Vom kleinen Gl├╝ck

„Wenn die Sonnenblumen bl├╝hen, ist der Sommer vorbei.“ Otto sah sich noch einmal um. „Die Menschen hier wohnen schon in seltsamen kleinen H├Ąusern“, meinte er.
„Aber die G├Ąrten sind einfach eine Wucht!“ Kamen sie im Morgengrauen von einer Erkundungsfahrt zur├╝ck, wurde es gerade hell genug, dass sich die ersten Farben aus dem Schwarz-grau der Nacht l├Âsten: Rote Zinnien wetteiferten mit tiefvioletten Bechermalven und ├╝ber allen hielten die Sonnenblumen ihre ruhige Wacht.
„Bei uns ernten sie jetzt den Weizen“, murmelte Otto und strich mit einer Hand ├╝ber die ├ähren. „Allerdings steht er bei uns dichter.“
Er drehte sich zu Frieder um: „Was meinst du, ob ich hier sp├Ąter ein St├╝ck Land kriegen kann? Dann, wenn alles vorbei ist? Er hat es versprochen.“


Frieder rauchte, an den Sp├Ąhpanzer gelehnt. Die Spitze der gl├╝henden Zigarette hielt er tief in der Hand verborgen. Da seine Eltern zu Hause kein Land, sondern nur einen Garten bewirtschafteten, aus dem die Mutter Kartoffeln, Wei├čkraut und M├Âhren mit nach Hause brachte, war ihm Ottos Schw├Ąrmerei fremd. F├╝r ihn war es ein Abenteuer, an dem er unfreiwillig teilnehmen musste und hoffte, dass es nicht mehr lange dauern w├╝rde.
Seit einer Woche lagerten sie jetzt hier, so kurz vor der Desna. Jede Nacht waren sie mit ihren Sp├Ąhpanzern unterwegs, aber Feinde fanden sie nicht. Hinten am Horizont flackerte es gelegentlich hell, doch es war nicht sicher, ob Kanonendonner dr├Âhnte oder es nur ein schlichtes Wetterleuchten war.
Die V├Âgel sammelten sich in Schw├Ąrmen, flogen ├╝ber die Felder, setzten sich in die s├Ąumenden Birken, bis deren Kronen vogelschwer sich zum Boden neigte und flogen wieder auf, immer auf der Suche. Woher wussten sie eigentlich, in welche Richtung der Schwarm fliegen w├╝rde? Und wer sagte ihnen, wann es Zeit war, Zeit aufzubrechen, s├╝dw├Ąrts zu fliegen und rechtzeitig vor dem Winter das Weite zu suchen? Frieder sah den Staren hinterher und w├╝nschte sich, er k├Ânnte auch so frei durch das Land ziehen.
In ein paar Monaten w├╝rde hier V├Ąterchen Frost herrschen, streng herrschen, doch davon wussten Otto und Frieder noch nichts, sie wussten davon ebenso wenig wie von den Menschen, die seit Jahrhunderten hier lebten, die hier den Boden beackerten, die K├╝he molken und sie auf die Weide trieben, das Gras m├Ąhten und, wenn es reif war, das Getreide.
„Wenn ich hier einen Hof kriege, dann habe ich mehr als mein Bruder“, fing Otto noch einmal an. Er b├╝ckte sich und grub mit den Fingern eine Handvoll Erde aus: „Guck dir die Schw├Ąrze an!“
Frieder winkte ab: ÔÇ×Wir m├╝ssen zur├╝ckÔÇť.
Er warf die Zigarette weg, trat sie aus – und b├╝ckte sich. Ein vierbl├Ąttriges Kleeblatt? Er ging in die Knie, pfl├╝ckte das Blatt und barg es vorsichtig zwischen den Briefen, die er in der Brusttasche trug. Es knackte stumpf.
Als sei jemand auf einen sehr trockenen Ast getreten.
Frieder richtete sich auf. „Otto?“
Otto lag auf dem R├╝cken, sah mit offenen Augen in den Himmel. Aus einem kleinen Loch an der Schl├Ąfe rann Blut.
Frieder zerrte seinen Kameraden hoch, bugsierte ihn ins Fahrzeug und raste los. Fuhr ├╝ber Feldwege, holperte ├╝ber Wurzeln: „Wir sind gleich da“, rief er Otto zu: „Ich bring dich heim“.
Zur├╝ck im Gefechtsstand halfen ihm die anderen, legten Otto auf den Boden, griffen zum Spaten und gruben. Anderthalb Meter tief. „Das reicht“, befand der Spies und der Bataillonspfarrer hielt eine kurze Andacht.
An diesem Abend klebte Frieder das Kleeblatt auf den Brief, den er nach Hause schrieb: „Es sollte mir Gl├╝ck bringen. Eigentlich.“

Verbunden mit: Projekt txt. Das achte Wort lautete: Gl├╝ck.

Nichts mehr da. #Habseligkeiten

Endlose Weite.

Dass es besser ist, wenn er sein Herz nicht an Dinge h├Ąngt, lernte Georg schnell. Er zog bereits einige Tage lang mit seiner Kompanie durch die Sowjetunion, und hatte immer noch keine Vorstellung davon, wie weit, gro├č und un├╝berschaubar dieses Land in allen Dingen sein w├╝rde. Die W├Ąlder und Felder waren riesig, die Wege endlos, die D├Ârfer kaum vorhanden und die St├Ądte grau und ├Âde. Zwar schien auch der dritte Krieg zun├Ąchst ein wildes, m├Ąnnliches Abenteuer zu sein, in dem sich gemeinsam mit den Kameraden die Unkereien der Propagandaleute belachen lie├čen: Frauen! Im Krieg! Die hatten doch dort nichts zu suchen… Doch das Lachen verging ihnen schnell.┬áHinter jedem Baum schien ein Feind zu lauern, in jedem Feld und jedem Haus.

Georg zog als Aufkl├Ąrer vorneweg, sa├č mit vier Kameraden im leichten Sp├Ąhpanzer. Die Landschaft war sommerhell, der Weg von Birken ges├Ąumt. Hinten am Horizont zog sich der Wald scheinbar endlos dahin, er war froh, dass sie nicht dessen Tiefe erkunden mussten. Am n├Ąchsten Tag sollte es weiter gehen, sicherheitshalber schickte der Kompanief├╝hrer den Trupp noch einmal los, gerade als der Morgen graute. Wie am Tag zuvor war alles ruhig, idyllisch, kurz vor dem Wald graste ein Rudel Rehe, zwei Hasen hoppelten ├╝ber den Weg und Fritz bedauerte, dass sein Gewehr nicht schie├čbereit war: „Die h├Ątte ich gehabt, alle beide!“. Kaum waren die Worte verklungen, knallte es laut und ohrenbet├Ąubend. Der Sp├Ąhwagen ruckte so heftig, dass alles nach vorne flog: „Raus!“, wies der Leutnant an, doch das h├Ątte er nicht sagen brauchen. Alle f├╝nf dr├Ąngten nach drau├čen, halfen sich aus dem Fahrzeug, hechteten in den kleinen Graben der neben dem Weg lag: „Hast du irgendwas gesehen?“ fragte Fritz. Georg sch├╝ttelte den Kopf: Au├čer den Hasen hatte auch er nichts gesehen. Als sie am Tag zuvor noch etwas weiter nach vorne gefahren waren, war hier ebenfalls alles ruhig und so ├╝bersichtlich und ruhig wie die Landschaft wirkte, hatten sie nicht mit einem Hinterhalt gerechnet.

Geb├╝ckt liefen sie durch den Graben zur├╝ck, w├Ąhrend der Sp├Ąhpanzer auf dem Weg dicke Qualmwolken in den Himmel schickte. Die ersten beiden liefen weiter vorne, Fritz und Georg sicherten den Leutnant von hinten, konnten jedoch nicht verhindern, dass ein heller Schuss peitschte und diesem quer ├╝ber die Uniformjacke fuhr, diese wie mit einem Messer aufschlitzte und den Mann darin gl├╝cklicherweise unverletzt lie├č. Sofort lagen alle platt auf dem Boden, bewegten sich vorsichtig schl├Ąngelnd durch das d├╝rre Gras. Von einem Wermutstrauch gedeckt, wagte Georg einen Blick nach hinten, zum immer noch brennenden Panzer. Drumherum liefen unf├Ârmige wirkende Gestalten, die durch den dichten Qualm kaum zu sehen waren. Das waren doch keine Soldaten? Oder?

Sie wollten es nicht wissen, jetzt jedenfalls nicht. Ein zweiter Schuss hatte einen der anderen Kameraden in den Oberschenkel getroffen, sie zogen ihn gemeinsam immer weiter, durch den Graben, das trockene Gras, hinterlie├čen eine deutlich sichtbare Blutspur und brauchten nur zwei Kilometer hinter sich zu bringen, als ihnen der zweite Sp├Ąhtrupp begegnete, der ihnen gefolgt war und ihnen jetzt half, vollz├Ąhlig zur├╝ckzukommen. Nicht immer hatten die Soldaten so viel Gl├╝ck.

Sein Anzug war alles, was ihm von seinen Habseligkeiten noch geblieben war: Handtuch und Seife, Decke, Kaffeebecher, Essbesteck, Rasierpinsel und Apparat, s├Ąmtliche Briefe Friedes – alles war im Panzer verbrannt. Gleich nach der R├╝ckkehr der Sp├Ąhtrupps zog ein Kampftrupp los, mit dem Auftrag, die Lumpen zu erwischen. Ja, Lumpen. Es waren keine Soldaten, die geschossen hatten, es waren Frauen oder M├Ąnner in Frauenkleidern, vermuteten die Soldaten, nach allem, was sie im Qualm gesehen hatten.

Gl├╝ck muss man haben, res├╝mierte Fritz sp├Ąter, als er am Abend mit Georg zusammensa├č und noch einmal die verpassten Hasen bedauerte. Schlie├člich war nicht ├╝berall ein passender Graben am Weg.

Zwei Tage sp├Ąter ging es weiter, immer weiter nach S├╝den und so lange, bis der fehlende Treibstoff die Reise f├╝r kurze Zeit unterbrach.

Das ist mein Beitrag zu Dominiks Projekt, *.txt, mit dem f├╝nften Wort: Habseligkeiten.

Es lebe der Wahn!

Jedem „das macht man doch nicht“ ging oft genug ein „doch, das macht man genau so!“ voraus. Ohne Wahn w├╝rde ich nichts wagen, ohne Wahn w├╝rde ich mich nicht verlieben.

Einfach mal die Welt auf den Kopf stellen…

Der Wahn hilft, den t├Ąglichen Schwachsinn zu ertragen. Mal ehrlich: wer glaubt denn daran, dass er gl├╝cklich wird, wenn er die richtige Margarine – igitt – aufs Brot streicht?

W├Ąhnen wir uns lieber gl├╝cklich, so wie die Eintagsfliegen:

Ich habe sie aufgegeben, die gro├čen Gewissheiten. Dieses: Das macht man so! Jede Woche Bad und Fenster putzen, t├Ąglich den Mund sp├╝len, die Klappe halten.

Statt dessen lebe ich im Augenblick, erinnere mich nicht an das Gestern und denke nicht an das Morgen.

Das ist mein Beitrag zum Projekt #txt von Dominik, auf Neon/ Wilderness. 

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Kein Berg, nirgends. Nur Schnee.

Einmal, als G. nachts zwischen den H├Ąusern lief, in denen seine Kameraden schliefen und seine Blicke weit ├╝ber den Schnee schweifen lie├č, immer in der Angst, dass sich Partisanen von hinten leise anschleichen, erinnerte er sich an ein M├Ąrchen, dass ihm seine Mutter erz├Ąhlt hatte, als er noch klein war und unter ihrem N├Ąhtisch gespielt hatte. Es handelte davon, dass ein junger Mensch in einen Berg hineinging, sich durch einen Spalt gezw├Ąngt hatte, der pl├Âtzlich offen vor ihm war. Drinnen lief er eine Weile umher, bewunderte das Glitzern an den W├Ąnden, hielt die Kristalle f├╝r Edelsteine. Er raffte so viele, wie er kriegen konnte, in seine Taschen und legte sich, da er m├╝de war, zum Schlafen nieder. Als er aufwachte, packte er alles zusammen und ging wieder ins helle Tageslicht zur├╝ck. Das Tal war gr├╝n, die Schmetterlinge torkelten nektartrunken von Bl├╝te zu Bl├╝te, die Bienen und Wespen summten eifrig und das Gr├╝n d├╝nkte ihm so ├╝ppig, wie er es noch nie gesehen hatte.

Doch hier gab es rundum keinen Berg, G. ging den Pfad entlang, den er gemeinsam mit seinen Kameraden gegraben hatte. Zu beiden Seiten bildete der Schnee eine Brustwehr, ├╝ber die er zwar weit ├╝ber die Ebene sehen konnte, aber auch gut f├╝r die Russen zu sehen war. Gestern stand Fritz noch gegen den Schnee gelehnt, als hielte er Ausschau. Der Einschuss war kaum zu sehen. Der Spie├č br├╝llte die Soldaten an, wachsam zu sein und jagte sie hinaus, in die Weite, wo sie auf der Suche nach Partisanen zwischen Birkenst├Ąmmen herumstolperten.

Das ist mein Februarbeitrag für das #txt-Projekt bei Dominik: Link

Dr├╝ckt den Speck, wohin er geh├Ârt: Die Miederhose

12am12 340

Mit der Hand geschriebener Blogbeitrag…

Wer das – aus Gr├╝nden – nur schwer entziffern kann, f├╝r den schreibe ich den Text noch einmal ganz gewohnt in Druckbuchstaben, wie jeden Beitrag, der hier erscheint.

Au├čerdem hat nicht der ganze Text auf dem einen Blatt Platz gehabt, es h├Ątte also ohnehin eine Erg├Ąnzung geben m├╝ssen, oder, wie die Lieblingshausziege sagt: Und? Wie geht es jetzt weiter?

So:

 

 

Wie hei├čt es, wenn die Kurve nach innen zeigt?

Konkav oder konvex?

Wer sich nicht sicher sein sollte, kommt mit der kleinen Eselsbr├╝cke schnell ans Ziel:

War das M├Ądchen brav, ist der Bauch konkav. Hatte es schon Sex, ist der Bauch konvex.

Gut, im Zeitalter von Pille & Co. ist das nicht mehr ganz korrekt, hilft aber prima, wenn man sich den Unterschied einpr├Ągen will – oder muss.

Nichtsdestotrotz gibt es im Leben vieler Frauen diesen einen entscheidenden Moment, in dem sie in den Spiegel schaut und feststellt, dass es ihrer Taille (konkav!) h├Âchstwahrscheinlich zu kalt war. Gegen die K├Ąlte hat sie sich mit kuschelig-warmen Speckringen gepolstert. Schlie├čt frau nun den Hosenknopf, ringelt sich der Speck wie ein Wurm dar├╝ber, quillt hervor, na, ihr wisst schon. Die Hose l├Ąsst sich noch schlie├čen, das ja, sieht aber nicht mehr ganz passend aus.

Bei den Herren gibt es das Ph├Ąnomen ebenfalls, die m├╝ssen sich einfach entscheiden: Tragen sie ab dann den G├╝rtel ├╝ber oder unter dem Bauch…

Jetzt kommt – tadaa! – die Miederhose zum Einsatz: Sie dr├╝ckt den Speck – der sich in der Regel auch als nachgiebig genug erweist – dorthin, wo er geh├Ârt: nach oben. Will schlie├člich nicht fast jede Frau mehr Oberweite haben? Also. Die Miederhose endet ja auch folgerichtig weit ├╝ber dem Hosenbund. Sie modelliert die Figur und sorgt daf├╝r, dass die Taille wieder konkav aussieht. Die Speckrolle ist weiter nach oben gerollt. Und zwar genau so weit, wie die Miederhose reicht. An deren Ende klemmt die Speckrolle obendr├╝ber. Unter dem Busen. Als unten-doppel-Busen gewisserma├čen, allerdings in diesem Fall nicht einzeln unter jeder Brust, sondern als einteilige Rolle. Ach.

Also bleibt die taillierte Bluse weiterhin im Schrank. Abspecken ist angesagt.

Effizienter geht es kaum noch. Den Blogpost verlinke ich gleich dreimal:

Bei Frau Tikerscherk, weil der erste Teil h├Ąndisch geschrieben wurde – und gestern der Tag der Handschrift war.

Beim Wortmischer, weil ich endlich ├╝ber die versprochene Miederhose geschrieben habe.

Bei Dominik, als Beitrag zum *txt-Projekt mit dem Wort „nichtsdestotrotz“.

Gestern habe ich auf meinem anderen Blog, der Schreibreise, einen Post ver├Âffentlicht, auf den ich immer noch – hachz – ganz stolz bin. Ja, die ├ťberg├Ąnge werde ich beim n├Ąchsten Mal ein bisschen sanfter gestalten, aber f├╝rs erste Mal hab ich es ganz gut hingekriegt. Finde ich. Wer es sich ansehen mag, klickt auf das Bild.

#txt: ruhig

Ruhig bleiben, ruhig leben, ruhig laufen, ruhig fahren. Ruhe hatten erst diejenigen, die von einer feindlichen Kugel getroffen wurden, fielen und starben. Alle anderen mussten weiter, immer weiter nach Osten, dorthin, wo die Sonne jeden Tag ein kleines bisschen fr├╝her aufging.
Hans staunte ├╝ber die Weite, die sie querten. Bis weit vor ihnen dehnte sich das Land endlos, w├Ąhrend ├╝ber ihnen ein ebenso endloser und blauer Himmel war. Die lichten Birkenw├Ąlder, in denen das Sonnenlicht in hellen Flecken auf dem Moos tanzte, kamen ihm jedoch wie die finsteren Tannenw├Ąlder der R├Ąubererz├Ąhlungen aus seiner Kindheit vor. Hinter jedem Busch, unter jedem Grasb├╝schel schien der Feind zu lauern, der in seinen erdbraunen Uniformen so schwer sichtbar war, da der Stoff denselben Farbton trug, wie das Land rundum. Die gelbliche Farbe auf den Feldern erinnerte Hans an den August, wenn sich das Gras verbrannt und gelb niederlegte, da der Regen ├╝ber Wochen ausblieb und alles vor Hitze flirrte. Hier in Russland reifte das Getreide auf den Feldern, da sich aber niemand um die Ernte k├╝mmerte, blieb es stehen und lie├č die K├Ârner auf den Boden fallen.
Am 22. Juni hatte Hans die Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion ├╝berquert. Am Stra├čenrand lag der Schlagbaum, ein Schild sah er nicht. Erst zwei Wochen sp├Ąter hielt seine Einheit das erste Mal inne. Sie hausten drei Tage lang in f├╝nf verlassenen H├Ąusern, die Hans auf den ersten Blick f├╝r Viehst├Ąlle hielt. Erst als er die Tische sah, die in den Stuben standen, den gro├čen Ofen in der Ecke und die Teller auf den Wandborden ahnte er, dass das Leben im Osten anders war, als er es von zu Hause kannte. Der Spie├č lie├č nicht zu, dass in den drei Tagen Ruhe einkehrte. Er sorgte mit dem entsprechenden Gebr├╝ll daf├╝r, dass s├Ąmtliche Jacken wieder schwarz, s├Ąmtliche Uniformkn├Âpfe gl├Ąnzend, s├Ąmtliche Schuhe penibel geputzt und s├Ąmtliche Koppel wieder so aussahen, als k├Ąmen sie frisch aus der Kleiderkammer. In diesen zwei Wochen war die Kompanie um 18 vermisste und sieben gefallene Soldaten geschrumpft, 25 von gut 200, da blieb f├╝r jeden mehr zu essen und mehr zu rauchen ├╝brig, konstatierte Fritz, der wie ein Feldhamster auf seine Vorr├Ąte achtete und selbst dann noch etwas zwischen den Backen kauen konnte, wenn alle anderen hungrig auf den Nachschub warteten.
Drei Tage sp├Ąter ging es weiter, sie fuhren Tag und Nacht, bis sie den Dnjepr ├╝berquert hatten, der Sprit alle und die Tankwagen noch weit hinter ihnen waren. Daf├╝r kamen die Russen von vorne und die Artillerie feuerte von hinten, bis die Rohre gl├╝hten. In den H├Ąusern, die dicht hinter den Feuerstellungen standen, lagen Matten. Die Soldaten fielen darauf, froh ├╝ber die weiche Unterlage und schliefen wie besinnungslos, obwohl die Batterie pausenlos feuerte. Hans war durch den st├Ąndigen Mangel an Schlaf so ersch├Âpft, dass er sofort einschlief. Ein lauter Schlag, mitten in der Nacht, weckte ihn. Es klirrte und die Scheiben aus dem Fenster ├╝ber der Matte fielen auf seine Decke. Die Artillerie hatte ein solches Trommelfeuer begonnen, wie er sich an keines erinnern konnte. Er sah zu, wie der Putz aus den Fugen rieselte, und glaubte einen Moment lang, dass sich die Backsteine in der Wand bewegten. Dabei erlebte er bereits seinen dritten Krieg – und die Belagerung von Warschau war ja auch nicht ohne. Die Absch├╝sse schienen schneller aufeinander zu folgen, als ein MG schie├čen kann, und der Zinnober dauerte l├Ąnger als eine Stunde. Erst danach konnten die Soldaten ihre Finger wieder aus den Ohren nehmen, schliefen, bis sie geweckt wurden und weiter ziehen mussten.

Ruhe. Wenn es endlich einmal ruhig w├Ąre…

Das ist mein Beitrag zum siebzehnten Wort von: #txt. „ruhig“. Der Link f├╝hrt zu den anderen Beitr├Ągen.

Distanzen sind mehr als Entfernungen

Wie weit die Entfernung zwischen zwei Orten ist, kann nur der ermessen, der sie durchf├Ąhrt. Der Zug mit den Soldaten, mit den Sp├Ąhpanzern, den Gewehren, der Munition, der Feldk├╝che, dem Lazarett und allem, was zu einem Krieg geh├Ârt, fuhr eines Tages mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern los. Er passierte Leipzig, Dresden, und es ging weiter, immer weiter in ├Âstlicher Richtung, durchfuhr Breslau, Litzmannstadt und die R├Ąder rollten weiter, immer weiter, bis der Zug zwei Tage sp├Ąter im polnischen Niemandsland so laut quietschend hielt, dass sich alle, die in ihm sa├čen, die Ohren zuhielten: Endstation, ┬áalles aussteigen, dieser Zug endet hier.

Die T├╝ren wurden ge├Âffnet, die Soldaten sprangen heraus, schauten sich um, z├╝ndeten sich eine Zigarette an und standen erst eine Weile herum, bevor sie s├Ąmtliche Holzkisten, Blechk├Ąsten, S├Ącke, Tornister und was sonst im Zug war, abluden, die Sp├Ąhpanzer und anderen Fahrzeuge fuhren ├╝ber die Rampe vom Zug. Weil nicht alles am Bahnhof in der polnischen Provinz einfach warten konnte, bis alle dort versammelt waren, wo sie aufmarschieren sollten, ging es weiter, in die Tiefe der polnischen W├Ąlder, dorthin, wo fast nichts mehr war, au├čer Sonnenglut und Hitze und M├╝cken. So viele M├╝cken, dass an Sonnenbaden nicht zu denken war, obwohl es Anfang Juni war.

Irgendwo in Berlin oder auf dem Obersalzberg hatte ein F├╝hrer befohlen, Gener├Ąle Pl├Ąne ausgearbeitet und diese in einzelnen Befehlen immer weiter nach unten gereicht. Drei Millionen deutsche Soldaten, dazu 600.000 Verb├╝ndete mussten losziehen, mit ihnen 600.000 Motorfahrzeuge und 3.600 Panzer, wurden an den sowjetischen Grenzen verteilt, bis am 22. Juni die ersten Soldaten ohne eine Kriegserkl├Ąrung die Grenzen ├╝berschritten. Sie fuhren auf den Stra├čen immer weiter, ostw├Ąrts. Lastwagen, Motorr├Ąder, Feldk├╝chen, Tankwagen. Die R├Ąder all dieser Fahrzeuge waren auf Stra├čen angewiesen, doch die russischen Stra├čen waren selten mit Asphalt belegt oder gar gepflastert, sondern einfache Pisten: Staubig, wenn es trocken war. Bodenlos schlammig, wenn es regnete.

Briefe hielten die Verbindung: Zwischen S├Âhnen und Eltern, zwischen M├Ąnnern und ihren Frauen, zwischen den Liebsten. Doch sie ├╝berklebten nur die Sehnsucht nach etwas, was nie wieder so sein w├╝rde, wie es vorher war; zu viel gab es, was nicht mitgeteilt werden konnte, was nicht miteinander geteilt werden konnte, was denen, die es erlebten, noch lange den Schlaf rauben und ihre Tr├Ąume bestimmen w├╝rde. Bis zum Schluss. Bis zum Tod.

Das ist ein Beitrag f├╝r das Projekt auf Neon/ Wilderness, zum sechzehnten Wort: „Distanz“. Die anderen Beitr├Ąge findet ihr, wenn ihr auf den Link klickt.