Stolpernde Zeiten

Die Zeit scheint zu stolpern: Wache ich morgens auf, ist es in der Wohnung gewohnt kalt, so lange, bis das Feuer im Ofen glĂŒht und den Rest der RĂ€ume wĂ€rmt. So weit ist es wie immer, auch der morgendliche Kaffee, das Warten der Katze auf den Rest vom Joghurt, die LektĂŒre von Zeitung und News ist gleich. Alles scheint wie immer, doch die Zeit hat sich geĂ€ndert, fast unmerklich. Ich brauche nicht mehr zu fahren, kann (fast) alles von zu Hause aus erledigen. Dabei verschwindet die Zeit, stiehlt sich davon, ich muss nachsehen, welches Datum wir haben und der Wochentag ist allein deshalb wichtig, weil ich nicht am Sonntag vor verschlossenem Laden stehen will.

In dieser Zeit – und schon zuvor – rĂŒckte das Virus nĂ€her, langsam, vom: Was geht es mich an, ob in China ein Sack Reis fĂ€llt oder eine Fledermaus auf dem Teller landet, ĂŒber: ach, da kam jemand aus China zurĂŒck und ist krank, bis hin zu: ups, im Landkreis hat sich auch jemand angesteckt, ebenso der Onkel eines Bekannten. Obwohl etwas noch weit weg scheint, betrifft es mich trotzdem, schließlich werden in China auch Sachen gefertigt und hierher transportiert, die ich – vermeintlich – brauche.

Wir sind weder unverwundbar noch unsterblich. Welch eine KrÀnkung.

Manche Dinge sieht man jetzt wie unter einer Lupe

Wir begreifen langsam, dass es Dinge gibt, die sich kaum beeinflussen lassen, oder doch, wenn wir Abstand halten, keinen sozialen, sondern realen, in Zentimetern und Metern messbar, ein unĂŒberwindlicher Graben fĂŒr das Virus, auf dass es nicht zu uns kommen möge, oder wenn schon, dann nicht jetzt, sondern spĂ€ter. Vielleicht.

Seit ĂŒber einer Woche gilt eine KontaktbeschrĂ€nkung, wir dĂŒrfen noch nach draußen, spazieren, einige tausend Schritte am Abgrund entlang, doch bitte alleine oder höchstens zu zweit.

Ich habe GlĂŒck. Wir haben ausreichend Platz, leben seit dem vergangenen Sommer zu zweit auf genĂŒgend Raum. Ich bin schon immer Team Stubenhocker und Leseratte, solange ich zwischen zwei Buchdeckeln wohnen kann, vermisse ich nichts. Fast nichts. In meiner Fantasie reise ich durch Zeiten, LĂ€nder und Welten und es stört mich nicht, dass die tĂ€glichen Wege ziellos sind.

Es gibt keine Ziele mehr. Und damit keinen Grund, mit dem Auto irgendwohin zu fahren, der Bierkeller ist ebenso geschlossen wie Eisdiele und Freibad. Alles, was nicht notwendig ist, hat zu. Das Gras wĂ€chst ĂŒberall gleich, die Ameisen laufen emsig, der Specht hĂ€mmert ĂŒber mir und in der Ferne tuckert ein Traktor. Zitronenfalter flattern umher, die Vögel zwitschern und uns bleibt nichts weiter ĂŒbrig, als ebenso ziellos geschĂ€ftig zu sein, besorgt um Wohnung und Futter. Selten sah ich auf den Wegen so viele Menschen, die spazieren, gehen, schlendern. Jetzt heißt es: Wir gehen mal raus und alles Quengeln nach Zielen nutzt nix, weil die Ziele gesperrt sind, selbst wenn es der heimische Spielplatz ist.

Am Weiher

Jetzt ist das BÀnkchen das Ziel, das, zufÀllig entdeckt, mitten im Wald am Weiher steht, in der Sonne, ringsum der Duft nach Kiefern.

Die Natur atmet auf, nicht nur in Venedig, doch mir scheint, es wird keinen Bestand haben. Alles erinnert mich an den Tsunami, damals, 2004, als sich das Wasser zurĂŒckzog, den Meeresboden freigab, noch hatten die Menschen Boden unter den FĂŒĂŸen, solange, bis das Wasser mit Wucht zurĂŒckkam. Wird die Wirtschaft wieder losgelassen, entfesselt, wird sie vermutlich weiter toben wie bisher, ĂŒber Befindlichkeiten von Tieren, Pflanzen und Ökosystemen hinweg.

Es ist eine Stresssituation, fĂŒr alle, nicht nur fĂŒr die Erkrankten. Und so zeigt sich in dieser stolpernden Zeit, bei wem der Lack der Zivilisation und der Menschlichkeit nur oberflĂ€chlich haftet, sofort abplatzt, sobald Bewegung ins Spiel kommt. Ohne ausreichenden Haftgrund ist das eigene Hemd nĂ€her als die Not der Schwachen.

Nein, es war noch nie genug fĂŒr alle da: Das im Notfall offenbarte Defizit ist ein Strukturelles, es macht sichtbar, wovon es in der Gesellschaft schon immer zu wenig gab. VerstĂ€rkt hat sich das in den Jahren, in denen nicht Mitmenschlichkeit und Zuwendung, sondern Wirtschaftlichkeit und Zertifizierung stĂ€rker gewichtet wurden. Jeder Ablauf, jeder Prozess kann als solcher optimiert werden, fehlerfrei abgespult werden, völlig unabhĂ€ngig davon, ob das Ergebnis sinnvoll ist. Jetzt gibt es Beifall und Lob fĂŒr diejenigen, die ihre Arbeit fĂŒr wenig Geld erledigen, die plötzlich systemrelevant wichtig sind.

Was wird sein, wenn das alles vorbei ist? Gehen wir dann nahtlos zur – unterbrochenen – Tagesordnung ĂŒber, lassen wir das Primat der Wirtschaft weiter gelten?

Ich hoffe nicht, aber ich weiß auch, dass meine Hoffnung zu klein ist, dass ich alleine zu wenig bin, dass Menschen etwas zu sagen haben, denen meine Meinung selbst dann egal ist, wenn ich laut werde. Hat jemand auf die „Fridays for future“ gehört?

 

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