Für Martha

Du bist — ein Mädchen.

Weil du ein Mädchen bist, sollst du leise sein,
anschmiegsam und lieb, die weiße Strumpfhose nicht mit Grasflecken bekleckern und,
liebe Mädchen hört man nicht.
Hör nicht darauf.
Sei zickig, fordernd und laut,
du hast die gleichen Rechte wie dein Bruder,
der seine Zwistigkeiten mit einem Schlag klären kann.
Verzichte nicht – aus Nettigkeit und
weil dir der Frieden, die Liebe und das: hoffentlich-mögen-mich-alle
wichtiger ist als
das zu bekommen, was dir zusteht.

Leider lernen viele Mädchen, dass sie nur dann beachtet werden,
wenn sie den niedlichen Augenaufschlag meistern.
Sie werden belohnt, wenn sie aufgeben, klein bleiben und
die Großen machen lassen.

Vielleicht schaffst du es, kein Mädchen zu werden, für das gezupfte Brauen, lackierte Fingernägel und geschminkte Augen eine größere Rolle als Infinitesimalrechnung oder Kosten-Nutzen-Relationen spielen: „Wer seinen Doktor im dritten Semester noch nicht hat, muss ihn selber machen“, hieß es an der Uni.

Mädchen gelten selbst dann als zickig, wenn sie Tornado fliegen und mit dem G36 in Afghanistan schießen.

Google weiß Bescheid und ergänzt:
Du Mädchen… bist einfach peinlich.
Warum sind Mädchen so… zickig.

Mädchen haben: Wutanfälle, Frauen sprechen an, was sie stört.
Mädchen wollen Prinzessin sein.
Mädchen ist ihr Aussehen wichtig.
Mädchen wissen, dass sie von Männern finanziert werden. Erst vom Vater – später vom Mann.
Mädchen sind Konkurrentinnen.
Mädchen sind stolz darauf, nichts zu können.
Mädchen wollen Aufmerksamkeit und Bewunderung.

Doch, alles Mädchen. Auch wenns auf den ersten Blick anders aussieht.

Ja, Mädchen sind anstrengend. Das sagen sogar andere Mädchen.

Wann wird eigentlich ein Mädchen zur Frau? Wann wird sie erwachsen und – ernst genommen?
Wenn sie ihren Mädchennamen ablegt?
Weil es sich so gehört, wählen die meisten Frauen immer noch: Den Nachnamen des Mannes. Sie sind mit allen Wahlmöglichkeiten aufgewachsen – doch sie wollen ihren nicht behalten. Dabei ist dieser ein Teil ihrer Geschichte.
Der Mädchenname wird fürs Frausein abgelegt.

Frauen dagegen sind intelligent, menschlich und integer.
Sie wissen, was sie können und sind unabhängig.
Frauen sind solidarisch.
Frauen kümmern sich – um sich selbst und andere.
Frauen wollen Respekt.
Frauen entwickeln Visionen.

Doch wollen Frauen die Hälfte vom Kuchen, heißt es immer noch:
Die nervt.
Ein Attribut, das Frauen vorbehalten ist. Genauso wie zickig, anstrengend, verbissen oder schwierig. Es scheint, wer als Frau normal, nett und fähig ist, kommt nirgendwo hin und schon gar nicht an Posten, die traditionell für Männer vorgesehen sind.

Die nervt: Sie entspricht nicht dem Bild, trotz Bildung, Emanzipation und Karriere. Das Etikett warnt: Wer sich nicht lieb zu den Männern verhält, wird missachtet. Ehrgeiz, Unabhängigkeit, Durchsetzungsfähigkeit gehören nicht zur Norm der Weiblichkeit, die sich an das Begehren – der Männer – richtet. Diese meint:
– sei weich
– sei fürsorglich
– sei schutzbedürftig
– konkurriere mit den anderen Frauen
– pflege deinen Körper
– gefall den Männern

Vielleicht fängst du ganz einfach später damit an: Du weichst in der Fußgängerzone nicht aus und lächelst dein Gegenüber nicht an. Du konzentrierst dich auf eine Sache, auch wenn dich andere dann besessen nennen.
Du musst kein Spiegel sein, in dem sich der Mann doppelt so groß sehen kann – zeige ihm lieber seine eigenen Unzulänglichkeiten. Männliche Nervigkeit ist nämlich nicht nervig, sie heißt zielstrebig und kämpferisch.

Ich wünsche mir mehr Solidarität.
Ich will, dass Frauen im Mittelpunkt stehen.
Dort gehören sie hin.
Wir trösten uns, nehmen uns in den Arm und können super zusammenhalten.
Wie wäre es damit?

Zum Waldbaden in den Steigerwald

Es war heiß, es war, nein, nicht laut, aber irgendwie war heute ein Tag, an dem zwar einiges schief schien, sich jedoch schlussendlich glücklich fügte. Der Treffpunkt war ein Parkplatz, gegenüber vom Schwimmbad, so stand es in der Einladung und ich fuhr rechtzeitig los. Ich hätte – wäre alles gut gegangen – über eine halbe Stunde Zeit bis zum Beginn gehabt, doch da nicht immer alles gut geht, war nicht nur Stop-and-Go auf der A3, sondern Stau. Vollsperrung, sagte der Verkehrsfunk.

Naprima. Die nächste Abfahrt war meine, das Navi wollte, dass ich wende, ich fuhr auf der Landstraße, viele suchten und ich hoffe, sie fanden, was sie wollten. Die Kennzeichen waren schon reichlich exotisch. Doch der Stau alleine reichte nicht, in gefühlt jedem zweiten Dorf war Party, Umleitung, langsames fahren angesagt. Langsam waren auch die hochmotorisierten Cabriofahrer unterwegs, mit mehr als 100 Pferden unter der Haube zockelten sie mit gerade einmal 70 Stundenkilometern vor mir und es gab keine Gelegenheit zum Überholen.

Naprima. Selbstverständlich war ich zu spät, selbstverständlich war niemand mehr da, selbstverständlich ging niemand ans Handy und sagte mir, in welcher Richtung ich jemanden finden würde.

Die kleine Schlange zeigte mir den Weg.

Ja. Da saß ich jetzt, mitten im Steigerwald, nein, nicht mitten im Wald, sondern an der Straße, ganz ohne Schatten. Ging erst in die eine Richtung ein paar Schritte, probierte einen zweiten Weg, nein, beide sagten mir nicht zu, also setzte ich mich wieder ins Auto und fuhr in die Richtung, aus der ich nicht gekommen war. Nach kurzer Fahrtzeit ein Parkplatz, nagut, warum nicht. Ich fahre drauf, schnappe Tasche und Kamera und gehe los. Ein paar Schritte nur, dann lotst mich ein schmaler Weg in den Wald, gekennzeichnet mit kleiner Schlange.

Ich bin allein. Nein, bin ich nicht. Über mir unterhalten sich Vögel, neben mir raschelt eine Maus durchs dürre Laub und einige mir unbekannte Insekten wollen mich tatsächlich begleiten, wie es scheint.

Ich gehe den Weg entlang, komme ins Tal, laufe im Grund entlang, quere einen Weiher, sehe eine Bank, denke noch, och, nett, könnte ich mich ja setzen und einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, da sehe ich Menschen. Mitten im Wald laufen Menschen. Achnee. Da habe ich sie gefunden, die Menschen, mit denen ich Waldbaden wollte. Eintauchen in das Grün der Buchen.

Waldbaden. Mitten im Wald.

Man muss sich fürs Waldbaden übrigens keine spezielle Badekleidung zulegen, schnöde Alltagskluft reicht völlig aus. Alle atmen ein – und wieder aus. Ach. Das mache ich ja sonst auch, nagut, vielleicht etwas flacher und so nebenbei. Hier soll ich tiefe Atemzüge nehmen, damit ich die von den Bäumen ausgeschickten Botenstoffe aufnehmen kann. Die senken den Stresslevel. Nachweislich. Das glaube ich gerne, mein Stresspegel ist schon wieder ziemlich normal, jedenfalls im Vergleich zur Stunde davor.

Waldbaden ist doch mehr als ein gewöhnlicher Waldspaziergang. Wir sollen mit allen Sinnen über den Waldboden gehen, riechen, fühlen, schauen. Dann sucht sich jeder einen Baum, kann sich anlehnen, ihn umarmen, mit ihm kommunizieren, zur Ruhe kommen. Wir können ihm unsere Sorgen, Nöte und Ängste anvertrauen, meint der Waldführer. Wer den Baum fragt, bekommt manchmal eine Antwort.

Jeder hat seinen Baum gefunden.

Ich sitze auf dem Baumstamm, sehe den Schwebfliegen zu, höre leises Rauschen und Vogelzwitschern. Ob das Hintergrundrauschen von der Autobahn kommt? Je länger ich sitze, desto mehr kann ich hören. Jeder kann einfach bei sich zu Hause einen Wald suchen, einen Baum suchen, möglichst einen, der etwas abgelegen steht und mit ihm reden.

Auf dem Rückweg fordert uns der Waldführer noch zu einer Entdeckungsreise auf, einer Reise, die gerade einmal so groß wie zwei Handflächen ist: Wir sollen uns setzen, mit unseren Händen eine Fläche bedecken und in diesem kleinen Stück Welt spazieren. Wonach riecht es dort?

Mehr als einen kleinen Einblick könne er nicht geben, scheint sich der Waldführer für die kurzweiligen zwei Stunden zu entschuldigen. Doch jeder kann sich dem Wald ganz allein nähern und in ihm baden, ob mit oder ohne Anleitung. Da wäre es doch schön, wenn der Steigerwald künftig zum Weltnaturerbe erklärt würde.

 

Auf dem DLD Campus in Bayreuth

Jeden Freitag streiken die Kinder und Jugendlichen, sie gehen auf die Straße und protestieren. Sie werden immer aktiver und haben für September die nächste große Demonstration geplant. Sie machen Krach, weil sie sich um ihre Zukunft und die Zukunft der Welt sorgen. Viel ruhiger ging es dagegen auf der Innovationskonferenz DLD Campus zu, der von Hubert Burda Media veranstaltet wird: Im Audimax an der Bayreuther Universität tauschten sich Studenten, Unternehmer und Politiker nicht nur über die Zukunft der digitalen Welt aus, sondern auch darüber, wie künftig Probleme gelöst werden können.

Die Techniker bereiten sich vor: Gleich startet der DLD Campus 19 in Bayreuth

Während jedoch Steffi Czerny von DLD vom Quantum Computing schwärmte, würde sich Katharina Schulze (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen im Bayerischen Landtag) schon freuen, wenn die digitale Infrastruktur bis in den ländlichen Raum reicht und jeder Ort in der Zeit zwischen fünf Uhr morgens und Mitternacht an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen ist und das Netz ausreicht, sich via App nach der nächsten Abfahrt zu erkundigen.

Podiumsdiskussion mit Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ die Grünen im Bayerischen Landtag, sie hat gerade das Mikro in der Hand

In der Podiumsdiskussion wurde denn auch die Versorgung des ländlichen Raumes mit schnellem Internet hierzulande mit der Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern verglichen. Dabei fallen mir viele Möglichkeiten ein, an die kaum jemand zu denken scheint: Wenn schon so viele Menschen ihre Waren online bestellen, warum kann davon nicht ein kleiner Dorfladen leben? Die Menschen bestellen, was sie gerne hätten – und holen es dort ab, so frisch wie in jedem Supermarkt. Sie sparen sich die Fahrten zum Stadtrand und die Mühen des Einkaufs im großen Markt.
Wolfgang Kerler, früher Journalist bei Wired, ist sich sicher, dass wir hierzulande mehr Optimismus brauchen: „große Narrative haben Einfluss auf uns!“ – und wir nehmen Technologien als Naturgewalten und uns selbst nur noch als Opfer wahr.
Andreas Kunze von Konux war vor fünf Jahren noch Student. Heute will er mit seinen gut 100 Mitarbeitern weltweit Züge pünktlicher machen. Wir sollten aufhören, Protokolle zu schreiben und lieber die Technik benutzen, forderte er.
Das habe ich schon vor Jahren ausprobiert und festgestellt: Ich kann mir Dinge besser merken und auch fokussierter notieren, wenn ich mit der Hand schreibe. Also bleibe ich lieber bei Block und Stift. Außerdem kann ich nicht mehr benötigte Blätter einfach zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen. Versuch das mal mit einer Datei! Das ist nicht halb so vergnüglich und bringt wesentlich weniger Genugtuung.
Über die vermeintliche Erfolgsstory der Kunststoffe sprach Christian Laforsch, Professor an der Bayreuther Universität. Sicher, vieles wäre ohne Kunststoffe nicht denkbar. Da allerdings gut 40 Prozent als Verpackung genutzt werden und nach ihrem Eintagsleben als Müll enden, ist das nicht nur für Flüsse und Meere, sondern bereits für alle Bereiche unseres Planeten tragisch: „Mikroplastik ist überall“, versicherte Laforsch. Nicht nur die Tiere verwechseln Kunststoffe mit Nahrung und verenden, sondern selbst wir Menschen nehmen über unser Essen Mikroplastik auf. Das wirkt sich auf die Darmbakterien aus, kann Entzündungen und Tumore hervorrufen, ist sich Laforsch sicher. Da es hierzu noch mehr Fragen als Antworten gibt, müsse mehr geforscht werden.

Draußen war es sonnig und heiß, das Audimax glücklicherweise gut temperiert.

Auf der Veranstaltung wurde in den Pausen Essen angeboten. Allerdings war sämtliches Geschirr Einweggeschirr: Kaffeebecher ebenso wie Kuchenteller, Suppenschüssel und Besteck. War das wirklich nötig? Direkt neben dem Audimax ist die Mensa: Dort war sicherlich genügend Geschirr für alle vorhanden.
Als im Laufe des Nachmittags weiter über die schöne neue Welt der Computer geschwärmt wird, erinnerte ich mich daran, was uns bereits vor vielen Jahren versprochen wurde: Schon damals versicherten Forscher und Zukunftsgucker, wie einfach doch die Welt würde, wenn uns die Technik alles Schwere abnimmt. Sicher, ich brauche nicht mehr aufzustehen, wenn ich das Programm am Fernseher wechseln will. Ich kann auch das Autofenster auf Knopfdruck nach unten fahren lassen. Doch wir arbeiten längst nicht weniger, sondern eher mehr, immer verdichteter. Es soll immer mehr in immer kürzerer Zeit geschafft werden. Dabei nehmen uns doch Computer und Roboter so viel ab?
David Hanson von Hanson Robotics kam extra aus Hongkong nach Bayreuth – und ich muss an die Emissionen der Flugzeuge denken. Wäre das nicht via Technik einfacher gewesen, ihn direkt zuzuschalten? Nein, wäre es nicht. Eine direkte Kommunikation, bei der sich sämtliche Beteiligten direkt im gleichen Raum befinden, ist einfach durch nichts zu ersetzen. Sein Traum ist es, richtig lebende Maschinen zu schaffen, doch irgendwie erinnerte ich mich dabei an das Buch Simulacron-3 von Galoye. In diesem erzählt der Autor, wie in einem Computer Menschen simuliert werden, und zwar so echt, dass diese über ein eigenes Bewusstsein verfügen und nicht merken, dass sie lediglich Software sind.

Draußen war intensives Schwätzen angesagt.

Wir haben die Kommunikation und Interaktion zwischen den Menschen noch nicht verstanden, werden von unseren Gefühlen beherrscht, von chemischen und hormonellen Ereignissen geflutet – wie wollen wir das auf Computer übertragen? Woher weiß ich denn, wann mich jemand anders liebt? Das weiß ich einfach, sagte die Lieblingshausziege vor vielen Jahren. Viele Zustände kann ich spielen – ohne es wirklich zu sein. Manchmal kann ich entscheiden, wer ich sein will – und manchmal auch nicht. Haben Maschinen auch diese Möglichkeiten?
Der Tag war lang und dicht mit Wissen und interessanten Gedanken gepackt, so dicht, dass ich sie hier ohnehin nicht alle aufzählen kann. Der zentrale Satz Amerikas: „Alles ist möglich“ wurde im Silicon Valley zu „Nichts ist unmöglich“, referierte Hans-Ulrich Gumbrecht, der als Hochschullehrer in Stanford Literatur lehrt. Die Technologien machen Begierden möglich, die es vorher so nicht gegeben hat, resümiert er und ist sich sicher, dass es längst zu spät ist, die Computer noch abzuschalten. Die Programmierer wüssten längst nicht mehr, was sich in deren Inneren abspielt und dank Deep Learning ist alles zu einem gewissen Grad längst außer Kontrolle. Doch dieser Gedanke scheint ihn nicht zu stören: „Ich lebe lieber in einer Risikokultur als in einer Fehlervermeidungskultur“.

Tagebuchbloggen am 5. Juni

Jeden Monatsfünften fragt die nette Blognachbarin, was ich den ganzen Tag lang so mache, oder kurz: WMDEDGT.

Heute war die Nacht seltsam: Gegen zwei war ich wach. Es war heiß, es wurde heftig geschnarcht, eine Katze kuschelte sich an mich. Also siedelte ich aufs Sofa um und las solange im Internet, bis ich wieder müde genug zum Einschlafen war.

Als ich das nächste Mal aufwachte, war es Zeit für Kaffee, Müsli und Zeitungslektüre. Die Lieblingshausziege saß mir gegenüber, las die Überschrift und entschied, dass ich die Zeitung auch später lesen könne. Jetzt sei sie dran.

Ein kurzer WhatsApp-Austausch, dann war ich verabredet und fuhr nach Fürth. Dort gab es Tee, viel wurde beredet und einiges erledigt, bevor ich zügig zurückfuhr. Glücklicherweise hatte mich Susanne daran erinnert, dass wir heute noch einen weiteren Termin vor uns hatten.

Zu Hause gab es etwas zu essen und alles duftete nach Holunderblüten. Der Mitbewohner war schließlich am Vormittag zu unserer Laufstrecke gefahren und hatte dort die voll erblühten Holunderdolden gesammelt. Zwischendrin chattete ich mit der Lieblingshausziege: Da ein Abendkleid leihweise benötigt wurde, fragte ich nach, ob sie eines für kurze Zeit entbehren könne. Sie stimmte zu und ich ging auf die Suche.

Einen Text später hatte ich eine Tasche voller Kleider, zog mich um, fuhr nach Zirndorf, traf mich mit Susanne und ging mit ihr zum Bahnhof. Dort stiegen wir in einen kurzen Zug, in dem bereits andere Menschen waren und zur Begrüßung gab es ein Getränk als Erfrischung. Schließlich war es heiß. Der Zug fuhr nach Cadolzburg. Vom Bahnhof bis zur Burg ist es nur ein kurzes Stück zu Fuß:

Der VGN, der Verkehrsverbund im Großraum Nürnberg, stellte auf der Cadolzburg sein Programm für den diesjährigen Bahnsommer vor, es gab eine kurze Führung durch die Burg und anschließend einen Imbiss nach mittelalterlichen Rezepten.

Wenn etwas an der Decke des Saales erklärt wird, gucken selbstverständlich alle nach oben.

Die Abendsonne lässt einen Giebel der Cadolzburg noch einmal aufleuchten.

Schließlich ging es vollgefuttert und den Kopf und Block mit vielen Informationen gefüllt mit dem Zug wieder zurück nach Zirndorf und für mich mit dem Auto bis nach Hause.

Alles demokratisch, oder was?

Es ist die Mehrheit, die regiert. Nicht die Vernunft. Will diese etwas schützen, etwas begrenzen, grätscht das europäische Gericht im Namen des Marktes dazwischen. Dieser soll alles richten und gerecht verteilen.

Wir bekommen nicht immer das, was wir wollen – aber ziemlich genau das, was wir wählen: so Toni Hofreiter bei seiner Buchvorstellung: „Fleischfabrik Deutschland“.

Was Familien wert sind, zeigt sich in dem, was Staat und Gesellschaft ihnen abnehmen: An Mieten für kinderfreundliche Wohnungen und Gebühren für Kindertagesstätten, Betreuungen und – hoffen wir, dass das Kind nicht krank wird, oder nicht zu lange, schließlich müssen die zehn freien Arbeitstage jährlich dafür reichen.

Das Parlament ist demokratisch. Es wurde von allen gewählt, doch es scheint nur der Industrie verpflichtet. Der Markt soll alles richten, was nicht geregelt ist. Die Verbraucher sind schließlich mündig. Wer sich jedoch zwischen Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt aufreibt, dessen Balance ist schon kräftezehrend genug. Da bleiben kaum Möglichkeiten, sich umfassend über alles zu informieren und vor allen Dingen die Sachinformationen vom Marketingsprech zu unterscheiden.

„Uns haben doch die Bürger gewählt, damit wir entscheiden, was für sie das Beste ist.“, beschwert sich ein Gemeinderat darüber, dass ebenjene Bürger den Bau des x-ten Supermarktes in ihrer recht nahen Umgebung – nur jetzt auf hoheitlichem Gemeindegebiet – schlichtweg ablehnen.

Das Parlament bringt Dinge auf Vordermann, macht sie zukunftsfähig – damit sie hinterher nicht mehr funktionieren. Das gilt für öffentlichen Personennahverkehr, für Fahrradwege und alles, was mir jetzt nicht einfällt, sondern nur dann, wenn ich gerade davon betroffen bin.

Werden Hilfe- oder Arbeitssuchende zu Klienten qua Neudefinition der Ämter, die längst nicht mehr so genannt werden, was soll ihnen dort eigentlich verkauft werden?

Bemisst sich der Wert eines Menschen am Geld, das er bekommt, werden diejenigen, die sich um Menschen kümmern, am geringsten bezahlt. Sie schaffen schließlich keine Werte, sondern Mitmenschlichkeit. Diese schlägt sich jedoch nicht in den Renditen der Fondseigner und Investoren als bares Geld nieder. Warum müssen Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen Gewinne erwirtschaften, die von allen (dank der Beiträge zur Kranken- und anderen Sozialversicherungen) bezahlt, aber von nur wenigen abgeschöpft werden?

Der Wert eines Menschen bemisst sich am Lohn für die Arbeit. Immer mehr Maschinen übernehmen Routinen und schwere Arbeiten, doch damit es der Mensch nicht zu leicht habe, wird der Takt stetig verdichtet. Pflegen, waschen, füttern, kämmen im Akkord: Hauptsache, satt und sauber. Obwohl: Satt stimmt auch nicht immer. Das Geld für Mahlzeiten ist knapp bemessen… Das Drehen übernimmt die Dekubitus-Matratze, das Streicheln ein Plüschtier und Gespräche werden ohnehin überbewertet. Bei der Visite im Krankenhaus trifft der Blick des Arztes nicht den Patienten, sondern den Monitor.

Vor den Wahlen wecken viele Parteien Begehrlichkeiten und Wünsche, machen Versprechen. Das war vor rund dreißig Jahren nicht anders: Während die Bürger der DDR Reisefreiheit und Bananen wählten, bekamen sie Treuhand, Arbeitslosigkeit und Wessis, die ihnen auf einmal sagen wollten, wo der Hase läuft. Ihnen ging es wie dem Kind, das zu seinem Besten nur Salat und Gemüse statt gewünschten Nutellabrot aufgetischt bekam.

Trotzdem würde ich mit keiner der Alternativen zur Demokratie tauschen wollen.

Verbunden mit: Blogparade: Was bedeutet mir die Demokratie 

Zeitunglesen hilft. Meistens jedenfalls.

Israel, 8., 9. und 10. Tag

Da die letzten drei Tage recht lang und vollgepackt waren, gibt es heute nur eine kurze Zusammenfassung. Am 8. Tag waren wir ein Stück auf dem Jesus-Trail unterwegs, der von Nazareth zum See Genezareth führt. Die Karte und die Realität waren gelegentlich nicht immer derselben Meinung, so dass wir uns einfach einen Weg gesucht haben. Da wir kein spezielles Ziel hatten, lediglich am Ende des Tages zum Auto zurückfinden mussten, war das nicht weiter tragisch.

Hier hat noch jemand seiner Karte nicht mehr vertraut.

Der Weg war an den meisten Stellen sehr malerisch.

Am nächsten Morgen fuhren wir recht früh los, zur Festung Masada und zum Toten Meer.

Der Blick von der Festung Masada auf das Tote Meer.

Reste der Römerlager sind bis heute noch zu sehen.

Baden im Toten Meer.

 

Heute waren wir dann im Norden, an der Grenze zum Libanon. Dort sind Höhlen, in denen das Meer tost und Berge, auf denen Denkmäler stehen.

Höhle, in vielen, vielen Jahren vom Wasser ausgenagt.

 

Israel – 7.Tag

Via Haifa geht es nach Akko.
Einstige Kreuzfahrerhafenstadt.

Auf Reisen spielt die Zeit eine andere Rolle.

In der wieder ausgegrabenen Zitadelle hinterließen Phönizier, Griechen, Römer, Kreuzritter, Muslime, Osmanen und Engländer ihre jeweiligen Spuren. Die Zeiten sind vergangen und haben nur einzelne Scherben, Relikte, Knochen, was auch immer in der Erde versteckt, so lange, bis sie wieder ausgegraben wurden.

Das ehemalige Refektorium.

Eine Schicht legt sich über die jeweils vorherige. Wird davon der Durchmesser der Erde nicht mehr, so Staubschicht für Staubschicht?

An den Mauern nagt das Mittelmeer.

Kleine Poesie aus dem Erlanger Schlossgarten

Ob sich ein vierblättriges Kleeblatt unter den scharfen Messern der Rasenmäher wegducken kann? Wer es findet, ist der Glückspilz und kann sich ganz ohne Drogen berauschen. Er braucht nur dem Wasserstrahl zu lauschen, wie er im Brunnen sein ewig gleiches Lied singt und singt und wenn er dann mit den spitzen Beinen des Gartenstuhls in den Boden sinkt, liegt er im Gras, dort, wo nur ein paar niedrige, weiße Blüten wohnen. Sie recken ihre Köpfe nicht zu hoch – Rasenmäher, you know – und werden doch täglich von Rasenlatschern und Trampeltieren plattgetreten.

Ganz anders die Blüten der Rabatten, unermüdlich entfaltet hier eine Apfelblüte nach der anderen ihre Blätter. Ob die Menge der Studentenblumen mit der Anzahl der Erlanger Studenten übereinstimmt? Was passiert mit dem menschlichen Pendant, wenn der Gärtner eine verwelkte Tagetes köpft?

In dieser Stadt bin ich nie und nimmer nicht alleine, auch nicht im Schlossgarten. Überall sind Menschen: Große, kleine, dicke, dünne, alte, junge, gefräßige, hungrige, satte, gelangweilte, glatzköpfige, keiner sieht wie der andere aus. Sie machen Geräusche, reden, lachen, atmen, ziehen einen Rollkoffer hinter sich her.

Sie kommen, setzen sich, bleiben eine Weile und gehen wieder. Nur die Bäume bleiben – und das Schloss mit dem Springbrunnen und der Zaun und die Bänke.

Ist es nachts dunkel, sind die Tore geschlossen. Die Eule öffnet ihre Augen, breitet die Schwingen aus und sieht, ob ihre Weisheit ausreicht, ein Mäuschen zu fangen.

Tagebuchbloggen am 5. November

Heute habe ich nichts gemacht. Immerhin waren wir gestern fleißig, vielmehr: Der Mitbewohner war fleißig, sein Zwillingsbruder ebenso und dessen Musikerfreund. Ich habe ja auch da nichts weiter gemacht. Weil aber das gestrige Nichtstun so lange gedauert hat, mussten die Katzen heute auch etwas länger auf ihr Fressen warten. Das fanden sie nicht ganz so schön, sie maulten, miezten, hüpften über Tische und Bänke und benahmen sich überhaupt fast so, als wären sie kurz vor dem Verhungern. Also völlig normal.

Bis zum Mittag habe ich ganze vier Zeilen geschrieben, ansonsten fast nichts gemacht, nur meinen Kaffee getrunken und darauf gewartet, dass der Mitbewohner mit den Flammkuchen fertig wird. Doch, gegessen habe ich selbst. Auf das gefüttert-werden habe ich lieber verzichtet.

Die Baumpilze sitzen doch auch ganz ruhig da, warum werde ich also durch die Gegend gescheucht?

Einen ganzen Tag sollte ich jedoch nicht im Haus verbringen, fand der Mitbewohner. Er lockte mich zum Auto, ließ mich einsteigen und kutschierte mit mir in die Fränkische Schweiz, nach Gößweinstein. Von dort aus wanderten wir auf einem alten Pilgerpfad bis kurz vor Pottenstein, guckten von oben auf den Ort, liefen einmal um die kleine Kapelle herum – immerhin wurde sie bereits 1725 hier gemauert und hat damit eine ältere Holzkapelle ersetzt.

Wallfahrerkapelle oberhalb von Pottenstein.

Auf dem Rückweg von Pottenstein nach Gößweinstein.

Jetzt ist es draußen dunkel, ich sitze hier vor dem Computer und tippe diese Zeilen. Weiter mache ich aber heute nichts mehr.

Wer jedoch noch gucken möchte, wie viele andere ihren heutigen Tag verbracht haben, bitte sehr: Bei Frau Brüllen sind alle Tagebuchblogger versammelt.