Knotenpunkte #1

Befehle sind zu befolgen, waren einst zu befolgen. Wer sie nicht beachtete, sich ihnen widersetzte oder gar mißachtete, wurde bestraft, oft mit dem Tod. Ganz ohne ein: das-hab-ich-nicht-gewollt, oder ein das-hab-ich-nicht-gewusst, auch ein das-hab-ich-nicht-so-gemeint. Gesagt war gesagt, getan war getan, wer vorher nicht überlegte, dem blieb anschließend nur selten Gelegenheit dazu.

Der Ring, der einst Gehorsam hieß, war bindender als jedes andere Versprechen. Den jungen Menschen, die als Soldaten ziehen mussten, blieben nur die Sehnsucht nach dem Weihnachtsbaum, die Erinnerung an warmen Kerzenschein, an den Kartoffelsalat und die Bratäpfel, die wenigen Geschenke, wie warme Socken und selbstgestrickte Handschuhe. „Ich denke an dich“ stand millionenfach in Feldpostbriefen, sie wünschten sich nichts lieber, als Weihnachten daheim zu sein.

Doch es lagen mehr als 1000 Kilometer zwischen ihnen, den Soldaten und denen, die zu Haus geblieben, es gab kein Entrinnen. Weder aus der russischen Kälte – es sei denn in die Wärme einer Bauernkate und um den Preis, dort gemeinsam mit Schweinen und anderen Tieren unter einem Dach zu hausen. Die Alternative war der Tod, allgegenwärtig und hinter jeder Ecke, jeder Schneewehe lauernd.

Keiner wusste, was kommen würde, sie wurden getrieben von den Befehlen, von dem, was anscheinend getan werden musste, und berauscht von allem, was bisher geschah.

Die Schweine, die mit in der Stube hausten, landeten bald im Kochtopf, für diese war das kurze Leben vorbei. Die Menschen, die hier ihre Heimat hatten und überlebten, wurden nur drei Jahre später verurteilt. Kollaboration mit dem Feind lautete der Vorwurf, Deportation war die Folge.

Feldpostbriefe

Am Wochenende war ich bei meinen Eltern. Das kommt gelegentlich vor. Als sie neulich bei mir in Franken zu Besuch waren, hatte meine Mutter erzählt, dass sie einen ganzen Karton mit Feldpost hat, den mein Opa – also ihr Vater – an ihre Mutter geschrieben hat. Meine Mutter selbst kann die Briefe nicht lesen, da sie in Sütterlin geschrieben wurden. Als noch nicht ganz Jugendliche, früher nannte man das Backfisch, habe ich einst so lange meine Urgroßmutter angebettelt, dass sie mir gezeigt hat, wie Sütterlin geschrieben wird. Ein erster Versuch zeigt: Ich kann die Briefe lesen. Also hat sich der Einsatz damals gelohnt. Als erstes habe ich den letzten Brief gelesen und übertragen, geschrieben am 3. Januar 1945. Und habe gemerkt: Ich verstehe nicht alles. Ich weiß oft nicht, was Spaß ist, und was ernst gemeint ist. Ohne mehr Informationen über das, was war, werde ich wohl nicht weiter kommen. Und werde trotzdem nicht alles verstehen können: Wann hat sich der Großvater Sorgen gemacht? Hat er wirklich geglaubt, im Januar 1945, dass es kurz vor dem Kriegsausgang noch zu einer Wende kommen wird? Oder schrieb er das in den Brief hinein, weil ja die Feldpostbriefe zensiert wurden? Und er einfach nur gehofft hat, dass er überlebt, dass er alles überlebt?

Er hat überlebt. Ja. Sonst hätte es meine Mutter und ihre Geschwister nicht gegeben. Aber er hat nichts erzählt. Fragen kann ich ihn längst nicht mehr, dort wo er ist, gibt es keine Antworten. Ich habe zwar meinen Urgroßeltern und auch meiner Großmutter Löcher in den Bauch gefragt und wollte vieles wissen, nur mein Großvater hat nichts erzählt.

Jetzt lese ich seine Briefe. Mal sehen, wie das wird. Was daraus wird.

Die ersten Briefe fehlen. Leider. Ich muss mal fragen, ob noch irgendwo welche stecken könnten. Wenn nicht, dann sind sie wohl weg. Vielleicht wurden sie verbrannt, wer weiß.

Es gibt einen ganzen Stapel von 1942, 1943, 1944 und einen einzigen Brief von 1945. Die Briefe von meiner Großmutter, auf die sich mein Großvater oft bezieht, sind auch nicht erhalten. Vermutlich gab es für ihn nicht so viele Gelegenheiten, sie aufzuheben und wieder mit nach Hause zu bringen.

Beim Kramen in den Briefen habe ich mich an ihn erinnert, an den Tabakduft, der immer da war, wenn ich die Schublade vom Tisch aufzog, der unter dem Fenster stand. Ich habe mich daran erinnert, wie mein Großvater in seinem grünen Trainingsanzug, genannt Fridolin, im Wohnzimmer saß. An das Frühstück am Sonntag, ebenfalls im Wohnzimmer, nach dem sich meine Großmutter ihre Fingernägel lackierte und zu dem klassische Musik vom Plattenspieler ertönte.