Dostojewski: Der Großinquisitor

Gestern waren wir im Bamberger Brentano-Theater: Link. IMG_20160323_193800

Glücklicherweise kennt sich der Mitbewohner recht gut in Bamberg aus. Er steuerte das kleine Auto zielsicher durch die engen Gassen und fand recht bald einen angenehmen Parkplatz, unweit der Gartenstraße 7. Die schmiedeeiserne Gartentür stand offen, es ging einige Stufen hinauf und noch einen Pfad entlang, bis zu einer Villa. Dort ist ein Theater? Die Klingel verriet nichts, wir schlichen ums Haus, da wir etwas zu früh gekommen waren. Justamente als wir die Gartentreppe wieder hinuntergingen, begleitet vom Domgeläut, stieg ein älterer Herr diese empor und versicherte uns, dass wir richtig seien. Also folgten wir ihm.

IMG_20160323_210140Das Brentano-Theater selbst ist in der Wohnung im Erdgeschoss, gut dreißig Stühle eng in einen Raum gestellt, im Turmerker etwas Deko. Das war die spartanische Bühne.

Rechtzeitiges Erscheinen sichert in diesem Theater die besseren Plätze, da diese einfach besetzt und nicht nummeriert verteilt werden. Es war genügend Zeit für einen Plausch, über das alte und das neue Russland, über russische Dichtung, russische Literatur und eine Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn.

Das Stück begann pünktlich: Erst ging das Licht aus, gregorianische Musik sorgte für Stimmung, dann spendete ein Strahler dem Akteur Martin Neubauer genügend Licht zum Lesen, blendete aber auch die Zuschauer. Worum geht es in dem Stück, das eigentlich ein Ausschnitt aus „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski ist?

Die Handlung spielt im Sevilla um 1500, zu der Zeit also, als die Scheiterhaufen der Inquisition fröhlich loderten. Nach 1500 Jahren Abstinenz wagt sich Jesus himself auf die Erde, dorthin, eben nach Sevilla. Die Menschen lassen sich von ihm faszinieren und begeistern, sie beten ihn an. Ein neunjähriges Kind wird in einem Sarg in die Kirche getragen und auf die innigen Bitten der Menschen weckt er es wieder auf. Das wird vom gerade vorbeikommenden Großinquisitor beobachtet, der ihn daraufhin festnehmen und in ein kleines Verlies werfen lässt.

Später kommt der Großinquisitor zu Jesus in die Zelle. Er erklärt ihm, dass dieser jetzt – nach 1500 Jahren – kein Recht mehr darauf hat, einfach so auf die Erde zu kommen. Er stört schließlich die Ordnung, die von der Kirche aufrechterhalten wird. Dabei bezieht sich der Großinquisitor auf die Versuchungen des Teufels, über die bei Mt 4,11 und Mk 1,12 berichtet wird: Vierzig Tage hatte Jesus in der Wüste gefastet und lehnte sowohl das Brot („Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“), die Macht („Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen“) und die Versuchungen („Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“) ab.

Jesus erwartet, dass ihm die Menschen in seiner Liebe folgen, weil sie frei sein wollen. Doch der Großinquisitor ist sich sicher: Dafür ist der Mensch nicht geschaffen. Er will nicht zwischen Gut und Böse wählen und er will satt werden. Der Großinquisitor nennt seinen Monolog ein „Verhör“, doch Jesus selbst kommt nicht zu Wort. Statt dessen spricht er den Menschen die Fähigkeit ab, selbst in Freiheit zu leben. Die Menschen müssten von der Kirche wie eine Herde Schafe geführt werden, damit es kein Chaos gebe. Für die Figur des Großinquisitors warf sich Neubauer einfach einen Umhang über die Schultern und sprach dessen Monolog mit all der leidenschaftlichen Bitternis, über die dieser 90jährige Greis verfügte. Er verbot Jesus, mit den Menschen zu reden und dem noch etwas hinzuzufügen, was bereits in der Bibel gesagt wird. Er droht, ihn am nächsten Morgen als Ketzer zu verbrennen und weiß, dass die Menschen darüber jubeln werden.

Jesus schweigt. Erst als der Großinquisitor mit seinen Ausführungen fertig ist, alles gesagt hat, was er sagen wollte, erhebt er sich – immer noch schweigend – und küsst den Inquisitor. Mit den Worten: „Kehre nie wieder! Nie!“ lässt er ihn ziehen.

Und heute? Was wäre, wenn Jesus heute…

Aber das ist eine andere Geschichte.

In Mode: Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Endlich. Am 6. März schließt die Ausstellung über Kleider und Bilder aus Renaissance und Frühbarock, die noch im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg geöffnet ist – und heute haben wir es geschafft und waren dort. Sogar die Lieblingshausziege kam mit, und das, obwohl sie heute morgen erst von einem Geburtstag zurückkam, und noch ein wenig angemüdet war. Aber was muss, das muss.

Ungefähr 50 originale Kleidungsstücke aus der Zeit zwischen 1530 und 1650 wurden gezeigt, dazu Gemälde, Flugblätter, Werkzeuge aus der Schneiderwerkstatt und die Überreste einer Bremer Schneiderwerkstatt. Die Ausstellung war fantastisch. Es fällt ein bisschen schwer, jetzt spezielle Sachen hervorzuheben, aber beeindruckend war ein Kinderkleid, in dem vor mehr als 400 Jahren ein sechsjähriges Mädchen beerdigt wurde – und das noch gut erhalten blieb. Nur die Farbe ist nicht mehr original…

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Ein Kinderkleid

Dass in einem solch aufwändigen Kleid kein einfaches Mädchen, sondern die adlige Katharina Gräfin zur Lippe beerdigt wurde, versteht sich fast von selbst. Damals gab es keine Läden, in dem Kleidung einfach gekauft werden konnte. Damals wurde alles genäht, getragen, umgeändert, geflickt, weitergegeben… und so lange getragen, bis es irgendwann ganz auseinanderfiel. Das zeigen die Reste, die in Bremen ausgegraben wurden: Nur abgeschnittene Knopfleisten und solche Teile, aus denen sich nichts mehr machen ließ, wanderten in den Abfall.

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Ausstellung in Nürnberg

Kunstvoll bestickte Wamse, mit Spitzbauch, ohne Spitzbauch, mit vielen Knöpfen, aus Seide gestrickte Kamisole, Strickjäckchen, die unter der sichtbaren Kleidung getragen wurden, Halskrausen aus vielen Metern an Stoff – wobei genau festgelegt war, wer wie viele Meter verwenden durfte. Zwei originale Halskrausen aus der Zeit um 1600 waren zu sehen – und daneben Flugblätter, die vor der Eitelkeit warnten.

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Der Lieblingshausziege gefiel ein Cape, das für die Weltumseglerin Hope Goddard maßgeschneidert wurde – nach einem spanischen Mantel aus dem Jahr 1580. Beide Kleidungsstücke wurden in der Ausstellung nebeneinander präsentiert – und dazu das Bild aus einem Modemagazin, in dem das Cape und die Trägerin in mondäner Geste abgebildet war. Leider mag sich das Bild nicht hochladen lassen.

Den Ausstellungskatalog haben wir dann doch nicht gekauft. Die Lieblingshausziege sah nämlich zwei andere Bücher über Mode, die sie viel interessanter fand.

Nicht empfehlenswert: Die Krankheit und der Krimi

Ob meine fiese Erkältung, die mich in der vergangenen Woche das Sofa hüten ließ, die Rache sämtlicher neidischer Götter auf das in warmen kanarischen Gefilden verbrachte Winterwochenende war? Ich weiß es nicht.

Aber es war genügend Zeit und Gelegenheit, einem Krimi auf den Zahn zu fühlen, der schon eine Weile hier herumliegt:

Christiane Dieckerhoff: „Spreewaldgrab“.

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Ich hatte mich – aufgrund des Klappentextes und der Leseprobe aus den ersten Seiten bei www.vorablesen.de für das Buch interessiert und bekam es vor einer Weile zugeschickt:

Eine Polizistin kommt vom Ruhrpott in den Spreewald und hat gleich drei Fälle auf dem Tisch: Ein toter Unternehmer, eine verschwundene Geliebte und das mumifizierte Skelett einer jungen Frau. Sagt der Klappentext.

Ich legte mich entspannt mit dem Buch aufs Sofa, las los und war neugierig. Allerdings war ich auf Seite 13 schon etwas irritiert: Wie friert ein abgezogenes Kaninchen? Das ist doch tot – und friert überhaupt nicht mehr, auch wenn das Fell weg ist. Prompt verfolgte mich das Bild des toten Karnickels eine Weile. Ja, der Ratschlag im Schreibratgeber, der da lautet: Keine abgegriffenen Bilder zu nutzen, sondern lieber neue zu erfinden, ist schon sinnvoll. Aber nicht jedes Bild passt in jedem Fall und überall. „Fingerbeere“ beispielsweise ließ mich ebenfalls nachblättern, ahja, die Autorin war mal Krankenschwester. Ich glaube, sonst hätte da auch einfach „Fingerspitze“ gestanden. Und: Möbel aus dem Ikea der 80er Jahre dürfe es im Osten auch nur sehr wenige geben. Eigentlich logisch, oder? Schließlich war der Fall der Mauer erst 89, anschließend konnten die Menschen bei Ikea einkaufen. Genug an Kleinkram gemeckert, der nicht passt. Den gibt es in diesem Buch zwar leider immer wieder, ist aber nicht die Hauptursache für meine Unzufriedenheit.

Die Polizistin kommt aus dem Westen – und lässt sich in den tiefen Osten, in den Spreewald – versetzen. Zur aktuellen Erinnerung: Auch dieser liegt in Sachsen. Aber sie registriert nur, dass es hier mehr NSU-Plakate an den Bäumen gibt, als anderswo. Und dass es den Menschen hier reiche, wenn sie „Wessi“ sage. Das ist mir etwas wenig. Hier hätten mich mehr die vielschichtigen Zwischentöne interessiert, die selbst für Urlauber im Osten zu spüren sind. Ich weiß zwar, dass es relativ lange dauert, bis ein Buch geschrieben und schließlich veröffentlicht ist, doch die latent fremdenfeindliche Haltung der Menschen, die heute in dieser Gegend für Entsetzen sorgt, ist nicht erst in den vergangenen drei Monaten entstanden. Davon ist in der Erzählung nichts zu spüren. Ein Halbvietnamese ist Kollege – und keiner der Übrigen macht Witze darüber? Sind die Menschen bei der Polizei dort wirklich so superkorrekt, wie in dem Buch beschrieben, oder nicht doch ein wenig anders, wie der Umgang mit Fremden, mit Rechtsradikalen und Linken in Natura seit mehr als zwanzig Jahren beweist?

Damit sich der Leser mit den Figuren identifizieren kann, müssen diese für ihn fassbar werden, charakteristisch nachvollziehbar sein. Muss deswegen aber fast jede Nebenfigur mit ihrem komplizierten Innenleben geschildert werden? Ich fand die Fülle an Details etwas zu üppig, ähnlich wie in einem Dschungel, durch dessen Wildwuchs sich jeder Wanderer mit der Machete kämpfen muss. Etwas weniger Einzelheiten – und dafür etwas mehr an Tiefe, das hätte ich mir gewünscht. So blieb vieles in der oberflächlichen Form, wie ein Kaffeeklatsch. Ach, die Frau des halbvietnamesischen Kollegen ist krank und dick und wird von dessen Mutter versorgt und bekocht? Ach, und die Frau des Kollegen, bei dem die Polizistin zunächst zur Untermiete wohnt, ist schwanger und er will das dritte Kind nicht? Hier hätte mir ein Familiendrama durchaus gereicht, zusätzlich zum Drama um die Hauptfigur und die drei Fälle, die mir dann – in einem Fall wenigstens – ein wenig zu spektakulär enden. In einem Labyrinth, unter einem Wasserbassin mit Skulptur ist ein Bunker, in dem ein Opfer auf seine Befreiung wartet? Wo sind wir denn? In einem Schlossgarten? Nein. Ein eingeschossiges Haus und im Garten ein Bunker. Aha. Als ob im Spreewald jedes Haus ebenmalso einen Bunker im Garten hätte, über dem ein Wasserbassin mit Skulptur steht und den Eingang verdeckt. Alles klar.

Christiane Dieckerhoff lebt im Kohlenpott, dort, wo ihre Polizistin herstammt. Viel ist nicht über sie zu finden. Schade eigentlich. Ich hätte gerne gewusst, wieso sie ausgerechnet darauf kommt, einen Krimi im Spreewald anzusiedeln und gehofft, dass sie von dieser Gegend mehr weiß, als dass es in Lübbenau einen großen Hafen und viele Fließe gibt. Mich interessieren nämlich die Menschen, die dort leben. Und die finde ich in dem Buch irgendwie gar nicht.

Wer jetzt neugierig geworden ist und nachlesen möchte, ob ich mit meiner Meinung nun Recht habe, oder nicht, der mag mir im Kommentar dazu etwas schreiben. Unter allen, die kommentieren – und das auch wünschen – , verlose ich das gelesene Exemplar.

Von Kindergeburtstagstaxifahrten zu „Ein untadeliger Mann“

Gestern war die Lieblingshausziege zu einem Geburtstag eingeladen, da ich sowieso einkaufen wollte, fuhr ich sie hin. So wusste ich wenigstens schon, wo ich sie später wieder abholen durfte.

Meldeten sich Bekannte längere Zeit nicht, musste das bisher nie etwas heißen. Jeder war schließlich gut mit sich beschäftigt, das ging mir ja nicht anders: Arbeiten, Kinder großziehen, what ever. Inzwischen hat sich das irgendwie geändert, scheint mir. Plötzlich ist das Leben nicht mehr ganz so zuverlässig, wie es bisher war. Jemand ist in der Tagesklinik, ein anderer hat kaputtes Knie, und auch langjährige Ehen werden plötzlich fragil.

Achja. Verlässlichkeit. Die brauchen Kinder ja auch. Da kam mir das Buch „Ein untadeliger Mann“ gerade richtig in die Finger. Edward sagt am Ende einfach: „Mein ganzes Leben lang, seit ich ein kleines Kind war, wurde ich verlassen oder im Stich gelassen oder durch den Tod von Menschen getrennt, die ich geliebt habe oder denen ich wichtig war.“ Das stimmt. Das hat mich das ganze Buch hindurch atemlos lesen lassen, weil ich wissen wollte, wie er durch dieses ganze Schlamassel kam: Als seine Mutter gleich nach der Geburt starb, wurde er von einer Amme und deren Tochter in Malaysia aufgezogen. Diese Zeit schien seine glücklichste gewesen zu sein. Oder? Mit vier Jahren kam Edward nach England, zu einer Pflegemutter, die die ihr anvertrauten Kinder quälte. Immer wieder erlebte er Umbrüche, Abbrüche, kam hierhin und dorthin, er musste sich neu orientieren und verlor alles wieder. Was wird aus einem solchen Kind, das quasi haltlos durch die Welt geschickt wird? Nichts Gutes, würde man nach heutigem Wissen über das, was Kinder zu einem glücklichen Leben brauchen, sagen. Trotz aller widrigen Umstände wurde jedoch aus Edward keine gescheiterte Existenz, sondern ein erfolgreicher Anwalt, ein Kronanwalt, ein ganz besonders geehrter Mensch, reich und unabhängig, mit Frau und ohne Kinder, sicher und von vielen bewundert.

Erst als seine Frau stirbt, scheint etwas aufzubrechen und Edward bricht auf, zieht los und erkundete die Relikte seines früheren Lebens, das, was von diesem noch übrig geblieben war. Ganz unspektakulär und ruhig erzählt Jane Gardam die Geschichte des untadeligen Mannes, so ruhig, wie sich das gehört in dieser Untadeligkeit, die keine großen Emotionen, keine Ausbrüche und keinen Eklat gelten lässt. Die Fassung gilt es zu bewahren, bei allem, was das Leben an Schrecknissen bereithält. So, wie sich die Perlenkette von Betty kurz vor ihrem Tod auflöste und die einzelnen Perlen vom Faden glitten, so sammelt Edward auf seiner Reise die Perlen seines früheren Lebens zusammen, seines Lebens, bevor er Kronanwalt in Hongkong wurde, das in dieser Zeit noch ein Teil des britischen Imperiums war.

Ich las das Buch in der Zeit, die von Tucholsky als die fünfte Jahreszeit beschrieben wurde und die er als „optimistische Todesahnung, fröhliche Erkenntnis des Endes“ bezeichnete. Zur Stimmung dieser Tage passte die feine, ruhige Sprache mit ihrem ganz eigenen Witz, nicht der Witz, bei dem ich schallend herauslache, sondern fein schmunzelne. Sehr schön geschrieben, sehr schön übersetzt, mein Dank geht dafür an die Übersetzerin Isabel Bogdan: Link zur Webseite.

Klick auf das Cover führt zum Hanser-Verlag. Ich hatte nur eine einzige, klitzekleine Mäkelei, aber glücklicherweise lag noch ein Lesebändchen herum, das ich selbst eingeklebt habe.

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Gelesen: Altes Land von Dörte Hansen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich ein Buch so atem- und pausenlos gelesen habe, wie „Altes Land“ von Dörte Hansen. Gestern nachmittag gekauft, heute fertig gelesen. Beim Kaffee trinken, zum Mittag essen – ich hab alleine gegessen, weil alle anderen unterwegs waren, da darf ich das – und immer wieder zwischendrin, quasi in jeder freien Minute wollte ich wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Eines vorneweg: Es ist weder ein Krimi noch ein Thriller. Es mutet erst einmal an wie ein kuscheliges Buch über die Geschichte menschlicher Liebe mit all ihren Irrtümern. Die Liebe kommt auch nicht zu kurz, aber es ist immer eine Geschichte des gerade-noch-eben. Gerade noch eben schien die Welt in Ordnung, die Sonne hell, doch weit hinten am Horizont hängen bereits die Gewitterwolken, das nächste Unheil lässt nicht lange auf sich warten.

Die Geschichte beginnt kurz nach dem Krieg, als Vera an der Hand ihrer Mutter im Alten Land ankommt. Sie sind nicht willkommen in diesem Haus, die Flüchtlinge aus Ostpreußen, sie werden Polacken genannt und ihnen wird das Leben so schwer gemacht, wie es nur geht. Doch sie bleiben, beißen sich durch, nehmen sich das, was für sie übrig ist. Und wenn es der Sohn der Hausbesitzerin ist, der zwar aus dem Krieg heimkehrte, jedoch nur noch als Schatten seiner selbst – und von Veras Mutter geheiratet wird.

Veras Mutter entschwindet denn später auch mit einem anderen Mann, bekommt noch eine Tochter. Deren Tochter kommt später mit ihrem Kind zu Vera, auch als Gestrandete. Während jedoch in den weich gezeichneten Filmen, die von dieser schon so lange vergangenen Zeit erzählen, weiße Wäsche an der frischen Luft trocknet, wachsen hier aus dem Reetdach des alten Hauses grüne Moosbrocken und die Fensterläden werden langsam bröselig.

Wie viele Kompromisse muss ein Mensch in seinem Leben eingehen und ertragen, ohne dass er hinterher sein Leben als gescheitert bezeichnet? Der Krieg ist zwar lange vorbei, doch seine Folgen bleiben in den Menschen haften, nicht nur bei Karl, der jede Nacht schreit und sich erst dann beruhigt, wenn er von Vera Groschenromane vorgelesen bekommt.

Das Buch zeigt, dass ein Leben auf dem Land mehr ist, als es die Hochglanzfotos in den Magazinen zeigen: Idyllisch sieht vieles nur aus, wenn man es aus der Ferne betrachtet. Als ich endlich die letzte Seite gelesen hatte, hätte ich mir gewünscht, es gäbe eine Fortsetzung. Oder? Nein, eigentlich nicht. Die Figuren gehen ihren – und zwar wirklich ihren – Weg. Die anderen, die sich nach dem Mainstream und Zeitgeist richten, die sind nicht wirklich wichtig. Es ist ein wunderbares Buch für alle diejenigen, die wissen wollen, warum Menschen manchmal so unverständlich handeln, wie sie es nun einmal tun.

Webmasterfriday: Das lese ich im Moment

Ilse Helbich: Vineta

Was bleibt, wenn jemand stirbt? Im letzten Kapitel beschreibt Ilse Helbich den gelinden Schrecken, der sie wohl befiel, als sie – nach dem Tod der eigenen, sehr betagten Mutter kam, den Nachlass zu ordnen. Da gab es nichts mehr: Weder Alben, noch Briefwechsel. Alles war von der Mutter sorgfältig vernichtet worden. Ilse Helbich schreibt gegen das Vergessen an und erinnert sich in „Vineta“ im Alter von 90 Jahren an ihre längst versunkene Kindheit. Aufmerksam wurde ich durch den Post von Maximilian Buddenbohm, der hier zu lesen ist: Herzdamengeschichten.

Nora Bossong: Gesellschaft mit beschränkter Haftung

Durch einen Zufall bekam ich den Tipp in meiner Facebook-Timeline: Nora Bossong liest in der Bamberger Uni aus ihrem neuen Buch. An dem Abend hatte ich Zeit und Muße genug, also fuhr ich hin. Das Buch wurde dort gepriesen als der „neue Buddenbrook“, als ein Familienroman, der den Niedergang über mehrere Generationen zeichnet. Es geht um ein Familienunternehmen, das – wie Krupp – in Essen beheimatet, weiches Frottee produziert, statt harten Stahl. Der Niedergang wird von Bossong als ermüdender Prozess des Firmenchefs gezeichnet, dem die Kraft fehlt, sich in der Welt durchzusetzen. Seine Tochter Luise beginnt mit 27 Jahren die Firma zu leiten, kämpft gegen den Konkurs, der schon lange in den Büchern schlummert: Aus einer sensiblen jungen Frau wird schnell eine kühl kalkulierende Firmenchefin.

Monika Detering: Nebengleis

Noch einmal Kurzprosa: Knapp, manchmal lakonisch. Kleine Begebenheiten, so, wie sie sich am Rande immer ereignen und selten wahrgenommen werden. Eigentlich wollte ich das Buch verschenken, kann mich aber noch nicht davon trennen, weil ich immer mal wieder eine Geschichte darin lese. Und noch einmal.

Daniel Golemann: Konzentriert euch!

Nur noch kurz die Welt retten, die Mails checken und – alles nebenher, nichts mehr richtig tun. Zwar darf mein Computer keinen Ton von sich geben, trotzdem sind mehrere Fenster gleichzeitig offen: Ich könnte ja etwas verpassen. Doch verpasse ich wirklich etwas, wenn ich nicht mitbekomme, was gerade auf Facebook an mir vorbeiströmt? Verpasse ich nicht viel mehr etwas, wenn ich mich nicht mehr in eine Sache versenken, mich konzentrieren kann? Frederik Weitz hat mich in seinem Blogpost „Würde Heidegger heute noch leben…“ auf das Buch aufmerksam gemacht, ich habe es seit einer Weile und lese immer wieder quer darin herum. Manches wird klarer.

Zoë Beck: Schwarzblende

Islamistischer Terror in Europa: In London wird ein britischer Soldat mitten in einem Park ermordet, von zwei Islamisten, die mit Macheten bewaffnet durch die Stadt laufen. So surrealistisch, wie das Buch beginnt: Das kann doch gar nicht wahr sein, das sind doch Spielzeuge, wie sich der Kameramann Niall, der alles beobachtet, einredet. Bis es keine Ausrede mehr gibt, weil ein Mensch tot ist. Ich mag Krimis eigentlich deswegen, weil sie mit der Möglichkeit spielen, was Menschen alles machen könnten – glücklicherweise aber selten tun. Das, was in Schwarzblende beschrieben wird, ist fürchterlich real. Und ganz nah bei uns, nicht etwa bequem weit weg.

Helmut Lethen: Der Schatten des Fotografen

Zu jeder Fotografie gehört eine Geschichte. Es scheint, als bilde eine Fotografie die objektive Wirklichkeit ab – doch wer genau hinschaut, kann sehen, dass sie nur ein vom Fotograf gewählter Ausschnitt ist, die dessen Sicht auf die Welt zeigt. Da hat Susan Sontag ebenfalls viel Kluges darüber geschrieben, das sich lohnt, zu lesen.

Das sind die Bücher, die sich im Moment rund um mein Bett aufhalten. Auf dem Küchentisch liegen die Zeitungen wie ein Tischteppich, neben dem Klo steht ein Band über die Rosen der Kaiserin Josephine, der Frau Napoleons, und andere Bücher liegen ebenfalls irgendwo herum. Wenn die Bücher nicht liegen, dann stehen sie in drei Bücherregalen. Als ich von Nordhessen nach Franken zog, habe ich einen Teil meiner Bücher verschenkt und einen anderen Teil via Bookcrossing auf Reisen geschickt.

Das ist mein Beitrag für den Webmasterfriday, der wissen wollte, was ich gerade lese.

Gehört: Die geschenkte Freiheit

Vera Lengsfeld war in der DDR eine einflussreiche Bürgerrechtlerin. In ihrem Buch „1989 – Tagebuch der Friedlichen Revolution“ erinnert sie an das Ende der DDR.

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Vera Lengsfeld erzählt von ihrem Buch: „1989 – Tagebuch einer Friedlichen Revolution“

Als das Jahr 1989 begann, ahnte niemand, dass am Ende des gleichen Jahres eine weitgehend friedliche und unblutige Revolution dafür sorgen würde, dass der Osten Europas frei und demokratisch wird. Vera Lengsfeld, die Menschenrechtlerin, Dissidentin und Politikerin aus der ehemaligen DDR hat ein Buch über jede Zeit geschrieben, in der der Weg der Deutschen und der Europäer zur Einheit und Freiheit geebnet wurde.

Mit den Worten: „Demokratie lebt von Rede und Gegenrede, Demokratie heißt nicht: Denkverbot“, erinnerte Lengsfeld daran, dass auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die Demokratie nicht ein für allemal gegeben ist, sondern die Mitwirkung aller Menschen erfordert.

Vom Beginn der Montagsdemonstrationen über die ersten freien Wahlen in Polen bis zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR – Lengsfeld skizzierte in ihrem Buch nicht nur das entscheidende Jahr des Umbruchs, sondern auch den langen Weg der ostdeutschen Friedensbewegung bis dahin: „Wer weiß denn noch, dass sich Mitte der achtziger Jahre die Blockmächte bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden und im Fall eines Atomkrieges Deutschland der Boden war, auf dem dieser ausgetragen werden sollte“.

Der Friedensbewegung in der ehemaligen DDR blieb laut Lengsfeld nur ein einziger Freiraum: Die Räume der evangelischen Kirche – wenn denn die entsprechende Kirchengemeinde damit einverstanden war.

„Haben Sie geahnt, dass es so kommen wird?“, fragte einer der Zuhörer, die mit mir gemeinsam dem Vortrag lauschten und Lengsfeld entgegnete, dass mit dieser ganzen Entwicklung niemand gerechnet hatte.

Alexander Schalck-Golodkowski hatte in einem Interview einmal zugegeben, dass die DDR seit 1983 eigentlich pleite war. So wurden für Oppositionelle höhere Strafen verhängt – damit die Freikaufsummen, die der Westen zahlte, ebenfalls höher waren.

Ob das System der DDR ohne diese Zahlungen nicht eher zusammengebrochen wäre, fragte ein anderer Zuhörer. Dann hätte das Regime vermutlich nicht so friedlich abgedankt, mutmaßte Lengsfeld. Immerhin war selbst die Sowjetunion zu dieser Zeit pleite, Ende 1989 bis Mitte 1990 herrschten dort Hungersnöte, von denen kaum jemals etwas bekannt wurde.

Der Vortrag war spannend, die Zuhörer beeindruckt. Leider fiel mir meine Frage zu spät ein, um sie Vera Lengsfeld noch zu stellen: Wie viel sie von dem, was sie schildert, überhaupt selbst erlebt hat. Und: Muss man das selbst erleben, um darüber zu schreiben?

Sie wurde doch 1988 verhaftet, als sie mit einem selbst gemalten Plakat an einer staatlich organisierten Demonstration in Berlin teilnahm. Auf dem Plakat waren die Worte von Artikel 27 der Verfassung der DDR zu lesen: „Jeder Bürger hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“. Lengsfeld wurde ausgebürgert, war seit 1988 in England, in Cambridge, also auch 1989. Erst am 9. November, an dem Tag, als die Mauer fiel, kam sie aus privaten Gründen in die DDR zurück.

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Vera Lengsfeld beim Signieren.

Vielleicht klingt deswegen das Buch für mich doch ein bisschen distanziert: Lengsfeld war schließlich nicht direkt dabei, auch wenn sie die Notizen aus ihrem Tagebuch mit den öffentlichen Pressemeldungen verquickt. Dafür schildert sie die Ereignisse dieses Jahres, wie sie sich zunächst ganz banal ereigneten, bevor es zur eigentlichen Wende kam. Historische Exkurse schaffen dabei einen Rahmen, stellen alles in den entsprechenden Kontext. Schließlich waren die Lebenswelten der Menschen, die in der ehemaligen DDR lebten, oft völlig unterschiedlich, je nachdem, ob es einfache Bürger oder Apparatschiks waren.

 

(Erschienen im Fränkischen Tag)

Tausend Tode schreiben

Tausend. Die Zahl wirkt zwar vertraut, ist aber trotzdem fast unüberschaubar. Ob tausend Schüler auf einem Pausenhof, Märchen aus 1001 Nacht oder ein 1000er Puzzle: Auf den ersten Blick sieht die Menge unglaublich viel aus. Die Bibel weiß das schon seit langem, denn in den Texten des Alten Testamentes steht die 1000 für „unermesslich viel“.

Tausend Tode schreiben: Hier schreiben 1000 Autoren 1000 kurze Texte über den Tod. Ob Fiktion, Erinnerung, nüchterne wissenschaftliche Betrachtung oder Lyrik – jede Annäherung ist individuell. Das Projekt von Christine Frohmann ist ein Mammutwerk. Jetzt (am 16.2.) erscheint die dritte Version von insgesamt vier und die letzte soll am 13.3., rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse erscheinen. Wer eine der früheren Versionen bereits gekauft hat, bekommt die neuen jeweils gratis: Tausend Tode schreiben.

Die Nr. 335 ist von mir.

Der Erlös dieses E-Books wird komplett an ein Berliner Kinderhospiz gespendet. Die 4,99 Euro dafür sind gut angelegt, auch wenn jemand nicht gerne über den Tod lesen sollte. Zwar erzählen viele der kurzen Geschichten von Ereignissen, die so tatsächlich passiert sind, doch es gibt auch andere Formen der Annäherung. Immer, wenn ein Mensch geboren wird, tritt auch der Tod dazu. Im E-Book wird dieser wie in einem Kaleidoskop betrachtet, facettenreich – und doch immer wieder anders. Und dass der Tod an sich spannend ist, lässt sich nicht leugnen, gäbe es doch keine Krimis ohne ihn.

Gesehen: Das Salz der Erde

Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich eine Fotografie von Sebastião Salgado das erste Mal bewusst wahrgenommen habe, aber ich weiß noch, welches Foto das war: Eines derjenigen, die das wimmelnde Treiben in einer brasilianischen Goldmine zeigen, wo abertausende Arbeiter ameisengleich Leitern klettern, Erde in Säcken buckeln, versuchen, reich zu werden.

img056In der ZEIT grinste mich die Ankündigung für den Film „Das Salz der Erde“ an, für den Samstagabend war noch nichts geplant, also ging’s ins Metropolis-Kino nach Nürnberg. In dem Kino lief der Film, ein Film über Sebastião Salgado, gedreht von Wim Wenders.

Was soll ich sagen? Beeindruckend. Ruhig. Da der größte Teil der gezeigten Bilder Fotografien waren, und sich diese nun einmal nicht bewegen, blieb genug Zeit, in den großformatigen Bildern von Salgado auf einer großen Kinoleinwand mit den Augen herumzuspazieren.

 

 

Wer sich ein paar der Bilder selbst angucken möchte, kann das

hier

und hier mal einfach machen. 

Für mich war der Film eine beeindruckende Reise durch unsere Welt, die heute schon so klein geworden ist, dass ich alles innerhalb von Stunden erreichen könnte. Und doch ist diese Welt viel größer, als wir sie uns jemals vorstellen können: Was bewegt Menschen, die in der Sahelzone am Verhungern sind? Wieso können andere Menschen diesen die Nahrungsmittel einfach vorenthalten? Warum bringen Menschen andere Menschen einfach um, wie es in Ruanda oder auch im ehemaligen Jugoslawien vor gar nicht langer Zeit geschehen ist?

Das sind Dinge, von denen ich einfach nur sagen kann: Ich verstehe sie nicht. Ich kann nur von mir ausgehen, von dem was ich kenne, was ich wahrnehme, was mir andere spiegeln. Aber was weiß ich schon vom anderen? Weiß ich denn, wenn er „grün“ sagt, ob er das gleiche „grün“ meint, wie ich? Gut, bei „grün“ könnten wir uns auf eine Wellenlänge einigen, die zwischen 490 und 575 Nanometer liegt. Doch das ist eine so abstrakte Angabe, dass von der grünen Farbe, ihren Nuancen und Zwischentönen, nichts übrig bleibt.

Beeindruckend fand ich auch Salgados Interesse an den Menschen, seine Aufmerksamkeit und Zugewandtheit, besonders zu denen, die oft am Rand übersehen werden. Manchmal zeigt Wenders sein Gesicht in den Fotos, während er von diesen erzählt, wo er die Aufnahme gemacht hat, und noch einiges mehr.

Ja, die Bilder sind sehr schön, sehr ästhetisch, auch und gerade dann, wenn sie ein Elend zeigen, wie es für mich kaum vorstellbar ist. Susan Sontag hat einmal die Bilder von Salgado kritisiert, er mache mit dieser Schönheit das Elend konsumierbar, überhaupt erst erträglich. Darf das Elend so schön gezeigt werden? Das wurde im Film nicht diskutiert. Als Co-Regisseur war Salgados Sohn dabei, der den Vater schon mehrfach auf seinen Reisen begleitet hat. Jetzt ist er groß, jetzt darf er mit: Wie fühlte er sich aber, als er klein war und der Vater wochen-, monate-, oder gar jahrelang unterwegs war? Vieles wird im Film nicht angesprochen. Das fand ich so im Nachhinein, beim Darübernachdenken ein wenig schade. Wenders hat Salgado ein schönes Denkmal gesetzt. Mehr leider nicht.

 

Gelesen: Stadt der Diebe

Es gibt Zeiten, da muss ich aus Krankheitsgründen das Sofa bewachen und kann nicht viel Anderes unternehmen. Da kommt ein unterhaltsames Buch gerade recht. Zwar ist „Stadt der Diebe“ bereits vor einiger Zeit erschienen, trotzdem lässt es sich immer noch gut lesen. Zumal mich die Zeit, in der das Buch spielt, ohnehin momentan interessiert:

Zwei junge Männer,  einer 17 Jahre alt, der zweite etwas älter, sollen im belagerten Leningrad, in einer Stadt, in der es nichts mehr zu essen gibt, 12 Eier auftreiben.

Im ersten Kapitel entwickelt Benioff den Roman, verleiht ihm einen autobiografischen Rahmen, auch wenn er in einem Interview einmal dazu sagt, dass alles nur erfunden ist. Bereits in diesem Rahmen werden die Folgen des Krieges sichtbar: Die Großeltern denken ungern an diese Zeit und wollen nicht mit der jüngeren Generation darüber sprechen. Dabei lässt sich eine Vergangenheit weder bewältigen, noch abschließen. Sie wirkt weiter.

Lew, der 17jährige, wird dabei erwischt, wie er die Leiche eines deutschen Fallschirmjägers plündert. Normalerweise werden Plünderer einfach erschossen, genauso wie Deserteure, als der Kolja gilt. Beide werden eine Nacht ins Gefängnis gesteckt und am nächsten Morgen zum Chef des Geheimdienstes geführt. Dieser erzählt ihnen von der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter – und dass für die Hochzeitstorte 12 Eier braucht. Eine Woche Zeit bekommen die beiden, die Eier zu liefern. Klappt es, dürfen sie am Leben bleiben.

Die Auswirkungen des Hungers und der Belagerung beschreibt Benioff so, dass ich gleich mal in der Küche nachgucken musste, ob noch genug zu essen da ist. Lew und Kolja erinnern sich inmitten des Hungers und der Kälte an die Zeit vor dem Krieg und wie fern diese geworden war. Hunger und Tod sind die unausweichlichen Begleiter, denen nicht zu entkommen ist. Weil Not erfinderisch macht, erzählt Benioff, wie die Menschen in Leningrad ihre Schuhsohlen weichkochen, damit sie diese essen können. Wenn es nichts mehr zu essen gibt, dann wird sogar der Schlamm aufgesammelt und gebacken, in dem der geschmolzene Zucker aus den von Bomben zerstörten Lagerhäusern klebt. Auch der Leim der Buchrücken wurde zu Lebkuchen verarbeitet.

Die beiden finden keine Eier in Leningrad, dafür aber Kannibalen, bei denen Teile von Menschen in Haken an der Decke hängen. Sie finden einen alten toten Mann, der seine Hühner bewachen wollte. Eines noch ist übrig, doch es ist – ein Hahn. Immer bleibt der Tod und der Hunger an ihrer Seite. Selbst die Toten blieben sich selbst überlassen, die Menschen hatten keine Kraft mehr, sie zu bestatten: „Sie waren schon lange tot, und ihre Leichen hatten begonnen, ein Teil der Landschaft zu werden.“ (S.156).

Die Erde war gefroren, es war Krieg und keine Zeit für Beerdigungen. Wer bereits tot war, den störte das nicht. Und wer es nicht werden wollte, der beschäftigte sich nicht mit denen, die ohnehin nicht gerettet werden konnten. Kolja: „Ich habe noch nie verstanden, wie jemand sagen kann, am meisten fürchte er sich davor, eine Rede zu halten, oder vor Spinnen oder irgendwelchen anderen abschreckenden Dingen. Wie kann man etwas mehr fürchten als den Tod? Allem anderen kannst du für kurze Zeit entfliehen: Ein Gelähmter kann noch immer Dickens lesen; ein Demenzkranker könnte Momente absurdester Schönheit erleben.“ (S.205)

Irgendwann schien die Handlung für mich so irrwitzig, wie ein Film mit Indiana Jones: Auch wenn die Rettung unmöglich scheint, kommt eine neue Wendung. Lesenswert und unterhaltsam ist das Buch, ja. Aber ich glaube nicht, dass diese Geschichte möglich gewesen wäre. Parallel dazu habe ich nämlich „Archipel Gulag“ in den Fingern gehabt, von Solschenizyn. Auf Seite 66 erwähnt er den § 58 Punkt 10: „Propaganda oder Agitation, welche einen Appell zum Sturz, zur Untergrabung oder zur Schwächung der Sowjetmacht enthält…“. Dieser Paragraph wurde herangezogen, wenn 1942 Menschen „die Lüge verbreiteten, im belagerten Leningrad stürben die Menschen an Hunger“. Verhaftung und Verbannung waren die Folge.