Auf dem DLD Campus in Bayreuth

Jeden Freitag streiken die Kinder und Jugendlichen, sie gehen auf die Straße und protestieren. Sie werden immer aktiver und haben für September die nächste große Demonstration geplant. Sie machen Krach, weil sie sich um ihre Zukunft und die Zukunft der Welt sorgen. Viel ruhiger ging es dagegen auf der Innovationskonferenz DLD Campus zu, der von Hubert Burda Media veranstaltet wird: Im Audimax an der Bayreuther Universität tauschten sich Studenten, Unternehmer und Politiker nicht nur über die Zukunft der digitalen Welt aus, sondern auch darüber, wie künftig Probleme gelöst werden können.

Die Techniker bereiten sich vor: Gleich startet der DLD Campus 19 in Bayreuth

Während jedoch Steffi Czerny von DLD vom Quantum Computing schwärmte, würde sich Katharina Schulze (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen im Bayerischen Landtag) schon freuen, wenn die digitale Infrastruktur bis in den ländlichen Raum reicht und jeder Ort in der Zeit zwischen fünf Uhr morgens und Mitternacht an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen ist und das Netz ausreicht, sich via App nach der nächsten Abfahrt zu erkundigen.

Podiumsdiskussion mit Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ die Grünen im Bayerischen Landtag, sie hat gerade das Mikro in der Hand

In der Podiumsdiskussion wurde denn auch die Versorgung des ländlichen Raumes mit schnellem Internet hierzulande mit der Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern verglichen. Dabei fallen mir viele Möglichkeiten ein, an die kaum jemand zu denken scheint: Wenn schon so viele Menschen ihre Waren online bestellen, warum kann davon nicht ein kleiner Dorfladen leben? Die Menschen bestellen, was sie gerne hätten – und holen es dort ab, so frisch wie in jedem Supermarkt. Sie sparen sich die Fahrten zum Stadtrand und die Mühen des Einkaufs im großen Markt.
Wolfgang Kerler, früher Journalist bei Wired, ist sich sicher, dass wir hierzulande mehr Optimismus brauchen: „große Narrative haben Einfluss auf uns!“ – und wir nehmen Technologien als Naturgewalten und uns selbst nur noch als Opfer wahr.
Andreas Kunze von Konux war vor fünf Jahren noch Student. Heute will er mit seinen gut 100 Mitarbeitern weltweit Züge pünktlicher machen. Wir sollten aufhören, Protokolle zu schreiben und lieber die Technik benutzen, forderte er.
Das habe ich schon vor Jahren ausprobiert und festgestellt: Ich kann mir Dinge besser merken und auch fokussierter notieren, wenn ich mit der Hand schreibe. Also bleibe ich lieber bei Block und Stift. Außerdem kann ich nicht mehr benötigte Blätter einfach zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen. Versuch das mal mit einer Datei! Das ist nicht halb so vergnüglich und bringt wesentlich weniger Genugtuung.
Über die vermeintliche Erfolgsstory der Kunststoffe sprach Christian Laforsch, Professor an der Bayreuther Universität. Sicher, vieles wäre ohne Kunststoffe nicht denkbar. Da allerdings gut 40 Prozent als Verpackung genutzt werden und nach ihrem Eintagsleben als Müll enden, ist das nicht nur für Flüsse und Meere, sondern bereits für alle Bereiche unseres Planeten tragisch: „Mikroplastik ist überall“, versicherte Laforsch. Nicht nur die Tiere verwechseln Kunststoffe mit Nahrung und verenden, sondern selbst wir Menschen nehmen über unser Essen Mikroplastik auf. Das wirkt sich auf die Darmbakterien aus, kann Entzündungen und Tumore hervorrufen, ist sich Laforsch sicher. Da es hierzu noch mehr Fragen als Antworten gibt, müsse mehr geforscht werden.

Draußen war es sonnig und heiß, das Audimax glücklicherweise gut temperiert.

Auf der Veranstaltung wurde in den Pausen Essen angeboten. Allerdings war sämtliches Geschirr Einweggeschirr: Kaffeebecher ebenso wie Kuchenteller, Suppenschüssel und Besteck. War das wirklich nötig? Direkt neben dem Audimax ist die Mensa: Dort war sicherlich genügend Geschirr für alle vorhanden.
Als im Laufe des Nachmittags weiter über die schöne neue Welt der Computer geschwärmt wird, erinnerte ich mich daran, was uns bereits vor vielen Jahren versprochen wurde: Schon damals versicherten Forscher und Zukunftsgucker, wie einfach doch die Welt würde, wenn uns die Technik alles Schwere abnimmt. Sicher, ich brauche nicht mehr aufzustehen, wenn ich das Programm am Fernseher wechseln will. Ich kann auch das Autofenster auf Knopfdruck nach unten fahren lassen. Doch wir arbeiten längst nicht weniger, sondern eher mehr, immer verdichteter. Es soll immer mehr in immer kürzerer Zeit geschafft werden. Dabei nehmen uns doch Computer und Roboter so viel ab?
David Hanson von Hanson Robotics kam extra aus Hongkong nach Bayreuth – und ich muss an die Emissionen der Flugzeuge denken. Wäre das nicht via Technik einfacher gewesen, ihn direkt zuzuschalten? Nein, wäre es nicht. Eine direkte Kommunikation, bei der sich sämtliche Beteiligten direkt im gleichen Raum befinden, ist einfach durch nichts zu ersetzen. Sein Traum ist es, richtig lebende Maschinen zu schaffen, doch irgendwie erinnerte ich mich dabei an das Buch Simulacron-3 von Galoye. In diesem erzählt der Autor, wie in einem Computer Menschen simuliert werden, und zwar so echt, dass diese über ein eigenes Bewusstsein verfügen und nicht merken, dass sie lediglich Software sind.

Draußen war intensives Schwätzen angesagt.

Wir haben die Kommunikation und Interaktion zwischen den Menschen noch nicht verstanden, werden von unseren Gefühlen beherrscht, von chemischen und hormonellen Ereignissen geflutet – wie wollen wir das auf Computer übertragen? Woher weiß ich denn, wann mich jemand anders liebt? Das weiß ich einfach, sagte die Lieblingshausziege vor vielen Jahren. Viele Zustände kann ich spielen – ohne es wirklich zu sein. Manchmal kann ich entscheiden, wer ich sein will – und manchmal auch nicht. Haben Maschinen auch diese Möglichkeiten?
Der Tag war lang und dicht mit Wissen und interessanten Gedanken gepackt, so dicht, dass ich sie hier ohnehin nicht alle aufzählen kann. Der zentrale Satz Amerikas: „Alles ist möglich“ wurde im Silicon Valley zu „Nichts ist unmöglich“, referierte Hans-Ulrich Gumbrecht, der als Hochschullehrer in Stanford Literatur lehrt. Die Technologien machen Begierden möglich, die es vorher so nicht gegeben hat, resümiert er und ist sich sicher, dass es längst zu spät ist, die Computer noch abzuschalten. Die Programmierer wüssten längst nicht mehr, was sich in deren Inneren abspielt und dank Deep Learning ist alles zu einem gewissen Grad längst außer Kontrolle. Doch dieser Gedanke scheint ihn nicht zu stören: „Ich lebe lieber in einer Risikokultur als in einer Fehlervermeidungskultur“.

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