Bahnfahren

Der Winter atmet noch einmal aus und √ľberzieht alles mit seinem Raureif, h√ľllt Gr√§ser in wei√üen Hauch. Sie sehen aus wie frisch gezuckert, doch wer ein Blatt in den Mund nimmt, lutscht bittere K√§lte.
Was ist verschwunden? Die Schienenst√∂√üe, die den Rhythmus des Reisens bestimmten, das ohrenbet√§ubende Quietschen der Zugbremsen, das Pfeifen der Lokomotive vor jedem Bahn√ľbergang. Wolkenweichzeichner h√§ngen zwischen Baumwipfeln, der Tag r√§kelt sich unter der Decke, zieht sie sich √ľber den Kopf. Trotzdem drehen sich die Uhrzeiger weiter, fahren die Z√ľge wie im Fahrplan vorgesehen, wacht das Licht mit Druck auf den Schalter auf, erhellt den Raum, kriecht unter die Lider der Schlafenden, st√∂rt die Tr√§ume, auf dass sie kein gutes Ende finden.
Auf dem Platz neben mir erledigt eine Frau ihre Korrespondenz, schreibt E-Mails in Briefform. Sie h√§lt den Laptop auf dem Scho√ü, weg vom Mittelgang und damit mir zugewandt, ich k√∂nnte mitlesen, mag aber nicht. Weiter vorne prosten sich Menschen zu – St√∂√üchen – und tragen K√§ppchen als kleine H√ľte, obwohl noch kein Fasching ist.
Jetzt, in dieser Zeit, in der Samen in der Erde ruhen, nutzen die Maulw√ľrfe s√§mtliche Gelegenheiten, werfen ihre Haufen auf der Oberfl√§che ab, schlie√ülich werden jetzt weder Wiesen gem√§ht noch Felder gepfl√ľgt. Genauso brauchen Menschen ihre Ruhe; nur dann k√∂nnen die Geister der Vergangenheit aus der Tiefe steigen, Verwerfungen werden sichtbar und die Wahrnehmung verschiebt sich. Wer st√§ndig t√§tig ist, muss auf den Augenblick achten, sonst setzt der Maurer den Stein falsch, der Schuster die Naht schief oder der Bauer wird von der Kuh getreten. Diese Art der k√∂rperlichen Konzentration l√§sst sich nur in langer √úbung erlernen.
Auf einer Wiese parken Autos, Anhänger, Pferdeanhänger. Menschen, Reiter, Pferde stehen neben ihnen, blasen weiße Wölkchen in die Luft. Wie es aussieht, fahren die Pferdebesitzer ihre Tiere nach irgendwo, laden sie aus, satteln sie, reiten, satteln wieder ab, packen die Tiere wie Spielzeug ein und fahren nach Hause.
Ein St√ľck weiter steht eine Traktorenversammlung im Wald, mit H√§ngern und Holzst√ľcken,
Das ist nur ein IC, der fährt ohne W-LAN, monierte ein Reisender in sein Telefon, der Zug als solcher braucht es vermutlich nicht, wohl aber die Menschen, denen die Aussicht auf die Welt am Fenster zu wenig ist.

 

An Übergängen hat sich Wildnis ausgebreitet, zwischen zwei Feldern, zwischen höheren und tieferen Ebenen, zwischen Bahngleisbett und Feld oder Ortschaft, an Hängen.
Beton bekommt keine Patina. Beton wird schwarzgr√ľn von Mikroorganismen √ľberzogen, auf dem Geflecht bleibt Staub h√§ngen, Bl√ľtenstaub, dieser ergraut und fault mit der Zeit.
Im Netz schrumpfen Entfernungen auf Millisekunden, es ist nie leer, sondern unendlich weit. Es gibt keine letzte Seite, es gibt immer noch eine weitere und es f√ľhlt sich seltsam an, wenn eine Meldung aufploppt, in der es hei√üt: Sie haben alle Beitr√§ge der letzten zwei Tage gesehen. Really? Das war alles? Mehr gibts nicht? Das kanns doch aber nicht gewesen sein, oder?
Jeder Zug hat einen genau definierten Anfang, dort werden die Wagen zusammengestellt, eingesetzt und f√§hrt los. Mit dem Zug reisen ist geschenkte Zeit. Im Auto muss ich selbst aufpassen, stehe im Stau, fahre langsam oder schnell, bin vermeintlich Herr √ľber den Ablauf und doch allen Widrigkeiten ausgesetzt. Ich habe die Hand am Steuer und das Navi reguliert die Ankunftszeit nach meiner Geschwindigkeit, ich komme immer p√ľnktlich, sogar dann, wenn ich meinen Termin verpasse.
Die fest definierte Abfahrts- und Ankunftszeit der Bahn gilt dagegen √ľber die gesamte G√ľltigkeit des Fahrplans. Jede Unp√ľnktlichkeit kann somit genau registriert werden und f√ľhrt zu Meckerbedarf.

2 Gedanken zu „Bahnfahren

  1. Also ist es gut, das Reisen mit dem Zug.
    Andere Erfahrungen kann man beim Umsteigen machen, rennen m√ľssen, trotzdem f√§hrt der n√§chste Zug einem vor der Nase weg…man kennt das.
    Dass es noch Reisende gibt, die so genau, wie hier beschrieben, aus dem Zugfenster schauen, h√§tte ich kaum gedacht…
    Gruß von Sonja

    • Ja, aber es gibt auch den Moment, wo der eine Zug zwar auf der Strecke bauarbeitenbedingt warten muss, zu sp√§t in den Bahnhof einf√§hrt – und der n√§chste Zug wartet noch. Lokf√ľhrertelefonat sei Dank.

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