eine Fläche bedecken und in diesem kleinen Stück Welt spazieren. Wonach riecht es dort?

Mehr als einen kleinen Einblick könne er nicht geben, scheint sich der Waldführer für die kurzweiligen zwei Stunden zu entschuldigen. Doch jeder kann sich dem Wald ganz allein nähern und in ihm baden, ob mit oder ohne Anleitung. Da wäre es doch schön, wenn der Steigerwald künftig zum Weltnaturerbe erklärt würde.

 

Auf dem DLD Campus in Bayreuth

Jeden Freitag streiken die Kinder und Jugendlichen, sie gehen auf die Straße und protestieren. Sie werden immer aktiver und haben für September die nächste große Demonstration geplant. Sie machen Krach, weil sie sich um ihre Zukunft und die Zukunft der Welt sorgen. Viel ruhiger ging es dagegen auf der Innovationskonferenz DLD Campus zu, der von Hubert Burda Media veranstaltet wird: Im Audimax an der Bayreuther Universität tauschten sich Studenten, Unternehmer und Politiker nicht nur über die Zukunft der digitalen Welt aus, sondern auch darüber, wie künftig Probleme gelöst werden können.

Die Techniker bereiten sich vor: Gleich startet der DLD Campus 19 in Bayreuth

Während jedoch Steffi Czerny von DLD vom Quantum Computing schwärmte, würde sich Katharina Schulze (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen im Bayerischen Landtag) schon freuen, wenn die digitale Infrastruktur bis in den ländlichen Raum reicht und jeder Ort in der Zeit zwischen fünf Uhr morgens und Mitternacht an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen ist und das Netz ausreicht, sich via App nach der nächsten Abfahrt zu erkundigen.

Podiumsdiskussion mit Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ die Grünen im Bayerischen Landtag, sie hat gerade das Mikro in der Hand

In der Podiumsdiskussion wurde denn auch die Versorgung des ländlichen Raumes mit schnellem Internet hierzulande mit der Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern verglichen. Dabei fallen mir viele Möglichkeiten ein, an die kaum jemand zu denken scheint: Wenn schon so viele Menschen ihre Waren online bestellen, warum kann davon nicht ein kleiner Dorfladen leben? Die Menschen bestellen, was sie gerne hätten – und holen es dort ab, so frisch wie in jedem Supermarkt. Sie sparen sich die Fahrten zum Stadtrand und die Mühen des Einkaufs im großen Markt.
Wolfgang Kerler, früher Journalist bei Wired, ist sich sicher, dass wir hierzulande mehr Optimismus brauchen: „große Narrative haben Einfluss auf uns!“ – und wir nehmen Technologien als Naturgewalten und uns selbst nur noch als Opfer wahr.
Andreas Kunze von Konux war vor fünf Jahren noch Student. Heute will er mit seinen gut 100 Mitarbeitern weltweit Züge pünktlicher machen. Wir sollten aufhören, Protokolle zu schreiben und lieber die Technik benutzen, forderte er.
Das habe ich schon vor Jahren ausprobiert und festgestellt: Ich kann mir Dinge besser merken und auch fokussierter notieren, wenn ich mit der Hand schreibe. Also bleibe ich lieber bei Block und Stift. Außerdem kann ich nicht mehr benötigte Blätter einfach zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen. Versuch das mal mit einer Datei! Das ist nicht halb so vergnüglich und bringt wesentlich weniger Genugtuung.
Über die vermeintliche Erfolgsstory der Kunststoffe sprach Christian Laforsch, Professor an der Bayreuther Universität. Sicher, vieles wäre ohne Kunststoffe nicht denkbar. Da allerdings gut 40 Prozent als Verpackung genutzt werden und nach ihrem Eintagsleben als Müll enden, ist das nicht nur für Flüsse und Meere, sondern bereits für alle Bereiche unseres Planeten tragisch: „Mikroplastik ist überall“, versicherte Laforsch. Nicht nur die Tiere verwechseln Kunststoffe mit Nahrung und verenden, sondern selbst wir Menschen nehmen über unser Essen Mikroplastik auf. Das wirkt sich auf die Darmbakterien aus, kann Entzündungen und Tumore hervorrufen, ist sich Laforsch sicher. Da es hierzu noch mehr Fragen als Antworten gibt, müsse mehr geforscht werden.

Draußen war es sonnig und heiß, das Audimax glücklicherweise gut temperiert.

Auf der Veranstaltung wurde in den Pausen Essen angeboten. Allerdings war sämtliches Geschirr Einweggeschirr: Kaffeebecher ebenso wie Kuchenteller, Suppenschüssel und Besteck. War das wirklich nötig? Direkt neben dem Audimax ist die Mensa: Dort war sicherlich genügend Geschirr für alle vorhanden.
Als im Laufe des Nachmittags weiter über die schöne neue Welt der Computer geschwärmt wird, erinnerte ich mich daran, was uns bereits vor vielen Jahren versprochen wurde: Schon damals versicherten Forscher und Zukunftsgucker, wie einfach doch die Welt würde, wenn uns die Technik alles Schwere abnimmt. Sicher, ich brauche nicht mehr aufzustehen, wenn ich das Programm am Fernseher wechseln will. Ich kann auch das Autofenster auf Knopfdruck nach unten fahren lassen. Doch wir arbeiten längst nicht weniger, sondern eher mehr, immer verdichteter. Es soll immer mehr in immer kürzerer Zeit geschafft werden. Dabei nehmen uns doch Computer und Roboter so viel ab?
David Hanson von Hanson Robotics kam extra aus Hongkong nach Bayreuth – und ich muss an die Emissionen der Flugzeuge denken. Wäre das nicht via Technik einfacher gewesen, ihn direkt zuzuschalten? Nein, wäre es nicht. Eine direkte Kommunikation, bei der sich sämtliche Beteiligten direkt im gleichen Raum befinden, ist einfach durch nichts zu ersetzen. Sein Traum ist es, richtig lebende Maschinen zu schaffen, doch irgendwie erinnerte ich mich dabei an das Buch Simulacron-3 von Galoye. In diesem erzählt der Autor, wie in einem Computer Menschen simuliert werden, und zwar so echt, dass diese über ein eigenes Bewusstsein verfügen und nicht merken, dass sie lediglich Software sind.

Draußen war intensives Schwätzen angesagt.

Wir haben die Kommunikation und Interaktion zwischen den Menschen noch nicht verstanden, werden von unseren Gefühlen beherrscht, von chemischen und hormonellen Ereignissen geflutet – wie wollen wir das auf Computer übertragen? Woher weiß ich denn, wann mich jemand anders liebt? Das weiß ich einfach, sagte die Lieblingshausziege vor vielen Jahren. Viele Zustände kann ich spielen – ohne es wirklich zu sein. Manchmal kann ich entscheiden, wer ich sein will – und manchmal auch nicht. Haben Maschinen auch diese Möglichkeiten?
Der Tag war lang und dicht mit Wissen und interessanten Gedanken gepackt, so dicht, dass ich sie hier ohnehin nicht alle aufzählen kann. Der zentrale Satz Amerikas: „Alles ist möglich“ wurde im Silicon Valley zu „Nichts ist unmöglich“, referierte Hans-Ulrich Gumbrecht, der als Hochschullehrer in Stanford Literatur lehrt. Die Technologien machen Begierden möglich, die es vorher so nicht gegeben hat, resümiert er und ist sich sicher, dass es längst zu spät ist, die Computer noch abzuschalten. Die Programmierer wüssten längst nicht mehr, was sich in deren Inneren abspielt und dank Deep Learning ist alles zu einem gewissen Grad längst außer Kontrolle. Doch dieser Gedanke scheint ihn nicht zu stören: „Ich lebe lieber in einer Risikokultur als in einer Fehlervermeidungskultur“.

Tagebuchbloggen am 5. Juni

Jeden Monatsfünften fragt die nette Blognachbarin, was ich den ganzen Tag lang so mache, oder kurz: WMDEDGT.

Heute war die Nacht seltsam: Gegen zwei war ich wach. Es war heiß, es wurde heftig geschnarcht, eine Katze kuschelte sich an mich. Also siedelte ich aufs Sofa um und las solange im Internet, bis ich wieder müde genug zum Einschlafen war.

Als ich das nächste Mal aufwachte, war es Zeit für Kaffee, Müsli und Zeitungslektüre. Die Lieblingshausziege saß mir gegenüber, las die Überschrift und entschied, dass ich die Zeitung auch später lesen könne. Jetzt sei sie dran.

Ein kurzer WhatsApp-Austausch, dann war ich verabredet und fuhr nach Fürth. Dort gab es Tee, viel wurde beredet und einiges erledigt, bevor ich zügig zurückfuhr. Glücklicherweise hatte mich Susanne daran erinnert, dass wir heute noch einen weiteren Termin vor uns hatten.

Zu Hause gab es etwas zu essen und alles duftete nach Holunderblüten. Der Mitbewohner war schließlich am Vormittag zu unserer Laufstrecke gefahren und hatte dort die voll erblühten Holunderdolden gesammelt. Zwischendrin chattete ich mit der Lieblingshausziege: Da ein Abendkleid leihweise benötigt wurde, fragte ich nach, ob sie eines für kurze Zeit entbehren könne. Sie stimmte zu und ich ging auf die Suche.

Einen Text später hatte ich eine Tasche voller Kleider, zog mich um, fuhr nach Zirndorf, traf mich mit Susanne und ging mit ihr zum Bahnhof. Dort stiegen wir in einen kurzen Zug, in dem bereits andere Menschen waren und zur Begrüßung gab es ein Getränk als Erfrischung. Schließlich war es heiß. Der Zug fuhr nach Cadolzburg. Vom Bahnhof bis zur Burg ist es nur ein kurzes Stück zu Fuß:

Der VGN, der Verkehrsverbund im Großraum Nürnberg, stellte auf der Cadolzburg sein Programm für den diesjährigen Bahnsommer vor, es gab eine kurze Führung durch die Burg und anschließend einen Imbiss nach mittelalterlichen Rezepten.

Wenn etwas an der Decke des Saales erklärt wird, gucken selbstverständlich alle nach oben.

Die Abendsonne lässt einen Giebel der Cadolzburg noch einmal aufleuchten.

Schließlich ging es vollgefuttert und den Kopf und Block mit vielen Informationen gefüllt mit dem Zug wieder zurück nach Zirndorf und für mich mit dem Auto bis nach Hause.